Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte

Part 3

Chapter 33,650 wordsPublic domain

»Das ist ihm auch schlimm bekommen,« erwiderte Wassil, »ein Glück ist es nur, daß wir uns ihm nie zu erkennen gaben, daß wir immer in entstellender Kleidung mit ihm verkehrten. Sonst säßen wir vielleicht jetzt in Sibirien oder hätten unter Henkers Hand geendet. Geschickt war er, solchen Menschen gibt es wohl kaum wieder. Aber als wir bemerkten, daß er von unseren Plänen nichts wissen wollte, als er forderte, daß wir jene Tat unterlassen sollten, die er Verbrechen nannte, da haben wir es dem Narren heimgezahlt. Er glaubte schon auf dem Gipfel seines Glücks zu stehen, da am Kaukasus, in Georgien hatte er sich angesiedelt, da wollte er seine verrückten Ideen von Menschenrechten verbreiten. Er war ja ein Mensch, der solchen verschrobenen Ideen nachgrübelte. Aber wir haben ihn unschädlich gemacht, wir haben ihm gezeigt, was es heißt, wenn man uns beleidigt oder wenn man uns gar zu drohen wagt. Haus und Hof haben wir ihm in Flammen aufgehen lassen und alles totgeschlagen, was sich dort befand, ein Unglück war es nur, daß er gerade nicht in seiner Besitzung weilte, sonst hätte er ja auch dran glauben müssen. Aber auch so haben wir uns gerächt, wir haben es durch Schlauheit, durch List und gefälschte Papiere dahingebracht, daß er als einer der verworfensten Verbrecher galt, daß man seinen Steckbrief überall hinschickte, daß man ihn wie ein wildes Tier hetzte, wer weiß, wo er im Elend und Jammer zu Grunde gegangen ist. Aber es war schade um ihn, er konnte unglaubliche Dinge vollbringen, ich staunte, als er mir einmal seine Pläne und Entwürfe zeigte, seine Experimente, es war nur eine kurze Zeit, aber ich habe da wunderbare Dinge gesehen. Was nur aus jenen Papieren geworden sein mag. Ich glaube, er hat sie immer bei sich getragen.«

»Laß den Narren,« rief Orloff, »den hat schon längst der Teufel geholt. Jetzt denke an unsere Pläne, an unser großartiges Werk, welches uns die Herrschaft über das Schwarze Meer sichert. Wein her, wir wollen trinken! Die neblige, naßkalte Luft am Hafen hat uns durch und durch erkältet. Und um Mitternacht wollen wir auf das flache Dach hinaufsteigen.«

Der Wein wurde gebracht, und die Verschwörer, denn nur um solche konnte es sich handeln, begannen zu zechen.

Erst als die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete, erhoben sie sich mit roten Köpfen, zogen ihre Mäntel an und verließen das Zimmer.

Von hier aus führte eine Treppe nach dem flachen Dache, wie es bei vielen Landhäusern am Strande des Schwarzen Meeres der Fall ist. Das Dach selbst war ziemlich groß und mit einem Geländer umgeben, oben befand sich eine Art Dachgarten mit Bänken. Von hier aus hatte man einen prächtigen Blick auf das Schwarze Meer, über welchem jetzt die Schatten der Nacht lagen.

Die Blicke der Männer richteten sich in das Dunkel.

Sie sahen die Leuchtfeuer des Hafens, die Lichter von Odessa, auch die kleinen Lichter auf den Schiffen, die im Hafen ankerten.

Auf der See selbst aber war alles schwarz und dunkel.

»Ich sage es ja,« rief Gregor plötzlich. »Es scheint noch nicht gelungen zu sein. Vielleicht ist der Matuschewsko zu hitzig vorgegangen und hat alles verdorben. Dabei haben wir ihm doch unablässig Vorsicht gepredigt, ihm ans Herz gelegt, nichts zu überstürzen. Hölle und Verdammnis, wenn Matuschewsko sich vorzeitig verraten hätte, oder gar in Gefangenschaft weilte!«

»Er verrät uns nicht,« sprach Orloff, »ganz gewiß nicht, eher läßt er sich in Stücke schneiden.«

»Nun, darauf möchte ich nicht schwören,« bemerkte Wassil, »Du kennst die Knute, Matuschewsko fürchtet das blanke Eisen nicht, wohl aber die Peitsche und wenn sie ihm damit zu sehr zusetzen, wenn sie ihn zuschanden schlagen, da möchte er doch alles verraten. Zum Teufel, wir müssen aufpassen. Dann sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!«

Orloff hatte bei den letzten Worten gar nicht mehr hingehört.

»Horcht,« sprach er plötzlich. »Habt Ihr nichts vernommen?«

Die anderen verneinten.

»Mir war es doch so,« entgegnete Orloff, »ich habe etwas gehört, als ob sich ein Mensch auf dem Dache befände. Es war wie ein dumpfes Keuchen und es war in unmittelbarer Nähe.«

»Ach Unsinn,« brummte Gregor, »das war der Nachtwind.«

»Nein, nein, das war ein ganz verdächtiger Laut,« begann Orloff wieder. »Es ist nur so verdammt dunkel, aber wir müssen mal nachsehen. Bedenkt, wenn uns jemand hier belauscht hätte.«

»Bilde Dir doch nichts ein,« mischte sich jetzt Gregor in das Gespräch. »Wer soll denn hier heraufklettern. Das bekäme ja nur ein Vogel fertig. Der einzige Weg zum platten Dach führt in unsere Zimmer und die halten wir doch verschlossen.«

Orloff aber gab sich doch nicht zufrieden, und er war gerade im Begriff, auf dem flachen Dache herumzusuchen, als ihn ein leiser Aufschrei Wassils ablenkte.

»Sieh, sieh dort,« rief der Verschwörer. »Blicke nach der See, da sind die Signale, sie sind es! Matuschewsko hat seine Sache gut gemacht. Jetzt läßt er die Scheinwerfer spielen.«

Und so war es auch, denn jetzt sah man draußen auf der See in der Dunkelheit grelle Lichtblitze, weiße, zuckende Lichtkegel, die über den Himmel dahinglitten.

Und diese Lichtkegel konnten nur von Schiffen ausgehen, die aus der Ferne herandampften.

Im Nu hatten die Verschwörer alles andere vergessen, sie dachten nicht mehr an jenes verdächtige Geräusch, an die merkwürdigen Worte Orloffs, sie tanzten vor Freude auf dem flachen Dache herum und gebärdeten sich wie die Unsinnigen.

Und immer wieder sah man draußen in der Finsternis die Scheinwerferblitze, welche sicherlich von nahenden Schiffen herrührten.

»Hinab, hinab,« rief plötzlich Orloff. »Rasch zum Hafen, wir müssen ihnen entgegengehen und Signale geben. Morgen früh beherrschen wir Odessa.«

Im Nu rannten die drei Männer die Treppe hinunter, die Falltür fiel krachend zu.

Oben auf dem Dache blieb alles still, aber dort bewegte sich jemand, einer, der auf der Lauer gestanden, denn hinter den Orangenbäumen des Dachgartens stand eine dunkle Gestalt, die man nicht deutlich zu erkennen vermochte.

Wieder schallte das dumpfe Keuchen, welches Orloff vernommen zu haben glaubte, jetzt vernahm man aber auch eine halblaute Stimme.

»Sie waren es, sie sind es gewesen,« klang es in seltsamen Lauten. »An den Stimmen habe ich sie wiedererkannt, die Elenden, welche mich einst zum Unglücklichsten aller Menschen machten. Aber es sind noch mehr, das sind nicht alle, die ich hier getroffen habe. Es sind noch mehr von diesen Schurken und ich ruhe und raste nicht, bis ich diese Erbärmlichen zur Verantwortung gezogen habe. Sie sinnen auf schmählichen Verrat, auf Empörung, auf Mord und Raub, aber ich werde ihre heimtückischen Pläne zerstören, die Welt von diesen Elenden befreien. Und jene muß ich haben, welche die Ursache meines Unglücks wurden. Richten will ich sie, und ein furchtbarer Richter werde ich sein. Grauenvoll, unerbittlich. Denn hier gibt es keine Gnade!«

Dann stand der seltsame Mann, der auf rätselhafte Weise auf das Dach gelangt sein mochte und wartete.

Er wartete bis unten das Tor des Landhauses geöffnet wurde, bis er hörte, wie eine ganze Anzahl Männer auf die Straße eilten. Er vernahm das Trappeln der Schritte, die sich in größter Eile nach der Richtung des Hafens bewegten.

Dann geschah Seltsames.

Sehen konnte man nichts, aber oben auf dem Dache des Landhauses zuckten dreimal rote Blitze, wie von einem Signal, und nach kurzer Zeit hörte man ein Sausen in der Luft, da schien sich etwas herabzusenken. Man hörte ein gedämpftes Knattern, als ob eine Maschine arbeitete.

Trotz des Dunkels der Nacht sah man einen großen, unförmlichen Gegenstand über dem Landhaus schweben. Es klang, als ob etwas herabfiel, ein dunkler Schatten huschte schnell empor und verschwand in dem unförmlichen Gegenstand. Dann hörte man wieder das dumpfe Knattern, das Sausen und der gewaltige schwarze Schatten fuhr wie eine nächtliche Spukerscheinung empor in die Lüfte.

5. Kapitel. Der Schreckenstag von Odessa.

Es war Morgen geworden, aber trübe und schwer hingen die Wolken herab, unablässig rieselte ein durchkältender, eisiger Regen hernieder.

Und dennoch war ganz Odessa auf den Beinen, trotz des Wetters, in welches man, wie man zu sagen pflegt, keinen Hund hinausjagte, tausende von Menschen drängten sich mit angstvollen Gesichtern in den Straßen, tausende blickten mit ängstlicher Neugierde nach dem Hafen.

Alle Bande der Ordnung schienen gelöst zu sein, nur ein Teil des Militärs konnte noch als zuverlässig gelten. Matrosen zogen singend, berauscht und brüllend durch die Straßen.

Auf den Schiffen im Hafen zeigte sich kein Mensch, die Besatzungen der Handelsfahrzeuge waren alle entsetzt ans Ufer geflohen.

Und das war kein Wunder, denn vor dem Hafen in drohender Nähe lagen schwarze Ungeheuer, größere und kleinere Schiffe, über denen die rote Fahne der Empörung wehte.

Man sah da gepanzerte Schiffe, auch zwei Torpedoboote, ferner ein Fahrzeug, welches offenbar zum Transport von Kriegsvorräten diente, und alle schienen sich in den Händen von Meuterern zu befinden.

Die Aufregung in der Stadt war grenzenlos, viele Familien flüchteten, ihre wertvollste Habe mitnehmend, zu Fuß aus der Stadt. Wagen waren um keinen Preis der Welt aufzutreiben. Der Bahndienst versagte, weil die Schaffner und das sonstige Dienstpersonal betrunken in den Schenken hockten. Allenthalben sah man bestürzte Gesichter.

»Meuterer haben sich einiger Schiffe der Schwarzen Meerflotte bemächtigt,« hieß es. »Sie haben die Offiziere ermordet, sie haben das Banner der Empörung aufgezogen, die Stadt soll eine ungeheure Summe zahlen, andernfalls wollen die meuterischen Schiffe Odessa bombardieren.«

Und das schien in der Tat so, denn die Mannschaften auf den Schiffen nahmen die drohendste Haltung an, sie hatten einen Boten geschickt, der von der Stadt Millionen als Lösegeld forderte. Andernfalls drohten sie, würden sie die Hafenstadt in Schutt und Asche legen.

Die ersten Boten schickte man zurück, aber nun wurden die Meuterer dreist, sie schickten jetzt eine ganze Abordnung schwerbewaffneter Seesoldaten ans Land, um gebieterischen Tones die freche Forderung zu wiederholen.

Es drohte eine Katastrophe, es schien, als wolle sich ein Teil des Militärs den Meuterern anschließen, ein Teil der Truppen verweigerte den Gehorsam und blieb in den Kasernen, die übrigen hatten genug zu tun, um ihre widerspenstigen Kameraden in Schach zu halten. Jeden Augenblick mußte das Gefürchtete eintreten.

Man wagte es gar nicht, den Meuterern, die jetzt bewaffnet am Lande erschienen, Widerstand entgegenzusetzen.

Daß sie von jemand gelenkt wurden, war ohne allen Zweifel. Und das mußten Verschwörer sein, die nicht zu der gewöhnlichen Schiffsbesatzung gehörten. Auf dem Transportschiff befanden sich diese Leute, die Häupter derselben waren Orloff, Gregor und Wassil, welche jetzt die Masken von sich warfen.

Von dem Transportschiffe aus, welches gleichfalls bewaffnet war, dirigierten sie die Meuterei und sie taten das aus schlauer Berechnung.

Wenn die Batterie am Strande Feuer eröffnete, so würden sie sicherlich auf das von den Meuterern besetzte Panzerschiff schießen, weniger auf das Transportfahrzeug, welches man für ungefährlicher halten mußte. Es war dies ein Beweis, daß die Meuterer bedacht waren, ihr kostbares Leben zu erhalten.

Die Verwirrung erreichte den höchsten Grad, da erschien plötzlich ein Mann in der Menge, dessen Auftreten einen gewaltigen Eindruck machte.

Er trug einen Mantel, aber wenn derselbe sich ein wenig lüftete, so glaubte man eine blaue Uniform darunter zu bemerken. Der Mann hatte seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, sein linkes Auge war von einer schwarzen Binde bedeckt, die sein Gesicht völlig entstellte. Das rechte Auge aber blickte desto feuriger. Als dieser Mann, dessen hohes, gebietendes Wesen großen Eindruck machte, die zitternden Häupter der Stadt erblickte, drängte er sich plötzlich vor.

Seine donnernde Stimme hallte wie das Dröhnen eines Ungewitters.

»Wollt Ihr Euch von feigen Meuchelmördern einschüchtern lassen!« rief der Fremde, den niemand kannte, mit dröhnender Stimme, »wollt Ihr denen, die sich durch nichtswürdigen Verrat und Meuchelmord in den Besitz der Macht setzten, Unsummen auszahlen und dadurch erst das Verderben heraufbeschwören? Vorwärts, werft diese Meuterer aus der Stadt heraus und antwortet mit den Batterien!«

Menschen sind oft seltsame Geschöpfe, dasjenige, was die Offiziere weder durch Drohungen, noch Bitten oder Befehle erlangen konnten, das geschah hier.

Eine Abteilung Kosaken waren die ersten, welche sich blitzschnell auf die frechen Matrosen stürzten und wildes Jubelgeschrei erschallte, als diese großmäuligen Helden plötzlich ohne zu schießen, die Flucht ergriffen. Der Mann hatte es vollbracht, der Mann, welcher durch seine gewaltige Stimme und durch sein imponierendes Auftreten den Bann des Schreckens gebrochen. Dieser Mann war eine Strecke weit mit den Kosaken vorwärts gestürmt, jetzt überließ er ihnen die Verfolgung der flüchtenden Empörer.

Niemand ahnte, daß dieser Mann, der durch sein großartiges Auftreten das Fürchterlichste abgewendet, derselbe war, den man einst allenthalben suchte, den man für einen Schreckensmenschen hielt, welcher nur den Tod durch Henkershand verdiente.

Kapitän Mors, der Befehlshaber und Erbauer jenes seltsamen lenkbaren Luftschiffes, er war es, der durch sein Erscheinen die Stadt vom Schlimmsten gerettet.

Jetzt schaute er düster nach dem Hafen hin, wo das Geschrei und Rufen der Menge ertönte. Zuweilen knallten Schüsse, man hörte den durchdringenden, gellenden Kampfruf der Kosaken, durch welchen sie sich gegenseitig anfeuerten.

»Der Stein ist ins Rollen gebracht,« sprach er.

»Ich habe es getan und dadurch das Schlimmste von der Stadt abgewendet. Ich weiß jetzt, wo ich die Elenden zu suchen habe, die einst mein Glück vernichteten. Aber nicht im Hafen ist der Ort, wo ich mit ihnen abrechne! Ich muß sie hinaustreiben auf das blaue Wasser, auf das Schwarze Meer und dann kommt die langersehnte Stunde.«

Gleich darauf verschwand der Mann in der Menge, die nach dem Hafen flutete. Kapitän Mors konnte mit Stolz auf seine Tätigkeit blicken. Er hatte den Verzagenden Mut eingeflößt und der feste Entschluß, den jetzt die Verwaltung der Stadt zeigte, schien die Empörer vom Schlimmsten abzuhalten.

Noch lagen die meuterischen Schiffe drohend vor dem Hafen, Schüsse fielen von dort, ja sogar einige der kleinen Schnellfeuergeschütze wurden abgefeuert.

Von der Deputation, welche so frech die Millionen forderte, kam nur ein Teil wieder zurück. Die anderen hatten teils mit den spitzen Lanzen der Kosaken Bekanntschaft gemacht oder waren von den flinken Reitern gefangen genommen worden.

Der Rest der Ausgeschickten warf sich in die Boote und ruderte in wilder Hast nach den Schiffen hinüber.

Jetzt kam die Entscheidung, da die Zurückkehrenden verlangten, daß man nunmehr die Stadt bombardieren solle.

Kapitän Mors aber hatte richtig gerechnet, als er durch seine Energie das Schlimmste vermied. Denn unter den Meuterern herrschte bereits Unschlüssigkeit, da begann man zu streiten und zu zanken.

Freilich hatte man sich einiger Schiffe der Schwarzen Meer-Flotte bemächtigt, aber man konnte damit rechnen, daß die Schiffe des Geschwaders herbeikamen, daß die der Regierung treugebliebenen Mannschaften einen Angriff auf die Empörer unternahmen.

So war man unruhig geworden, man schaute unablässig auf das Meer hinaus, man fürchtete jeden Augenblick, die Schiffe des Kriegsgeschwaders könnten am Horizont auftauchen.

Orloff, Wassil und Gregor, sowie deren Begleiter, die sich jetzt aus ehemaligen Dienern in Gefährten der drei Rädelsführer verwandelt hatten, waren außer sich.

Gregor und Orloff, die das größte Wort führten, ließen das Transportschiff, auf dem sie sich befanden, dicht an den meuterischen Panzer heranfahren.

»So macht doch ernst,« schrieen sie. »Vor allen Dingen, wo ist Matuschewsko?«

In wenigen Augenblicken erschien der Gerufene, ein wild blickender, fast mongolisch aussehender Mann in der Uniform eines Bootsmanns.

Seine Kleider und sein Hemd waren mit Blut bespritzt, und dieses Scheusal war ja einer der ersten, der die nichtsahnenden Offizieren ermordete. Er hatte auch den Schiffsarzt in greulicher Weise getötet.

Der Mann sah eher aus wie eine Bestie als wie ein Mensch, seine tief geschlitzten Augen glühten wie die eines Tigers.

»Zum Teufel, Matuschewsko, so macht doch ernst,« schrie Orloff hinüber. »Wir brauchen das Geld, nur mit großen Summen können wir etwas unternehmen. Mit Millionen können wir unsere Pläne nur durchführen. Munition ist doch genug an Bord, eröffne das Feuer auf die Stadt! Wenn die ersten hundert Häuser in Trümmer geschossen sind, wird man schon klein beigeben!«

Deutlich sah man, wie der Wüterich drüben mit den Zähnen knirschte, wie er die gelben Zähne raubtierartig fletschte.

»Die Leute sind unschlüssig,« rief er hinüber. »Sie weigern sich, auf die Stadt zu feuern. Der schnelle Angriff der Soldaten hat sie verwirrt gemacht. Vor allen Dingen fürchten sie die Strandbatterien!«

Orloff heulte und tobte, aber das nützte nichts, jetzt war es besser, wenn man Kaltblütigkeit zeigte.

»Hier können wir nichts machen,« schrie Matuschewsko wieder herüber. »Die Leute fürchten die Batterien, sie wollen nach anderen unbefestigten Hafenstädten fahren und dort Gelder erpressen.«

»Aber keine Stadt ist so reich wie Odessa,« schrie Orloff. »Ich weiß es, hier liegen Millionen und Abermillionen, hier könnten wir ungeheure Summen erpressen.«

»Ich will nochmal sehen, was sich tun läßt,« sprach Matuschewsko nach einer Weile, »ich werde noch mal mit den Leuten reden. Drüben in der Stadt muß was Merkwürdiges passiert sein, erst hat Kopflosigkeit geherrscht, und dann muß sich ein energischer Mann gefunden haben, durch den die ganze Situation geändert wurde. Hole der Teufel den Kerl!«

Der Wüterich rannte zu den meuterischen Mannschaften und es sah in der Tat so aus, als ob sie mit der Beschießung beginnen wollten.

Da blitzte es plötzlich auf den Strandbatterien auf, ein zweiter, ein dritter Schuß folgte und jetzt hörte man die Granaten sausen.

Orloff ballte die Fäuste, als er sah, wie die Schiffe mit der meuterischen Mannschaft plötzlich drehten. Das Panzerschiff war das erste, welches in das Schwarze Meer hinausfuhr, die beiden Torpedoboote folgten, nun schloß sich in größter Eile der bewaffnete Transportdampfer an, auf dem sich die eigentlichen Häupter der Verschworenen befanden.

»Der beste Augenblick ist verpaßt,« rief Wassil wütend. »Aber nun werden wir andere Hafenstädte heimsuchen. Und die müssen bezahlen oder sie werden beschossen und geplündert.«

Vorerst aber fuhren die Schiffe in die hohe See hinaus, indem sie eine südwestliche Richtung einschlugen.

Sie wollten dadurch etwaigen Verfolgern entgehen, denn es war zweifellos, daß die Kriegsschiffe des Geschwaders nach den Meuterern suchten.

Der Mut der Männer stieg aber als sie nirgends ein solches Schiff sahen.

Matuschewsko kam jetzt auf das Transportschiff herüber.

»Ich glaube kaum, daß wir eine Verfolgung zu befürchten haben,« sprach der Unhold, als ihn seine Gefährten mit Fragen überhäuften. »Wohl haben sich die Besatzungen der anderen Schiffe der Meuterei nicht angeschlossen, aber sie werden auch nicht feindlich gegen uns vorgehen. Sie sympathisieren mit uns, sie haben sogar Hurra geschrieen, als wir mit der roten Flagge von dannen fuhren. Sie werden ihren Offizieren auf keinen Fall gehorchen.«

»Desto besser,« schmunzelte Orloff, dessen gute Laune allmählich zurückkehrte. »Desto besser, dann werden wir zunächst unbefestigte Hafenstädte aufsuchen und dort rauben und plündern, daß es eine Lust ist.«

»Da sind die Leute dabei,« erwiderte Matuschewsko. »Wenn sie nur erst warm geworden sind, dann geht es schon, vor allen Dingen müssen sie tüchtig Branntwein trinken. Wir fahren jetzt auf die hohe See hinaus, sodaß niemand weiß, wo wir uns befinden. Dann fallen wir plötzlich aus dem Hinterhalt über eine Stadt her, wo man unser Nahen am wenigsten vermutet.«

Um Mittag waren die Schiffe schon wieder außer Sicht von Odessa, sie sahen von der Küste nichts weiter als einen fernen grauen Streifen.

Der Himmel war noch immer dick und schwer mit Wolken behangen. Der Regen aber hatte aufgehört, nur die Wolken hingen noch wie schwarze Leichentücher am Himmel.

Plötzlich schallten laute Rufe und Schreie, Gregor, Orloff und Wassil, die sich immer zusammenfanden, blickten verdutzt empor, da sahen sie, wie die Mannschaften auf den Schiffen alle nach den Wolken zeigten.

Dort aus dem tiefhängenden Gewölk kam etwas hervor, etwas Großes, Schwarzes, unheimlich Aussehendes, die abergläubischen Matrosen schlugen Kreuze, als sie die seltsame Gestalt sahen, die offenbar aus den Wolken herabschwebte.

6. Kapitel. Die Abrechnung.

Anfangs waren die Meuterer vollständig starr, denn die meisten von ihnen waren so ungebildet, daß sie die merkwürdige Erscheinung da oben für ein Wunder hielten.

Dagegen gab es unter den Verschwörern gebildete Männer, die sogar die Universität besucht hatten. Zu ihnen zählten Orloff, Gregor und Wassil.

»Zum Teufel,« rief der erstere, »das ist ja ein Luftschiff von einer ganz merkwürdigen Form. Das ist am Ende eines jener Fahrzeuge, von denen man so oft in der Zeitung liest, und die jetzt dem Steuer gehorchen sollen, wie ein Schiff auf dem Wasser. Aber dieses Fahrzeug ist ja außerordentlich groß. Wahrhaftig, es scheint in die See zu fallen.«

Die Verwunderungsrufe schallten von allen Seiten, die Meuterer riefen sich zu, daß dies merkwürdige Ding ein Luftschiff sei, jetzt kam es in schräger Richtung zur Wasserfläche herabgefahren.

Es sah direkt aus, als wollte sich das seltsame Luftfahrzeug in die Wellen stürzen, als sei es verunglückt, als müsse es jeden Augenblick im Schwarzen Meer versinken.

Aber das war nicht der Fall, das Fahrzeug, welches Anfangs in schräger Richtung herabsauste, war nicht verunglückt, nur fünfzig Meter über den Wogen richtete es sich plötzlich auf und schwebte waagerecht, dem Druck der Flügel und dem Steuer gehorchend.

Nun kam es herangeschossen, blitzschnell, mit unheimlicher Geschwindigkeit; in riesigem Bogen umkreiste es die Schiffe der Meuterer.

Den Mannschaften auf den beiden Torpedobooten begann die Sache unheimlich zu werden. Sie machten vollen Dampf auf und entfernten sich von ihren Begleitern.

Ja, das war dasselbe Luftschiff, welches damals die französischen Ballonfahrer gesehen hatten. Das war das rätselhafte Fahrzeug des Kapitän Mors, es umkreiste die beiden großen Schiffe in großem Bogen, deutlich hörte man schon die Maschinen knattern.

Und dann kam es immer näher heran, aber es bewegte sich auf das Transportschiff zu, auf dessen Deck neben anderen Verschwörern Orloff, Gregor und Wassil standen. Matuschewsko war wieder auf das Panzerschiff zurückgekehrt, welches er, der Mörder, kommandierte.

»Achtung, Achtung!« schrie plötzlich Orloff. »Das seltsame Ding kommt auf uns zu! Teufel, wir müssen es abwehren, dies sonderbare Ding hat nichts Gutes im Sinne.«

Deutlich sah man den hohen Flaggenstock des lenkbaren Luftschiffes, aber noch wehte keine Flagge daran, da mit einem Male wurde eine solche aufgezogen.

Seltsam sah sie aus, das war nicht die Flagge einer Nation, nein, das war eine Flagge, wie man sie noch nie gesehen.

Ein äußeres blutrotes Viereck umgab ein inneres schwarzes Viereck und auf diesem schwarzen Viereck las man mit großen, schneeweißen Buchstaben das Wort Mors, unter welchem ein Totenkopf grinste.

Orloff rannte zu den Mannschaften, welche neben den Schnellfeuerkanonen des Transportschiffes standen.

»Schießt auf das Ding,« rief er befehlend und von einer bösen Ahnung gepeinigt. »Die da haben nichts Gutes im Sinne. Schießt auf das Ding; eine Kugel genügt, um es zu versenken!«

Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten sich die Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen.

Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung aus.