Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42: Im Todeskrater des neuen Planeten
Part 2
Die Leute taumelten umher, drehten sich im Kreise und benahmen sich wie sinnlos Betrunkene.
Aehnliche Symptome zeigten auch die meisten Inder und selbst Star, dem eisernen Mann, war die Luft höchst unangenehm, es überkam ihn ein Schwindel.
Dagegen vertrug Lindo die Luft vortrefflich und da Kapitän Mors zur Reparatur höchstens ein oder zwei Gehilfen gebrauchte, beschloß er, mit Lindo die Arbeit zu vollenden und mit dieser auf der Stelle zu beginnen.
Der Schaden wurde zunächst besichtigt und die Reparaturteile aus dem Innern des Fahrzeuges hervorgeholt.
Es war freilich ein recht unangenehmes Arbeiten, da man in die Kluft hinuntersteigen mußte. Der Krater zog sich seitwärts noch ziemlich tief in das Innere der Erde fort, dort, wo rabenschwarze Finsternis herrschte.
»So,« sprach Kapitän Mors, als er sich mit Lindo zur Arbeit fertig machte. »Wir beginnen. Auf der Galerie des Weltenfahrzeuges aber müssen immer ein paar Wächter stehen, die die Umgebung im Auge behalten, damit wir vor unliebsamen Ueberraschungen gesichert sind.«
»Was meint Ihr denn, was es hier gibt, Kapitän?« fragte Star, der diese Worte vernommen. »Ich habe auch schon überall umhergesehen, aber nirgends etwas Lebendes bemerkt. Der Weltenkörper ist ja so klein, hier gibt es wohl gar kein tierisches Leben.«
»Hast Du nicht die reiche Vegetation auf verschiedenen Stellen des Planeten gewahrt?« fragte Mors. »Eine üppige Vegetation ist es, tropisch, wie in der Vorzeit der Erde. Wo sich solche Vegetation befindet, gibt es auch Tierwelt. Es fragt sich nur, in welchem Stadium sich dieser Planet befindet, aber das kann uns wohl der Professor sagen, der wird schon seine Beobachtungen anstellen.«
»In der Umgebung scheint alles tot und starr zu sein,« meinte Star. »Da gibt es keine Vegetation, da sieht man nur zackige Felsenspitzen, ausgebrannte Krater, Klippen und Felsblöcke.«
Wenige Minuten später verließ Mors mit Lindo und einigen anderen Indern die Galerie des Weltenfahrzeuges.
Man benutzte eine Leiter, um die nächsten Klippen zu erreichen. Hierauf begann man die Umgebung des Absturzes zu erforschen.
Man sah nichts als Klüfte, ausgebrannte Krater, Steinmassen von den wunderlichsten Formen.
In einiger Entfernung donnerte der Vulkan und schleuderte seine glühenden Lavablöcke in die Höhe. Aber diese stürzten nicht in der Nähe der Landungsstelle herunter, von dort brauchte man nichts zu befürchten.
Plötzlich deutete Lindo mit der Rechten in eine der Klüfte.
»Kapitän,« rief er. »Was liegt dort? Seht doch mal, das Weiße! Das Ding sieht ja unheimlich aus. Wahrhaftig, Kapitän, das Ding müssen wir mal genauer untersuchen!«
Der Kapitän schritt mit seinen Indern hinüber.
Da lag neben einem Steinblock das Ding, welches Lindo mit seinen scharfen Augen erspäht. Ein weißgebleichter Schädel von wahrhaft ungeheuren Formen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ein Tierschädel, aber niemand konnte sagen, zu welcher Gattung dies Geschöpf gehört hatte. Neben diesem Ueberrest sah man einige ungeheure Knochen.
Diese waren zerbrochen und Lindo beugte sich jetzt zu diesen Ueberbleibseln nieder.
»Kapitän,« rief er. »Seht diesen zerschmetterten Knochen hier an. Das ist aber kein Bruch, nein, seht die Eindrücke, wie zackig und spitz dieselben sind. Kapitän, dieser Knochen ist zweifellos von den Zähnen eines unbekannten riesigen Ungeheuers zerbissen worden.«
3. Kapitel. Eine abenteuerliche Expedition.
Kapitän Mors konnte nur die Beobachtung seines getreuen Lindo bestätigen.
Die Knochen, die hier lagen, rührten von einem Ungeheuer her, und sie waren anscheinend von einem anderen Ungetüm zerbissen worden.
Man hoffte Auskunft von dem Professor, der jetzt eilend herbeikam, und der ja nicht allein Kenntnisse in der Sternenkunde besaß, sondern auch, wie es viele Astronomen zu tun pflegen, langjährigen geologischen Studien obgelegen hatte.
Er betrachtete mit Erstaunen und Interesse diese Ueberreste.
»Der Schädel liegt noch nicht lange hier, Kapitän,« rief er endlich. »Er ist rein abgenagt und solche Schädel habe ich oft genug in den Museen der Erde gesehen. Es sind die Schädel von ungeheuren Tieren der Vorzeit, aber dieses Tier hier ist mir völlig unbekannt. Doch möchte ich annehmen, daß es zu den Sauriern gehört, zu jenen furchtbaren Rieseneidechsen, die einst auch die Erde bewohnten.«
»Schöne Bescherung,« meinte Star, indem er forschend umherblickte. »Da könnte plötzlich solch Beest auftauchen. Herrgott, hat das Ding einen Rachen! Da wäre unsereiner nur ein Bissen als Frühstück, da müssen wir uns höllisch in acht nehmen.«
Der Professor hörte diese Worte.
»Ich glaube aber nicht, daß wir jetzt etwas zu fürchten haben, es sieht so aus, als hätte sich hier vor kurzer Zeit Wasser befunden, welches durch irgend eine Ursache in die Tiefen der Erde abgeflossen ist. Diese Rieseneidechsen aber hielten sich immer in der Nähe des Wassers auf. Unmöglich ist es freilich nicht, daß sich da unten in den Felsenklüften noch Wasseransammlungen befinden.«
»Gut,« sprach Kapitän Mors. »Da müssen wir eben wachsam sein und immer die Augen offen halten. Es scheint mir aber, als wenn wir in dieser trostlosen Gegend nichts zu fürchten hätten. Etwaige tierische Bewohner des Planeten können sich drüben in den tropischen Wäldern aufhalten.«
Man sah es dem Professor an, daß er förmlich danach lechzte, diese Seltsamkeiten kennen zu lernen. Er war befriedigt, daß es ihm vergönnt war, einen Blick in die Vorzeit zu tun, daß er sich auf einem kleinen Planeten befand, der noch um viele hunderttausend Jahre in der Entwicklungsgeschichte zurück sein mußte.
Kapitän Mors aber sorgte für Vorsichtsmaßregeln.
Er begann mit Lindo sofort die Reparaturarbeiten vorzunehmen, während einige Wächter auf der Galerie die Umgebung im Auge behielten.
Lange arbeiten konnte man freilich nicht, da die eigenartige Luft zu öfterem Ausruhen mahnte. Selbst Kapitän Mors fühlte schon nach wenigen Stunden eine Erschlaffung, die er kaum mit seiner eisernen Energie besiegen konnte.
Unter diesen Umständen konnte der erzwungene Aufenthalt auf dem kleinen Planeten längere Zeit in Anspruch nehmen.
Verdächtiges zeigte sich aber nicht, nichts Lebendes war zu erblicken, die Wächter sahen keine befremdlichen Erscheinungen. Man hörte nur das Donnern des Vulkans, der sich aber immer mehr zu beruhigen schien.
Als am dritten Tage der Professor seine Bitte wiederholte, gab Kapitän Mors nach.
»Ich gehe selbst mit,« sprach er. »Lindo kann während meiner Abwesenheit die Arbeit allein fortsetzen. Selbstverständlich nehmen wir unsere elektrischen Waffen mit, auch wollen wir uns nicht allzu weit entfernen. Unser Marsch geht nach dem Walde hinüber.«
Der Professor strahlte vor Entzücken, der sonst so ernste Mann wußte gar nicht, wie er seine Freude beherrschen sollte. Er brannte vor Ungeduld, einen Blick in diese Wunderwelt zu tun, während Kapitän Mors seine gewohnte Ruhe und Geistesgegenwart zeigte.
Star sollte auch zurückbleiben. Kapitän Mors bestimmte drei Inder, die ihn und den Professor begleiten sollten.
Hierauf versah man sich mit Lebensmitteln, mit Instrumenten, die ein Verirren verhindern sollten, ferner mit den furchtbaren elektrischen Waffen.
Der Planet besaß eine ungemein schnelle Umdrehung, und da er sehr klein war, so dauerte der Tag wenig mehr als eine Stunde, ebenso war es mit der Nacht, jedoch erleuchtete während der Finsternis zuweilen der Mond die seltsame Umgebung.
Damit mußte man also von Anfang an rechnen, und Kapitän Mors beschloß, während der Dunkelheit verdächtige Distrikte zu meiden. Er setzte sich mit seinen vier Begleitern in Marsch und nun ging es über das unebene Terrain nach der Vegetationszone hinüber.
Die eigenartige Luft täuschte und der Wald war ferner, als man geglaubt hatte.
Durch die mitgenommenen Ferngläser konnte man schon unterscheiden, daß sich dieser Wald von allem, was man auf der Erde gesehen, bei weitem unterschied.
Anfangs konnte man die Waldbäume für Palmen halten, aber bei näherer Betrachtung glichen sie eher riesigen Farren, alles hatte einen unheimlichen, schier gespenstigen Anblick.
Man sah keinen Vogel, keinen Schmetterling, freilich waren hier noch immer die kahlen, nackten Felsen. Drüben im Walde konnte es anders sein, da konnte sich ein merkwürdiges Tierleben zeigen.
Aber jetzt veränderte sich die Formation des Bodens, das Felsgestein verschwand allmählich, der Boden war weich und sumpfig.
»Acht geben,« klang Kapitän Mors' Stimme, die ganz eigentümlich in der dicken Luft ertönte. »Acht geben, wir müssen im Gänsemarsch gehen. Einer hinter dem anderen. Sonst versinken wir hier ins Bodenlose. Das ist ein Sumpf der Urzeit. Ein Morast, in dem wir spurlos verschwinden können. Aber hier geht eine Felsenrippe hindurch, die müssen wir benutzen.«
Es war in der Tat die größte Vorsicht geboten, um so mehr, als der ausnehmend kurze Tag ja schon wieder zu Ende ging und die eben so kurze Nacht herannahte.
Kapitän Mors und seine Begleiter aber hatten elektrische Laternen mitgenommen und so konnten sie den steinernen Weg durch den Sumpf verfolgen. Diese Felsenrippe war der einzige Pfad, welcher zu dem Wald hinüberführte.
Es wurde schnell dunkel, aber das elektrische Licht zeigte den Weg. An einer Stelle, wo sich der Felsenpfad verbreiterte, wurde kurze Rast gemacht. Nach anderthalb Stunden wurde es schon wieder Tag, da sich der Planet mit riesiger Geschwindigkeit um sich selbst drehte. Links und rechts war der Morast, aber dort war alles still. Kein Laut unterbrach das unheimliche Schweigen.
Endlich war man am Walde angelangt, aber Kapitän Mors machte vorläufig keine Anstalten, hineinzugehen. Der kurze Tag war schon wieder zu Ende.
»Sollen wir nicht ein Feuer anzünden, Kapitän?« fragte Lindo.
»Es würde schwerlich brennen,« erwiderte Kapitän Mors, »denn Du siehst ja, hier ist alles mit Feuchtigkeit förmlich gesättigt und dann glaube nur nicht, daß sich die Wesen, die hier leben, durch das Feuer abschrecken lassen. Im Gegenteil, sie möchten neugierig hinzukommen.«
Bald wurde es wieder dunkel, aber nun hörten die fünf Männer, die am Rande des Waldes harrten, seltsame Töne, die aus dem scheinbar undurchdringlichen Dickicht herüberschallten.
Furchtbare Töne waren es. Man hörte ein Schnaufen, ein Aechzen, als wenn der Sturmwind wehte. Dann krachte es und brach es zwischen den farrenartigen Bäumen, als ob sich massige Körper hindurchwälzten.
Auch in den Lüften ließen sich sonderbare, schreckliche Laute vernehmen, ein Klatschen und Flattern, ab und zu hörte man ein durchdringendes schrilles Pfeifen, einige Male war es den Männern auch, als ob ein großer schwarzer Schatten durch die Luft und Finsternis segelte.
Als es aber nach anderthalb Stunden hell wurde, war alles ruhig, da war nichts zu hören und nichts zu sehen.
»Also gibt es auch hier ein Nachtleben,« sprach der Professor zu Mors. »Eine nächtliche Tierwelt. Die lebt da drinnen in dem Dickicht und sicherlich war es ein Urvogel oder eine riesengroße Fledermaus, die während der Dunkelheit über unseren Häuptern dahinflatterte.«
Jetzt versuchte man in das unheimliche Dickicht einzudringen, aber das erwies sich als unmöglich. Der Boden war weich, durchlässig, wie ein Schwamm, beim ersten Schritt in das Dickicht mußte man bis an den Leib einsinken.
Als Lindo es dennoch versuchte, krachte und prasselte es neben ihm in dem undurchdringlichen Gebüsch, der Inder prallte zurück, aber er glaubte noch etwas unheimlich Großes gesehen zu haben, welches sich durch das Dickicht fortwälzte, dunkel, schleimig, ein Untier, welches offenbar sein Heil in der Flucht suchte.
»Sicherlich ist das eine der Rieseneidechsen gewesen,« sprach der Professor. »Die hausen hier in dem undurchdringlichen Farrenwalde. Merkwürdig, daß uns der Koloß nicht angegriffen hat. Das ist ein Beweis, daß selbst diese Giganten vor dem Anblick der Menschen erschrecken. Wir mögen dem Riesentier allerdings sonderbar genug vorgekommen sein.«
Einer der übrigen Inder war inzwischen auf einer anderen Stelle in den Wald gedrungen, aber auch nur wenige Schritte vorwärts gekommen.
Er kehrte rasch zurück und erzählte, daß er ein schlangenartiges Ungetüm gesehen hätte, welches von einem der Farrenbäume herabglitt und dann spurlos in dem undurchdringlichen Unterholz verschwand.
»Nun, Professor?« fragte der Kapitän. »Was sagen Sie dazu? Wollen wir wirklich in den Wald eindringen? Wir müßten allerdings schon wie die Affen von Baum zu Baum klettern. Aber wenn Sie Lust haben, ich bin dazu bereit.«
Der Professor bewunderte den kühnen Mann, der so kaltblütig in das furchtbare Dickicht hineinblickte. Er wußte, daß Kapitän Mors nicht scherzte, daß dieser mit ihm ging, wenn er den Wunsch aussprach, den schrecklichen Wald näher untersuchen zu wollen.
»Nein, ich denke, wir lassen es lieber,« erwiderte der Professor. »Das hieße direkt mit dem Tode spielen. Ja, wenn der Tag länger dauerte, aber bei dieser kurzen Zeit würde uns ja wieder die freilich kurze Nacht überraschen. In der Nacht möchten wir den Ungetümen, die den Wald bewohnen, fast wehrlos gegenüberstehen. Auch weiß ich bereits genug. Dieser Planet befindet sich in einem Zustand, wie ihn die Erde auch durchgemacht hat, nämlich zur Zeit der großen Saurier und schließlich wird auch für diese Miniaturwelt die Zeit kommen, wo sich das allgemeine Lebensprinzip erfüllt, wo intelligente Wesen anstelle der Ungeheuer hier treten. Wer weiß, vielleicht ist der Keim zu menschenähnlichen Wesen in dieser kleinen Welt schon verborgen, vielleicht lebt schon ein Wesen in diesem Dickicht, aus dem sich dereinst ein vernunftbegabter Bewohner dieses kleinen Planeten entwickelt. Es gibt hier noch andere Dinge, die man erforschen kann, daher ist es besser, wenn wir umkehren.«
Kapitän Mors gab seine Einwilligung zu erkennen, es hatte ja auch nicht den geringsten Zweck, daß man vordrang. Die Farrenbäume wuchsen in einem Morast, dort liefen die kühnen Eindringlinge Gefahr, spurlos im Sumpf zu verschwinden.
Nun ging es wieder über die Felsenklippe zurück, wo die Dunkelheit die Wanderer überraschte. Da hörte man vom Walde her wieder die schrecklichen Töne, das Aechzen, das Rauschen und Prasseln, den durchdringenden Schrei und das Flattern des Riesenvogels oder der ungeheuren Fledermaus, welche durch die Lüfte flog.
Dann kehrte man, als es hell wurde, wieder in die Steinwildnis zurück, wo der »Meteor« in dem erloschenen Vulkan lag.
Man sah Lindo und Star, die von einigen Indern unterstützt, an dem Riesenmagneten hantierten.
Die Männer winkten eifrigst, als sie Kapitän Mors und dessen Begleiter erblickten. Die Rückkehrenden glaubten schon, daß ihre Gefährten in Besorgnis gewesen seien.
Lindo kam dem Kapitän mit großen Sprüngen entgegen.
Es sah sonderbar aus, wie er mit der Leichtigkeit eines Federballs über ziemlich hohe Felsblöcke hinwegsprang, aber das war ja kein Wunder, auf diesem kleinen Weltkörper konnte der um so vieles leichtere Menschenkörper auch höhere Sprünge unternehmen, ohne sich im mindesten zu verletzen.
»Was gibt's?« fragte Mors. »Ist etwas Besonderes vorgefallen?«
4. Kapitel. Die Geheimnisse des Feuerberges.
»Da unten in dem ausgebrannten Vulkan ist es nicht ganz richtig,« meinte Lindo. »Der ist wohl bloß scheinbar erloschen. Wir haben schon mehrmals sonderbare Töne vernommen, ein Zischen und Fauchen und zwar als es dunkel war. Das ist ja hier eine merkwürdige Geschichte. Tag und Nacht ist so rasch, daß man kaum zur Besinnung kommt. Da unten in dem Krater sind vielleicht die unterirdischen Gewalten tätig. Genug, da könnte es leicht sein, daß uns plötzlich ein Lavastrom überraschte. Das wäre doch eine bedenkliche Sache.«
Kapitän Mors ging sofort nach der Stelle, wo der »Meteor« halb aus dem Krater hervorragte.
Er bog sich hinab und lauschte nach der Oeffnung hin, die seitwärts in das Innere des Planeten hineinführte, denn dort waren wohl ehemals die Lavaströme hervorgekommen.
Es blieb aber alles ruhig, es ließ sich nichts Besonderes vernehmen.
»Es war sicherlich siedende Lava,« sprach Lindo, »es brauste und zischte, wie in einem Höllenkessel. Da links aber, wo sich die große Höhlung befindet, da war es auch nicht richtig. Da hinter den Felsblöcken haben wir auch ein sonderbares Geräusch vernommen, was freilich ganz anders klang. Ich sage Euch, Kapitän, die unterirdischen Gewalten ruhen nicht, die können bei der ersten Gelegenheit hervorbrechen. Da wäre es mit unserem »Meteor« vorbei, da könnten wir unser Leben auf dem unheimlichen Planeten beschließen.«
Diese Erklärung Lindos brachte Kapitän Mors auf den Gedanken, vorerst weitere Wanderungen auf dem merkwürdigen Weltkörper zu unterlassen und seine ganze Energie der Wiederherstellung des Weltenfahrzeuges zuzuwenden.
Der Professor freilich schwärmte noch immer von diesen Wundern einer Welt, die für den Erdenkörper seit hunderttausenden von Jahren verschollen waren. Er glühte vor Forschereifer, er wollte auch die Geheimnisse des großen Feuerberges erforschen.
Da gab es allerdings Geheimnisse genug, denn dieser Ausbruch war ganz anders, als eine Katastrophe auf dem Erdball.
Man konnte diese Vulkanausbrüche mit den regelmäßigen Atemzügen eines schlummernden Riesen vergleichen.
Zeitweise war alles still, diese Ruhe dauerte manchmal eine viertel oder gar eine halbe Stunde. Da lag der ungeheure Vulkan so ruhig, als wäre das unterirdische Feuer vollständig erloschen.
Dann aber hörte man ein dumpfes, langanhaltendes Grollen, dem ein merkwürdiges Aechzen und Schnauben folgte. Es war, als ob das riesige Ungeheuer, welches in der Tiefe zu ruhen schien, Atem holte und so zu einer gewaltigen Kraftanstrengung Luft schöpfte.
Dann tönte das Grollen von neuem, unmittelbar darauf folgte eine Art schreckliches Gebrüll, aus dem hochragenden Gipfel stieg eine fürchterliche Dampfwolke empor, gleichzeitig sah man durch diese ungeheuer große Lavastücke in die Lüfte fliegen.
Sie wurden mit einer solchen Gewalt emporgeschleudert, als ob sie aus der Mündung eines kolossalen Geschützes ausgestoßen würden.
Das war ein großartiger Anblick, noch großartiger aber war es, wenn dieser Ausbruch in der Dunkelheit erfolgte, wenn diese riesigen glühenden Lavablöcke auf den Abhängen des Vulkans niederschmetterten, zerplatzten und einen Feuerregen umherschleuderten.
Es war ein natürliches Feuerwerk, welches aller menschlichen Begriffe spottete.
Die Leute im Weltenfahrzeug wurden nicht müde, diese entfesselten Naturgewalten anzustaunen, aber Kapitän Mors winkte jetzt seinem treuen Lindo, daß er sich beeilen sollte, denn es galt nun, die schwierigste Arbeit zu verrichten. Die metallnen Gelenke mußten wieder auf den Diamanten montiert werden und da war die größte Vorsicht geboten.
Die beiden Männer mußten mit Gummihandschuhen arbeiten, damit nicht etwa ein plötzlich auftretender elektrischer Strom sie zu Boden schleuderte oder gar tödlich verletzte. Solche Entladungen aber waren in der mit Elektrizität gesättigten Atmosphäre des kleinen Planeten keine Seltenheit.
Unablässig bildeten sich Wolken, aus denen der Donner grollte und furchtbare breite Blitze herniederzuckten. Dann brachte auch wohl eine vorüberschwebende schwarze Wolke einen fürchterlichen Regenguß, sodaß der Kapitän und Lindo ins Weltenfahrzeug flüchten mußten.
Da niemand den beiden Männern helfen konnte und nur Mors und Lindo diese Reparatur herzustellen vermochten, entschloß sich der Professor, mit Star und einigen Indern nach dem Vulkan zu gehen, um dort die Ausbrüche zu betrachten.
Kapitän Mors ermahnte sie zur größten Vorsicht und empfahl ihnen, sich nicht in die Nähe der herabstürzenden Lavablöcke zu wagen, sonst war nichts dort zu befürchten. In der Nähe des Vulkans gab es kein Tierleben. Dort hätte selbst eins der Ungeheuer des Waldes dem Wüten der Naturgewalten erliegen müssen.
Der Professor war sehr froh, daß er den Vulkan untersuchen konnte und nahm einige Instrumente mit, die ihm zu verschiedenen Beobachtungen dienen sollten. Gleichzeitig wollte er die Anziehungskraft und verschiedene andere Eigentümlichkeiten dieses Miniaturplaneten messen.
Die ehemaligen Mannschaften des Unterseebootes aber verließen das Weltenfahrzeug nicht, da sie sich absolut nicht an die dicke Luft gewöhnen konnten. Sie blieben also lieber in den Mannschaftsräumen, wo man mit Leichtigkeit eine Luft herstellte, die der der Erde gleichkam.
Mors und Lindo arbeiteten aber unentwegt an dem Riesenmagneten weiter.
Der Professor und Star aber brachen mit den übrigen Indern auf und turnten binnen kurzem mit unglaublicher Gewandtheit über das spitze Felsengestein nach dem Vulkan hinüber.
Hier waren ja die Körper so leicht, hier konnte man scheinbar unüberwindliche Strapazen mit unglaublicher Schnelligkeit überwinden. Es sah ordentlich drollig aus, wie die Männer, die noch dazu die Instrumente trugen, wie die Gemsen von Stein zu Stein hüpften und breite Spalten ohne Anstrengung übersprangen.
Es schadete nicht einmal etwas, wenn man stürzte, wenn man nur nicht zu tief fiel, denn bei der Leichtigkeit des Körpers war der Aufschlag ein so geringer, daß man sich bei solchen Fällen nicht weh tat.
Das einzig Unangenehme war nur der kurze Tag, denn man mußte nach Verlauf von ein bis einundeinhalb Stunden anhalten, da man trotz der elektrischen Laternen in der kurzen, aber dunklen Nacht leicht in eine unbekannte Tiefe stürzen konnte.
Je näher man dem Vulkan kam, desto mehr zeigten sich die unterirdischen Gewalten. Da hörte man ein Brodeln, ein Zischen und Kochen. Es waren die Lavabecken, die da unten brodelten, siedeten und kochten.
Mitunter leuchtete auch der Feuerschein herauf und zwar ganz seltsam, es waren blaue, grüne, gelbe und rote Flammen, im buntesten Gemisch. Diese sonderbaren Flammen verrieten, daß es ganz eigentümliche Elemente sein mußten, die sich hier im glühenden Zustande in der flüssigen Materie befanden.
Weiter drangen die Männer vor, bis sie endlich den kolossalen Vulkan erreichten. Dort hatte eins der emporgeschleuderten Lavastücke den Riesenmagneten des Weltenfahrzeuges getroffen und dies wunderbare Werk des Kapitän Mors zum Absturz gebracht.
Beim Aufstieg mußte man den Vulkan sorgfältig vermeiden.
Das war nicht leicht, denn es schien, als ob eine besondere Anziehungskraft in diesem Vulkan wohnte, als ob diese das Metall aus welchem der Rumpf des Weltenfahrzeuges bestand, beherrschte. Man mußte also die äußerste Vorsicht walten lassen.
Daran hatte auch der Professor gedacht und er freute sich jetzt, daß er dem Kapitän einen Dienst leisten konnte. Er wollte die Anziehungskraft des Feuerberges untersuchen, dann würde man schon Mittel und Wege finden, um das Weltenfahrzeug aus der gefährlichen Nähe des Kraters bringen zu können.
Dann konnte man auch diese Miniaturwelt wieder verlassen.
Die Inder zeigten sich hier recht tollkühn, aber das war kein Wunder, Feuerberge waren ihnen nicht fremd und in ihrer Heimat befanden sich die Riesen der indischen Bergwelt, die weit über die Wolken hinausragten.
Star und der Professor mußten die Ungeduld der Inder sogar zügeln, denn die waren jetzt sehr unternehmungslustig. Sie stießen sogar noch glühende Lavablöcke an den Abhängen des Vulkans hinunter, damit sie der Professor besser untersuchen konnte.
Der Professor hatte alle Hände voll zu tun, er schüttelte wiederholt verwundert mit dem Kopf. Das Gestein, aus welchem der Feuerberg bestand, war ganz eigenartig. Es enthielt ein Metall, welches auf der Erde unbekannt war, aber sicherlich hohen Wert besitzen mußte.
Die Instrumente wurden aufgestellt und an verschiedenen Stellen des Feuerberges angebracht. Professor van Halen war unermüdlich und da machte er die absonderlichsten Beobachtungen.
Hier auf dieser kleinen Welt gab es eine Menge Wasser, aber das war wohl meist in dampfförmigem Zustande, die feuchte Hitze, welche hier herrschte, bewirkte eine unvergleichlich schnelle Verdunstung.
Der Professor glaubte auch die Wahrnehmung zu machen, daß nach den fürchterlichen Regengüssen, die von Zeit zu Zeit eintrafen, die Ausbrüche des Vulkans häufiger wurden.