Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 40: Die Empörung im Weltenfahrzeug
Part 2
»Dienen tut keiner gern,« fuhr Wilkes fort. »Aber heutzutage muß man ja froh sein, wenn man nur Beschäftigung findet. Der Dienst auf dem Unterseeboot ist schwer, aufreibend und gefährlich. Da es nun mal das Schicksal so gefügt hat, daß wir hier auf dieser Insel stranden sollten, so bitte ich Euch im Namen meiner Kameraden, uns gewissermaßen in Eure Dienste aufzunehmen. Wir wollen uns nützlich machen, so gut wir können, wir versprechen fleißig zu arbeiten und das, was wir gelernt haben, zu Eurem Nutzen anzuwenden. Dafür bitten wir nur, daß uns das Leben geschenkt wird. Wenn wir diese Gewißheit haben, sind wir schon glücklich und zufrieden.«
Kapitän Mors war nie grausam und die Unterwürfigkeit dieser Leute machte auf ihn einen gewissen Eindruck.
Aber, es kam auch noch etwas anderes hinzu. Ihm war eben ein Gedanke durchs Hirn gezuckt. Blitzartig, wie alle jene Entschlüsse, die der Luftpirat faßte.
Kapitän Mors plante nämlich eine neue Reise mit dem Weltenfahrzeug.
Da hatte er aber bei seinen letzten Fahrten zu seinem Verdruß bemerkt, daß die Inder, seine treuen Gefährten, unter den ungewohnten Strapazen litten.
Jedenfalls war es ihre Konstitution und die Gewöhnung an das tropische Klima, welche die Folgen der seltsamen Reisen so nachteilig auf sie wirken ließ. Die Inder kränkelten und es zeigten sich bei ihnen seltsame Nervenzuckungen. Es war zweifellos, daß sie sich an die abenteuerlichen Fahrten im Weltenraum erst gewöhnen mußten.
Da Star oder Terror aber abwechselnd auf der Insel zurückbleiben mußten, so hatte Mors nur einen einzigen Mann, der ihm bei der Bedienung der Maschinen zur Hand gehen konnte, das war aber völlig ungenügend.
Zwar hatte er noch die beiden Töchter des Ingenieurs als Gehilfinnen zur Verfügung, aber das waren doch nur Mädchen, und Kapitän Mors dachte viel zu edel, als daß er die beiden, die so treu an ihm hingen, mit schwerer Arbeit überbürdet hätte.
Da kam ihm der Gedanke, das Angebot der Mannschaft des Unterseeboots zu benutzen. Das waren Leute, die er gebrauchen konnte, die verstanden, mit Maschinen umzugehen, die waren zäh und widerstandsfähig, das hatten sie schon bei der Strandung auf den Klippen bewiesen.
Prüfend sah er sie an und musterte sie mit seinen feurigen Augen.
»Wenn ich ein Uebriges tun würde?« sprach er langsam. »Wenn ich Euer Leben schone, Euch mit allem Nötigen versehe, und Ihr für Eure Dienste außerdem eine besondere Belohnung erhaltet?«
»O, dann könnt Ihr mit uns machen, was Ihr wollt,« rief Wilkes hocherfreut. »Dann tun wir für Euch, was Ihr nur verlangt, dann gehen wir, wenn es nötig ist, mit in die Hölle.«
»Es ist gut,« erwiderte Mors mit schnellem Entschluß. »Ich nehme Euch beim Wort. Zwei von Euch werden auf dieser Insel zurückbleiben und mir gewissermaßen als Geiseln für Euer Wohlverhalten dienen. Diese Männer werden bewacht, aber sie sollen nichts entbehren. Acht von Euch will ich zu einer geheimnisvollen Reise mitnehmen und zusehen, ob Ihr mir wirklich so nützlich seid, wie Ihr es versprecht. Seid Ihr das, so könnt Ihr auf meinen Dank rechnen. Eurer Los ist dann gesichert, Ihr könnt später im Ueberfluß leben, Ihr braucht nichts zu entbehren. Ihr könnt nach längerer Prüfung sogar unter meine Gefährten aufgenommen werden. Wenn Ihr das wollt, so sollt Ihr mir den Eid der Treue leisten.«
»Wir wollen es, wir wollen es,« riefen die Leute, wie aus einem Munde, während sie förmlich jubilierten. »Wir haben es ohnehin schlecht genug gehabt, unsere Offiziere waren Tyrannen, da sind wir drangsaliert und im Unterseeboot härter wie Gefangene gehalten worden. Diese Knechtschaft haben wir satt, wir wollen Euch treulich dienen, Euch überall hin begleiten. Wir schwören es, wir gehen mit Euch, selbst in die Hölle.«
3. Kapitel. Auf der Reise in unbekannte Fernen.
Acht Tage nach dem Scheitern des Unterseebootes war alles in Ordnung.
Das Weltenfahrzeug wartete nur auf seine Besatzung, um sich in die Lüfte erheben zu können. Die Gestrandeten aber hatten ihre Kräfte wieder erlangt und erklärten sich immer wieder bereit, Kapitän Mors bis in die entferntesten Gegenden zu begleiten.
Sie hatten ihm Treue geschworen und willig den furchtbaren Eid geleistet, der sie mit den Gefährten des Maskierten vereinigte.
Wohin es ging, wußten sie freilich nicht, das hatte Kapitän Mors ihnen nicht gesagt, er hatte nicht einmal vom Weltenfahrzeug gesprochen.
Wohl aber ließ er die Leute durch Star und Terror aushorchen und die Männer gaben willig über alles Auskunft.
Da kam es denn heraus, daß sie von Kapitän Mors wenig genug wußten.
Ihre Offiziere hatten zu ihnen gesagt, daß man die Geheimnisse einer Felseninsel ausspüren wollte, auf der ein Mann sein Wesen trieb, den man als den größten Feind der Menschheit bezeichnete.
Ferner hatten die Leute einige Geschichten von dem lenkbaren Luftschiff gehört, welches hier und da auf Erden auftauchte und allgemein als der Schrecken des Erdballs bezeichnet wurde.
Aus den Reden der Männer ging hervor, daß sie auf eine Reise mit dem lenkbaren Luftschiff rechneten, ja, daß sie sich auf eine solche wunderbare Reise freuten.
Star und Terror waren Menschenkenner und beobachteten die Schiffbrüchigen unablässig. Sie suchten über deren Charakter ins Klare zu kommen.
»Kapitän,« sprach Terror, als er am siebenten Tage dem Luftpiraten Bericht erstattete. »Die sechs Männer aus der Normandie sind offenbar recht zuverlässig und gut zu gebrauchen. Ich denke, sie werden uns noch die besten Dienste leisten. Die vier Irländer sind noch geschickter als die Franzosen, aber sie erscheinen mir verschmitzter und wortkarger. Denen ist nicht so zu trauen.«
»Sie haben den Treueid geleistet,« erwiderte Kapitän Mors. »Sie sehen, daß sie nicht von mir tyrannisiert werden. Ich glaube, sie werden ebenso gute Dienste leisten wie die Leute aus der Normandie, indessen werden zwei von den Irländern zurückbleiben. Die beiden anderen nehme ich mit, darunter Wilkes und Penn. Der eine ist Steuermann, der andere Ingenieurmaat auf dem Unterseeboot gewesen. Ich will diese Männer zum Bedienen der Maschinen im Weltenfahrzeug verwenden.«
»Na, die werden staunen,« meinte Terror, der diesmal Kapitän Mors auf die Fahrt im Weltenraum begleiten sollte. »Sie glauben nämlich, daß es eine Fahrt im lenkbaren Luftschiff ist, und da werden sie sich nicht wenig verwundern, wenn wir sie in das metallne Fahrzeug führen. Davon haben sie übrigens nicht das geringste erfahren. Sie wissen gar nicht, daß wir ein Weltenfahrzeug besitzen.«
»Desto besser,« erwiderte Kapitän Mors. »Sie sollen ja ohnehin bei Nacht und Nebel das Weltenfahrzeug besteigen und vorerst, außer dem Maschinenraum, wenig von dem Innern des Weltenfahrzeuges zu Gesicht bekommen. Du wirst natürlich das Kommando über diese Männer übernehmen und sie allgemein in die Handgriffe und das Wesen der Maschinen einweihen. Die Leute sind jetzt völlig bei Kräften und wir wollen in übernächster Nacht emporsteigen. Der Professor und die Töchter des Ingenieurs sind bereits benachrichtigt. Der Astronom ist ganz glücklich, daß er wieder die Wunder der Sternenwelt betrachten darf; van Haalen kann die Zeit der Abfahrt kaum erwarten.«
Am übernächsten Abend war alles bereit.
Zwei der Irländer sollten zurückbleiben, was sie nur sehr ungern taten, sie baten und flehten, daß sie an der Reise teilnehmen durften, aber Kapitän Mors blieb hier unerbittlich. Er wollte nur acht Männer von den Geretteten mit sich nehmen.
Die Inder blieben diesmal sämtlich zurück, Kapitän Mors ließ nicht einmal den treuen Lindo an der geheimnisvollen Fahrt teilnehmen.
Das geschah aus Sorge um die Gesundheit der Inder, die ja unablässig kränkelten und oft die seltsamsten Nervenzuckungen zeigten.
Bei den Europäern war dies nicht der Fall und Kapitän Mors hoffte, daß die neuen Mannschaften genau solche Widerstandsfähigkeit zeigen würden, wie Star und Terror und seine übrigen europäischen Begleiter.
Das sollte die bevorstehende Reise zeigen.
Um Mitternacht wurden diese acht Leute abgeholt und von Kapitän Mors und einigen Indern nach dem großen Felsenkrater geführt, in dem die Halle für das große Weltenfahrzeug erbaut war.
Die Leute machten große Augen, als sie den riesigen Metallkörper gewahrten.
»Ist denn das das lenkbare Luftschiff?« hörte Kapitän Mors den einen murmeln. »Wenn es das ist, so sieht es sonderbar genug aus. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Als einen Metallkörper, der mit einem ungemein leichten Gas gefüllt ist, mit Anbauten. Aber das Ding sieht ja aus, als solle man ins Innere hineinsteigen.«
Das Erstaunen der Männer wuchs, als sie durch die luftdicht zu verschließenden Doppeltüren in das Innere des Fahrzeuges steigen mußten. Sie rissen die Augen weit auf, als der Maskierte sie in den sogenannten Maschinenraum geleitete.
Da war der Lenkapparat, da standen die sonderbaren Maschinen, die auf den riesigen Diamanten montiert waren. Maschinen, wie sie die Männer noch nie gesehen hatten und deren Anblick ihnen Rufe des Erstaunens entlockte.
Der Professor, die beiden Mädchen und Terror befanden sich schon an Bord des Weltenfahrzeugs und Kapitän Mors hatte von den Zurückbleibenden kurzen Abschied genommen.
Nun schloß er die Türen und begab sich mit Terror nach dem Lenkraum, wo die acht Leute vom Unterseeboot ganz verdutzt die wunderbaren Maschinen beguckten.
»So, das ist Euer künftiger Wirkungskreis,« sprach Kapitän Mors. »Hier werdet Ihr beschäftigt. Hier, Terror, ist mein Ingenieur, der wird Euch nach und nach in alles einweihen. Ihm sollt Ihr helfen und alle seine Befehle und Weisungen getreulich erfüllen. Auf gute Behandlung, auf reichliche, ja luxuriöse Verpflegung könnt Ihr rechnen. Nun tut Eure Pflicht, wie Ihr es gelobt habt und denkt an Euren Eid, dann werdet Ihr über nichts klagen können.«
Kapitän Mors setzte den Lenkapparat und den Riesenmagneten in Bewegung.
Man vernahm das Surren und Brummen der Maschinen, zu gleicher Zeit stieg das Weltenfahrzeug majestätisch in die Höhe.
»Sagt, Kapitän,« rief Wilkes im maßlosesten Erstaunen, »ist denn dies hier das lenkbare Luftschiff, welches Euch so berühmt gemacht hat?«
»Nein,« erwiderte Kapitän Mors. »Es ist das Weltenfahrzeug. Ich besitze zwei Fahrzeuge, die ich erbaut habe, das lenkbare Luftschiff, welches auf der Insel zurückgeblieben ist. Damit bewegte ich mich im Luftkreis der Erde. Aber dieses Fahrzeug hier ist der »Meteor«, welcher den Weltenraum durchfliegt. An Bord desselben tut Ihr jetzt Eure Dienste.«
Die Männer waren sprachlos vor Staunen, aber sie zeigten sich willig, besonders waren es die Leute aus der Normandie, die sich rasch in das Rätselhafte und Geheimnisvolle zu finden wußten.
Sie zeigten sich sehr geschickt und griffen überall zu, auch die beiden Irländer blieben in ihren Leistungen nicht zurück.
Wilkes und Penn aber wechselten zuweilen bedeutungsvolle Blicke und benutzten jeden Augenblick, wo sie sich unbeobachtet glaubten, um leise mit einander zu flüstern.
Kapitän Mors weihte die Leute in die Handhabung der Maschinen ein; aber er verriet ihnen noch nicht alle Geheimnisse des Weltenfahrzeuges.
Er zeigte ihnen die Maschinen, ferner die Instrumente, welche anzeigten, an welchem Ort sich das wunderbare Fahrzeug befand. Er erklärte ihnen den Höhenmesser und die Maschine, welche die Entfernungen angab, er zeigte den Staunenden, mit welch rasender Geschwindigkeit sie jetzt von dannen sausten.
Kapitän Mors erntete Bewunderung, denn diese Leute verstanden die Wissenschaft eines Ingenieurs zu schätzen. Kapitän Mors erschien ihnen, wie der König der Ingenieure.
Die alleinigen Ausnahmen machten Wilkes und Penn, die fanden, wie alle Irländer, bald ihre Ruhe und Gleichgültigkeit wieder.
Sie betrachteten all dieses Sonderbare hier mit der Miene von Männern, die sich in alles zu finden wissen und machten sich im übrigen ebenso nützlich, wie ihre anderen Gefährten.
Kapitän Mors bemerkte mit innerer Zufriedenheit, daß die Leute unter den veränderten Verhältnissen nicht im mindesten zu leiden schienen.
Bei den Indern hatten sich jedesmal Störungen gezeigt, wenn eine solche Reise angetreten wurde. Da klagten sie über Kopfschmerz, über Schwindel, über fürchterliches Ohrensausen.
Die Leute aber hier, welche im Unterseeboot gearbeitet, zeigten sich lustig und guter Dinge und meinten, daß solche Reise etwas Wunderbares sei und daß sie an dieser Fahrt großes Vergnügen empfänden.
Kapitän Mors wollte diesmal im Weltenfahrzeug den ganzen Erdball umkreisen, aber außerhalb der Luftzone die Fahrt unternehmen.
Da gedachte er nochmals die magnetischen Strömungen zu studieren, ferner wollte er die seltsamen Geschöpfe beobachten, die an den Grenzen des Luftozeans einstmals von ihm entdeckt wurden.
War diese Rundfahrt vollendet, so wollte Kapitän Mors den Riesenmagneten der Erde zuwenden und dann mit furchtbarer Geschwindigkeit zum Trabanten unserer Erde, zu dem noch so viele Rätsel bergenden Monde fliegen.
Die ersten zwei Tage und Nächte gingen ohne Störungen vorüber.
Die neue Mannschaft wechselte mit Wachen und Schlafen ab, so daß immer vier Mann im Maschinenraum beschäftigt waren.
Ebenso wechselte Kapitän Mors mit Terror im Wachen und Schlafen ab, die beiden Männer bedienten die geheimnisvollen Maschinen, während das Weltenfahrzeug mit furchtbarer Geschwindigkeit durch die Räume sauste.
Am dritten Tage wurde Kapitän Mors wieder durch Terror abgelöst und betrat den Maschinenraum, in dem die Hälfte der neuen Mannschaft hantierte.
Wilkes war da, auch Penn und noch zwei von den Franzosen.
Als Kapitän Mors hereintrat, schwenkte Wilkes seine Mütze.
»Ein Hoch für den Luftpiraten!« schrie er, während seine drei Genossen mit dröhnender Stimme in den Ruf mit einstimmten.
Kapitän Mors sah die Leute befremdet an.
Er wunderte sich nicht darüber, daß sie seinen Beinamen kannten, denn der war ja über die ganze Erde verbreitet. Er staunte nur, daß sie ihn mit solchem Beifall empfingen.
Da trat Wilkes auf ihn zu.
»Ja, so ist es, Kapitän, wir haben Euch so genannt, denn wir wissen ja, daß Ihr Euch selber so genannt habt, und da werdet Ihr nicht böse sein. Aber ich hätte Euch einen Vorschlag zu machen.«
»Nun, was willst Du?« fragte Kapitän Mors, der auch jeden der neuen Mannschaft mit Du anredete. »Was hast Du für ein Begehr?«
»Kapitän, in diesem neuen Fahrzeug seid Ihr ja ein Herr der Welt,« rief Wilkes, der große Begeisterung zeigte. »Mit diesem sonderbaren Wunderwerk könnt Ihr Euch ein Königreich erobern. Dann braucht Ihr bloß Eure Zerstörungsmaschinen anzuwenden und morgen ist ein Fürstentum Euer, vielleicht Neu-Seeland oder eine andere große Insel. Mit Euren Erfindungen werdet Ihr es so weit bringen, daß Euch der ganze Erdball Tribut zahlen muß, daß Ihr die Geschichte der Völker bestimmt, daß sie Euren Weisungen gehorchen müssen. Wir wollen dann alle Eure Befehle ausführen.«
»Das heißt also, ich soll gewissermaßen ein Unterdrücker werden?« meinte Mors mit großer Ruhe.
»Ja, das ist der Welt Lauf,« schrie Wilkes, dessen Augen seltsam funkelten. »Es ist ein altes Sprichwort, wer die Macht besitzt, der hat auch das Recht. So ist es auf Erden immer gegangen. Der Starke hat seine Kraft benutzt, und den Vorteil davon gezogen. Wir haben Euch Treue geschworen, Kapitän, und wir helfen Euch ein Fürstentum zu erobern. Allerdings werdet Ihr Widerstand finden, aber den sollen die Zerstörungsmaschinen besiegen. Also, hört auf meinen Vorschlag. Laßt die Himmelsräume sein, auf den Sternen und Planeten ist nichts zu holen. Da ist alles tot und starr, so habe ich es wenigstens in der Schule gelernt.«
»Das ist ein Irrtum,« erwiderte Kapitän Mors kalt. »Irren ist menschlich. Ich habe die Beweise, daß im Weltenraum das regste Leben herrscht, daß sich auf anderen Planeten intelligente Bewohner befinden. Ich habe die wunderbaren Fahrzeuge, mit denen sich diese uns an Kultur überragenden Bewohner bewegen, mit eigenen Augen gesehen.«
Wilkes starrte den Kapitän einen Augenblick überrascht an.
Aber das dauerte nicht lange.
»Ach laßt doch die fernen Welten, Kapitän,« rief er. »Die Erde liegt uns ja näher. Ich habe bereits erkannt, welche Macht Ihr besitzt, bin ich doch selbst Ingenieur und mit diesem Fahrzeug hier könnt Ihr in der Tat alles erobern. Wie wäre es mit Neu-Seeland? Das könnten wir uns im Nu unterwerfen. Ihr könnt dort wie ein König herrschen und wir möchten dann auch eine Rolle spielen. Wir helfen Euch, Kapitän, wir gebrauchen die Zerstörungsmaschinen und werfen jeden Widerstand zu Boden.«
»Das will ich nicht,« erwiderte der Maskierte. »Ich bin nicht der Mann dazu, der blühende Gemeinwesen vernichtet und Kultur zerstört. Ich bin kein Vernichter, ich will Kultur schaffen, aber nicht als Mordbrenner und als gesetzloser Räuber erscheinen.«
»Oho,« rief Wilkes. »Ihr seid doch der Luftpirat. Ihr habt oft genug tollkühne Ueberfälle verübt. Ich habe manches gelesen. Ihr habt doch die Schätze aus großen Bergwerken hinweggeführt, Millionen, ja Milliarden erbeutet.«
»Ja, aber nur zu bestimmten Zwecken,« erwiderte Mors. »Wenn Du aufmerksam mein Leben und meine Taten verfolgtest, so würdest Du gehört haben, daß ich die erbeuteten Reichtümer zur Linderung der Not und des Elends benutzte.«
»Ich hätte alles für mich behalten,« meinte Wilkes. »Ich hätte die riesigsten Summen zusammengebracht und in Ueppigkeit und Schwelgerei gelebt. Man lebt auf Erden nur einmal und soll sich das Dasein so angenehm als möglich machen. O, wie oft habe ich die beneidet, die sich jeden Wunsch erfüllen konnten. Nur der Reichtum macht glücklich.«
»Die Ansichten sind eben verschieden,« erwiderte Kapitän Mors kurz und energisch. »Im übrigen wiederhole ich Dir, daß ich nimmer als Vernichter und Zerstörer auftreten werde.«
Er trat an die Maschinen und prüfte die Instrumente, er machte sich verschiedene Notizen und schritt dann zu dem nebenliegenden Arbeitsraum, um dort die Berechnungen niederzuschreiben.
Die beiden Franzosen waren am Lenkapparat beschäftigt, den sie bedienten. Wilkes und Penn aber zogen sich nach dem Hintergrund zurück, wo sie durch die mächtigen Maschinenapparate völlig verdeckt wurden.
»Na, was sagst Du dazu,« meinte Wilkes zu dem anderen Irländer, dem er alles anvertraute. »Ist dieser Kapitän Mors nicht ein kompletter Narr. Er hat die Mittel in der Hand, um sich die ganze Welt zu erobern und benutzt sie nicht? Nun, wenn er so dumm ist, dann müssen eben andere Klugheit zeigen. Weißt Du, Kamerad, solche Gelegenheit kommt nicht wieder. Jetzt wollen wir uns die Herrschaft über die ganze Erde verscharren.«
»Still, sprich leiser,« mahnte Penn. »Die anderen könnten es hören.«
»Ach was, die müssen mittun,« rief Wilkes, indem er seine riesige Gestalt reckte und streckte. »Das ist eine Kleinigkeit. Du sollst sehen, die sind nebst den anderen Feuer und Flamme. Denen werden wir alles Mögliche versprechen. Ich aber will die Macht des Mannes mit der Maske besitzen. Der Narr, als er mir vorhin mein Anerbieten abschlug, da war ich fest entschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wir sind hier acht Männer und der hat nur den einen, den Terror zur Verfügung. Der Sterngucker und die beiden Mädchen können ihm nicht das geringste nützen. Mein Entschluß steht fest. Wir bemächtigen uns der Herrschaft, wir wollen dieses wunderbare und unwiderstehliche Fahrzeug zu unseren Zukunftsplänen benutzen.«
4. Kapitel. Die Meuterei beginnt.
Kapitän Mors ahnte nichts von dem Unheil, welches sich vorbereitete.
Er hielt die Mannschaft des Unterseebootes für Leute, die ihm später die besten Dienste leisten konnten und dachte nicht daran, daß die zwei Irländer eine Verschwörung vorbereiteten.
Wilkes und Penn waren auch schlau genug, um sich nichts anmerken zu lassen.
Aber sie begannen ungesäumt ihre Wühlarbeit, und da galt es, die sechs Franzosen auf ihre Seite zu ziehen.
Diese letzteren waren mit ihrer Lage ganz zufrieden und meinten, daß sie ein wahres Herrenleben führten.
Wilkes und Penn aber verstanden es, diese Leute anderen Sinnes zu machen.
»Der Maskierte ist halb verrückt,« sprach Wilkes bei jeder Gelegenheit. »Der ist schon dem Wahnwitz nahe. Der führt das sonderbare Fahrzeug irgendwo hin ins Weltall, dorthin, wo keine Wiederkunft möglich ist, wo es durch Naturgewalten vernichtet wird. Dieses prächtige Fahrzeug könnte uns aber auf Erden die besten Dienste leisten. Damit kann man sich ein ganzes Land erobern, da können wir die Herren spielen und das üppigste Leben führen. Mit diesem Fahrzeug können wir die ganze Welt in Schrecken setzen. Was soll uns die verrückte Fahrt in unbekannte Räume des Weltalls. Nichts damit, wir bleiben auf der Erde. Verlaßt Euch darauf, Kameraden, bald befinden wir uns in dem Besitz des wunderbaren Fahrzeuges.«
Die Franzosen erinnerten den Irländer an den Eidschwur, den man geleistet, aber Wilkes lachte nur darüber.
Er entwickelte solche Schlauheit und solche List, daß er die Franzosen, wenn auch nicht überzeugte, doch allgemach auf seine Seite brachte.
Er sagte in berechnender Weise, daß das bevorstehende Unternehmen des Maskierten mit dem Untergang aller enden müsse.
So waren wieder zwei Tage vergangen, die Rundfahrt um die Erde vollendet. Das Weltenfahrzeug hatte bereits die Reise zum Trabanten der Erde begonnen.
Kapitän Mors hatte im Benehmen der Mannschaft nicht das geringste Verdächtige bemerkt, sondern nur gesehen, daß die Irländer und die Franzosen ihre Pflicht taten.
Wilkes und Penn zeigten sich besonders lernbegierig, und da sie großes Geschick und vortreffliche Kenntnis des Ingenieurwesens besaßen, hoffte Terror, sie bald zum Gebrauch der geheimnisvollen Maschinen heranzuziehen.
So erfuhren diese beiden immer neue Geheimnisse der Maschinen und Kapitän Mors ahnte nicht, daß er damit die Verschwörung zur Reife brachte.
»Jetzt wissen wir genug,« flüsterte Wilkes am Abend des dritten Tages seinem Gefährten Penn zu. »Mehr brauche ich nicht zu wissen. Jetzt kann ich dieses wunderbare Fahrzeug selber lenken. Nun kann es losgehen. Wenn der Maskierte schlafen geht, brechen wir los und wenn der Terror uns hindernd in den Weg tritt, wird er niedergeschlagen. Wenn der neue Morgen kommt, müssen wir die Herren des neuen Weltenfahrzeuges sein. Dann geht es zur Erde zurück, dann wollen wir selber mal Luftpirat spielen.«
Es war Mitternacht und Kapitän Mors, der um elf Uhr von Terror abgelöst worden war, lag im festen, ruhigen Schlummer.
Anita und Lucy Long halfen dem Astronomen, da sie sich in jeder Weise nützlich zu machen suchten. Professor van Haalen war für diese Hilfe sehr dankbar und hatte den beiden jungen reizenden Geschöpfen verschiedene notwendige Beobachtungen übertragen.
Plötzlich hörte Kapitän Mors, wie jemand hart an die Tür seiner Schlafkajüte klopfte.
Sofort fuhr er in die Höhe.
»Was gibt es?« rief der Luftpirat mit dröhnender Stimme. »Wer ist da draußen?«
»Ich bin's, Kapitän, ich,« tönte Terrors Stimme. »Soeben bin ich mit Mühe und Not dem drohenden Tode entronnen.«
Kapitän Mors stand im Nu an der Tür.
Herein stürzte Terror, der die eiserne Tür sofort hinter sich zuschmetterte.
»Empörung, Empörung!« stieß er hervor. »Die neue Mannschaft rebelliert und die beiden Irländer sind die Rädelsführer. Im Maschinenraum haben sie mir plötzlich die Forderung gestellt, daß ich mich der Verschwörung anschließen sollte und als ich mich weigerte, sind die beiden Irländer wie toll auf mich eingedrungen. Ich hatte keine Waffe zur Hand. Da mußte ich flüchten. Die Kerle haben aber sofort die Türen hinter mir versperrt und nun sind sie im Besitz des Maschinen- und des Lenkraumes.«
Kapitän Mors war natürlich sehr überrascht, aber er verlor die Besonnenheit keinen Augenblick.
Was da vorgefallen war, entzog sich freilich seiner Kenntnis, aber der Maskierte beschloß die äußerste Energie zu gebrauchen.
»Wo ist der Professor und die beiden Mädchen?« fragte er.
»Die schlafen in den unteren Räumen,« erwiderte Terror.
»Gut,« entgegnete Mors. »Ich komme mit, wir müssen sie sofort wecken.«
(Man vergleiche hier immer den Plan des auf der Rückseite abgebildeten Weltenfahrzeuges).