Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte

Part 1

Chapter 13,528 wordsPublic domain

1. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.)

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.

Der Beherrscher der Lüfte.

Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin

Der Beherrscher des Luftmeers.

1. Kapitel. Ein geheimnisvolles Fahrzeug.

Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel.

Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange Dauerfahrt antreten wollte.

Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß und geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet. Die zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren Höhe atmeten.

Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen Schläuchen, die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen sollten, falls sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte.

An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die mittelst Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu, bei ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten.

Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl dem Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen ruhten eben auf den Instrumenten.

»Wir fahren mit größter Schnelligkeit,« sprach er zu seinem Gefährten. »Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält, so schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben die zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen, alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu statten, daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht der Wind mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen finden.«

Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst aus dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche direkt unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen.

Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern.

Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun schien sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten weißen Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz urplötzlich und zauberhaft erscheinen.

Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht wurde durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch mit großer Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still stände.

Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen, um zu sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit fortbewegte.

»Das wird eine prächtige Fahrt,« rief der jüngere der Herren begeistert. »Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist, eine Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.«

Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken eine größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen, so daß es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten durch einen milchweißen See dahinschwebte.

Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter werdenden, weißen, wallenden Nebelmassen.

»Sehen Sie, dort, dort,« rief er seinem militärischen Gefährten zu. »Jetzt ist es wieder verschwunden -- aber da kommt es wieder! Sehen Sie dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?«

»Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,« antwortete der jüngere Herr überrascht. »Wahrhaftig, ich hätte nicht geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt werden könnten.«

»Aber sehen Sie doch nur hin,« begann der ältere von neuem. »Das ist kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein Fahrzeug ist, wie das unsere, da -- jetzt kommt es näher, da sehen Sie nur! --«

Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer Gefährte aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen, als welche die Wolken in dieser Höhe erschienen.

Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es ließ sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es sich auf den Ballon zubewegte.

»Die fahren direkt gegen den Wind,« schrie jetzt der jüngere der Herren. »Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes zu bedeuten!«

»Ein lenkbares Luftschiff,« antwortete der ältere der Luftschiffer, »ein Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen den Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein. Wahrhaftig, das ist zum mindesten sonderbar.«

Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick auf die Instrumente, welche die Höhe anzeigten.

»Fünftausend Meter,« sprach der ältere Herr. »Ein lenkbares Luftfahrzeug in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche sich in Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf und das hätte ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare Luftschiff von Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale Erfinder hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch bedeutend kleiner.«

»Es muß doch eins von ihnen sein,« rief der jüngere der Herren mit stockender Stimme. »Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche das merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.«

Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war förmlich erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen nicht zu fassen.

»Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,« begann er nach kurzem Schweigen. »Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der Lenkbaren sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt gerade ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.«

»Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?« fragte der französische Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers und der Feindseligkeit bemerkbar machte. »Die Deutschen sollen ja auch Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise mit ihnen nach Frankreich unternehmen.«

»Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,« rief der andere. »Das einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit mir sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich in einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus den Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!«

Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen hervorgeschossen. Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein eigentümliches Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche arbeiteten.

Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften gewesen, sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren, wo sie Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte.

Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei der Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich an, als wollten sie ihren Sinnen nicht trauen.

»Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,« stammelte plötzlich der ältere Herr. »Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff besteht ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall, welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.«

»Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,« antwortete der Offizier, der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder verschwinden.

Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der Flügelräder, aber sonderbar, man sah keinen Menschen.

Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und so konnte man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche aber befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren keine Körbe und keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen sich sicherlich eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte.

Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber es kam immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große, offenbar aus Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe drohte.

»Er rennt uns an,« rief der Offizier, »er will unseren Ballon durchbohren!«

Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen, unablässig blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber.

Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt einen Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen durch Läden gesichert und verschlossen zu sein.

Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter herangekommen. Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um den Ballon herum.

Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen.

In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren mittelsten die Maschinen arbeiteten.

Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten. Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug befand sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer sahen, wie dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der Gallerie und nach diesem Ausguck führten.

Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich das mächtige Steuer.

Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der Gondel ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatten.

Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich ordentlich ohnmächtig vorkamen.

Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen Spitze mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die beiden Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern.

Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen und schwebte jetzt an seiner Seite.

Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung verringerte sich mit jeder Sekunde.

»Wir stoßen zusammen,« rief der Offizier, indem er unwillkürlich nach einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte.

Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß wurde offenbar vermieden.

»Da -- da ein Mann,« rief der ältere der Luftschiffer, »sehen Sie doch, da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu unheimlich!«

Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich stand eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten miteinander verband.

Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze mit dem goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen auf der Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber merkwürdigerweise hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige Kinn sehen.

Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten.

Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel des Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt befand.

»Woher kommt Ihr?« rief er plötzlich mit tönender Stimme.

»Von Paris,« rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch.

»So, von Paris,« klang es schneidend herüber. »Nun gut, dann nehmt einen Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja geschäftig genug, das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit denen man den Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern, daß ich der Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch bleiben werde. Sagt ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in Wettbewerb zu treten. Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen. Ich bin der Beherrscher der Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat man mich verjagt, man hat mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt, mich wie ein Stück Wild fast zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich niemand neben mir, sagt es denen, die das vollbringen wollen, was mir längst gelungen ist. Und wehe ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben feindselig in den Weg zu treten! Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän Mors kennen lernen.«

2. Kapitel. Der Beherrscher der Lüfte.

Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug.

Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren Köpfen, sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt über den furchtbaren Laut, der dort ertönte.

Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen.

Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche Maskierte sagen »Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir, dem Besitzer dieses seltsamen Luftfahrzeuges!«

Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da griffen die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen.

Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen Nähe. Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen und der stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen.

Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben über den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren, dann begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun schoß das merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen.

Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich direkt in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in welcher kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten.

Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen herab und landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs.

Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem schönen Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären.

Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende Antwort.

Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich nach Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie wollten genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen hatten.

Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des Ballons zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten Ballon nach Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich zur nächsten Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches Erscheinen das größte Staunen erregte.

In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade auf diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses mächtige Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten besiegen würde.

Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund wissen, warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die Neugier wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach dem Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und einige sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden.

Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste Erstaunen und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte, als die beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch einige Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten.

Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle Blicke und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen.

»Meine Herren,« sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden zierten. »Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte erzählt, höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich doch eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese Erzählung halte ich für ein Märchen!«

Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein älterer Gefährte hielt ihn zurück.

»Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,« erwiderte er nicht ohne Stolz. »Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt, mich hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig gehalten, noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel setzen würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit. Ich habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in meinem Leben habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen, als wir unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten Sie unsere Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht ändern. Wir haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug ist uns wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen Augen gesehen. Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird unsere Angaben bestätigen müssen!«

Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung und zog dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen Freunde nur widerwillig folgte.

Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort eine erregte Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt.

Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer und behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit vorzubringen.

Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es ergab sich ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige Oberst, der Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot.

»Meine Herren,« sprach er mit Stentorstimme. »Ich bin vielleicht vorhin, als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung etwas unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere beiden geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten, der schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten. Ich bin eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich denke, es ist das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine sonderbare Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch bezeichnet und ich glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde, denn so nenne ich sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen Dinge gesehen haben, die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie häufig selbst den heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube ich. Sollte es aber dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches alles übertrifft, was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so werden wir ja noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen das schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere beiden Freunde nicht lächerlich machen.«

Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren, indem sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame Ereignis Stillschweigen zu bewahren.

Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die Mitwissenden aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter Ballon der Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze des französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons kamen am nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von einer merkwürdigen Erscheinung zu erzählen.

Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung einen langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste und offenbar direkt gegen den Wind fuhr.

Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich sehen können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell bewegte, so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre der Erde kreuzte.

Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja ein solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch einer der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen haben, der aber bald wieder verschwand.

»Er war nicht rotglühend,« berichtete er, »sondern schneeweiß, er sah fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.«

Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt wurde die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein Märchen und an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem Gedanken, daß ein lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte.

Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff erbaut?

Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren konnte.

Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam nur noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort vielleicht in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden sein? --