Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen

Part 2

Chapter 23,828 wordsPublic domain

Lieber Peter! Wenn Du Eifersucht merken läßt, machst Du Dich lächerlich bei Katja. Wozu auch? Am ersten könntest Du noch auf mich eifersüchtig sein, aber dazu bist Du zu grob organisiert. Lju macht Jessika den Hof, das heißt er sieht sie an und regiert sie mit den Augen, denn sie fällt natürlich darauf herein. Lju ist ein fabelhafter Mensch, man könnte sagen seelenlos, wenn man ein Element, das ganz Kraft ist, so nennen kann. Er würde sich wahrscheinlich kein Gewissen daraus machen, Jessika oder sonst ein Mädchen unglücklich zu machen; wenn man den Mut hat, sich ihm ganz hinzugeben, muß man auch den haben, sich zerstören zu lassen. Und warum stürzen sich die Mädchen so gierig ins Licht? Es ist jedenfalls ihre Bestimmung, wie die der Motten, sich die Flügel zu verbrennen. Uebrigens würde Lju niemals ein Mädchen seiner Eitelkeit zum Opfer bringen, wie doch schließlich die meisten von uns tun. Er zerstört sie nur so beiläufig, wie zum Beispiel die Sonne tut; sie sollten ihm einfach nicht zu nahe kommen, aber das können sie natürlich nicht lassen. Katja ist gottlob anders, das gefällt mir so gut an ihr, obgleich ich nicht möchte, daß alle so wären.

Katja und ich haben gestern im Dorfe einen türkischen Konfekthändler entdeckt, der unerhört gute Sachen hat, rosa und klebrig und durchsichtig und gummiartig. Er scheint ein echter Türke zu sein, denn etwas so Süßes habe ich noch nie gegessen. Ich glaube, je mehr man nach Südosten kommt, desto wundervoller werden die Süßigkeiten. Katja und ich aßen immerzu, der Türke betrachtete uns ganz ausdruckslos mit seinen großen Kuhaugen. Endlich konnten wir nicht mehr, und ich sagte: »Jetzt müssen wir aufhören.« -- »Haben Sie kein Geld mehr?« fragte er; ich glaube, er hielt uns für Kinder. Ich sagte: »Mir wird übel.« Sein gelbes Gesicht veränderte sich nicht; ich glaube, wenn wir vor seinen Augen geplatzt wären, er hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Wir trafen ein sehr niedliches Mädchen im Dorf, mit dem wir als Kinder zuweilen gespielt haben. Damals fanden wir sie furchtbar häßlich, weil sie rote Haare hat, und neckten sie damit; jetzt kam sie mir verteufelt niedlich vor. Ich rief ihr zu: »Anetta, du bist ja gar nicht mehr häßlich?« und sie antwortete gleich: »Welja, du bist ja gar nicht mehr blind!« Weil Katja dabei war, konnte ich weiter nichts machen, aber ich habe ihr zugenickt, und sie hat mich verstanden.

Welja.

Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 13. Mai.

Liebe Tatjana! Nun sag, warum bildest Du Dir so fest ein, meine Töchter müßten sich in Lju verlieben? Ich habe sie bisher für viel zu unentwickelt zur Liebe gehalten, Katja ist ja wirklich noch ein Kind. Da Du mich einmal darauf aufmerksam gemacht hast, sehe ich ein, daß Lju gefährlich ist; männlich, mutig, klug, interessant, auffallend, alles, was einem jungen Mädchen imponiert. Ich muß es aber rühmen, daß er eher zurückhaltend gegen meine beiden Kleinen ist; möglicherweise ist er schon gebunden. Daß Jessika ihn bewundert, habe ich wohl bemerkt; wenn er spricht, hängen ihre Augen an ihm, sie ist selbst gesprächiger als sonst und voll allerliebster Einfälle. Ich dachte mir nichts Arges dabei, sondern freute mich an ihrer Freudigkeit. Tatjana, wenn Du sie einladen willst und sie gern zu Dir kommen will, werde ich ihr nichts in den Weg legen. Es mag sein, daß es besser ist. Meine arme kleine Jessika, wenn ich mir denke, daß sie ihn liebte! Liebte er sie nicht, müßte sie leiden, und vielleicht noch mehr, wenn er sie liebte. Nein, der ist kein Mann für sie. Er versteht alles, aber er vergißt sich niemals, er hat gar keinen Sinn für Kleinigkeiten und Torheiten, oder, wenn er Sinn dafür hat, so ist es wie für Kräuter, die man in ein Herbarium sammelt. Hingeben kann er sich nicht, er verzehrt nur. Ich traue ihm sehr viel zu, zum Beispiel, daß er einmal ein sehr berühmter Mann wird; jedenfalls braucht er dünne Höhenluft, in der mein kleines Mädchen nicht atmen könnte.

Merkwürdig ist es an ihm, daß er sich offenbar für uns alle lebhaft interessiert, daß er für unsre Vorzüge empfänglich scheint, daß er das Vertrauen, das wir ihm entgegenbringen, als etwas Selbstverständliches hinnimmt und doch von sich selbst eigentlich nichts hergibt. Nicht daß er nicht offen wäre, er beantwortet jede Frage, die man zufällig einmal an ihn richtet, freimütig und ausgiebig; man kann vielleicht nicht einmal sagen, daß er verschlossen ist, wenigstens spricht er ziemlich viel und stets von Dingen, die ihm wirklich wichtig sind. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, daß man sein Inneres kennt. Ich habe schon gedacht, daß es Geheimnisse in seinem Leben geben könnte, die ihm Zurückhaltung auferlegen; aber es beunruhigt mich nicht, weil ich sicher bin, daß es nichts Gemeines ist.

Neulich war von Lügen die Rede. Da sagte Lju, Lügen wäre unter Umständen eine Waffe im Kampfe des Lebens, nicht schlechter als eine andre, nur sich selbst belügen wäre verächtlich. Welja sagte: »Sich selbst belügen? Wie macht man das überhaupt? Ich würde mir doch niemals glauben.« Lju lachte ganz beseligt, ich mußte auch lachen, hielt mich aber doch verpflichtet, Welja zu sagen, es wäre ein schlechter Witz gewesen. »Bessere können wir doch hier nicht machen,« sagte der Junge, »sonst versteht Katja sie nicht.« Ja, eigentlich wollte ich Dir nur sagen, die Ueberzeugung habe ich wirklich, daß Lju sich niemals selbst belügen würde, und das ist mir das Wesentliche. Der Grundsatz mag gefährlich sein, aber einem bedeutenden Menschen ist er angemessen.

Liebe Schwester meines geliebten Mannes, wenn ich nicht die großen Kinder um mich hätte, könnte ich mir jetzt einbilden, wir wären auf der Hochzeitsreise. Brauchten wir nur niemals in die Stadt zurück! Jegor hat sein Klavierspiel wieder aufgenommen, da er nun einmal nicht unbeschäftigt sein kann, und ich, die es sehr wohl kann, höre zu und träume. Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, wo ich ihn meinen Unsterblichen nannte? Manchmal jetzt, wenn ich ihn ansehe, überläuft mich das Gefühl, daß etwas anders geworden ist; es sind nicht die weißen Haare, deren schon mehr als schwarze sind, nicht die tiefen Schatten, die oft unter seinen Augen liegen, nicht die strengen Linien, die sein Gesicht verdunkeln, es ist etwas Unnennbares, das sein ganzes Wesen umgibt. Einmal mußte ich plötzlich aufspringen und fortlaufen, weil mir die Tränen aus den Augen sprangen, und im Schlafzimmer habe ich ins Kissen geschrien: »Mein Unsterblicher! ach, mein Unsterblicher!« Siehst Du, das ist nicht merkwürdig, daß es Wahnsinnige gibt, aber daß auch die Allervernünftigsten einmal einen Wahnsinnsanfall haben können, das ist beklagenswert.

Deine Lusinja.

Lju an Konstantin

Kremskoje, 15. Mai.

Lieber Konstantin! Ich hätte mir das denken können; aber ich möchte, daß ich mich täusche, wenn ich es künftig denke. Es macht den Eindruck, daß ich mich zum Zweck psychologischer Studien hier befinde; Du findest, daß ich sehr viel Sinn für das Familienleben entwickle; Du meinst, ich hätte ebensogut meine Großtante in Odessa besuchen können, und sonst noch mehreres. Was willst Du? Hattest Du erwartet, ich würde mich wie ein hungriger Kannibale oder haßerfüllter Nebenbuhler oder betrogener Ehemann auf sein Opfer stürzen? Wir waren uns darüber einig, daß wir es nicht machen wollten wie die fanatischen Büffel, denen es bei ihren Attentaten mehr darauf anzukommen scheint, daß sie ihr eignes Leben wegwerfen, als das des Gegners. Wir wollten unser Ziel erreichen, ohne unser Leben, unsre Freiheit, womöglich sogar unsern Ruf aufs Spiel zu setzen; denn wir haben noch mehr zu erreichen, und wir wissen, daß wir nicht leicht zu ersetzen sind. Wenn es eilte, würde ich anders gehandelt haben; aber der Studentenprozeß beginnt erst Anfang August, bis dahin dauert der Urlaub des Gouverneurs, und ich habe demnach noch drei Monate Zeit, von denen erst ein halber verflossen ist. Ich sehe mich hier um, ich lerne die Menschen, die Umgebung kennen und warte auf eine Gelegenheit. Natürlich hätte ich den Gouverneur längst ermorden können, wenn es mir nur darauf ankäme; ich bin oft mit ihm allein gewesen, sowohl im Hause wie im Garten und im Walde. Aber dann hätte ich unrichtig gehandelt. Jetzt, wo ich zwar geschätzt und fast geliebt werde, aber immerhin noch ein Fremder bin, könnte sich ein Argwohn gegen mich erheben; in ein paar Wochen werde ich wie ein Glied der Familie und wird das nicht mehr möglich sein. Ich schrieb Dir neulich, glaube ich, daß ich einige Minuten neben ihm gesessen habe, während er schlief. Ich betrachtete den Teil seines Gesichtes, der mir zugewendet war; die breiten schwarzen Brauen -- ein Zeichen starker Vitalität --, die strenggebogene Nase, in jeder Linie liegt Feuer und Noblesse; durch vornehmes Empfinden gemäßigte Leidenschaft scheint mir auch ein Grundzug seines Charakters zu sein. Ein wundervolles Geschöpf! Indem ich ihn betrachtete, dachte ich, wieviel lieber ich diesen Kopf meinen Gedanken, meinen Absichten zugänglicher machen als ihn mit einer Kugel zerstören möchte. Auch dies mußt Du bedenken, daß ich den Mord umgehen könnte, wenn es mir glückte, ihn zu beherrschen, zu beeinflussen. Ich will aber gleich hinzusetzen, daß ich die Möglichkeit für gering halte: in kleinen Dingen ist er wie Wachs, in wichtigen wie Eisen. Wenn er etwas bestimmt will, können weder Furcht noch Liebe ihn umstimmen; so scheint es mir bis jetzt.

Der Kleine ist anders; er ist so indolent, daß er einem dankbar ist, wenn man für ihn will, man muß es nur mit Verstand tun. Seine Vorurteilslosigkeit setzt in Erstaunen. Er scheint gar nicht durch Tradition beherrscht; er hat etwas, als ob er mit keinem Bande an Vergangenheit, Familie, Vaterland angeknüpft wäre. Ich muß an ein altes Märchen denken, in dem ein elternloses Kind als Kind der Sonne auftritt; daran erinnert auch seine goldbraune Haut. Im Gespräch mit ihm spreche ich fast so, wie ich denke; er ist so unbefangen, daß es ihm nicht einmal auffällt, wie ich mit meinen Ideen eine Stellung bei seinem Vater habe annehmen können. Er findet es offenbar selbstverständlich, daß ein Mensch von Verstand so denkt, wie ich denke, und nebenbei jede Rolle spielt, die nach seinem Geschmack und zu seinem Fortkommen nützlich ist. Ich habe ihn lieb, und es freut mich, daß ich ihm nichts zuleide zu tun brauche. Katja denkt wie ihr Bruder, zum Teil vielleicht aus Liebe zu ihm. Sie ist für ein Mädchen sehr klug und einsichtsvoll; aber sie kann so verständig reden, wie sie will, sie ist immer wie ein kleiner, niedlicher Vogel, der auf einem Zweige sitzt und zwitschert, das ist das Reizende an ihr.

Konstantin, mache mir nicht wieder Vorwürfe. Wenn mir solche zu machen wären, würde ich es selbst tun; deshalb hat kein andrer das Recht dazu.

Lju.

Jessika an Tatjana

Kremskoje, 15. Mai.

Tante, Du hast mich eingeladen, huldvolle Tante! Ich küsse dankbar Deine schöne Hand. Vielleicht komme ich auch einmal, wenn Du gerade gar nicht daran denkst. Aber Liebste, weißt Du denn gar nicht, daß ich Pflichten habe? Ich kann doch nicht so ohne weiteres fort. Wir haben doch einen Haushalt, und Du weißt, daß auch die besten Dienstleute von einem höheren Wesen inspiriert werden müssen. Ich bedaure die Köchin, die bei unsrer fünffachen Wunderlichkeit gar keinen Rückhalt hätte. Papa schwärmt für gefüllte Tomaten, aber nicht für Tomaten an der Sauce, was Mama besonders liebt, während Welja eine Leidenschaft für Tomaten in Salat hat, Katja ißt sie nur roh. Katja ißt keinen süß zubereiteten Reis, Papa keinen gepfefferten, ich keinen Milchreis. Niemand von uns ißt Kohl, wir wollen aber täglich grünes Gemüse; so könnte ich noch seitenlang fortfahren. Keine Köchin behält das alles, und lesen kann unsre nicht. Wenn ich fort wäre, müßte Mama an das alles denken -- denn Katja fiele das nicht ein --, und das täte mir so leid. Sie geht den ganzen Tag herum und ist glücklich, ihren Mann einmal für sich und in Sicherheit zu haben; man mag ihr keine dummen Alltäglichkeiten aufbürden gerade jetzt.

Ihr denkt, ich wäre nur eine unbedeutende kleine Person! Aber sie würden es schon bemerken, wenn nicht vor jedem die Tasse Tee oder Kaffee mit gerade so viel Zucker und Milch oder Zitrone stände, wie er es haben mag, oder wenn ihm die Orangenschnitten nicht so fein geschält und entkernt auf den Teller flögen, wie er es gewohnt ist, oder wenn die Bleistifte und Scheren und Schirme, die er verliert oder verlegt, nicht gerade im richtigen Augenblick von mir wiedergefunden würden! Ja, so bin ich! Komm Du nur einmal hierher und überzeuge Dich, wie unentbehrlich ich bin.

Wenn Du nun findest, daß ich belohnt und entschädigt werden muß, Tante Tatjana, so schicke mir doch lila Batist zu einer Bluse und dazu passenden Zwischensatz und Spitzen. Ich habe nichts, was leicht genug wäre bei der Hitze. Niemand hat so viel Geschmack wie Du, darum besorge es, bitte, selbst, Holdseligste.

Deine dankbare Jessika.

Welja an Peter

Kremskoje, 17. Mai.

Lieber Peter! Ich habe mich nicht getäuscht, Lju ist im Grunde ein Revolutionär, nur daß noch etwas dabei ist, was seine Ansichten himmelhoch über die durchschnittlichen erhebt. Wie soll ich Dir das begreiflich machen, süßes Megatherium? Er denkt und steht zugleich über dem, was er denkt. Er hält das, was er denkt und wünscht, nicht für das Letzte, Absolute. Darum steht er auch abseits von den Parteien, weil er über sie hinaussieht. Er sagt, der alten Generation gegenüber haben die Neuen recht, obwohl sie an sich betrachtet fast noch weniger recht haben als die Alten. Natürlich verstehst Du das nicht, weil Dir die Selbstironie fehlt, sowohl der Begriff wie die Qualität. Ihr habt keine Idee, wie komisch es ist, wenn ihr euch über die Verkommenheit der alten Kultur erhitzt und nicht von ferne ahnt, was Kultur eigentlich bedeutet. Macht nichts, brülle nicht, alter Saurier, ich bin ganz euer. Mein Vater ist köstlich; er findet, daß Lju ein sehr angenehmer, kluger und unterhaltender Mensch ist, weiter dringt sein Scharfblick nicht. Er kommt nicht auf die Idee, daß ein Mensch in honetten Kleidern, der höflich mit ihm umgeht und ihm nicht widerspricht, sich außerhalb seines Systems bewegen könnte. Mama ist viel weniger, wie soll ich es nennen, auf ihr Selbst beschränkt. Sie sieht wenigstens deutlich ein, daß sie längst nicht Ljus ganzes Wesen erfaßt hat; sie fühlt etwas Fremdes, wenn sie dessen auch nicht habhaft werden kann. Neulich sagte sie zu ihm, seinen Talenten und Kenntnissen und seiner Leistungsfähigkeit sei eigentlich das Amt, das er in unserm Hause bekleide, nicht angemessen, ebensowenig das Entgelt, er hätte es gar nicht annehmen dürfen. Lju sagte, er hätte gehofft, als Privatsekretär freie Zeit übrig zu haben, die er gebrauche, um ein philosophisches Werk zu vollenden, das sei sein nächstes Arbeitsziel. Darüber wurde Mama ordentlich rot und meinte, er sei nun gewiß enttäuscht, da ja seine ganze Person bei uns dauernd in Anspruch genommen werde. Ich glaube, Lju hatte schon ganz vergessen, daß er hier ist, um Mörder und Bomben abzufangen, während Mama denkt, er riebe sich bei dieser schwer zu definierenden Tätigkeit auf. Sie fordert ihn seitdem öfters auf, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und zu arbeiten, und ist geneigt, es sehr anspruchsvoll von Papa zu finden, wenn er ihm mal außer der Zeit einen Brief diktieren will; er könnte sich eigentlich eine Schreibmaschine anschaffen, meinte sie. Man kann nicht behaupten, daß Mama die Leute ausbeutet.

Wir sind augenblicklich damit beschäftigt, Papa ein Automobil kaufen zu lassen; er ist auch schon nahe daran. Wir sprechen bei Tisch immer von den letzten Automobilrennen und erörtern, ob es mit Benzin oder Elektrizität billiger ist. Lju meinte, ob wir nicht lieber warten und dann gleich ein lenkbares Luftfahrzeug anschaffen wollten. Von dem Gedanken war Papa ordentlich hingerissen, und wie er die Kosten davon berechnete, kam ihm das Auto hernach schon ganz alltäglich und kleinbürgerlich vor.

Lju ist gar nicht musikalisch. Er sagt, Musik wäre eine primitive Kunst, wenigstens die man bis jetzt kennte. Es könnte vielleicht auch anders sein, wovon Richard Wagner gewisse Andeutungen gäbe. Das Musikalische in unsrer Familie wäre primitiv. Ich glaube, daß das ganz richtig ist, besonders bei Papa. Er spielt schön in dem Sinne, wie der Wald rauscht oder der Wind saust, es ist etwas Dämonisches. Aber das Besessensein ist kein Kulturfaktor. Lju hat aber viel übrig für das Primitive. Er findet, Jessikas Stimme klänge so, wie wenn in der fahlen Dämmerung tief im Osten die Morgenröte aufginge. Jessikas Stimme finde ich auch fein, auf mich wirkt sie wie ein Harfenton; sonst habe ich mir nie viel aus Gesang gemacht, bei der Sinfonie fängt doch die Musik eigentlich erst an. Bilde Du Dir aber ja nicht ein, Du wärest ein Uebermensch, weil Du unmusikalisch bist. Bei Dir ist es ein Vakuum.

Welja.

Katja an Tatjana

Kremskoje, 17. Mai.

Liebe Tante! Jessika hat vergessen, Dich zu bitten, daß Du uns die Partitur von »Tristan und Isolde« besorgst oder besorgen läßt. Papa ist dagegen, er meint, man könnte Noten auch leihen! Gibt es das überhaupt? Ach, erkundige Dich nur gar nicht, Bücher aus Leihbibliotheken beziehen ist unfein, und Noten sind auch Bücher, also. Im Grunde ärgert sich Papa nur, daß wir uns mit Wagner beschäftigen wollen, er ist nun einmal einseitig. Nicht mal kennen lernen will er ihn, sondern ist von vornherein entschlossen, ihn gräßlich zu finden. Ja, hätte Wagner vor ein paar hundert Jahren gelebt und Kirchenmusik gemacht wie Palestrina -- ach so, das klingt dumm, aber ich habe es nun einmal geschrieben, und Du verstehst mich auch schon. Natürlich sind Beethovens Lieder an seine ferne Geliebte schön, die Papa immer singt, aber unsre Zeit und unser Leben drückt das doch nicht aus. Jedenfalls, Tante Tatjana, Du schickst uns »Tristan und Isolde«, nicht wahr? Bitte recht bald, Peter kann es ja besorgen.

Deine Katja.

Lju an Konstantin

Kremskoje, 20. Mai.

Lieber Konstantin! Dein Brief hat mich zu einer Unvorsichtigkeit veranlaßt; aber der wäre ein schlechter Feldherr, der nicht einen falschen Zug wieder einbringen oder sogar verwerten könnte. Das Gerücht, daß der Studentenprozeß sofort vorgenommen würde und der Gouverneur infolgedessen sofort nach Petersburg zurückginge, muß unbegründet sein; denn er selbst würde es doch am ersten wissen und gleichzeitig auch ich. Trotzdem erwog ich gestern die Möglichkeit und bereitete mich darauf vor, schnell oder plötzlich handeln zu müssen. Ich sagte mir, bei Tage würde ich nicht leicht eine Gelegenheit finden, besonders keine für mich günstige. Nachts könnte ich ihn und seine Frau, denn sie schlafen zusammen, mit Aether betäuben, ihn durch einen Stich ins Herz töten und mich ungesehen wieder zu Bett legen. Kein besonderes Verdachtsmoment würde auf mich hinweisen; bei Tage hingegen könnte sich kaum jemand an den Gouverneur herandrängen, ohne daß irgendwer, namentlich ohne daß ich es bemerkte. Am Tage können unzählige unvorhergesehene Störungen dazwischenkommen; nachts liegen bestimmte, übersichtliche Umstände vor. Die Ausführbarkeit des Planes hängt wesentlich von dem mehr oder weniger leisen Schlafe des Gouverneurs und seiner Frau ab; ich beschloß, mir sofort Gewißheit über die Frage zu verschaffen. Ich warf einen Mantel über und schlich mich nach ihrem Schlafzimmer, das durch ein Ankleidezimmer mit angrenzendem Bade- und Garderoberaum von meinem getrennt ist. Kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ich Frau von Rasimkara auf mich zustürzen sah. Ich will Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick fast die Besinnung verloren hätte: die Frau so merkwürdig, so schön, so anders als am Tage vor mir zu sehen, es raubte mir den Atem. In ihrem Gesicht stand zugleich der Ausdruck des Entsetzens und der unbedenklichsten Entschlossenheit, der sofort, da sie mich erkannte, dem Gefühl der Erlösung, dem Erstaunen und ich möchte sagen dem Gefühl für das Komische der Lage Platz machte. Ja, für die Dauer eines Augenblicks dachte und empfand ich nichts, als wie hinreißend sie war, sie zog mich rasch in das Ankleidezimmer zurück und sagte flüsternd, ich hätte sie sehr erschreckt, sie hätte mich für einen Mörder gehalten, was geschehen wäre? Ob mir etwas fehlte, ob ich nachtwandelte? Ich sagte, sie möchte ganz ruhig sein, geschehen wäre nichts, ich wäre aufgewacht, hätte geglaubt, ein Geräusch zu hören, und hätte mich überzeugen wollen, ob bei ihnen alles ruhig und in Ordnung wäre; ich hätte das schon öfters getan, weil ich es als zu der von mir übernommenen Pflicht gehörig betrachtete, bisher hätte sie es aber nicht bemerkt. Ich setzte noch hinzu, sie würde vielleicht gut tun, ihrem Manne nichts von dem Vorfall zu sagen. Natürlich nicht, sagte sie, sie wäre froh, daß er nicht erwacht wäre; dann drückte sie mir die Hand, nickte mir zu und lächelte und ging in ihr Schlafzimmer zurück.

Dies war ein sehr gefährlicher Augenblick, und ich habe erst gegen Morgen wieder einschlafen können. Als sie vor mir stand und mich anlächelte, dachte ich, daß sie hinreißend sei und gleichzeitig, daß ich sie würde töten müssen. Ich dachte es mit solcher Lebhaftigkeit, daß mir war, es schreie aus meinen Augen heraus: ich bin dein Mörder, weil ich sein Mörder bin. Du wirst immer an seiner Seite sein, dein Leib wird sich vor seinen werfen, wenn die Stunde da ist, darum mußt du mit ihm fallen. Das eigentümliche Lächeln, mit dem sie mich ansah, schien zu sagen: ich verstehe dich, es ist mein Schicksal, ich nehme es auf mich.

In gewisser Weise habe ich bei meinem unglücklichen Versuch etwas gewonnen. Ich weiß nun, daß der Gouverneur tief und fest schläft. Ihr habe ich die Meinung eingeflößt, daß ich zum Schutze ihres Mannes zuweilen ihr Schlafzimmer betrete. Sähe sie mich eintreten, mich über sie beugen, sie würde bis zum letzten Augenblick keinen Verdacht schöpfen, mich nur mit großen Augen erwartungsvoll ansehen. Anderseits habe ich erfahren, daß mir diese Art der Ausführung widerstrebt. Ich würde nur im äußersten Notfall dazu schreiten. Ein andrer Weg wird sich finden lassen, der mir mehr zusagt. Sei Du jedenfalls ohne Sorge: es mag sein, daß ich unüberlegt gehandelt habe, aber ich habe auch die etwaigen schlimmen Folgen im Keim erstickt.

Lju.

Welja an Peter

Kremskoje, 20. Mai.

Lieber Peter! Heute habe ich das Gefühl, in einem Irrenhaus zu sein. Mama hat diese Nacht irgend etwas gehört, was nachher gar nichts war, aber trotzdem sich alles als Einbildung entpuppt hat, sieht sie verweint aus und fährt bei jedem Geräusch zusammen. Papa hat Furoranfälle, die wir als Nervosität respektieren sollen. Vorhin klingelt er Mariuschka her, weil sie in der Garderobe das elektrische Licht habe brennen lassen. Er machte solchen Krakeel, daß ich es im Garten hörte, und stellte sich ungefähr so an, als ob dies elektrische Flämmchen das Verderben auf unsre ganze Familie herunterziehen müßte. Nachher stellte sich heraus, daß er selbst es angezündet und auszumachen vergessen hatte. Katja erhob nun ihrerseits ein Geschrei, es wäre empörend von Papa, das ganze Haus schwämme in Tränen seinetwegen, die Dienstleute könnten unmöglich Respekt vor ihm haben, wenn er sich so benähme, und dazwischen rief sie mich an, ob ich es nicht auch fände. Ich sagte: »Vater, wie du willst.« Da wendete sich plötzlich ihre Entrüstung gegen mich, worüber wir dann glücklich alle ins Lachen kamen. Papa sagte, nun müßte er sich wohl bei Mariuschka entschuldigen, weil er ihr unrecht getan hätte, und begab sich zu diesem Zweck ins Leutezimmer. Wir wollten gern mitgehen, um der Szene beizuwohnen, aber Mama verbot es als unschicklich. Ich fand die Geschichte von vornherein nur komisch und verstehe nicht, wie Katja sich ärgern kann.

Katja an Peter