Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
Part 9
Durtjen warf die Waschschale, aus der der Tote gewaschen war, entzwei und grub sie ein und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, denn Meta, die von Detta in das Wohnhaus gebracht war, war so hinfällig, daß sie an nichts denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der Dönze und sang leise aus dem Gebetbuche, aber keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge.
Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken wurde herunter genommen. Mit freundlichem Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, mit Rehmenruß schwarz gemachten Sarge, Bibel und Gesangbuch unter dem Kinn.
Einer nach dem anderen von der Freundschaft ging über die Deele, nickte dem Toten zu und ging nach der Dönze, wo das Frühstück stand. Sie sprachen alle leise, die Männer, und die Frauen flüsterten. Es war ihnen, als wäre dieses ein ganz besonderes Begräbnis.
Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl an der Zeit.« Da gingen sie alle aus der Dönze; einer nach dem anderen trat an den Sarg und gab dem Toten die Hand.
Detta und Sophie, von Kopf bis zu den Füßen in dem weißen Klagelaken, weinten los, denn der Tischler stellte die Leuchter bei Seite und schloß den Sarg.
Er wurde aus der großen Tür getragen und auf das Wagenstroh gehoben. Durtjen reichte das Leichlaken her und Detta und Sophie, die hinter dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß es rechts und links lang herunterhing.
Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine Schale Wasser aus und lief dann in die Dönze, um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel zuzuhängen.
Der Großknecht stellte sich an den Kopf des Sattelpferdes und die Pferde zogen an und schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh mußten, das der zweite Knecht ihnen vor die Füße warf.
Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, alle in weißen Trauerlaken, gingen hinter dem Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die Männer, alle im Kirchenrock und hohem Hute.
Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes Gotthard Georgius Hehlmann, den letzten Hansbur, den Notweg fuhren. Die Birkenbäume waren so gelb wie Gold und der Himmel war hoch und hell.
»Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer zum roten Schmidt, »ein Tag, der ihm passen konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen tiefen Himmel.«
Der andere nickte und wischte sich den Schweiß unter dem hohen rauhen Hute ab; er war recht alt geworden, und Meyer noch mehr und die Sonne war ihnen beschwerlich.
»Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte Schmidt; »weißt du noch den Abend, als er dem Sägemüller das Schluckglas in das Maul schlug? Was war das für ein Kerl! So einer kommt so bald nicht wieder.«
Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, trotz der alten Feindschaft; das ist schön von ihm.«
Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, begab sich etwas, worüber sich alle wunderten. Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In ihrer Angst setzten sie sich auf das Leichlaken; der Stößer nahm die schwarze Taube und flog mit ihr fort.
Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben wurde, flog die weiße Taube auf; sie flog steil gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her.
Das Seelenlaken.
Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die Magd räumte auf der Deele auf.
Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus.
Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und hielt den Kopf hoch und horchte.
Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Frau sah aus, wie ein seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell und stetig.
Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde, ich komme ja schon!«
Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah, daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen den Schreck drei Tage nicht los.
Die alte Frau ging wieder in die Dönze zurück und die Magd hörte, wie sie erst so sprach, als antwortete sie jemand anders; dann hörte sie singen und zuletzt wurde es still.
Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, war Doris noch ganz weiß um die Nase von dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, was sie belebt hatte.
Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in die Dönze und sah die Frau mit dem Gesangbuch auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie ging hinein und sah, daß sie tot war.
Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem Erntedanklied, das sie zuletzt gesungen hatte, und das fing an:
HERR im himmel, GOTT auf erden, Herrscher dieser ganzen welt! Laß den mund voll lobes werden; Da man DIR zu fuße fällt, Für den reichen ernte-segen Dank und opfer darzulegen.
Worterklärung.
1. Kapitel. Der Bullerborn.
+Pump+, Teich. +Adebar+, Storch. +Wohld+, wilder, angeflogener Wald. +mülmen+, wirbeln. +Hülse+, Stechpalme. +Holder+, Hollunder. +Ortstein+, Raseneisenstein. +Dönze+, Wohn- oder Schlafstube. +Totenhuhn+, Käuzchen. +Windbrett+, Bretter, die den Dächern und Giebeln (bei diesen oft in Pferdekopfform) vorgenagelt sind, um zu verhüten, daß der Wind unter die Ziegel oder das Strohdach fährt. +Machangel+, Wacholder.
2. Kapitel. Adebarstag.
+Schlafbutze+, verschließbare Bettstatt in der Dönze. +Flett+, der Teil der Hausdiele, auf der die Herdstatt ist. +Wasserwarmbier+, Wöchnerinnen- und Krankensuppe.
3. Kapitel. Der Beifinger.
+Nägelchen+, spanischer Flieder. +Wigelwagel+, Pirol, Pfingstvogel. +Beeke+, Bach. +Rehmen+, Rauchfang über dem Herd. +Post+, ein Strauch, Myrica gale, auch Gagel genannt.
4. Kapitel. Das Hausbuch.
+Fuhre+, Föhre, Kiefer. +Fuhrentelgen+, Kiefernzweige. +Kartjen+, Kartenspielen. +Schnucke+, Haidschaf. +Beilade+, ein kleiner Kasten mit Deckel in Truhen.
5. Kapitel. Das Osterfeuer.
+Schmustern+, schmunzeln. +Jesuwundenkraut+, Schöllkraut, Chelidonium majus. +Zwille+, Astgabel. +Lüttjemagd+, Kleinmagd. +prahlen+, überlaut reden.
6. Kapitel. Im Ruhhorn.
+Burgfried+, befestigter Speicher. +Heermännken+, Wiesel. +Haidschauer+, Schuppen in der Haide. +Bracke+, lautjagender Hund. +Sandbrink+, Sandberg. +Bickbeere+, Heidelbeere. +Kronsbeere+, Preißelbeere. +Gnitte+, winzige Mücke, Gelse. +Vagelbund+, Vagabund. +weifen+, schlagen.
7. Kapitel. Die Grenze.
+Beiderwand+, derbes, eigengemachtes Zeug. +Adder+, Otter, Giftschlange (plattdeutsches Wort). +minne+, gering. +Tange+, Zange, Hundename. +Heidenbrink+, Hügel in der Heide, auf dem ein Hünengrab steht. +Fuhrendickung+, schwer zu durchdringender junger Kiefernwald.
8. Kapitel. Am Toten Ort.
+Marodebruder+, Marodör. +schlumpen+, glücken. +gnicken+, mit einem Gnickstich töten. +Markwart+, Eichelhäher. +Schmoorboden+, weicher, schwarzer Waldboden. +Schudder+, Schauer. +Celler Mascher+, Bewohner der Vorstadt an der Allermarsch bei Celle, wo früher allerlei Volk wohnte, das Zigeunerblut im Leibe hatte.
9. Kapitel. Der Blumengarten.
+hujahnen+, gähnen. +Reethalm+, Rohrhalm. +Danzeschatz+, Tanzschatz. +Fürtuch+, Schulter- oder Brusttuch. +Stegel+, Uebertritt in der Einfriedigung, +Heidbrink+, Heidberg. +Altmutter+, Großmutter.
10. Kapitel. Die Eule.
+wesen+, sein. +Trankrüsel+, Tranlampe. +hille+, eilig. +Bunter+, ein Tanz, der kein Rundtanz ist. +diesige Luft+, dicke, weiche Luft. +Morgenzeit+, erste Mahlzeit.
11. Kapitel. Der Notweg.
+Herzspann+, Magendrücken, Atemnot.
12. Kapitel. Doppelte Liebe.
+Schruthahn+, Truthahn. +Borgfarken+, männliches Ferkel. +Schatull+, Glasschrank. +Burmal+, Versammlung der Bauern.
13. Kapitel. Auf der Wildbahn.
+wahn+, sehr groß. +Hahnjökel+, Unsinn. +Pattweg+, Fußweg. +Duffsinn+, Blödsinn. +raum+, licht, lückig. +benaud+, beklommen oder verbiestert. +Wurfboden+, die Wurzelballen vom Sturm geworfener Bäume. +Wildpret+, weibliches Rotwild. +Stangenort+, jüngerer Waldbestand. +Stuken+, Baumstumpf. +Grauartsche+, Hänfling. +Buttervogel+, Schmetterling. +Kaßmännken+, Zweieinhalbgroschenstück. +Eidig+, volkstümlicher Wilddieb.
14. Kapitel. Grummet.
+Kaff+, Spreu. +Dietweg+, unbefestigter Fahrweg. +Leit+, Zügel. +Schoof+, Bund. +Fluckerhut+, Zeughaube in Helgoländerform.
15. Kapitel. Der Blaurand.
+Horüdho+, Jagdschrei. +Hatten Lena+, Herzen Lena. +Schlaf+, Schläfe.
16. Kapitel. Herzbube.
+Bewerbock+, Bekassine. +Moorochs+, Rohrdommel. +Uhlenvesper+, scherzhaft für eine mitten in der Nacht eingeschobene Mahlzeit bei Trinkgelagen. +Faulbank+, Sofa.
17. Kapitel. Die Moosbank.
+quant+, derb. +anmoorig+, mooriger Sandboden. +Bolze+, Kater. +Tüte+, Regenpfeifer.
18. Kapitel. Das Altenteil.
+Hahnenvesper+, ähnlich wie Uhlenvesper, nur gegen Morgen.
19. Kapitel. Die beiden Tauben.
+Notweg+, Totenweg. +Stößer+, Sperber.
Die an den Kapitelschlüssen stehenden Hakenkreuze finden sich in vielen Teilen der Welt, namentlich aber auch in Nord- und Mitteleuropa (hier bereits etwa seit 5000 Jahren), als mythische Zeichen an Geräten, Waffen, Felsen usw. Man sieht in ihnen Sonnen-, Feuer-, Lebens-, Fruchtbarkeitssinnbilder, Glück- und Heilbringer.
Ihre Auswahl geschah durch den Dichter in Anlehnung an den Inhalt der einzelnen Kapitel. Er folgte wohl althergebrachten oder volkstümlichen Deutungen bzw. Deutungsversuchen der verschiedenen Abarten des Hakenkreuzes (wie »Morgensonne«, »Abendsonne«, »Männlichkeit«, »Weiblichkeit«), oder aber er wurde zu dem Entschluß, ihnen den betreffenden Platz zuzuweisen, rein gefühlsmäßig durch den unmittelbaren graphischen Eindruck des jeweiligen Zeichens veranlaßt.
Bücher von Hermann Löns
aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover
Illustrierte Ausgaben
Sein letztes Lied
Eine Auswahl der schönsten Jagdgeschichten
Ausgewählt und eingeleitet von Egon Frhr. v. Rapherr. Mit über 50, darunter 20 ganzseitigen Bildern von Paul Haase. Des Buch bringt auf 300 Seiten 34 der besten Jagdskizzen des Dichters.
In Ganzleinen gebunden 8.50 Mark In Halbleder gebunden 12 Mark
Lüttjemann und Püttjerinchen
Das Buch vereinigt die schönsten Heidemärchen von Hermann Löns. 68 Originallithographien von Fritz Eggers sind mit des Dichters Meistermärchen eine untrennbare Einheit geworden. So ist ein Buch von seltener innerer und äußerer Schönheit entstanden, an dem alt und jung wirkliche Freude haben wird.
In Halbleinen gebunden 5.-- Mark
Eulenspiegeleien
Eingeleitet und herausgegeben von Traugott Pilf
Eine Sammlung von 28 in Faksimile wiedergegebenen Postkarten mit Versen und farbigen Zeichnungen von Hermann Löns, der vielfach etwas Eulenspiegelhaftes im besten Sinne an sich hatte. Wie dem echten Till Eulenspiegel fehlt auch ihm niemals die Innerlichkeit des tiefen Gemütes, und so versteckt sich der Schmerz hinter dem Spott und die Weichheit hinter einem scheinbar harten Scherz.
Goldhals
Ein Tierbuch
Aus Wald und Heide
Geschichten und Schilderungen
Diese beiden für die Jugend zusammengestellten Bände bringen eine Auswahl der schönsten Tier- und Naturschilderungen aus den Werken des Dichters und sind mit je 8 farbigen Vollbildern von Paul Haase und Erich Fricke geschmückt. Die Bücher sind besonders zu Geschenkzwecken geeignet.
In Halbleinen gebunden je 5 Mark
Von beiden Bänden gibt es eine kleine Ausgabe mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die kartoniert 1.20 Mark kostet.
Bücher von Hermann Löns
aus dem Verlage von Adolf Sponholtz G. m. b. H., Hannover
Mümmelmann Ein Tierbuch Widu Ein neues Tierbuch Mein braunes Buch Haidbilder Haidbilder Neue Folge von »Mein braunes Buch« Da draußen vor dem Tore Heimatliche Naturbilder Mein buntes Buch Naturschilderungen Der zweckmäßige Meyer Ein schnurriges Buch Auf der Wildbahn Jagdschilderungen Kraut und Lot Ein Buch für Heger und Jäger Ho Rüd' hoh Jagderlebnisse Mein blaues Buch Balladen und Romanzen Dahinten in der Heide Roman Die Häuser von Ohlenhof Der Roman eines Dorfes
In Ganzleinen gebunden 5.50 Mark
Der letzte Hansbur Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
In Ganzleinen gebunden 6.50 Mark
Mein niedersächsisches Skizzenbuch Aus dem Nachlaß
In Ganzleinen 7 Mark, in Halbleder 9.50 Mark
Gedanken und Gestalten Aus dem Nachlaß Für Sippe und Sitte Aus dem Nachlaß
Jeder Band in Ganzleinen gebunden 4.50 Mark
Preisänderungen vorbehalten
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere auch der großen Umlaute, wurden beibehalten.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 31: elifen → eilfen Er hatte {eilfen} Finger
S. 45: lachen → Lachen und es war rein zum {Lachen}
S. 49: Gnitte → Gnitten trotz der Mücken und {Gnitten}
S. 62: sie → Sie daß {Sie} gestern meinen Bengel beherbergt
S. 79: Fleet → Flett fand er im {Flett} ein Mädchen vor
S. 112: steichelte → streichelte Göde {streichelte} ihre Hand
S. 135: ganz sich → sich ganz Durtjen huschelte {sich ganz} fest an ihn
S. 150: alle → all Seitdem wurde er da {all} sein Wild los
S. 161: Helloh → Hehlloh im {Hehlloh} dicht am Königlichen
S. 191: Fleet → Flett ganz allein mit Anna auf dem {Flett}
S. 201: ihn → ihm und sich dicht bei {ihm} zu stellen
S. 219: Reth → Reet um den altes {Reet} stand
S. 244: Vetta → Detta als auch {Detta} wieder in der Sonne
S. 288: Beverbock → Bewerbock +{Bewerbock}+, Bekassine.