Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen

Part 1

Chapter 13,608 wordsPublic domain

Note: Images of the original pages are available through Internet Archive. See https://archive.org/details/derletztesommere00huch

DER LETZTE SOMMER

* * * * * *

Von Ricarda Huch erschienen früher im gleichen Verlage:

Von den Königen und der Krone. Roman. 5. Auflage.

Geh. M 4.--, geb. M 5.--

Seifenblasen. Drei scherzhafte Erzählungen. 3. Auflage.

Geh. M 3.50, geb. M 4.50

Die Verteidigung Roms. Roman. Der »Geschichten von Garibaldi«. I. Teil 6. Tausend.

Geh. M 5.--, geb. M 6.--

Der Kampf um Rom. Roman. Der »Geschichten von Garibaldi«. II. Teil 4. Auflage.

Geh. M 5.--, geb. M 6.--

* * * * * *

DER LETZTE SOMMER

Eine Erzählung in Briefen

von

RICARDA HUCH

Vierte Auflage

Stuttgart und Leipzig Deutsche Verlags-Anstalt 1910

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Uebersetzung in andere Sprachen, vorbehalten Nachdruck wird gerichtlich verfolgt

Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart Papier von der Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg

Lju an Konstantin

Kremskoje, 5. Mai 19..

Lieber Konstantin! Ich habe mein Amt angetreten und will Dir berichten, wie sich mir die Lage darstellt. Daß mir gelingen wird, was ich vorhabe, bezweifle ich nicht, es scheint sogar, daß die Umstände günstiger sind, als man voraussetzen konnte. Meine Persönlichkeit wirkt in der ganzen Familie des Gouverneurs sympathisch, von Argwohn ist keine Rede; dies ist im Grunde natürlich, nur wir Wissende konnten das Gegenteil befürchten. Wenn der Gouverneur Erkundigungen über mich eingezogen hat, so konnten diese mir nicht schaden; meine Zeugnisse von der Kinderschule an bis zur Universität sind glänzend, und das einzige, was zu meinem Nachteil sprechen könnte, daß ich mich mit meinem Vater überworfen habe, wird dadurch entkräftet, daß sein herrschsüchtiger und verschrobener Charakter allgemein bekannt ist. Ich glaube aber eher, daß er es nicht getan hat; der Mann ist so ganz ohne Mißtrauen, daß es in seiner Lage an Einfalt grenzen würde, wenn es nicht mehr mit seiner Furchtlosigkeit und seiner unrichtigen Beurteilung der Menschen zusammenhinge. Außerdem scheint meine Anstellung durchaus ein Werk seiner Frau zu sein, die, von Natur ängstlich, seit sie den Drohbrief erhalten hat, nichts andres mehr denkt, als wie sie das Leben ihres Mannes schützen kann. Mißtrauen liegt auch in ihrer Natur nicht; während sie in jedem Winkel unmögliche Gefahren wittert, könnte sie dem Mörder einen Löffel Suppe anbieten, wenn es ihr so vorkäme, als ob der arme Mann nichts Warmes im Leibe hätte.

Sie erzählte mir, daß eben der von Dir verfaßte Brief sie auf den Gedanken gebracht hätte, einen jungen Mann zu suchen, der unter dem Vorwande, ihres Mannes Sekretär zu sein, seine Person vor etwaigen Anschlägen beschützte, ohne daß er selbst es bemerkte. Es sei ihr jedoch nicht möglich gewesen, weder ihre Angst noch ihren Plan vor ihrem Manne geheimzuhalten, und auf ihr inständiges Bitten und um Ruhe vor ihr zu haben, sei er endlich darauf eingegangen, teils auch, weil er seit kurzem eine Art Nervenschmerz am rechten Arm habe, der ihm das Schreiben erschwere. Er habe aber die Bedingung gestellt, daß er wenigstens des Nachts unter dem alleinigen Schutze seiner Frau bleiben dürfe. Sie lachten beide, und er setzte hinzu, seine Frau verstehe sich so ausgezeichnet auf die Befestigung der Schlafzimmer, daß er sich dreist ihr anvertrauen dürfe; sie gehe nie zu Bett, ohne vorher alle Schränke und besonders die Vorhänge untersucht zu haben, die sie für Schlupfwinkel von Verbrechern hielte. Natürlich, sagte sie lebhaft, vorsichtig müsse man doch sein, ängstlich sei sie durchaus nicht, sie lasse sogar nachts die Fenster offen, weil sie eine Freundin der frischen Luft sei, gehe allerdings mit dem Gedanken um, Gitter machen zu lassen, die man davor setzen könne; denn da die Haustüre verschlossen wäre, bliebe doch den Leuten, die Böses vorhätten, nichts andres übrig, als durchs Fenster einzusteigen. Indessen, sagte sie, habe sie schon jetzt das Gefühl, daß sie sich weniger Gedanken machen würde, nun ich da wäre. Ihr Gesicht hatte etwas ungemein Gewinnendes bei diesen Worten. Ich sagte: »Das hoffe ich. Ich würde jede Sorge, die Sie sich jetzt noch machten, als einen Vorwurf gegen meine Berufstreue auffassen.« Während dieses Gespräches war der Sohn ins Zimmer gekommen; er sah mich mit einem besorgten Blick an und sagte: »Fangen Sie heute schon an?«, worüber wir alle so lachen mußten, daß dadurch sofort ein vertraulicher Ton hergestellt war. Dieser Sohn, er heißt Welja, ist ein hübscher und sehr drolliger Junge, nicht viel jünger als ich, spielt aber noch wie ein Kind von fünf Jahren, nur daß das Spielzeug nicht mehr ganz dasselbe ist. Studieren tut er die Rechte, um einmal die diplomatische Laufbahn einzuschlagen; man merkt aber nichts davon. Er ist klug und ein moderner Mensch mit zahllosen unbeschnittenen Trieben und unbegrenzter Empfänglichkeit; sein Charakter ist, keinen zu haben, und dies macht ihn vollkommen belanglos. Er sieht von jeder Sache nur die Seite, an die sich ein Bonmot anknüpfen läßt, dessen größter und unwiderstehlicher Reiz in der verschlafenen Art besteht, wie er es vorbringt.

Außer dem Sohne sind zwei Töchter da, Jessika und Katja, zwischen zwanzig und dreiundzwanzig Jahren, blond, niedlich, einander ähnlich wie Zwillinge. Sie waren gegen mich eingenommen, weil sie die Furchtsamkeit ihrer Mutter albern finden und weil sie fürchteten, in ihrer sommerlichen Zurückgezogenheit gestört zu werden; da ihnen aber mein Aeußeres hübsch und stilvoll vorkommt, und da Welja, der ihr Vorbild ist, sich zu mir hingezogen fühlt, fangen sie an, sich mit meiner Anwesenheit zu befreunden. Diese drei Kinder erinnern mich, ich weiß nicht warum, an kleine Kanarienvögel, die dicht zusammengedrängt auf einer Stange sitzen und zwitschern. Ueberhaupt hat die ganze Familie etwas kindlich Harmloses, das mich und meine Aufgabe vor mir selbst lächerlich machen könnte; aber ich kenne die menschliche Seele gut genug, um zu wissen, daß diesem Wesen maßloser Hochmut zugrunde liegt. Haß, ja selbst Uebelwollen setzt doch eine gewisse Nähe zu den Menschen voraus; diese fühlen sich im Grunde allein in einer ihnen gehörenden Welt. Alle andern haben nicht die Bedeutung der Wirklichkeit und greifen nicht in ihren Frieden ein.

Die Dienerschaft besteht aus einem Kutscher, Iwan, der trinkt, und den Welja Väterchen nennt, und drei Mädchen; alles sind Leute altrussischer Art, fühlen noch als Leibeigene, beten ihre Herrschaft an und urteilen doch mit unbewußter Ueberlegenheit über sie, weil sie dem Urquell noch näher sind. Liebe Wesen, die mir, wie Tiere, eine gewisse Ehrfurcht einflößen.

Dies sind meine ersten Eindrücke; Du hörst bald mehr von mir.

Lju.

Welja an Peter

Kremskoje, 6. Mai.

Lieber Peter! Ich habe mich damit abgefunden, daß ich während der ganzen Dauer von Papas Urlaub hier auf dem Lande bleiben muß. Blödsinnige Sache, dieser Schluß der Universität. Ich hatte doch vollkommen recht, als ich Ruhe empfahl; denn daß wir bei einem Kampfe den kürzeren ziehen mußten, war vorauszusehen. Aber Du mußtest natürlich wie eine geheizte Maschine ohne Bremse drauflos, und es ist reiner Zufall, daß Du nicht von meinem eignen Vater an den Galgen gebracht wirst. Es ist durchaus keine Schande, der Uebermacht nachzugeben, vielmehr Stumpfsinn und Raserei, gegen sie anzugehen; ich leide an keinem von beiden. Wenn mir die armen Kerls nicht leid täten, die mit ihrem heiligen Eifer so rettungslos hereingefallen sind, würde ich mich mit der Geschichte ganz aussöhnen; den Sommer genießt man hier schließlich am besten, und aus der Affäre mit der Lisabeth, die ich ein bißchen unüberlegt angezettelt hatte, hätte ich mich nicht so leicht loswickeln können, wenn ich in Petersburg geblieben wäre. Wenn Papa und Mama auch etwas rückständig sind, so haben sie doch Verstand und Geschmack und sind zum täglichen Umgang viel angenehmer als die rabiaten Köpfe, mit denen Du Deine antediluvianische Dickhaut zu umgeben liebst. Papa darf man zwar nicht ernstlich widersprechen, wenn man seine Ruhe bei Tisch haben will, aber Mama hört gelegentlich eine rebellische Ansicht recht gern und frondiert mit einer gewissen Verve gegen Papa, was ihm auch in angemessenen Grenzen gut an ihr gefällt; wenn er sich aber nachdrücklich räuspert oder die Augenbrauen zusammenzieht, lenkt sie gleich ein, schon um uns mit dem guten Beispiel der Unterordnung voranzugehen. Uebrigens ist ja auch Katja hier, es ist also nicht nur erträglich, sondern positiv nett.

Der Schutzengel ist angekommen. Mama ist überzeugt, daß er das Talent hat, alle Gifte, Waffen, Dynamitpatronen und sonstigen Unfälle von Papa ab- und auf sich hinzulenken, und schätzt den begabten jungen Mann unendlich. Wir dachten, es würde ein Mann mit breitem Vollbart, biederen Fäusten und aufgeblasenen Redensarten ankommen; anstatt dessen ist er schlank, glattrasiert, zurückhaltend, eher ein englischer Typus. Mir sagte er, sein Vater habe verlangt, daß er sich zu einer Professur melde, er hat nämlich Philosophie studiert, aber er wolle keinen Beruf und habe besonders einen Widerwillen gegen die zünftigen Philosophen. Um ihn zu zwingen, habe sein Vater ihm alle Geldmittel entzogen, und deshalb habe er diese Stellung angenommen, zu der er im Grunde wohl wenig befähigt sei. Er sagte: »Ich glaube, ich kann mich am ersten dadurch nützlich machen, daß ich Ihre Frau Mutter ein wenig beruhige, und das scheint mir gar nicht schwer zu sein. Sie hat die liebenswürdige Eigenschaft, nicht zweifelsüchtig zu sein, und wird mich gern für einen geborenen Blitzableiter halten, wenn ich mir einigermaßen Mühe gebe, einen solchen vorzustellen.« Ich sagte: »Wenn Sie sich nur nicht dabei langweilen.« Darüber lachte er und sagte: »Ich langweile mich nie. Der Mensch befindet sich, wo er auch ist, im Mittelpunkt eines Mysteriums. Aber auch abgesehen davon: ich liebe das Landleben und gute Gesellschaft, für mich ist also gesorgt.« Er hat einen durchdringenden Blick, und ich bin überzeugt, daß er uns alle schon ziemlich zutreffend zerlegt und eingeteilt hat. Er selbst glaubt unergründlich zu sein; ich halte ihn trotz seiner anscheinenden Kälte für verwegen, sehr leidenschaftlich und ehrgeizig. Es wäre schade, wenn er doch noch einmal Professor würde. Man hat das Gefühl, daß er mehr will und kann als andre Menschen. Seine Ansichten werden wohl nicht weniger revolutionär sein als unsre, aber er ist bis jetzt ganz unpersönlich im Gespräch. Diese Objektivität imponiert mir eigentlich am meisten, besonders weil seine Unterhaltung trotzdem anregend ist. Jessika und Katja sind dafür natürlich sehr empfänglich, weswegen Du aber noch nicht eifersüchtig zu werden brauchst, alter Saurier.

Dein Welja.

Jessika an Tatjana

Kremskoje, 7. Mai.

Liebe Tante! Da es tiefstes Geheimnis ist und bleiben soll, daß Mama einen Sekretär für Papa angestellt hat, dessen eigentliche Bestimmung ist, Papa vor den Bomben zu schützen, die ihm angedroht sind, kann ich die Tatsache wohl als bekannt voraussetzen. Vielleicht ist es auch besser, wenn sie in den weitesten Kreisen verbreitet wird, dann fangen die Anarchisten gar nicht erst an zu werfen, wodurch unserm Schutzengel seine Arbeit erleichtert wird. Du siehst, daß ich ihm wohl will, und er verdient es schon deshalb, weil seine Anwesenheit so günstig auf Mamas Stimmung einwirkt. Am ersten Mittag fragte Mama ihn, was er geträumt habe; der erste Traum an einem neuen Aufenthalt sei bedeutungsvoll. Ich glaube, er hatte gar nichts geträumt, aber er erzählte, ohne sich zu besinnen, eine lange Geschichte, daß er sich im Innern eines herrlichen Palastes befunden habe und langsam von einem Raume zum andern gegangen sei, und beschrieb alle ganz ausführlich. Zuletzt sei er zu einem Gemach gekommen, in dem es ganz dunkel gewesen sei und auf dessen Schwelle ihn eine unerklärliche Bangigkeit befallen habe; er habe gezögert, weiterzugehen, dann sich zusammengenommen, dann wieder innegehalten und sei dann unter Herzklopfen aufgewacht. Mamas Augen wurden immer größer. »Wie gut,« sagte sie, »daß Sie nicht hereingegangen sind, es wäre gewiß etwas Schreckliches darin gewesen.« »Vielleicht eine Badewanne,« sagte Welja ruhig. Wir mußten alle lachen, und da Katja erst anfing, als wir andern schon fertig waren, dauerte es sehr lange. Ich sagte: »Bitte, träumen Sie doch nächste Nacht weiter und nehmen Sie ein Bad, damit Mama beruhigt ist; denn Baden kann doch nur Gutes bedeuten.« Nein, sagte Mama, Wasser wäre zweideutig, nur Feuer wäre ein unbedingter Glückstraum, und sie hätte eben diese Nacht einen gehabt. Dann erzählte sie ihren Traum, er war zu niedlich; sie hatte nämlich mit Papa schlafen gehen wollen, und da hatten ihre Betten in Flammen gestanden, schönen, hellen Flammen ohne Rauch (das ist sehr wichtig!), und sie hatte immer hineingeblasen in der Meinung zu löschen. Da hatte Papa gerufen: »Lusinja, so blase doch nicht!« und hatte vor Lachen kaum sprechen können, und darüber war sie auch ins Lachen gekommen und war lachend aufgewacht. Diesen Traum bezog Mama auf Lju, dessen Ankunft für uns glückbringend sei; Lju heißt unser Schutzengel. Daran anknüpfend erklärte er, woher der Volksglaube an die Bedeutung der Träume stamme und daß und warum Wasser und Feuer bei allen Völkern im selben Sinne aufgefaßt würden und was Wahres daran sei; leider kann ich es Dir nicht so hübsch auseinandersetzen, wie er es tat. Papa hörte auch sehr interessiert zu, obgleich er von Träumen und dergleichen eigentlich gar nichts versteht, und sagte zuletzt mit einem Seufzer: »Sie würden ausgezeichnet zum Sekretär meiner Frau passen!«

Nun will ich Dir noch etwas Niedliches erzählen, das heute mittag passierte. Ich fragte Welja, ob er noch Pudding wolle, und er sagte nach seiner Gewohnheit: »Vater, wie du willst.« Lju sah ihn neugierig an, und da erklärte Mama, das wäre Weljas Lieblingsredensart, die er immer im Munde führte, um zu sagen, es ist mir gleichgültig; sie hoffe aber, setzte sie nachdrücklich hinzu, er unterdrückte nun einmal diese üble Angewohnheit, denn sie möge Profanationen des Heiligen durchaus nicht leiden. »Profanationen des Heiligen?« sagte Welja erstaunt. »Was meinst du damit?« »Aber Welja,« sagt Mama mit Entrüstung, »tu doch nicht, als ob du nicht wüßtest, daß die Worte in der Bibel stehen!« »Nein, wahrhaftig,« ruft Welja, »wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß solche faule Redensarten in der Bibel stehen, hätte ich auch mal drin gelesen!« Der gute Junge, das ehrlichste Staunen strahlte aus seinen weitaufgerissenen Augen. Lju konnte gar nicht aufhören zu lachen, ich glaube, er ist entzückt von Welja.

Mit Papas Nerven geht es ganz gut, er hat Iwan einmal angegrollt, als er dachte, er wäre betrunken -- er war es zufällig gerade nicht -- und einmal, weil ihm der Reis angebrannt vorkam, aber einen richtigen Krach hat er noch nicht gemacht, obgleich wir schon vier Tage draußen sind.

Geliebteste Tante, ich lege alle Tage Sträuße von Thymian, Lavendel und Rosmarin in unser Gastzimmer, nicht nur auf den Tisch, sondern auch in Schränke und Kommoden, damit es durch und durch einen hübschen Biedermeiergeruch bekommt. Belohne meine Aufmerksamkeit, indem Du kommst.

Deine Jessika.

Katja an Peter

Kremskoje, 9. Mai.

Lieber Peter! Du bist ein Kalb, wenn Du mir wirklich übelgenommen hast, daß ich nicht zu Hause war, als Du mir Adieu sagen wolltest. Konnte ich wissen, daß Du kommen würdest? Und außerdem machte ich noch einen Besuch bei der alten Generalin, was doch wahrhaftig kein Vergnügen ist. Uebelnehmen ist kleinbürgerlich, hoffentlich hat Welja mich angelogen. Wenn ich es nicht so unverschämt von Papa fände, daß er die Universität geschlossen hat, würde ich froh sein, daß ich hier bin. Ich tue nichts als essen, schlafen, lesen und radfahren. Der neue Sekretär ist sehr elegant, obgleich er kein Geld hat, eine glänzende Erscheinung und fabelhaft klug. Er radelt auch mit uns, aber er tut es nicht gern, er sagt, es wäre schon veraltet, man müßte jetzt Automobil fahren. Ich finde, er hat ganz recht, wir wollen Papa auch dahin bringen, daß er eins anschafft, einstweilen halten wir eine Zeitung für Automobilwesen. Gruß

Katja.

Lju an Konstantin

Kremskoje, 10. Mai.

Der Aufenthalt hier ist mir von großem psychologischem Interesse. Die Familie hat alle Vorzüge und Fehler ihres Standes. Vielleicht kann man von Fehlern nicht einmal reden; sie haben vorzüglich den einen, einer Zeit anzugehören, die vergehen muß, und einer im Wege zu stehen, die sich entwickelt. Wenn ein schöner alter Baum fallen muß, um einer Eisenbahnlinie Platz zu machen, so schmerzt es einen; man steht bei ihm wie bei einem alten Freunde und betrachtet ihn bewundernd und trauernd bis zu seinem Sturze. Unleugbar ist es schade um den Gouverneur, der ein vortreffliches Exemplar seiner Gattung ist; allerdings glaube ich, daß er seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Wenn er die Einsicht davon hätte und von seinem Amte zurückträte, oder wenn er es täte, um sein Leben nicht auszusetzen, niemand würde es freudiger begrüßen als ich; aber dazu ist er zu stolz. Er glaubt, nur wer arbeite und etwas leiste, habe ein Recht zu leben, überhaupt kann er sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen; darum will er arbeiten und glaubt, wenn er dies und das tue, was die Aerzte ihm empfehlen, so würde er die frühere Kraft allmählich wiedererhalten. Neulich schlief er ein, während er am Schreibtische saß, und ich konnte ihn ungestört beobachten; wie das schöne, dunkle und leidenschaftliche Auge sein Gesicht nicht belebte, erschien es sehr schlaff und erschöpft, während er im allgemeinen noch den Eindruck reifer Manneskraft hervorruft. Als er aufwachte, setzte er sich sofort aufrecht hin, warf einen schnellen Blick auf mich und war sichtlich dadurch beruhigt, daß ich nichts bemerkt zu haben schien. Es ist charakteristisch für ihn, daß er nicht gern zugibt, wenn er ermüdet oder schläfrig ist. So ist es ihm angenehm, daß ich ihm das bißchen Arbeit, das er hier während des Urlaubs erledigt, abnehme oder erleichtere, und er sagt es auch; aber er möchte nicht, daß man dächte, er wäre zu abgespannt, um es allein zu tun, ja es würde ihn unglücklich machen, es selbst zu denken.

Er ist, wie oft Menschen, die im Amte für streng und mitleidlos gelten, gegen jeden einzelnen wohlwollend, ja sogar von unbegrenzter Gutmütigkeit, wenn er liebevoller Nachgiebigkeit und Unterordnung begegnet. Widersetzlichkeit macht ihn fassungslos, da er unmittelbar nichts empfindet als seinen Willen und naiv genug ist, um vorauszusetzen, daß er ebenso für alle andern maßgebend sein müßte. Er kommt mir vor wie eine Sonne, die schön und treu, wenn auch etwas rücksichtslos, ihre Welt zu unterhalten beflissen ist; er trägt, brennt und leuchtet nach Kräften und zweifelt nicht, daß die Planeten ihr Ideal darin finden, sich zeitlebens um ihn herumzudrehen. An die Existenz von Kometen und Abnormitäten glaubt er im Grunde nicht, es sei denn, daß sie in ihm selbst vorkämen; ich könnte mir denken, daß die ernstliche, tatsächliche Abtrünnigkeit eines Trabanten ihn eher wahnsinnig als zornig machte. Dabei tun seine Kinder im allgemeinen, was sie Lust haben; aber in der Theorie tasten sie seine Herrschaft nicht an; dann sind es seine eignen Kinder, und er ist ein Mann von starken Instinkten, und schließlich ist er bequem, was sich mit Arbeitsamkeit wohl vereinen läßt; zu Hause will er es behaglich haben.

Welja ist ein reizvoller Junge, obwohl er hier nicht an seinem Platze ist. Er hat die Seele eines neapolitanischen Fischerknaben oder eines fürstlichen Lieblings, der hübsche Kleider trägt, hübsche, kecke Dinge sagt und keinen großen Unterschied zwischen Leben und Traum macht. Die beiden Töchter sind nicht so zwillingshaft, wie es mir zuerst schien, auch äußerlich nicht. Sie sind beide eher klein als groß und haben Massen blonden Haares über zarten Gesichtern, übrigens sind sie so verschieden voneinander wie eine Teerose von einer Moosrose. Wenn Jessika geht, ist es, als ob ein weicher Wind ein losgerissenes Blütenblatt durchs Zimmer wehte; Katja steht fest auf der Erde, und was ihr nicht ausweicht, wird wo möglich mit Nachdruck beiseitegeworfen. Jessika ist zart, hat oft Schmerzen, und ihre Verletzlichkeit gibt ihr einen besonderen, raffinierten Zauber; man glaubt, man könne sie nicht ans Herz drücken, ohne daß es ihr weh täte. Katja ist gesund, ehrlich, durchaus nicht aufregend, ein kluges, temperamentvolles Kind, an dem man seine Freude hat. Jessika hat zuweilen etwas Schmachtendes, dann wieder überrascht sie durch anmutigen Witz, der niemals verletzend, sondern eher wie eine auserwählte Liebkosung wirkt. Es hat einen Zauber, Einfluß auf diese jungen Menschen zu gewinnen, und ich genieße ihn einstweilen: das Schwere und Harte bleibt nicht aus.

Lju.

Jessika an Tatjana

Kremskoje, 10. Mai.

Liebste Tante! Du beunruhigst Dich wegen unsers Beschützers, der eigens zum Beruhigen da ist? Ich bin entzückt von ihm, und aus meinem Briefe spricht eine verdächtige Fröhlichkeit? Mein Gott, natürlich finde ich ihn angenehm, da seine Anwesenheit Mamas Besorgnisse zerstreut hat! Sei ruhig, geliebteste Tante, wenn er sich verliebt, wird er sich in Katja verlieben, und Katjas Herz hältst Du doch nicht für so zerbrechlich wie meins. Oder fürchtest Du in dem Falle, daß Peter eifersüchtig wird? Weißt Du, ich glaube, Katja verliebt sich überhaupt nicht ernstlich; sie steckt mit Welja in den Johannisbeeren, und beide essen mit derselben Geschwindigkeit und Unbedenklichkeit wie vor zehn Jahren, als bekämen sie einen Orden dafür.

Mama ist jetzt wirklich so ruhig und vergnügt wie seit langer Zeit nicht. Gott, wenn ich an die letzte Zeit in der Stadt denke, an die Auftritte, wenn Papa eine halbe Stunde länger ausblieb, als sie gerechnet hatte! Neulich fand sie ihn nicht in seinem Zimmer, im ganzen Hause nicht und auch nicht im Garten. Sie fing schon an aufgeregt zu werden, da sagte unsre Mariuschka, der Herr Gouverneur wäre mit dem Herrn Sekretär spazieren gegangen. Sofort war ihre Stimmung wieder im Gleichgewicht, sie forderte mich auf, ein Duett mit ihr zu singen, behauptete, ich sänge entzückend, und schmetterte selbst wie eine Nachtigall in Liebesromanen.

Heute nachmittag war Papa, als er zum Tee gerufen wurde, noch etwas verschlafen. Mama nahm ihre Lorgnette zur Hand, betrachtete ihn aufmerksam und fragte mit zärtlicher Betonung: »Warum bist du so blaß, Jegor?« Papa sagte: »Endlich! Ich habe schon gedacht, du liebtest mich nicht mehr, weil du mich seit acht Tagen nicht danach gefragt hast.« Dies war natürlich Spaß; aber wenn Mamas Aengstlichkeit, über die er sich immer lustig macht, wirklich mal ausbliebe, würde er sich tatsächlich sehr vernachlässigt fühlen; so ist der Herr Gouverneur.

Da fällt mir ein, geliebteste Tante, daß ich noch nicht weiß, ob Deine Erkältung ganz verschwunden ist. Ob der fatale, rätselhafte Schmerz an Deinem kleinen Finger nachgelassen hat. Ob und wann Du kommst. Der Flieder blüht, die Kastanien blühen, alles, was blühen kann, blüht!

Deine Jessika.

Welja an Peter

Kremskoje, 12. Mai.