Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 56: Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten

Part 1

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56. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.)

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.

Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten.

Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin

Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten.

1. Kapitel. Ungelöste Rätsel des Weltenraumes.

Das Tagesgestirn bestrahlte die Wolkenmassen über dem Festland und den Meeren, die allmählich in blauen Dunst zu verschwimmen schienen.

Alles dies aber erschien von einem seltsam geformten Koloß aus gesehen, der plötzlich mit ungeheurer Geschwindigkeit aus der Atmosphäre der Erde hinaus in den Weltenraum flog, bald kleiner und kleiner.

War das ein Meteor, welcher den Luftkreis der Erde passiert und sich nunmehr in schier rasender Geschwindigkeit wieder nach anderen Welten wendete?

Nein, es war ein Werk von Menschenhand, das wunderbare Weltenfahrzeug des maskierten Luftpiraten, welches den Namen »Meteor« führte.

Fast schien es, als wollte Kapitän Mors, der Erbauer des Weltenfahrzeuges, der schon so seltsame Abenteuer erlebt, sein und seiner Leute Leben zum Opfer bringen.

Eben war er erst auf Erden mit Mühe und Not dem drohenden Verhängnis entkommen und nun suchte er schon wieder Weltenräume auf, in denen zu fast jeder Minute das Verderben drohte.

Dennoch ging Kapitän Mors nach einem genau bestimmten Plan vor, er konnte eben nicht müßig bleiben.

Sein ganzes Leben war den Abenteuern geweiht und er meinte, jeder Tag sei verloren, an dem er nicht die Macht, welche ihm die Wissenschaft verlieh, auf der Erde oder in anderen Weltenräumen erproben konnte.

Mors fuhr diesmal nach einer ganz anderen Richtung.

Er hatte mit seinem Weltenfahrzeug das Unendliche durchflogen, sogar die Planeten Venus und Mars besucht und die wunderbarsten und gefährlichsten Abenteuer erlebt.

Er wußte aus Erfahrung, daß jene intelligenten Bewohner der Planeten ihn und sein Werk stets feindlich betrachteten. Daß sie durch größeres Wissen Machtmittel besaßen, welche ihm und seinen Leuten leicht verderblich werden konnten.

Der Kurs des Weltenfahrzeuges ging also in einer Richtung durch den Weltenraum, bei der ein Zusammentreffen mit den genannten Planeten vermieden wurde.

Diesmal lockte Mors ein anderes Rätsel.

Es war Professor van Halen, der ihn auf den Gedanken gebracht hatte, eins der größten Rätsel der Sternenwelt lösen zu wollen.

Dies Rätsel war der Ring des riesenhaften Planeten Saturn.

Professor van Halen, der Mors auch diesmal begleitete, hatte schon bei den früheren Weltenfahrten seine ausgezeichneten Instrumente auf diesen merkwürdigsten aller Himmelskörper gerichtet und ihn mit dem Eifer eines Gelehrten betrachtet, wollte er doch gern wissen, woraus der Ring des Saturn eigentlich bestand.

Nun hatte schon vor Jahren ein äußerst scharfsinniger Astronom die Vermutung aufgestellt, daß sich die Ringe des Saturns aus unzähligen kleinen Körpern zusammensetzten.

Der Professor teilte diese Meinung, aber er wollte sie bestätigt wissen, und als er Kapitän Mors dies mitgeteilt, hatte der Luftpirat den Kurs des Weltenfahrzeugs in jene unbekannten Fernen gerichtet.

In den Räumen des mächtigen Fahrzeuges standen Kapitän Mors und der Professor im Gespräch neben den wissenschaftlichen Apparaten.

»Meine Leute sind während der letzten abenteuerlichen Fahrt auf der Erde nicht müßig gewesen,« sagte Kapitän Mors. »Sie haben alle meine Anweisungen auf das Genaueste befolgt und das Weltenfahrzeug in einer Weise hergerichtet, daß es selbst den höchsten Anforderungen genügt. Der Bug, die Mitte und das Achterteil sind nochmals gepanzert worden, und so habe ich mich vor allen Dingen gegen das Anrennen fremder Weltenfahrzeuge gesichert.«

»Jetzt können die Fahrzeuge vom Mars kommen, ich würde nicht einmal die Blitze mehr fürchten, mit denen sie damals einen Teil meines »Meteor« demolierten, jetzt trotze ich ihnen.«

»Aber diesmal kommen wir nicht in ihrer Nähe vorüber,« meinte der Professor, in dessen Augen das Feuer der Erwartung glühte.

»Nein, das ist allerdings nicht der Fall,« meinte Mors, »aber Sie, bester Professor, wissen ja aus Erfahrung, daß die intelligenten Bewohner jener zwei gefährlichen Planeten weite Weltenreisen unternehmen. Wir haben ja selbst mal eine solche Weltenflotte erblickt, denn so muß ich diese Erscheinung bezeichnen. Sie erinnern sich wohl noch, wie wir einer ganzen Anzahl solcher Fahrzeuge begegneten. Da muß ich stets und ständig auf Angriffe gefaßt sein. Aber ich denke, wir werden diesmal verschont bleiben und die Rätsel lösen, an denen Ihnen so viel gelegen ist. Wenn nichts dazwischen kommt, muß sich uns das Geheimnis des Saturnringes enthüllen.«

»Gewiß!« erwiderte der Professor. »Bei den Vorsichtsmaßnahmen, die wir getroffen haben, erscheint es fast ausgeschlossen, daß uns Unfälle begegnen. Die Sternschnuppenzonen liegen ganz außer unserem Kurs, wir müssen nur die ungeheure Anziehungskraft des größten aller Planeten, des Jupiter berücksichtigen, denn die hat uns schon einmal sehr zu schaffen gemacht. Es scheint, als ob diese ungeheure Masse selbst unserem Riesenmagneten trotzt, und Sie wissen ja, Kapitän, der Jupiter hat schon, wie man zu sagen pflegt, einige Male Weltenkörper abgefangen.«

»Nun, das war nicht allzu schwer,« meinte Mors. »Darüber hat man ja klassische Beispiele. Der Jupiter hat oft Kometen aus ihrem Kurs geworfen, ihren Lauf verändert, ja sie sogar in Atome auseinandergetrieben. Aber das sind ja gasförmige Körper, die keinen Widerstand zu leisten vermögen.«

»Das ist richtig,« erwiderte der Professor. »Aber ich huldige da noch einer Anschauung, welche vielleicht wenige Astronomen teilen. Früher glaubte man, daß die Monde, von denen der Jupiter vier größere besitzt, während der Saturn sogar acht Trabanten mit sich führt, der Festwerdung und Erstarrung dieser Planeten entstammten. Ich aber glaube, daß dies kleine Weltkörper sind, welche die beiden Riesen durch ihre ungeheure Anziehungskraft gewissermaßen abfingen und sie bereits seit ungezählten Millionen Jahren mit sich führen. Kommen wir näher an diese Weltkörper heran, so hoffe ich auch dies Rätsel lösen zu können.«

Damit ging der Professor an seine Arbeit.

Mors aber inspizierte seiner Gewohnheit gemäß die Räume des Weltenfahrzeugs.

Unsere Leser werden sich entsinnen, daß der Luftpirat bei seinen letzten Abenteuern die größte Anzahl seiner Mannschaften einbüßte.

Der Verlust war jetzt einigermaßen ersetzt durch eine Anzahl Inder aus den Hochgebirgen, die Kapitän Mors in seine Dienste genommen.

Er war bis jetzt mit diesen Männern sehr zufrieden, zumal diese ihr geliebtes Vaterland für immer verlassen mußten. Diese Inder hatten sich an einem Aufstand gegen die englische Regierung beteiligt, an einer Rebellion, die vorzeitig verraten, vor den Bajonetten der Engländer kläglich scheitern mußte.

Eine Anzahl der freiheitsliebenden Verschwörer wurde im Kampf getötet, andere gefangen und nach kurzem Prozeß hingerichtet. Diejenigen, welche zu flüchten vermochten, begaben sich in indische Hochgebirge, wurden aber auch dort von den Engländern verfolgt und wie die wilden Tiere umhergehetzt.

Die freiheitsliebenden Männer gaben sich schon verloren, als sie mit Kapitän Mors' Sendboten zusammentrafen.

Dieser hatte seinen getreuen Lindo und zwei andere Inder ausgeschickt, um neue Mannschaft anzuwerben und schwebte mit seinem lenkbaren Luftschiff über den schneebedeckten Hochgebirgen.

Mit tausend Freuden nahmen die Gehetzten und Geächteten das Anerbieten Lindos an und schwuren den fürchterlichen Eid, durch den sie sich für immer an Kapitän Mors banden.

Bald führte sie das lenkbare Luftschiff nach der Insel im Südmeer und die zähesten und widerstandsfähigsten dieser Männer waren es, welche Mors bei seiner neuen großen Reise in den Weltenraum begleiteten.

Auch zwei Normannen befanden sich unter der Mannschaft, die zwanzig Köpfe zählte. Dazu kamen noch Mors und der Professor.

Aber es war noch ein anderes Wesen zugegen, nämlich die Schwester des ehemaligen Todfeindes des Luftpiraten.

Es war Nelly, Ned Gullys Schwester, die jetzt auf den Luftpiraten schwor.

Ihren dämonischen Bruder, den Kapitän Mors vernichtet, hatte sie längst vergessen und war mit Leib und Seele eine Anhängerin des Mannes mit der Maske geworden. Dieses noch so junge Mädchen besaß einen wahren Feuergeist und einen glühenden Hang zu phantastischen Abenteuern; sie besaß außergewöhnliche mechanische und technische Kenntnisse, in denen sie sogar die Töchter des Ingenieurs Long, die beide auf der Insel als glückliche junge Frauen zurückgeblieben waren, übertraf.

Anita war die Gattin des Professors und auch Lucy Long hatte einen Mann gefunden. Es war einer der stolzen Inder aus den Hochgebirgen, in dessen Adern fürstliches Blut rollte.

Da Nelly dem Professor bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten behülflich war, und Terror, der Mors diesmal begleitete, die Maschinen im Lenkraum bediente, gab ihr der Kapitän auf ihr Bitten endlich die Erlaubnis, an der Weltenfahrt teilnehmen zu dürfen, was sie mit größter Freude erfüllte.

Sie hatte es auch übernommen, die Speisen für die Mannschaft zuzubereiten und war bei dieser Arbeit ebenso zufrieden, als wenn sie an den Instrumenten saß.

Mors warf einen Blick in den Raum, der als Küche diente.

Dort stand Nelly am Herd und Mors konnte sich nicht verhehlen, daß sie bildschön war.

In einer gewissen Beziehung war ihm das nicht lieb, denn ein schönes Mädchen ist auf einem Fahrzeug, welches eine Reise in unbekannte Welten unternimmt, immerhin eine gewisse Gefahr.

Hätte Mors noch seine Mannschaft besessen, die er damals bei Ned Gullys Angriff verlor, so hätte er sich nicht die geringsten Sorgen gemacht, denn diese Männer waren ja unbedingt zuverlässig gewesen.

Aber er hatte ja schon mit einem Teil der Normannen früher Unannehmlichkeiten gehabt und alle diese Gedanken kamen ihm durch den Sinn, als er die schmiegsame Gestalt seiner reizenden Begleiterin betrachtete.

Er besann sich einen Augenblick und trat dann in diesen blitzsauberen Raum, wo Elektrizität die Dienste des Feuers verrichtete.

Nelly hörte den Schritt des Luftpiraten und wendete sich schnell um. Ihr schönes Gesicht wurde rot, als sie den stolzen Mann mit der Maske gewahrte.

Es ging ja ein eigentümlicher Zauber von Kapitän Mors aus, ein Zauber, dem alle Frauen- und Mädchenherzen erlagen.

Auch Nelly konnte sich diesem merkwürdigen Zauber nicht entziehen.

Ein bitteres Lächeln schwebte um den Mund des Luftpiraten, als er in den dunklen Augen des Mädchens die Verwirrung las.

Mors dachte an die Zeiten, wo auch er glücklich gewesen war. Er erinnerte sich an jene furchtbaren Tage, wo er alles verlor, was er lieb hatte, wo die Verzweiflung, der Grimm gegen die Menschheit, ihn zum Luftpiraten machte, wo er seine furchtbare Waffe, das lenkbare Luftschiff erbaute.

Aber das ging rasch vorüber.

»Nelly,« sprach der Mann mit der Maske. »Ich habe Euch etwas zu sagen. Ich fahre diesmal mit einer Mannschaft, die ich noch nicht ganz genau kenne, die beiden Normannen sind freilich treu und zuverlässig, aber die Inder habe ich, obwohl sie mir den Treueid geschworen, doch noch nicht so prüfen können, wie meine Veteranen. Nun hört. Sollte jemand Euch in irgend einer Weise unbescheiden nahen, dann kommt Ihr sofort zu mir und teilt mir alles mit. Laßt Euch nicht durch Scheu oder durch Rücksicht anderen Sinnes machen. Sagt es mir ganz offen, wenn Euch jemand irgendwie belästigt oder beleidigt. Das ist nötig, schon um die Autorität aufrecht zu erhalten. Ich erwarte, daß Ihr mir in diesem Falle sofort Meldung erstattet.«

Nelly versprach das und schien über das ihr bezeigte Vertrauen ganz glücklich zu sein. Der stolze Mann aber verließ den Raum und schritt weiter, durch die Gänge und Räume des Weltenfahrzeugs, welches mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit durch die Unendlichkeit dahinflog.

2. Kapitel. Unbekannte Verfolger.

Seit dem Beginn der Weltenfahrt waren Wochen verstrichen.

Die Erde erschien schon längst als ein Stern, der sich nur durch etwas helleren Glanz von den übrigen Himmelskörpern unterschied.

Dagegen hatte man sich dem Ziel, welchem man zustrebte, um ein Bedeutendes genähert.

Schon konnte man mit bloßem Auge die Gestalt des Saturn und selbst mit dem kleinsten Fernrohr das Ringsystem dieses merkwürdigsten aller Weltenkörper betrachten.

Professor von Halen befand sich in fieberhafter Aufregung und gönnte sich kaum die nötigste Ruhe.

Er schrieb seine Beobachtungen nieder und versicherte oftmals mit leuchtenden Augen, daß die Welt über alle diese Entdeckungen staunen würde.

Aber dasjenige, was ihm am meisten am Herzen lag, das Geheimnis des Saturnringes, hatte der Professor noch immer nicht enträtseln können.

Es schien, als wollte der Planet mit seinem Ring der menschlichen Wissenschaft spotten.

Der Professor richtete die stärksten Instrumente auf den Planeten und glaubte mehrmals seine Vermutung bestätigt zu sehen. Aber bestimmt ließ es sich noch nicht sagen, daß der Ring aus lauter kleinen rotierenden Weltenkörperchen bestand. Man mußte noch näher herankommen.

Terror versah seinen Dienst mit Eifer und Hingebung. Er wurde dabei zuweilen von einem der als treu befundenen Normannen abgelöst, aber es war auch nicht selten, daß sich Kapitän Mors halbe Tage lang im Maschinenraum aufhielt.

Die Geschwindigkeit, mit welcher das Weltenfahrzeug durch den unendlichen Raum schoß, war geradezu unheimlich. Es mochte an Schnelligkeit sogar diejenige der Meteore und Sternschnuppen übertreffen.

»Würde uns Luft umgeben, so würde der Panzer unseres Fahrzeuges durch die furchtbare Reibung zu glühen anfangen,« sprach Professor von Halen öfters. »Aber hier fehlt ja die Luft. Hier herrscht nur die tödliche Kälte des Weltenraumes.«

Von dieser furchtbaren Kälte aber verspürten die Insassen des merkwürdigen Fahrzeuges nicht das geringste. Dagegen schützten die doppelten Wände, in denen sich Behälter mit flüssiger Luft befanden. Drinnen im Weltenfahrzeug war es warm und behaglich, die Elektrizität spendete die Wärme, die man brauchte.

Diese Kraft bereitete die Speisen, sie trieb Maschinen und setzte Signale in Bewegung, sie speiste auch den riesenhaften Scheinwerfer, der von Zeit zu Zeit in den Weltenraum hinausleuchtete.

Nelly war ebenso tätig wie alle anderen und schien sich unentbehrlich machen zu wollen. Sie hoffte, daß Kapitän Mors sie auch bei fernern Weltenfahrten mitnehmen würde, denn sie sehnte sich nach Abenteuern.

Der phantastische Sinn von Ned Gullys Schwester liebte das Ungewöhnliche und Ungeheuerliche.

So waren die Wochen vergangen, als plötzlich ein Signal aus dem Lenkraum erschallte.

Mors, der sich gerade bei Professor von Halen befand, sah rasch auf die kleinen bunten Fahnen, die aus bemaltem Blech bestanden.

Diese Fahnen besaßen verschiedene Farben. Sie waren blau, grün, gelb, weiß.

Alle diese Farben hatten ihre besondere Bestimmung, aber Gefahr verkündeten nur zwei solcher Blechfahnen, von denen die eine rot, die andere schwarz war.

Bemerkte man irgend etwas Ungewöhnliches, was Gefahr verkündete, so richtete sich das rote Fähnchen empor. War die Gefahr aber schon ganz nahe und unvermutet aufgetaucht, so zeigte sich die schwarze Flagge.

Mors sah, daß dort, wo der Apparat arbeitete, das rote Fähnchen aufrecht stand und eilte hastig nach dem Lenkraum. Der Professor folgte ihm auf dem Fuße.

Terror befand sich bei seinen Maschinen. Er putzte, reinigte und ölte sie immer eigenhändig, sodaß er die geringste Unregelmäßigkeit sofort bemerkte.

Mors bemerkte sogleich, daß der Schieber von einem der Beobachtungsfenster entfernt war.

»Hast Du was Besonderes bemerkt, Terror?« fragte er seinen getreuen Begleiter.

»Gesehen habe ich was, Kapitän, aber ich kann nicht recht daraus klug werden, es scheint irgend was hinter uns herzukommen und zwar sind es wohl mehrere Dinger. Eins weiß ich aber sicher, es hat von Zeit zu Zeit rötlich aufgeleuchtet und beim Schein war es mir, als ob kugelförmige Gegenstände hinter uns hergeflogen kämen. Deshalb gab ich das Warnungszeichen.«

Van Halen hatte schon bei den ersten Worten Terrors einen Beobachtungsapparat herbeigeholt.

Er stellte ihn so auf, daß er durch die Fenster des Achterteils am Magneten vorüber in den Weltenraum blicken konnte.

Draußen bot sich das gewöhnliche Bild.

Man sah den rabenschwarzen Himmel mit seinen funkelnden Sternen, mitten unter diesen die Sonne, welche den Riesenleib des Weltenfahrzeugs grell beleuchtete.

Das war merkwürdig, aber erklärlich, denn bei solchen Fahrten herrschte immer Tag und Nacht zugleich.

Die Sonne konnte nie verschwinden. Andererseits aber sah man unablässig die Sterne, weil ja die Luft fehlte. Auch erschien die Sonne nicht als Strahlenkugel, wie auf der Erde, sondern als gelbrote Scheibe, die freilich ein ungemein grelles Licht ausstrahlte.

Van Halen war an solche Beleuchtungen schon gewöhnt und so richtete er langsam das Beobachtungsinstrument nach der Richtung, wo Terror die sonderbaren Dinge erblickt haben wollte. Auch Mors schaute hinaus.

»Ich glaube, es zu haben,« sprach er plötzlich und zwar im selben Moment, als der Professor eine Bewegung mit der Hand machte.

»Ich sehe es auch,« rief der Gelehrte. »Ja, ja, Terror hat recht. Die Dinger kommen hinter uns her und leuchten von Zeit zu Zeit rot auf, um dann wieder zu verschwinden. Sie erscheinen aber nur kugelförmig, weil wir sie von vorn sehen. Ich glaube doch, daß sie in Wirklichkeit eine etwas längliche Form besitzen.«

Nun kam die Frage, ob man unbekannte Weltkörper vor sich hatte, die den ewigen Naturgesetzen gehorchend, eine bestimmte Bahn verfolgen.

Das konnte man sehr leicht feststellen, denn man brauchte ja nur den Kurs des Fahrzeuges zu ändern. Waren die unbekannten Dinger, von deren Größe man sich noch keine Vorstellung machen konnte, Weltenkörper, so mußten sie eben die Bahn, die hinter dem »Meteor« herzuführen schien, inne halten und bald aus dem Gesichtskreis verschwinden.

Der Riesenmagnet wendete sich und das merkwürdige Fahrzeug gehorchte wie ein Schiff dem Steuer.

Seine Geschwindigkeit mäßigte sich nicht im geringsten, aber es schoß jetzt in einer anderen Richtung davon, die mit der bisher innegehaltenen einen spitzen Winkel bildete.

Nun vergingen zwei Stunden, ohne daß im Lenkraum ein Wort gesprochen wurde.

Der Luftpirat hatte sich ein Beobachtungsinstrument herbeigeholt und den Schieber geöffnet, der das zweite Ausgucksfenster verdeckte.

Er saß rechts, der Professor links und nun beobachteten die beiden Männer mit Aufmerksamkeit die befremdlichen Erscheinungen.

Die dritte Stunde war beinahe zu Ende.

Da erhob sich Mors von seinem Sitz und sprach mit eisiger Ruhe:

»Professor, es sind keine Weltkörper, die merkwürdigen Erscheinungen haben ihren Kurs geändert und kommen wieder hinter uns her.«

»Eben wollte ich das gleiche sagen,« erwiderte van Halen, indem er sich umblickte. »Es ist kein Zweifel übrig, wir werden verfolgt.«

Mors ging mehrere Male im Lenkraum hin und her.

»Was halten Sie davon, Kapitän?« sprach der Professor, als der Luftpirat endlich stehen blieb.

»Ich weiß es wirklich nicht,« lautete die Antwort. »Das, was ich gesehen habe, läßt sich mit meinen früheren Beobachtungen im Weltenraum absolut nicht in Vereinbarung bringen. Wir haben Weltenfahrzeuge vom Mars und von der Venus gesehen, diese Erscheinungen aber sind gänzlich verschieden. Im übrigen zweifle ich nicht daran, daß wir das Werk irgend einer Intelligenz vor uns haben, die uns verfolgt und es ist möglich, daß es so fürchterliche Gegner sind, daß sie uns vernichten können. Eins aber habe ich entdeckt, die Schnelligkeit, mit der sie sich bewegen, ist nicht viel größer als die unsere und noch habe ich unsere Schnelligkeit nicht aufs Höchste gesteigert. Wir können, wenn wir wollen, noch rascher fahren, ja vielleicht schneller als unsere geheimnisvollen Verfolger und ihnen auf diese Weise entkommen.«

Der Professor nickte zustimmend.

»Da wenden wir einfach unseren Magneten nach dem Saturn zu,« fuhr Mors fort. »Das wird die Geschwindigkeit bedeutend steigern.«

»Allerdings,« erwiderte der Professor. »Aber es ist ein zweischneidiges Schwert. Wir können bei dieser Gelegenheit sehr leicht in den Bannkreis des Planeten Jupiter geraten. Da steht der Riese.«

Van Halen deutete durch das Fenster hinaus auf eine kleine, glänzende Scheibe, neben der man vier helle, leuchtende Punkte gewahrte.

Ja, das war der größte aller Planeten, der Jupiter, der die Erde im Volumen an Größe um das fast Dreizehnhundertfache übertrifft.

Der Riese, der, wie der Professor meint, schon öfter Weltenkörper abgefangen hatte.

Kam der »Meteor« in den Bannkreis dieses Kolosses, so konnte er mit rasender Geschwindigkeit angezogen und für immer festgehalten werden.

Aber vielleicht war es doch noch besser, mit solcher Gefahr zu rechnen, als sich auf ein Zusammentreffen mit den rätselhaften Verfolgern einzulassen.

Es waren sicherlich Fahrzeuge, die von intelligenten Wesen erbaut worden waren. Als der Professor ihre Größe berechnete, fand er, daß sie wohl fünfzigmal größer als das Weltenfahrzeug sein müßten.

Es wäre Tollkühnheit gewesen, sich diesen Giganten entgegen zu stellen. Mors entschloß sich deshalb, die größte Geschwindigkeit anzuwenden.

Wieder wurde der Riesenmagnet gedreht und zum geheimen Bedauern des Professors auf den Saturn gerichtet.

Das Weltenfahrzeug verfolgte jetzt einen Kurs, der mit dem bisherigen einen rechten Winkel bildete.

Der letzte Zweifel schwand schnell als man sah, wie die Verfolger, fünf an der Zahl, ihren Lauf auch änderten und hinter dem Fahrzeug des Luftpiraten herjagten.

Am unheimlichsten erschien das zeitweilige Aufglühen der Verfolger, denn es sah so aus, als ob sie in Glut getaucht wären.

Niemand konnte sagen, was es bedeutete, nur der Professor meinte, daß sich die Verfolger wohl zu einem Angriff bereit machten.

Ueber ihre eigentliche Form, die Gestaltung und alles andere konnte man sich vorerst keine genauere Kenntnis verschaffen.

Merkwürdigerweise erschien es auch so, als ob sie das Sonnenlicht gar nicht reflektierten, sondern sich eher an das geheimnisvolle Dunkel des Weltenraums anpaßten.

Noch immer schienen sie näher zu kommen, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Grausiges, Entsetzliches.

Mors war fest davon überzeugt, daß er mitsamt seinem Weltenfahrzeug und dessen Insassen verloren war, wenn ihn diese unheimlichen Verfolger erreichten.

Doch nun hatte sich der Riesenmagnet gewendet und in kurzer Zeit machte sich eine vermehrte Schnelligkeit des Weltenfahrzeuges bemerkbar.

Nachdem zwei Stunden vergangen waren, rief der Professor: »Sie bleiben zurück, Kapitän, sie werden immer kleiner und kleiner.«

»Das bewirkt unsere unheimliche Schnelligkeit,« entgegnete Mors. »Es war das einzige Mittel, um uns diesen unheimlichen und ganz unbekannten Gegnern zu entziehen. Wenn wir so weiter fahren, werden wir sie allmählich aus den Augen verlieren.«

So schnell ging es aber doch nicht, denn die rätselhaften Erscheinungen waren noch nach vielen Stunden sichtbar.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich auch noch das merkwürdige rötliche Aufleuchten, aber auch dieses nahm allmählich ab und zuletzt erschienen die Verfolger nur noch wie unheimliche, glühende rote Punkte.

Mors gab jetzt den Befehl, die Richtung nochmals zu verändern, denn er meinte, daß die seltsamen Verfolger nun die Jagd aufgeben würden.

Terror drehte die Kurbeln und ließ die Maschinen arbeiten, er versuchte es zwei- und dreimal, aber vergeblich.

»Kapitän,« rief er. »Das Fahrzeug gehorcht ja nicht mehr.«

»Ich fürchtete das,« erwiderte Mors. »Aber, unter den Umständen blieb uns nichts anderes übrig. Wir müssen auf unser gutes Glück vertrauen. Jetzt sind wir in den Bannkreis des Planeten Jupiter geraten.«

3. Kapitel. Die rote Wolke.

Wieder war ein Tag vergangen.