Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 40: Die Empörung im Weltenfahrzeug
Part 1
40. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.)
Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.
Die Empörung im Weltenfahrzeug.
Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin
Die Empörung im Weltenfahrzeug.
1. Kapitel. Das seltsame Licht.
Dichter Nebel bedeckte Land und Meer.
Die grauen Massen lagerten sich schwer über die schäumenden Wogen, sodaß das Auge nicht in die Weite zu schweifen vermochte.
Auch auf der geheimnisvollen Insel des Kapitän Mors lagen die Nebel und dieser Umstand brachte es dahin, daß die Wachsamkeit, die auf der Insel herrschte, verdoppelt wurde.
Allerdings hatte man keine Schiffe gewahrt und auch kein Zeichen eines feindlichen Angriffes bemerkt. Dagegen hatte Kapitän Mors, der stets und ständig Erkundigungen in der Welt einzog, einiges erfahren, was ihm zu denken gab. Es schien, als ob wieder mal ein Angriff auf die geheimnisvolle Insel geplant wurde. --
Die Nacht war vorüber und der Morgen dämmerte. Durch die Nebelmassen schritt der stolze Mann, der das lenkbare Luftschiff und das Weltenfahrzeug erbaut und hier auf der Insel wie ein König in seinem Reiche herrschte.
Kapitän Mors inspizierte die Wächter, die er hier und dort am Klippenstrand der Felseninsel aufgestellt hatte und ließ sich von ihnen Bericht erstatten.
Soeben nahte er einem hohen Klippenrand, dort stand im Schutz einiger gewaltiger Felsblöcke eine Männergestalt, die sich zum Schutz gegen die feuchtkalten Nebel in eine große Decke eingehüllt hatte.
Es war einer der Inder, einer der treuen Gefährten des Kapitän Mors. Er trat an den Wächter heran.
»Ist etwas vorgefallen?« fragte er mit jenem freundlichen Ernst, den er stets seinen Leuten zeigte.
Kapitän Mors erwartete eine verneinende Antwort, denn der Nebel versperrte ja jede Fernsicht, die Antwort setzte ihn daher in einiges Erstaunen.
»Gesehen habe ich was, Kapitän,« lautete der Bescheid des Wachehaltenden, »und zwar gegen Morgen. Als sich der Morgenwind erhob, blies er tüchtig in die Nebelmassen und trieb sie ein wenig auseinander. Da habe ich einige hundert Meter von der Insel ein sonderbares Licht gesehen, es war ein bläulich-grüner Schimmer, der zuweilen aufzuckte und dann wieder verschwand. Es wiederholte sich noch mehrmals.«
»Also ein Schiff,« meinte Kapitän Mors ruhig. »So scheinen die Gerüchte, die ich vernommen, doch auf Wahrheit zu beruhen. Nun, mögen meine Gegner nur kommen, sie finden einen heißen Empfang, ich würde diesmal keine Schonung kennen. Wenn sie mich reizen, will ich ihnen mal meine Macht zeigen.«
»Nein, Kapitän, ein Schiff war es nicht,« fuhr der Wächter fort. »Der Wind hatte die Nebelmassen völlig verjagt und da hätte ich ein Schiff sehen müssen, ja selbst einen Gegenstand, der nur so groß wie ein Boot gewesen wäre. An der Stelle, wo das Licht aufflimmerte, sah ich nichts als die Gewässer, welche im regelmäßigen Kommen und Gehen gegen unsere Felsenküste brandeten. Das war ja eben das Sonderbare.«
»So, so,« erwiderte Kapitän Mors gedehnt, »und Du hast Dich nicht getäuscht?«
»Nein, Kapitän, denn ich habe das Licht immer wieder beobachtet, bis es endlich verschwand. Im Meere gibt es ja viele Geheimnisse und da wollte ich Euch schon fragen, ob es nicht ein ungeheures Tier gewesen sein kann. Gibt es doch sogar elektrisch leuchtende Fische. Könnte da nicht irgend ein solches Riesentier aus den Tiefen des Meeres emporgestiegen sein?«
»Ich bezweifle es,« erwiderte Kapitän Mors. »Allerdings gibt es große Fische, die eine Art natürlicher Leuchtapparate besitzen, aber dies Licht ist doch zu schwach, um in solcher Entfernung bemerkt zu werden. Auch würden derartige Seeungeheuer, die in ungeheuren Tiefen leben, alsbald den Tod finden. Schade, daß ich das Licht nicht selbst gesehen habe, aber ich werde jetzt meine Maßnahmen darnach treffen.«
Kapitän Mors blieb noch eine ganze Weile bei dem Wächter und beide Männer blickten auf das Meer, aber die Nebelmassen zogen sich immer dichter und dichter zusammen.
Der Mann an der Seite des Kapitän Mors schien öfters zusammenzuzucken, er zitterte krampfhaft und Kapitän Mors schien dies bald zu bemerken.
»Fühlst Du noch immer die krankhaften Zuckungen in Deinem Körper?« fragte er plötzlich. »Ich habe diesen Zustand auch bei Deinen Gefährten beobachtet, welche die Fahrten im Weltenfahrzeug unternahmen.«
»Allerdings, Kapitän,« klang es zurück. »Zeitweise ist es, als ob die Glieder völlig gelähmt seien, es gibt Stunden, in denen man sich kaum bewegen kann.«
»Seltsam,« murmelte Kapitän Mors. »Weder ich, noch Star oder Terror haben etwas von diesen Anfällen bemerkt, auch die Töchter des Ingenieurs und der Astronom sind von solchen Anfechtungen verschont geblieben. Es scheint, daß nur die Inder unter den Fahrten im Weltenfahrzeug leiden. Das kommt wohl daher, daß sie aus einem tropischen Lande stammen, und ihre Körper weniger widerstandsfähig sind, als die der Europäer.«
»Ich glaube es auch, Kapitän, aber wir werden uns daran gewöhnen. Wir werden aushalten, bis wir bei den Fahrten im Weltenraum dieselbe Widerstandskraft besitzen. Der Mensch gewöhnt sich ja an alles.«
»Das ist richtig,« antwortete Kapitän Mors, »aber ich habe keine Lust, die Gesundheit meiner getreuen Anhänger zu vernichten. Dabei bin ich doch auf meine Inder angewiesen. Nun vielleicht wird sich auch hier Rat schaffen lassen.«
Das verdächtige Licht zeigte sich nicht mehr und die Nebel blieben. Die Sonne vermochte nicht, diese grauen Massen zu durchbrechen, es schien, als hätte eine böse Fee die Insel und das ganze weite Meer verzaubert.
Kapitän Mors sprach nicht über die Beobachtung des Inders, aber er ließ alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßregeln treffen.
An den meisten Stellen war ja die Insel völlig unzugänglich und bot den Anblick einer kolossalen Felsenmasse.
An den wenigen Stellen aber, wo eine Landung möglich schien, wurden sonderbar aussehende Apparate aufgestellt, die von zuverlässigen Leuten bedient wurden.
Das waren Zerstörungsapparate, welche dem Erfindungsgenie des Kapitän Mors ihre Entstehung verdankten.
Diese Apparate konnten auf ziemliche Entfernung hin zerstörend wirken, sie konnten gepanzerte Schiffe vernichten. Kapitän Mors hatte keine Lust, ein Betreten seines Reiches zu dulden.
Er gab den Männern, welche die Zerstörungsapparate bedienten, Vollmacht, daß sie nach ihrem eigenen Gutdünken handeln sollten, gebot aber, wenn irgend möglich, das Hauptquartier, wie er sein Heim auf der Insel nannte, beim Erkennen verdächtiger Gegenstände benachrichtigen zu wollen.
Der Vormittag verging ruhig.
Alle Männer auf der geheimnisvollen Insel beobachteten das Meer, soweit es eben der durch die Nebelmassen gehemmte Blick erlaubte.
Auch die Männer des Kapitäns meinten, daß irgend ein Anschlag geplant sei, der möglicherweise mit besonderer Heimtücke in Szene gesetzt werden würde.
Am Nachmittag begann sich der Wind, der sich völlig gelegt, wieder zu erheben, er wurde stärker und stärker und entwickelte sich allgemach zu einem Sturme.
In kurzer Zeit schlugen die Wellen mit fürchterlicher Gewalt gegen das Klippenufer, es war ein großartiges Schauspiel, wie der Sturm die Nebelmassen durcheinander schleuderte.
Die Bewohner der Insel kannten solche Naturereignisse. Die dichten Nebel waren gewöhnlich die Vorboten schwerer Stürme, die sich zuletzt zu wahrhaft rasenden Orkanen steigerten.
Das schien auch diesmal der Fall zu sein, denn der Wind nahm derartig zu, daß sich die majestätischen Stämme der Kokospalmen wie dünne Grashalme bogen, daß die Kronen der Palmen beinahe den Erdboden berührten.
Aber für die Bewohner der Insel war nichts zu besorgen.
Alle Gebäude waren fest errichtet und an Stellen erbaut, wo sie gegen den wütenden Sturm Schutz fanden. Die Häuser an der Haupteinfahrt bestanden aus Stein und konnten selbst dem wütendsten Orkan Trotz bieten.
Fürchterlich war das Tosen des rasenden Gesellen, das Geheul und Gebrüll der Brandung, die Wellen schlugen an die Felsenküste, als wollten sie die Klippen zertrümmern.
»Wenn Feinde von uns draußen sind, geht es ihnen schlecht,« sprach Ingenieur Star zu Kapitän Mors. »Mögen sie nun nahen, wie sie wollen, der Orkan verdirbt ihnen den Spaß. Selbst wenn sie unter dem Schutze des Nebels die teuflischsten Anschläge geplant hätten.«
Mors gab keine Antwort, aber er teilte offenbar die Ansicht seines Gefährten.
Es durfte sich niemand aus den Häusern wagen, der Orkan schleuderte alles zu Boden. Nur der Luftpirat verließ einige Male sein Hauptquartier, dieser eiserne Mann trotzte selbst der Gewalt der Elemente.
Der Abend kam und der Orkan wütete mit unverminderter Gewalt fort, die Nebelmassen aber waren jetzt völlig verschwunden.
Der Sturm hatte sie hinweggefegt und nun bot die See ein Bild, wie man es selten zu schauen vermochte.
Haushohe Wogen jagten daher, und schlugen mit fürchterlicher Gewalt gegen die Klippen, die ihnen den Weg versperrten.
Ein salziger Sprühregen flog weit landeinwärts und die Uferfelsen waren mit weißem Schaum bedeckt, so daß es aussah, als ob Schnee gefallen wäre.
Da brauchte niemand Wache zu halten. Aber die Leute, welche an der Hafeneinfahrt wohnten, sahen bis spät in die Nacht auf die See hinaus und betrachteten mit nie ermüdendem Staunen das prächtige Spiel der entfesselten Naturgewalten.
Um Mitternacht vernahm Kapitän Mors den Zuruf der beiden Ingenieure, die jetzt in dem steinernen Hause wohnten.
»Kapitän, Kapitän,« rief Terror, indem er an die Tür klopfte. »Wir haben eben draußen auf der See ein grünlich-blaues Licht gesehen. Es ist gerade, als ob da ein Fahrzeug von den empörten Wogen hin- und hergeschleudert wird. Aber merkwürdiger Weise ist kein Schiff zu erblicken.«
In wenigen Augenblicken stand Kapitän Mors am Fenster.
Da sah er auch den seltsamen Lichtschimmer, der ab und zu aufblitzte. Er zog an der Klippeninsel vorüber und es schien, als wolle er jene Stelle erreichen, wo die Felsen direkt senkrecht aus dem Meere emporstiegen.
»Es wird etwas von den Wogen dahingetrieben,« sprach Kapitän Mors, »der Wächter, den ich heute morgen sprach, dachte an einen riesigen Fisch, aber das halte ich für ausgeschlossen, ich muß das unbekannte Ding für Menschenwerk halten.«
Mors hatte das Fenster aufgerissen.
Zu sehen war nichts mehr, man vernahm nur das Brüllen der Wogen, das gräßliche Sausen und Heulen des Sturmes, das Knarren und Aechzen der Palmen, die sich unablässig unter den anstürmenden Orkanstößen neigten.
So ging die Nacht vorüber und gegen Morgen brach sich die Gewalt der Elemente, der Orkan tobte nicht mehr, aber die Wellen brandeten noch mit aller Macht gegen die Steilklippen.
Auf der geheimnisvollen Insel pflegte man nach solchen furchtbaren Stürmen immer die Küste abzusuchen, da es nicht selten vorkam, daß alsdann Trümmer angeschwemmt wurden.
Oft genug fand man Eingeborenen-Canots von den benachbarten Inseln oder vielmehr die Trümmer dieser sonst ziemlich seetüchtigen Fahrzeuge.
Es war jetzt hell genug geworden, aber ein feiner Regen rieselte hernieder.
Kapitän Mors, die Ingenieure und einige Inder hüllten sich in ihre wasserdichten Regenmäntel und machten sich daran, den Klippenstrand der geheimnisvollen Insel zu umschreiten.
Unwillkürlich verfolgte Kapitän Mors den Weg nach dem nordöstlichen Strand und wendete sich der Stelle zu, wohin das blaugrüne Licht getrieben wurde.
Einer der Inder, ein junger, sehr leichtfüßiger Mann, war eine Strecke voraus und erstieg gerade mit großer Behendigkeit die Klippen.
Da richtete sich der Mann plötzlich empor.
»Kapitän, Kapitän,« schrie er, mit den Armen gestikulierend. »Kommt rasch, rasch, hier ist etwas Seltsames zwischen die Klippen geklemmt und da sind auch Menschen!«
Es war kein Wunder, daß dieser Zuruf Kapitän Mors und dessen Begleiter zur größten Eile veranlaßte.
Sie rannten um die Wette, klommen an den Klippen empor und schauten in eine Art Bai hinunter.
Diese war ganz von Klippen angefüllt und dort lag in der Tat etwas Merkwürdiges.
Es erschien fast wie ein riesiger Fisch von ungeheuren Dimensionen, wie ein gestrandetes Ungeheuer, an dessen Seiten die Wogen brandeten.
Gischt und Wogenschaum gingen über das sonderbare Ding hinweg, so daß es nur selten den Blicken sichtbar wurde.
»Das ist kein Meeresungeheuer,« rief Kapitän Mors plötzlich. »Das ist Menschenwerk, ein Fahrzeug, welches sicherlich aus Metall hergestellt ist. Nein, ich täusche mich nicht, das ist ein Unterseeboot.«
»Von dem ist das geheimnisvolle Licht ausgegangen,« ergänzte Terror. »Kapitän, die dort hatten nichts Gutes im Sinne. Es war auf uns abgesehen, das Unterseeboot wollte jedenfalls die Bewohner unserer Insel angreifen. Jetzt ist das Ding gescheitert und die Wellen werden es allmählich in Stücke zerschlagen.«
»Das mag sein,« erwiderte Kapitän Mors. »Aber jetzt müssen wir sehen, daß wir die Menschen dort auf die Insel schaffen. Das gebietet die Menschlichkeit, selbst, wenn diese Leute feindliche Absichten hegen. Was dann mit diesen Leuten geschehen wird, werde ich noch bestimmen. Sie befinden sich jetzt in größter Not und sind dem Untergang nahe.«
Es war in der Tat ein großes Unterseeboot, welches der furchtbare Sturm zwischen die Klippen getrieben hatte.
Da lag es festgeklemmt und ragte gleich einem kolossalen Ungeheuer aus den Wogen empor.
Seine Lage aber brachte es mit sich, daß eine Anzahl Menschen, die sich zweifellos im Innern befunden hatten, eine hoch aus dem Wasser emporragende Klippe erreichen konnten.
Da hockten sie in verzweifelter Lage, bis auf die Haut durchnäßt, Gischt und Wogenschaum ging über sie hinweg, und die Brandung drohte diese Leute mit sich fortzureißen und ihre Körper an den zackigen Klippen zu zerschmettern.
2. Kapitel. Die Mannschaften vom Unterseeboot.
Kapitän Mors legte beide Hände an den Mund, so daß sie gleichsam ein Sprachrohr bildeten.
»Haltet aus!« schrie er mit mächtiger Stimme, die den Donner der Wogen übertönte. »Klammert Euch fest, es kommt Hilfe!«
Auf der geheimnisvollen Insel befanden sich nicht nur Zerstörungs-, sondern auch Rettungsapparate.
Kapitän Mors schickte den schnellfüßigen Inder nach dem Hauptquartier mit dem Befehl, daß einer der Rettungsapparate herbeigeschafft werden sollte.
Dieser war ganz nach der Art erbaut, wie man solche an den europäischen Meeresküsten verwendete. Es war ein Raketenapparat mit Stricken und Körben, die mittels Rollen auf dem Seil bewegt werden konnten.
Es dauerte noch eine halbe Stunde, aber dann war der mit dem Rettungsapparat beladene Wagen zur Stelle.
Zuerst wurde eine Art Mörser auf die Klippen gestellt, und mit einer Rakete geladen.
An diese Rakete war ein dünnes Tau befestigt und Kapitän Mors feuerte den Mörser so geschickt ab, daß die lange Leine bis zu der von den Schiffbrüchigen besetzten Klippe hinüberflog.
Die gestrandeten Mannschaften begriffen sofort, was da vorging und mochten ähnliche Rettungsapparate kennen.
Sie ergriffen die Leine und zogen sie an, auf diese Weise zogen sie ein dickes, an die Leine gebundenes Tau zur Klippe hinüber.
Das Ende dieses sehr festen und widerstandsfähigen Taues wurde an den Felsen befestigt, und so war eine Verbindung zwischen der Klippe und dem festen Lande hergestellt. Man brauchte nur noch den auf Rollen laufenden Korb hinüberzusenden, um die Schiffbrüchigen einen nach dem andern auf die geheimnisvolle Insel zu holen.
Da das Tau in etwas abschüssiger Richtung nach der Klippe hinabführte, rollte der Rettungskorb leicht hinunter.
Zwei der halberstarrten Männer stiegen ein und wurden mittelst einer Leine, die am Korb befestigt war, von den Indern auf den Felsenstrand der Insel herübergezogen.
Dort reichte man ihnen sofort wollene Decken, während der Rettungskorb schon wieder nach der Klippe hinunterrollte.
Auf diese einfache Art und Weise wurden im Verlauf von kaum einer halben Stunde die sämtlichen zehn Männer, welche sich auf der Klippe befanden, auf die Insel gebracht.
Kapitän Mors betrachtete die Geretteten, die vor Kälte und Nässe fast erstarrt waren und sich in einem ganz jämmerlichen Zustande befanden.
Je zwei Inder faßten einen der Geretteten unter den Arm, da sie dieselben nur auf diese Weise aufrecht zu erhalten vermochten.
Nun ging es landeinwärts, nach einem der in den Klüften erbauten Gebäude, in denen die Schiffbrüchigen einstweilen Unterkunft finden sollten.
Dort wurden sie ihrer triefend nassen Kleidung entledigt und ihnen einige warme, behagliche Lagerstätten hergerichtet.
Die Leute ließen alles mit sich geschehen, ganz wie kleine, hilflose Kinder, sie waren zu Tode erschöpft und nicht imstande, einen Laut hervorzubringen.
Todmüde mußten sie sein, da sie alsbald in eine Art Totenschlummer verfielen und regungslos zwischen den wollenen Decken lagen.
Kapitän Mors bestellte sofort eine Anzahl seiner Inder als Wächter.
Er gab ihnen den Befehl, die Geretteten zu bewachen und wenn sie das Bewußtsein erlangten, belebendes Getränk und Speisen zu reichen.
Zugleich aber sollten ihn die Inder von dem Erwachen der Geretteten benachrichtigen.
Darauf begab sich der Luftpirat in das Hauptquartier zurück, nachdem er vorher die Stelle des Schiffsbruchs besichtigt hatte.
Das große Unterseeboot war schon halb zertrümmert und Kapitän Mors war überzeugt, daß es in wenigen Stunden der Wut der Wellen zum Opfer gefallen sein würde.
Der Rest des Tages verging, und es kam die Nacht, Kapitän Mors erhielt zeitweise Nachrichten, aber es wurde ihm gemeldet, daß die Schiffbrüchigen noch immer in totenähnlichem Schlafe lägen.
Erst am nächsten Morgen wurde gemeldet, daß sie erwacht seien und daß man ihnen Speise und Trank gereicht hätte.
Kapitän Mors begab sich sofort in das Gebäude, welches den Gestrandeten zum Aufenthalt diente.
Die zehn Männer waren bei voller Besinnung, saßen auf ihren Lagerstätten und blickten mit einiger Neugier, vor allen Dingen aber auch mit einer gewissen Scheu auf den Mann mit der Maske.
Sie mochten vielleicht an ihr zukünftiges Schicksal denken und über dasselbe in Sorge sein. Kapitän Mors aber las in den Augen dieser Männer.
»Es war auf mich abgesehen, kein Zweifel,« murmelte er. »Das galt mir! Diese Männer haben jetzt Sorge, daß ich sie zur Verantwortung ziehen möchte. Sie fürchten für ihr Leben.«
Der Maskierte trat näher und heftete seine Feueraugen auf die geretteten Mannschaften.
Er war überzeugt, daß sich kein Offizier darunter befand, sondern daß er nur die gewöhnliche Besatzung des gescheiterten Fahrzeuges gerettet hatte.
»Nun?« fragte Kapitän Mors mit eiserner Strenge, während seine durchdringenden Augen auf den Leuten hafteten. »Wie kommt Ihr denn hierher? Was hattet Ihr am Strande meiner Insel zu tun?«
Kapitän Mors hatte die Leute französisch angesprochen und sah sofort, daß er verstanden wurde.
»Ja, was können wir dafür,« erwiderte einer der Männer, der jetzt das Wort ergriff und den die andern wohl stillschweigend als den Sprecher betrachteten. »Wir sind Matrosen und Mechaniker, wir mußten gehorchen. Wir haben gar keine Ahnung gehabt, um was es sich handelte, als wir von Saigon hierher beordert wurden. Unsere Offiziere, die haben es freilich besser gewußt, sie hatten geheime Befehle empfangen. Aber die Offiziere sind tot. Als das Unterseeboot gegen die Felsen stieß, wurden sie, da sie sich im vorderen Räume nahe der Torpedokammer befanden, buchstäblich zerquetscht. Wir befanden uns im Achterteil des Fahrzeuges und konnten uns, da der Metallrumpf auseinanderklaffte, im letzten Moment auf die Klippe zu retten.«
»Wie hieß das Fahrzeug?« fragte Kapitän Mors.
»Der »Fliegefisch«,« schallte es zurück. »Das Unterseeboot gehörte zur Flotte, die die Häfen Tonkins besetzt hält, dort war die Order gekommen und da wurde der »Fliegefisch« in die Südsee dirigiert. Wir sind hier schon eine Woche herumgefahren, ehe uns das Unglück ereilte.«
»Das war also das seltsame Licht,« murmelte Kapitän Mors. »Dies rührte vom Unterseeboot her, das zur Spionage abgesandt worden war. Also hatten es auch mal die Franzosen auf mich abgesehen. Nun, es ist ja ein vergebliches Bemühen. Die Offiziere des Unterseeboots sind tot und die gerettete Mannschaft kann nicht dafür, daß die Vorgesetzten das Fahrzeug an diese Küste schickten. Was soll ich mit den Leuten anfangen? Gesehen haben sie nichts. Ich hätte fast Lust, sie mit einem Eingeborenenboote über kurz oder lang nach Australien zu senden. Aber, das ist auch eine zweifelhafte Sache. Weiter hinten wohnen noch kannibalische Stämme, da könnten die Leute in die Hände der Menschenfresser fallen.«
Star trat heran.
»Freilassen dürft Ihr sie nicht, Kapitän,« flüsterte er. »Wenn sie auch nicht viel gesehen haben, können sie doch über manches, was hier auf der Insel vorgeht, Auskunft geben. Ihr wißt ja, was Ihr gesagt habt, wenn ein Fremdling die Insel betritt, so bleibt er zeitlebens ein Gefangener.«
»Nun, das werden wir sehen,« meinte Kapitän Mors. »Vorläufig kann ich noch keine Entscheidung treffen. Die Männer werden aufs schärfste bewacht, sonst aber mit allem versehen, was sie nur bedürfen. Das Haus hier werden sie unter keinen Umständen verlassen, wenigstens nicht ohne meine Erlaubnis.«
Damit wendete sich Kapitän Mors zur Tür.
»Hört, hört, Herr,« rief ihm der Wortführer der Geretteten nach. »Was geschieht mit uns? Hat man unseren Tod beschlossen?«
»Ich lasse nicht nutzlos morden,« gab Mors zurück und verließ unmittelbar darauf das Zimmer.
Das war freilich ein schlechter Trost und die Schiffbrüchigen schienen über ihr Schicksal in Unruhe zu geraten. Sie flüsterten zusammen und warfen besorgte Blicke auf die bewaffneten Inder, die wie Statuen ihr Wächteramt verrichteten.
Am nächsten Morgen wurde Kapitän Mors gemeldet, daß ihn die Geretteten wieder zu sprechen wünschten.
»Sie haben sich alle gut erholt,« meinte Star, der diese Botschaft brachte. »Es sind alles kräftige, stattliche Kerle. Sechs von ihnen stammen aus der Normandie, die anderen vier sind Irländer. Sie verstehen übrigens sämtlich etwas von der Mechanik und vom Ingenieurwesen, das habe ich durch allerhand Fragen herausbekommen. Wenn sie Gefangene bleiben, können sie uns möglicherweise gute Dienste leisten.«
»Das wird sich finden,« erwiderte Kapitän Mors. »Mein Entschluß ist noch nicht gefaßt. Ich werde jetzt mit den Leuten sprechen.«
Eine halbe Stunde später stand Kapitän Mors vor den Geretteten, die mit scheuen Mienen auf den Mann schauten.
Sie trauten offenbar dem Frieden nicht und meinten, das Abenteuer möchte übel enden, sie fürchteten, daß Kapitän Mors den Befehl zu ihrer Hinrichtung geben möchte.
»Nun, was begehrt Ihr?« fragte der Maskierte. »Was habt Ihr für ein Anliegen?«
Der Sprecher der Schiffbrüchigen war ein Irländer, der sich Wilkes nannte.
Er schien auf dem Unterseeboot als Steuermann gedient zu haben und war offenbar ein sehr geschickter Mensch, der Kapitän Mors gute Dienste leisten konnte.
»Ich wollte eine Bitte an Euch richten, Herr,« begann Wilkes in recht demütigem Tone. »Wir wissen, daß wir uns auf einer Insel befinden, auf die man schwer hinauf, aber wohl noch schwerer hinunterkommt. Wir sind alles Leute hier, die was gelernt haben und viel von der Technik und dem Ingenieurwesen verstehen. Ihr wißt sicherlich, daß nur solche Leute zum Dienst auf den Unterseebooten zugelassen werden.«
Kapitän Mors neigte den Kopf, als Zeichen der Zustimmung.