Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide

Part 8

Chapter 84,193 wordsPublic domain

Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber als sie nicht mehr da war, merkte er doch, daß sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte.

Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn Detta, die sich um ihre Mutter sehr grämte, machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie schließlich zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen große Stücke hielt.

Sophie aber kam bald über den Tod der Mutter weg; sie ging dem Vater überall zur Hand und konnte so besinnlich über das, was sie in den landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, reden, daß er sich abends keinmal mehr allein vorkam.

Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen Verein, nahm er sie immer mit, und es war ein harter Schlag für ihn, als sie sagte, sie wolle gern eine Zeit auf ein großes Gut gehen, um mehr zu lernen.

Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen seinen eigenen Weg ging, denn sie war die erste Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter lernte, als sie schon aus der Schule war. Und da Detta jetzt wieder im Hause war und er viel um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin.

Als er zum ersten Male wieder mit den beiden Mädchen zur Kirche fuhr, war er ganz stolz, so glatt sahen sie aus, eine ganz anders als die andere und beide doch so, daß die jungen Leute mehr nach der Hansburbank als nach der Kanzel sahen; und wenn sie abends zusammen in der Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, dann ging ihm nichts ab.

Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste der Vorsteher zu ihm sagte: »Hansbur, den Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, werden sie bald genug beschrieen sein. Und in die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.«

Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, die sich besser auf ihn verstand, wenn auch Sophie mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was hast du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.«

Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden sollte, wenn die Mädchen heirateten. Wenn auch Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt, denn dann kam doch ihr Mann in erster Reihe.

Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit sich herum; am Sonntag aber sattelte er den Rappen und ritt nach dem Mittag los.

Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen konnte; die Haide war abgeblüht und sah aus, als ob Silber darauf lag. Die Birken waren über und über gelb und brannten in der Sonne wie Flammen und der Altweibersommer hing in allen Fuhrenzweigen.

Der erste Mensch, der ihm in der hohen Haide in die Möte kam, war die Jungmagd vom Voßhofe, ein Mädchen so schier und eben, daß ihm das Herz im Leibe lachte. »Das ist ein guter Vorspuk,« dachte er und rief ihr ein lustiges Wort zu.

Als er über den Knüppeldamm ritt, standen an die hundert Störche im Bruche: »Auch nicht schlecht!« dachte er wieder.

In den Wiesen sah er einen Hasen von links nach rechts laufen. »Heute geht nichts verkehrt,« sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg entlang, daß es nur so mülmte, und als drei Handwerksburschen ihn um einen Zehrpfennig angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden.

Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe ankam. Der Hof sah schnicker und ordentlich aus. Ueber der Einfahrt war ein Spruchbrett und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« und auf dem Torbalken war zu lesen: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf der Deele wurde ein geistliches Lied gesungen.

Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das Singen auf und der Diesbauer ging auf ihn zu. Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, und obzwar er damals selber kein leeres und kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer mochte er darum doch nicht leiden. Dieser Mann hier aber war ein anderer geworden.

Es wurde erst über das Wetter und die Ernte geschnackt, und dann sagte Hehlmann, er müßte Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er ganz vergessen, daß sie von seinem Vater in dem Testamente mit einer Stiftung bedacht war, und davon wollte er ihr die Abschrift bringen.

»Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, »sie ist nach Brinkmanns gegangen; da ist die Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht sie sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen Bett und Stuhl herum.«

Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß ein Werkzeug des Herrn; ihm allein gebührt der Dank.«

Hehlmann fragte, wann sie zurückkommen wollte, und als er hörte, daß das nicht bestimmt wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr entgegen.

Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm das Herz schwer; Jahre lagen jetzt zwischen ihnen. Mai war es, als er sie im Grasgarten in den Arm nahm, und die weißen Lilien blühten, und jetzt waren die Krammetsvögel in den Ebereschen zu Gange.

Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es hatte ihm nicht viel Gutes gebracht und wer weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen freiten wohl bald; dann war er allein und ging als alter Mann auf dem Hofe herum und war jedem im Wege.

Er ließ den Kopf hängen und ging langsam den anmoorigen Weg fürbaß und riß in Gedanken den Windhalmen die Köpfe ab.

So tief war er in Gedanken, daß er sich ganz mächtig verjagte, als vor ihm jemand seinen Namen rief.

Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, steckte sich aber rot an, wie ein junges Mädchen und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du bloß auf einmal her?« und dann wurde sie ganz weiß im Gesicht.

Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. »Meine Meta,« rief er und nahm sie um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. Da faßte er sie um und führte sie unter eine krause Fuhre am Grabenbord, unter der sich die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten.

Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; dann trocknete sie sich die Augen: »Ich habe mich zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach dem Dieshofe?«

Er sah sie so lange an, bis sie über und über rot wurde: »Du hast dich gut gehalten, Meta, bloß daß du früher dünner warst.«

Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch kein eines graues Haar, Göde, und die zwei Wirbel hast du immer noch.«

»Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz so wie früher, trotz der vielen Arbeit.«

»Und deine, Göde, die sind noch immer, wie zwei Haidbrinke,« sagte sie und lachte dabei.

»Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist wie ein Kalb gegen die Kuh,« und dann lachten sie beide, denn sie dachten an den Tag im Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf ihrem Kleiderrocke lag.

Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war nun schon so lange her und was lag da nicht alles dazwischen.

Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er seufzte auf und sah über die Buchweizenstoppel, die ganz rot aussah in der Sonne.

Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den Mund und hinter den Augen hatte sie Falten und unter der Haube sah man ein paar graue Haare. Aber wenn sie auch noch mehr Falten und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte, es war seine Meta mit den treuen Augen und dem schönen Mund und den guten Händen.

Er holte das Papier aus der Tasche und hielt es ihr hin: »Da hatte ich ganz auf vergessen, Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten Willen aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für dich immer eine Stätte ist, wenn es dir wo anders nicht mehr paßt.«

Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, hier habe ich es ganz gut.«

»Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast mich nicht nötig, aber ich habe dich nötig. Wie lange wird es dauern, und die Mädchen freien, und dann habe ich wieder keinen Menschen, wie so viele Jahre.«

Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so ist, Göde, mich brauchen sie auf dem Dieshofe nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe ziehen.«

Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß es sie schüttelte, denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, um den einen Mann zu sein, dem ihr Herz von Anbeginn gehört hatte, oder war es schrecklich, da Wirtschafterin zu sein, wo sie von rechtswegen als Bäuerin hingehört hätte.

»Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, »Meta, glaubst du denn, ich wäre so ein grundschlechter Kerl, daß ich dich bloß für meine Bequemlichkeit haben wollte? Ich habe die ganzen Jahre an dich gedacht, wo ich ging und stand, und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein, Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz anders.«

»So alt sind wir beide noch nicht, und wenn auch, wir sind regelrecht versprochen gewesen und du sollst meine Frau werden, denn so haben wir es uns gelobt.«

Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen liefen ihm über das Gesicht: »Göde, o Gott, Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen Tag wäre!«

Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie fest an sich und mußte auch weinen.

»Nu kiek einer an! Hat man so was schon belebt,« schrie es hinter ihnen. »Wir warten und warten, aber keine Meta und kein Hansbur will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta, schon so alt und noch so leichtsinnig, und Hansbur, redet lang und breit von Erbschaftssachen und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, daß unser alter Bolze Junge kriegt!«

»Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn dann könntet ihr was gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit und weltlicher Fleischeslust und dem Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt und es ist lange Vesperzeit. Ich will man schon vorlaufen.«

Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und Meta aber hatten den Sturm hinter sich; er hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf gegen seine Schulter, und ihre rechte Hand war in seiner linken.

So gingen sie langsam durch die hohen Fuhren, und es war ihnen, als wenn es Mai war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich.

Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg standen und sich abküßten, sahen ihnen verwundert nach, aber keins lachte, denn der Mann und die Frau sahen aus, als wenn sie geradewegs aus dem Paradiese kamen.

Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur nach Hause ritt; die Krammetsvögel zogen und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer.

Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu viel Frieden war in ihm.

Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die Mädchen hinter ihm her:

Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen, Zu dem Tore reit ich hinaus, Schatz, du bleibst mir auserkoren, Bis ich wieder komm nach Haus.

Das Altenteil.

Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen in die Dönze: »Detta und Sophie,« sagte er und legte ihnen die Hände auf die Schultern, »was ich euch jetzt sage, wird euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien und dann zieht eine von euch weg von hier und die andere hat ihren Mann.

Bevor ich eure selige Mutter kannte, war ich mit einer anderen versprochen. Wie es kam, daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern war ich bei ihr und in vier Wochen wird sie meine Frau.«

Er wartete einen Augenblick und sah aus dem Fenster, dann machte er es auf und rief hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die Schweine laufen ansonsten in den Blumengarten!« Dann ging er aus der Dönze.

Die Mädchen standen da und sagten nichts. Zuletzt fing Sophie an zu weinen: »Es ist eine Schande.«

Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins Wort: »Ja, das ist es, daß du gegen unseren Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was Vater tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.«

Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als das Aufgebot erfolgte und es gab viel Kopfschütteln und Gerede nach der Kirche. Als abends im Alten Kruge der Sägemüller seine Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und da lachte alles, aber nicht über den Hansbur.

Der ließ sich wenig sehen und als er einmal in das Dorf kam und der Vorsteher ihm zu verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß er noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein guter Rat ist des anderen wert; paß' auf: behalte deine Meinung für dich, Burvogt, und wenn du das nicht aushalten kannst, so berede dich mit deiner Frau im Bette. Und wenn ich dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage genug danach.«

Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen und so getan, als wenn er bloß Spaß gemacht hätte und sich lang und breit entschuldigen wollen, aber der andere sagte: »Ja, sagte der Zaunigel, so bin ich nun mal: warum setzt du dich gerade auf mich?«

Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit wäre paßlicher, aber Hehlmann hatte gesagt: »Nix da! Brauchen wir uns denn was zu schämen? Wenn der Hansbur freit, soll man es zehn Meilen in die Runde hören.«

So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei Hof rund, und an die aus der Bekanntschaft, die zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und es wurde eine Hochzeit, wie man sie lange nicht belebt hatte, denn der ganze Vorstand von dem landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren Frauen, so daß es alles in allem an die dreihundert Menschen waren; und Vodegel saß allein im Kruge und ärgerte sich, denn er hatte nicht angenommen.

Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine großmächtige silberne Bowle mit einem Schilde und darauf war zu lesen, daß die der landwirtschaftliche Verein in Dankbarkeit seinem lieben zweiten Vorsitzenden zu seinem Ehrentage geschenkt hatte.

Als das Essen meist zu Ende war, stand der Ehrenvorsitzende des Vereins, der Graf Kettenburg, auf und alle Augen wurden rund, als er eine schöne Rede hielt und zum Schluß im Namen des Königs dem Bräutigam einen Orden überreichte wegen seiner Verdienste um die Landwirtschaft, und als er zu der Braut ging, und ihr die Hand drückte, da sagte sich Meta, daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren gut machte.

Wer sich aber am meisten freute, das war Durtjen; die saß auf ihrem Stuhle und weinte und aß abwechselnd, und ihr Hermen bekam es mit der Angst, denn daß seine Frau das Weinen kriegte, das hatte er noch nie belebt.

Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta gestellt und Sophie hatte die silberne Bowle und die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr in die Augen gestochen, als daß sie noch länger die Kalte spielen konnte, zumal der Bäuerin die Gutherzigkeit aus den Augen sah.

Außerdem war die Hochzeit für sie selber auch wichtig, denn beim Essen hatte der Sekretär des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen, und einen so klugen und lustigen Mann hatte sie ihren Tag noch nicht kennen gelernt und noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können.

Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll und zu heiß war, gingen sie in den Hof und vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten in die Haide und hinterher wußte Sophie gar nicht, was sie von sich denken sollte, denn sie hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen und nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder geküßt und auch nicht bloß einmal.

Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom Hofe fuhr, da winkte sie ihm aus ihrer Dönze nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins Bett und nahm sie in den Arm und weinte ganz gottsjämmerlich und sagte, sie sei ein schlechtes Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut und so schön anzusehen.

Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der drei Tage anhielt, denn da kam ein Brief und nun war alles gut und sie lachte und sang den ganzen Tag und war zu ihrer Stiefmutter der reine Honig, so daß Hehlmann den Kopf schüttelte und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie Hermen es machte, wenn seine Frau verlangte, daß er lachen sollte.

Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie ihrem Vater in den Versuchsgarten nach und sagte: »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich muß heiraten!«

Der Bauer machte runde Augen und lachte: »Du mußt? Ich denke, ich habe eine feine Dame zur Tochter und nun freit sie ganz nach der alten Art! Bis wann mußt du denn freien?«

Sophie trampte auf und gab ihrem Vater einen Schlag auf den Arm: »So ist das nicht, bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid weißt: der Sekretär Sunder und ich, wir sind uns einig und da haben wir uns das so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten zu der Schreiberei. Nun liegt am Toten Ort doch die alte Mühle. Beckmann will gern verkaufen; er ist zu alt und Kundschaft hat er kaum mehr. Ich habe die Mühle und das nötige Land schon an die Hand gekauft.«

Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte aber: »Man weiter!« und Sophie fuhr fort: »Der Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Beeke erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die Wittbeeke und dann ist allerhand Boden da, warmer und frischer, leichter und besserer. Nun haben wir uns das überlegt, daß wir einen besseren Platz gar nicht bekommen für das, was wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft haben, in der Hauptsache aber Fische, Geflügel, Obst und Gemüse ziehen, alles nur beste Sorten.«

»Karl«, sie wurde rot und Hehlmann lachte, »Herr Sunder sagt, in zwei Jahren spätestens bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir aus dem ersten Bröddel heraus. Wir wollen ganz langsam anfangen; die Brut- und Zuchtanlagen sollen erst aus lauter alten Brettern gemacht werden. Karl kriegt das alles billig.«

»Einrichten tun wir uns erst ganz klein, denn unser Geld brauchen wir für die Wirtschaft. So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt er noch etwas dazu.«

Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine Puppe gegen ihn war, um und kniff sie in die Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: dumm bist du nicht. Und der Karl Sunder ist mir auch nach der Mütze. Ich habe seinen Vater gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter Mann und hat aus der alten Klippmühle, die er von seinem Vater hatte, etwas gemacht, trotzdem daß er vier Geschwister abzufinden hatte.«

»Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen habe, denn ihr wollt womöglich schon morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir mit der? Die können wir doch nicht so lange in den Backofen schieben? Na, dann schreibe man deinem Karl, er soll so bald wie möglich kommen, daß wir alles in die Reihe bringen.«

Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er kommt heute Nachmittag schon.« Der Vater sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr habt 'n guten Schritt am Leibe; für euch brauch ich nicht bange zu sein.«

Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf den Hof. Als Detta sah, wer darin war, bekam sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze.

»Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, als er sah, wer der Besuch war. Es war der Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch, einer der besten Züchter im Lande, mit dem Hehlmann gut bekannt war.

Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, der ebenso lang und ebenso ruhig war, wie der Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt.

Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer zu seinem Sohn: »Wenn alles glatt geht, kommst du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon den Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger Kerl!«

Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht, dann kann aus der Freierei vorläufig nichts werden.«

Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur gefiel der Freier, zumal Detta ihm sagte, einen anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn abgemacht, daß der junge Ehemann über den Hof und alles Land, was unter dem Pfluge war oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben sollte; das Unland aber behielt Hehlmann sich vor.

Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit gefeiert; Mönchmeyer, jetzt Hehlmann genannt, trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne in die alte Mühle und der Altvater Hehlmann und Meta richteten sich das Altenteilerhaus ein.

Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten genug zu tun, zumal Hehlmann ein Stück Haide nach dem anderen anforstete und Meta bald auf dem Hofe und in der Mühle Großmutter spielen mußte. Als sechs Jahre hin waren, da war sie sechsfache Großmutter.

Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch Hehlmann war nicht mehr so blond wie vordem, aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd sagte zu ihrem Hinnerk: »Junge, wenn du mal so alt bist, wie unser Altvater, ich möchte bloß wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie er sich mit seiner Meta. Erst dacht' ich, ich sollt' darüber lachen, aber wenn ich denke, wie andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn sie alt sind, dann bedünkt mich, so ist es doch besser.«

Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie die Forke wieder zur Hand und warf weiter Mist aus und sang dabei das Lied von dem roten Husaren, der sein Liebchen bis über den Tod hinaus liebt.

Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde Meta krank; sie hatte sich schwer erkältet und wollte sich gar nicht wieder herausmachen. Sie behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf den Füßen und die Besinnung ließ zu Zeiten bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe gelebt hatte. Aber sie war glücklich, vorzüglich, wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im Arm hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst nicht warm wurde.

Gegen den Sommer wurde es besser mit ihr, so daß sie im Hause hin- und hergehen und Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; des Abends aber kamen ihr meist die Gedanken durcheinander und dann hatte sie sich, als wenn sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn er sie zu Bett brachte, lachte sie vor sich hin und sagte: »Nicht so laut, die andern brauchen da nichts von zu wissen.«

Als die Birken gelb werden wollten, kam Göde eines Abends nach Hause und fror; er hatte sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und in der Haide wehte eine scharfe Luft. Am anderen Tage ging es ihm sehr schlecht und als es am dritten Tage nicht besser mit ihm werden wollte, wurde nach dem Doktor geschickt.

Der machte eine krause Stirn und als er an dem Kranken herumgehorcht hatte, sagte er: »Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir ihn nicht durch; er hat eine ganz gefährliche Lungenentzündung.«

Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr Mann krank war, auf einmal ganz gesund wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen.

»Heute ist mir besser, Meta,« sagte der Kranke am sechsten Morgen. »Wir haben doch noch schöne Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine Hände, die ganz mager geworden waren in den Tagen, drückten ihren Kopf an seine Brust.

»Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er dann und ihr war, als wenn er sie küssen wollte. Aber er schlief schon wieder ein.

Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, lag er tot im Bette und hatte ein freundliches Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl neben dem Ofen und schlief vor Schwäche.

Die Bäuerin schlug die Schürze vor das Gesicht und ging schnell über die Deele und winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen aufhören, denn sie sang wieder:

Es war einmal ein roter Husar, Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr, Die Liebe nahm kein Ende mehr.

Die beiden Tauben.

Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen bestimmt, daß er ganz nach der alten Art begraben werden wolle, denn damals war schon die Mode aufgekommen, daß schwarz getrauert wurde.

Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, auch wollte er keinen hohen Sarg haben und keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein Pfahl und kein Kreuz zu stehen kommen.

Er wurde in das Notlaken eingenäht, das Meta aus selbstgesponnenem Flachse gewebt und genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen an den Sterbekittel und zog ihm die weiße Sonntagszipfelmütze über.

Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der Deele und war mit dem Leichlaken zugedeckt, und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei alte hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier springende Pferde waren.

Rechts von der großen Türe hingen die beiden Seelenlaken an der Wand herunter, damit, wenn der Tote noch einmal zurückkäme, er doch einen Platz für sich fände.

Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause die Fenster der Schlafdönze nicht offen standen und daß das Bettstroh, auf dem der Altvater gestorben war, bis auf eine Hand voll verbrannt wurde, und daß der Backenstuhl, in dem der Alte neben dem Ofen gesessen hatte, umgestoßen wurde.