Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen
Part 7
Katja, Du sollst auf gar keinen Fall kommen, hörst Du! Wenn Du nur noch nicht fort bist! Denke Dir, gestern ist das Väterchen plötzlich furchtbar krank geworden. Er hatte Krämpfe und wand sich und wurde blau im Gesicht, es war einfach schrecklich. Zuerst sagte Welja, er wäre betrunken, aber das merkte man bald, daß es etwas andres war, und die Mädchen sagten, er hätte die Cholera, und stellten sich unbeschreiblich an, keine wollte bei ihm bleiben. Lju nahm alles in die Hand, er sagte, Cholera könnte es nicht sein, das hätte andre Symptome, es wäre wahrscheinlich ein typhöses Fieber mit irgendwelchen Komplikationen. Er verordnete allerlei und blieb bei Iwan, obgleich Papa und Mama es nicht leiden wollten, weil sie meinten, es könnte ansteckend sein; aber er sagte, erstens glaubte er das nicht und außerdem fürchtete er sich gar nicht davor und wäre deshalb auch nicht empfänglich. Iwan starrte ihn immer ganz erschrocken an, wenn er zu sich kam, ich glaube, er hatte ihn ungern bei sich, aber er wagte es nicht zu sagen. Als der Arzt kam, sagte er, alles, was Lju angeordnet hätte, wäre angemessen, er würde auch nichts andres gemacht haben und er glaubte auch, daß es Unterleibstyphus wäre. Papa und Mama wollen durchaus nicht, daß Du kommst, wegen der Ansteckung. Wir wären nun einmal da, das wäre nicht zu ändern, Du solltest Dich aber nicht mutwillig der Gefahr aussetzen. Ich finde, sie haben ganz recht, helfen kannst Du doch nicht, und Mama würde sich ängstigen, selbst wenn es mit der Ansteckung gar nicht so schlimm ist. Zunächst kann Iwan noch nicht in die Stadt transportiert werden, weil er zu krank ist. Das arme Väterchen! Welja sagt immer, es wäre zu schade um ihn, der Wein schmeckte ihm so gut, ja, mit Branntwein war er schon glücklich.
Ich sehe Dich nun gewiß auch nicht mehr vor der Reise, mein Glühwürmchen! Aber ich komme nicht dazu, Dich zu vermissen, so viel ist jetzt zu tun!
Deine Jessika.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 10. Juli.
Lieber Konstantin! Ich habe die Schreibmaschine abgeschickt. Es bleibt also dabei, daß die Explosion durch Druck auf den Buchstaben _J_ zur Entladung kommt. Da wir uns auf einen Buchstaben einigen müssen, soll es der sein, mit dem der Vorname des Gouverneurs beginnt; es ist ausgeschlossen, daß er einen Brief schreibt, ohne ihn zu benutzen. Zunächst liegt nun die Verantwortung auf Dir. Ich bin froh, auf kurze Zeit davon frei zu sein, denn ich fühle mich krank. Es liegt mir ein Fieber in den Knochen, am liebsten würde ich mich zu Bett legen, ich glaube aber, daß ich das Entstehen einer Krankheit am ersten durch Widerstand verhindern kann. Es ist mir schon einmal gelungen. Der Kutscher Iwan hat den Unterleibstyphus in hohem Grade, er ist noch in Lebensgefahr; und weil hier Schrecken und Ratlosigkeit herrschte, denn die Dienstleute meinten, er hätte die Cholera, und ich einigermaßen Bescheid mit solchen Sachen weiß, habe ich mich seiner angenommen. Der Mann mag mich nicht leiden, er empfindet eine unklare Furcht oder Abneigung gegen mich, ich denke mir, er spürt in der Art, wie Tiere das können, die Gefahr, die seinem Herrn von mir droht. Ich habe eine besondere Vorliebe für diese noch halb tierischen, im Unbewußten lebenden Volksnaturen, es war mir eine ordentliche Freude, ihn zu behandeln und zu beobachten. Vielleicht habe ich mich bei der Pflege überanstrengt, da ich ohnehin angegriffen war.
Sollte die Krankheit stärker als ich sein und sollte ich nach Petersburg ins Spital geschafft werden, das wäre sehr schlimm. Denn ich muß durchaus die Maschine selbst in Empfang nehmen und aufstellen. Ich kann aber mit Sicherheit darauf rechnen, daß Herr und Frau von Rasimkara mich im Hause behalten und bei sich verpflegen würden, selbst wenn ich mich sträubte. Vor allen Dingen rechne ich auf meine gesunde Natur und auf die Kraft meines Willens. Mauern einreißen wie Simson kann man wohl nicht mehr, aber seinen Körper aufrechthalten, wenn er einstürzen möchte, wenigstens für eine Weile. Auf alle Fälle erwarte noch ein Zeichen von mir, ehe Du handelst.
Lju.
Lusinja an Tatjana
Kremskoje, 12. Juli.
Liebste Tatjana! Wie sehr schnell wandelt sich doch das Antlitz aller irdischen Dinge, wirklich schneller als der bewölkte Himmel; das ist auch so ein Gemeinplatz, der uns plötzlich wie eine Offenbarung vorkommt, wenn wir seine Wahrheit erleben. Unserm guten alten Iwan scheint es besser gehen zu wollen; wenigstens meint der Arzt, daß, wenn die Krankheit zum Ende führte, schon eine erhebliche Verschlimmerung eingetreten wäre. Du weißt, wie eng wir mit unsern Leuten verbunden sind; andre zu haben, wäre für uns geradeso traurig, wie in ein andres Haus zu ziehen. Einen Menschen in Lebensgefahr, gewissermaßen sterben zu sehen, ist für mich überhaupt ein schreckliches Leiden; es wird mir dann auf einmal klar, daß dies unser aller Los ist, daß die schwarze Kugel ebensogut mich hätte treffen können und mich morgen vielleicht trifft oder übermorgen vielleicht, daß sie eines Tages mich unabwendbar treffen muß. Dann kann mich eine Angst erfassen, eine Angst, die tausendmal schlimmer als der Tod ist. Ja, an Iwan scheint es diesmal vorübergegangen zu sein. Aber gestern abend mußte sich Lju hinlegen. Er hat doch Iwan so gut gepflegt und sich der Ansteckung ausgesetzt, als ob es etwas Selbstverständliches wäre. Wir bewunderten ihn um so mehr, als Iwan ihn niemals hat leiden mögen und kein Hehl daraus gemacht hat. Vorgestern war er schon nicht wie sonst; aber wenn ich ihn fragte, behauptete er, vollständig wohl zu sein. Gestern mittag sah er fieberhaft aus. Jegor, der natürlich nichts merkte, sprach davon, daß er seine Schreibmaschine vermißte, an die er sich so gewöhnt hätte, und daß er hoffe, sie käme bald wieder. Da sagte Lju: »Ach, sagen Sie das nicht! Mir wäre es lieber, wenn sie noch recht lange ausbliebe!« Ich habe mal von einem berühmten Schauspieler gelesen, der sich zuweilen vor der Aufführung berauschte und so haltlos war, daß man für unmöglich hielt, er könnte spielen; wenn er aber auftreten mußte, nahm er sich mit dämonischer Willenskraft zusammen und spielte hinreißend, nur selten ließ diese Kraft etwas nach, so daß sein Zustand zum Durchbruch kam. Weißt Du, daran erinnerte er mich in dem Augenblick; er war immer nahe daran, zu phantasieren. Ich stellte ihm eindringlich vor, daß er Fieber hätte und daß er sich hinlegen müßte, er gab es auch zu, behauptete aber, Bewegung wäre für ihn in solchen Fällen das Beste, er wollte einen Ausflug auf dem Rade machen. Es war ihm nicht auszureden, er fuhr fort und kam nach drei Stunden ganz in Schweiß und vollständig erschöpft zurück. Dann hat er sich zu Bett gelegt, ohne etwas zu sich zu nehmen. Heute ist er vollständig ermattet liegen geblieben, aber das Fieber scheint wirklich gebrochen zu sein. Der Arzt, der Iwans wegen kam, sagte, solche Kuren könnten tatsächlich zuweilen glücken, aber er würde sie niemand vorschreiben, es wäre nicht jedermanns Sache. Ein außerordentlicher Mensch ist Lju, er fesselt einen immer wieder aufs neue.
Liebe Tatjana, wenn wir nur erst allein sind! Ich pflege gern Kranke, und es ist mir ordentlich lieb, daß ich etwas für Lju tun kann -- es ist nur sehr wenig, eigentlich pflegen kann man ihn gar nicht, er ist ein Mensch, der nur geben kann, zum Empfangen fehlt ihm das Organ -- ja, aber ich hatte mich nun einmal auf das Alleinsein mit Jegor gefreut, und alles Unerwartete, was jetzt geschieht, kommt mir wie ein tückisches Hemmnis vor, das sich zwischen uns und die ersehnten Ferientage schiebt. Welja und Jessika wären schon heute zu Dir gekommen, aber sie wollten durchaus nicht abreisen, bevor sich entschieden hätte, ob Lju ernstlich krank würde. Gott sei Dank, daß diese Gefahr vorübergegangen ist -- wie würde das in Jessikas weichem Herzen die Liebe gesteigert haben! Iwan wird, sowie er transportfähig ist, ins Spital geschafft werden, und bis er hergestellt ist, wird ein verläßlicher Mann, den wir schon mehrmals zur Aushilfe hatten, an seine Stelle treten. Ich dachte daran, mit Jegor in die Stadt zu kommen, um die Kinder abreisen zu sehen; er sagt aber, da er eigens Urlaub genommen hätte, um seiner Gesundheit wegen einen Landaufenthalt zu nehmen, möchte er sich lieber nicht in Petersburg sehen lassen, es könnte mißdeutet werden. Er meint auch, der Abschied würde mir dort viel mehr zum Bewußtsein kommen, ich würde mich sehr aufregen, weinen und so weiter. Ja, weinen werde ich wohl doch. Ein Jahr werden sie sicher fortbleiben, wenn nicht noch länger, sonst hat es kaum Zweck. Ein ganzes Jahr ohne die beiden Kinder! Wenn ich nicht Jegor gerade jetzt so für mich hätte --! Und dann bin ich auch nicht mehr so jung, daß ein Jahr mir lang schiene; es sind nur zwölfmaldreißig Tage, ach, es ist eigentlich nur ein Atemzug! Wie froh bin ich, daß Peter mitgeht; ich will den Kindern auftragen, daß sie ihm folgen.
Deine Lusinja.
Welja an Katja
Kremskoje, 12. Juli.
Mein kleiner Trompetenstoß, Du kannst losschmettern, denn morgen reise ich. Solltest Du kontra schmettern, so schadet es nichts, weil ich es nicht höre, es würde Dir also auch nichts helfen. Wir können Papa und Mama jetzt keine größere Wohltat erweisen, als daß wir abreisen. Es hat bereits eine Notiz in den Blättern gestanden über die »rote Universität«. Etwas Schlimmes kann den Leuten nicht passieren, als höchstens, daß die Kurse aufgehoben werden, aber Papa ist es natürlich lieb, wenn wir nicht dabei sind. Väterchen lebt noch, er hat heute bereits nach einem Tropfen Schnaps verlangt, also scheint er mir in der Genesung begriffen zu sein. Da ich ihm nicht Ade sagen soll, der Ansteckung wegen, habe ich ihm ein Abschiedsgedicht gemacht. Es fängt an:
Schon fünf Tage sind hinabgesunken, Seit sich Väterchen zuletzt betrunken.
Und endet:
Soll ich Dir die treue Hand nicht reichen, Ohne Abschiedskuß ins Ausland weichen, Wünsch' ich unter Tränen Dir hienieden Gute Besserung oder ruh in Frieden.
Ich habe es Lju vorgelesen, der noch zu Bett liegt, er konnte gar nicht aufhören zu lachen, obgleich er wirklich sehr schwach ist. Er sagte, er wäre überzeugt, Iwan würde mich für den größten Dichter Rußlands und das Gedicht für die Ausgeburt aller Poesie halten, und er beneidete die Menschen, die noch durch den bloßen Rhythmus und den simpeln Reim in einen seelischen Rausch geraten können. Lju möchte gern mit uns nach Petersburg fahren, er fürchtet aber, er würde noch zu schwach sein, und Mama wird ihn auch gar nicht gehen lassen. Du wirst ihn also nicht mehr sehen. Jessika ist ein dummer kleiner Wurm mit ihrer Liebe, trotzdem empfehle ich Dir, süßes Spätzchen, zart mit ihr umzugehen, nicht zu zetern, nicht zu picken. Sie ist gerade wie ein Tautropfen, der in der Sonne schön wie ein Edelstein funkelt und beweglich lebendig ist und, wenn die Sonne fortgeht, glanzlos wird und versiegt. Dies schreibe ich, damit Du siehst, daß ich mich auch echt dichterisch ausdrücken kann. Hör mal, Peter soll für Zigarren und Zigaretten unterwegs sorgen, der hat gern Aufgaben zu erfüllen.
Welja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 13. Juli.
Lieber Konstantin! Du hast mir nicht geschrieben, damit, wenn ich todkrank oder tot wäre, der Brief nicht in unrechte Hände geriete. Jetzt ist die Gefahr vorüber. Wenn Du keine weitere Nachricht von mir erhältst, laß die Schreibmaschine am 16. abgehen; melde es mir gleichzeitig. Die Krankheit ist endgültig gebrochen, aber ich bin noch sehr erschöpft, so erschöpft, daß ich gern noch ein paar Tage lang im Bett liegen würde, ohne zu denken, ohne andre Bilder in meinem Gehirn als das der dunkeln Frau und des blonden Mädchens, die von Zeit zu Zeit durch mein Zimmer gleiten, sich über mich beugen und mit sanfter Stimme freundlich zu mir sprechen, oder das der Tannen und Birken, die ich durch das offene Fenster sehen kann. Wird es einmal Menschen geben, die ohne Qual, ohne den göttlich-fluchwürdigen Stachel der Seele im Anschauen der Schönheit verharren können?
Welja und Jessika reisen morgen nach Petersburg, Jessika bleibt bei ihrer Tante. Wenn ich sie wiedersehe, wird sie ein schwarzes Kleid tragen. Diese Nacht, als ich den Mond, leuchtend bleich, von dunkelm Gewölk umgeben sah, mußte ich an ihren blonden Kopf über dem schwarzen Kleide denken. Ach, das ist das wenigste. Sie wird wieder rosige Wangen bekommen und lächeln und weiße Kleider tragen. Daß alles verdammt ist zu vergehen, indem es entsteht, das ist die einzige Tragik des Lebens; weil es das Wesen des Lebens ist, weil dies so geartete Leben das einzige ist, das jemals unser sein kann. Ich erwarte Deine Nachricht.
Lju.
Lusinja an Katja
14. Juli.
Mein Jüngstes! Heute reisen Welja und Jessika ab. Sie haben noch einen Tag auf Lju gewartet, ihm zuletzt aber selbst davon abgeredet, die Anstrengung des Reisens heute schon auf sich zu nehmen. Er ist aufgestanden, aber noch schwach. Etwa drei Tage wird er gewiß noch hierbleiben, also wirst Du ihn auf keinen Fall mehr sehen, wenn Ihr übermorgen fahrt. Jessika hat tapfer mit ihren Gefühlen gekämpft, ich hätte ihr so viel Selbstüberwindung nicht zugetraut. Heute war sie schon in aller Frühe im Garten und pflückte Körbe voll Rosen, mit denen sie das ganze Haus geschmückt hat. »Ich finde, es ist wie ein Hochzeitshaus,« sagte sie. Dann sagte sie: »Mama, wir müssen euch doch eigentlich recht im Wege gewesen sein, als wir gleich so nacheinander anrückten?« Ich sagte: »Ja, wenn wir nicht selbst schuld gewesen wären, hätten wir uns vielleicht ein bißchen geärgert.« Dein Bruder Welja, der dazukam, sagte: »Gott, was denkst du, sie hätten sich schrecklich gelangweilt ohne uns.« Jessika entrüstet: »Anmaßender Junge! Du mit deiner Faulheit hast vor dem zweiten Jahre nicht gesprochen und vor dem zehnten keinen Witz gemacht.« Nun, Du kannst Dir denken, wie zierlich sie einander ankläfften. Und dazu das kleine Gesicht, so still und blaß unter dem alten Kinderlachen. Gebt ihr noch recht viel Liebe an dem letzten Tage, hörst Du, Herzblatt? Und kränke sie nicht dadurch, daß Du etwas gegen Lju sagst. Du bist ein viel zu junges und törichtes Glühwürmchen, als daß Du ihn richtig beurteilen könntest. Er ist jedenfalls ein bedeutender Mensch, und vor bedeutenden Menschen muß man die Achtung haben, daß man zunächst das Beste von ihnen denkt und im Zweifelsfalle mit seinem Urteil zurückhält.
Was den Chauffeur anbelangt, den Tante Tatjana anstatt des alten Aushilfsdieners zu nehmen vorschlägt, so kann sich Papa nicht dazu entschließen, obwohl er zugibt, daß es vielleicht angenehmer für uns wäre. Er sagt, einen ganz fremden Menschen will er nicht ins Haus nehmen. Es käme nicht selten vor, daß die revolutionäre Partei auf diese Art ihre Leute in die Häuser einschmuggelte, um durch sie private Verhältnisse auszukundschaften oder sich mit der Dienerschaft in Verbindung zu setzen. Er möchte nicht gern ein zweideutiges Element zwischen unsre so treuen und zuverlässigen Dienstboten bringen. Da Papa von jeder Aengstlichkeit frei ist, wird diese Vorsicht wohl berechtigt sein. Wir bleiben also bei dem alten Kyrill, mehr als Iwan trinkt er auch nicht, und Papa sagt, Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen.
Ich umarme Dich, Du geliebtes Kind! Habt Euch recht lieb, alle drei, und zankt Euch nicht auf der Reise, Du und Welja. Nennt Euch auch nicht Kalb oder Molch oder Spatzengehirn -- das letzte geht allenfalls noch --, aus dem Scherz könnte einmal Ernst werden, und überhaupt ist es eine häßliche Gewohnheit, die bei Menschen, die Euch nicht kennen, Anstoß erregen kann. Gib auch acht auf Welja, als ob Du die Aeltere wärest, aber ohne es ihn merken zu lassen; um ihn sorge ich mich mehr als um Dich, Du, mein Liebling, wirst schon das Rechte tun und etwas Rechtes werden.
Also bin ich nun eine kinderlose Frau! In meinem Herzen habe ich Euch aber, ganz fest, da seid Ihr noch klein und habt es gern, in einem winzigen Raum geschlossen dicht bei Eurer Mama zu sitzen.
Lebe wohl!
Welja und Katja an Jegor
Petersburg, 16. Juli.
Lieber Papa! Als Katja in Mamas Brief Deinen Ausspruch gelesen hatte, Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen, trompetete sie los: »Seht ihr, Lju ist kein Trinker! Er trank Wein nur wegen der schönen Farbe und des Aromas!« Es wird sich nun gewiß verbreiten, Du hättest Lju entlassen, weil er sich niemals betrunken hätte, Du wirst ein Liebling des Volkes werden, und eine Horde taumelnder Kosaken wird Dich als freiwillige Schutzgarde beständig umgeben. Wir haben gestern abend Tante Tatjana überzeugt, daß sie uns zum Abschiedsessen sehr feinen Wein vorsetzte, und Peter, der gerade im Begriff war, in einen Abstinenzverein einzutreten, hat das deshalb bis zu unsrer Rückkehr verschoben.
Lieber Papa! Welja schreibt doch nur Dummheiten. Es ist nicht möglich, mit ihm zu leben, ohne zuweilen Kalb oder Molch zu sagen. Mama, Du hättest ihn von vornherein besser erziehen sollen. Mit dem Trinken hast Du ganz recht, Papa, es war eine abgeschmackte Idee von Peter, in einen Abstinenzverein eintreten zu wollen. Warum soll man nicht trinken, wenn es einem schmeckt? Zu dumm! Jessika sagt, um Euch brauchte man sich keine Gedanken zu machen, Ihr sähet beide jung und glücklich aus. So wollen wir Euch uns unterwegs vorstellen. Mit Jessika bin ich sehr nett, aber ein Schaf ist sie doch. Da fährt unser Wagen vor! Morgen um diese Zeit sind wir schon über die Grenze. Unterwegs schreibe ich Dir einen richtigen langen Brief, süße Mama.
Katja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 17. Juli.
Lieber Konstantin! Ich fahre morgen in der Frühe ab. Ich nehme das Automobil nach Petersburg. Von da fahre ich zu meinem Vater. Ich nehme an, daß die Schreibmaschine heute abend kommt. Es wäre mir nicht lieb, wenn sie früher käme, weil der Gouverneur dann wahrscheinlich sofort zu schreiben verlangen würde. Die beiden Menschen freuen sich auf ihr Alleinsein wie glückliche Kinder. Sie wissen selbst nicht, was sie eigentlich erwarten -- ach, mein Gott, was erwartet man überhaupt, wenn man einem Augenblick der Liebesaufwallung entgegensieht? Was findet man?
Daß jemand anders vor dem Gouverneur die Maschine benutzt, das einzige, was meinen Plan zerstören könnte, halte ich für ausgeschlossen. Die Dienstmädchen getrauen sich aus Angst vor dem Gouverneur nicht, sie anzurühren, besonders seit sie einmal entzweigegangen ist. Er hat ihnen einmal sogar verboten, sie abzustauben, er wolle das selbst tun. Auch wird er sie sehr bald in Gebrauch nehmen, einige Briefe hat er immer zu schreiben, auch wird er sie nach der Reparatur probieren wollen. Ein Tag wird nicht darüber hingehen. Vermutlich wird er an die Kinder schreiben. Sie -- seine Frau -- was wird aus ihr werden? Das beste wäre für sie, wenn sie an seiner Seite wäre. Sie ist es ja fast immer. Wenn ich das nächstemal nach Petersburg komme, möchte ich Dich sehen. Zunächst brauche ich Ruhe.
Lju.
Lusinja an Jessika
Kremskoje, 17. Juli.
Jessika, mein Blümchen, Deine schönen Rosen sind nun welk, noch ehe die Freude des Alleinseins angefangen hat. Der Garten ist aber voll neuer. Lju reist morgen in aller Frühe ab, er hat sich schon verabschiedet, weil er früher fährt, als wir aufgestanden sein werden. Vorhin, als wir von einem Spaziergang zurückkamen, stand ein Mann an der Gartentür. Ich sah ihn erst, als wir ganz nahe bei ihm waren, und fuhr unwillkürlich zusammen. Lju lachte und sagte: »Es ist gewiß wieder der Paketbote mit der Schreibmaschine.« Und wirklich, er war es. Ich sah ihn ganz entsetzt und bewundernd an, und da lachte er wieder und Papa auch; es war nämlich ganz natürlich, daß er es erriet, weil sie eigentlich schon mit der ersten Post erwartet wurde. Denke Dir, Papa fiel gar nicht über die Kiste her, sondern ließ Lju auspacken und sitzt jetzt noch bei mir und spielt so schön Klavier, wie sonst niemand auf der Welt spielt. Vielleicht duftet zur selben Zeit die Lindenblüte Deiner Stimme an Tante Tatjanas Flügel. Du weißt doch, daß Lju gesagt hat, Dein Gesang wäre so zart, daß man nicht sagen könnte, er klänge; er duftete. Es ist mir gerade, als hörte ich Dich, meine kleine Holdseligkeit.
Lju sah mich wieder mit einem unergründlichen Blick an, als er mir Lebewohl sagte; ich freue mich, daß ich diesem Blick morgen nicht mehr begegnen werde. Aber sei ganz ruhig, ich habe ihm ein allerliebstes Futterkörbchen für die Reise zurechtgemacht und will ihm sehr wohl. Wenn er nicht nachtwandelte, wäre ich seine unbedingte Freundin. Denke Dir, Väterchen hat zuletzt noch die Anwandlung bekommen, außer sich zu sein, daß Lju fortginge, bevor er wieder auf den Beinen wäre; er wäre jetzt krank und hinfällig und zählte nicht, und ein Mann müßte doch im Hause sein. Da hat Papa wütend gesagt: »Bin ich denn ein Klapperstorch?« Darüber hat Iwan erst geweint, und dann hat er gesagt, er hätte Papa noch nie für einen Klapperstorch gehalten, aber er sollte doch gerade beschützt werden, und sich selber beschützen könnte man nicht, so wenig wie man sich selbst den Rücken waschen könnte. Papa fragte Mariuschka, die uns dies berichtete: »Wer wäscht ihm denn seinen? Du?« Was sie entrüstet verneinte; also ist das im Dunkeln geblieben.
Gute Nacht, Liebling. Wann werde ich Dir einmal Dein Haar mit Rosen schmücken? Wer weiß wie bald! Das Schöne kommt unverhofft über Nacht.
Deine Mama.
Jegor an Welja und Katja
Kremskoje, 18. Juli.
Nun ihr beiden kleinen Kinder, was für ein Unsinn ist das mit dem Trinken? Was soll ich gesagt haben? Gebildete Menschen müssen Maß halten, das ist selbstverständlich. Wenn ein russischer Bauer nicht trinkt, kann man auf Theorien und Berechnung schließen, auf den Hang zu irgendeiner Vervollkommnung, und wo der tierische Trieb einmal gebrochen ist, da tritt zunächst nichts Gutes an die Stelle. So; ihr habt mäßig zu sein, weil ihr für gebildete Menschen gelten wollt. Unser Schutzengel ist abgereist, ich habe augenblicklich keinen andern als Eure Mutter, unter deren Flügeln ich mich am wohlsten befinde. Eben tritt sie hinter meinen Stuhl, legt den Arm um mich und tut die nicht mehr neue, aber immer wieder gern gehörte Frage: »Warum bist du so blaß, J......«
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Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 52]: ... Zum Glück sprang Lju ein und sagt er wäre ... ... Zum Glück sprang Lju ein und sagte, er wäre ...
[S. 89]: ... wenigstens auf Jessika. Es ist auch zu toll, daß ... ... wenigstens auf Jessika auf. Es ist auch zu toll, daß ...
[S. 144]: ... ihnen denkt und im Zweifelfalle mit seinem Urteil ... ... ihnen denkt und im Zweifelsfalle mit seinem Urteil ...
[S. 145]: ... Ihr noch klein und habt es gern, in einen winzigen ... ... Ihr noch klein und habt es gern, in einem winzigen ...