Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
Part 7
Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, um die Todestage der Eltern, seinen Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben; jetzt las er es von oben bis unten und immer mehr wurde es ihm sichtbar, daß er auf dem besten Wege war, einer von denen zu werden, deren Namen in dem Buche nicht mit Ehren genannt werden konnten.
Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 durch den Branntwein zum Mörder geworden war und dem der Henker den Kopf abgeschlagen hatte; er stellte sich vor, wie es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe ausgesehen habe, und er machte einen neuen Strich in sein Leben.
Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe war, hatte er stand gehalten, und wenn ihm auch noch so blanke Augen gemacht wurden; und so wollte er es hinfort auch mit dem Schnaps halten.
Herzbube.
Leicht wurde ihm das nicht und zu Zeiten meinte er, er müßte verrückt werden, oder etwas Schlimmes anstellen, wenn er sich nicht ab und an volltrinken könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem Leibe, die erst wegging, wenn er in lustiger Gesellschaft war.
Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn Gewitterluft war oder das Wetter umschlagen wollte oder Vollmond war; dann hatte er dunkle Augen und einen unruhigen Blick und konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was sonst nicht seine Art war.
Dann sagte er, er habe Geschäfte und ritt fort, und wenn er im Galopp über die Haide ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, was er damals bei der Verlobungsfeier in Hohenholte über sich gehört hatte.
Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, und als er hinter der Hagebuchenhecke stand und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß die Herren über ihn redeten.
»Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister gesagt; »aber glücklich ist er nicht. Der müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen kann.«
»Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, als ob man einen von den alten Longobarden sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, sich die Lappen und Eskimos ansahen, die hier herumkrebsten, und sagten: ›So, nun willt wi erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen Betrieb infoihren!‹ Er hat das Zeug zu einem Eroberer in sich.«
Es ist wahr, dachte er, als er so über die Haide ritt; Tag für Tag dasselbe, heute säen, morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er nur einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, wie ihm um das Herz war.
An Meta dachte er nicht; das war lange vorbei. Zum Piewittskruge ging er nicht; da wollte der Mann sein Geld und die Frau, die war hübsch, aber schlecht und dabei dumm. Takelzeug war es.
Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht gewesen, aber der hatte doch Verstand für ihn gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte die jetzt sein? Wenn er an den Morgen dachte, als er ihr im Stall sagte, sie müsse vom Hofe, dann tat ihm das Herz weh.
Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, einen Menschen treu wie Gold, und er hatte ihn fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand er da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den die anderen vom Rudel abgeschlagen haben.
Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte sich in die Bügel und sah über das Bruch, das von dem blühenden Post rot und gelb war. Ihm war, als müsse er da einen Feind sehen und ihn über den Haufen reiten.
Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog in den Kösterdamm ein, der in die Mordhaide führte; da war es kahl und leer wie in einer Bettlerhand. Er gab dem Fuchs die Eisen und der ging in voller Fahrt erst über das blanke Haidfeld und dann durch die Machangeln, die vor den Bruchwiesen standen.
Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte und ging zurück. Er gab ihm ein über das andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der Fuchs den Kanal, sprang aber zu kurz, trat mit den Hinterfüßen in das Wasser und warf den Bauern über sich fort.
Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß das Pferd das Gesicht hatte, was sie annehmen, wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich aus. Es lag mit dem Hinterleibe im Kanal, schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke und schrie.
Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut war und als er näher ging, fand er, daß der Fuchs sich einen Pfahl, um den altes Reet stand, tief in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, wenn er schnob, flog ihm das Blut hellrot aus Maul und Nase.
Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen war. Er faßte nach der Hosennaht, aber er hatte das große Messer nicht bei sich und das Klappmesser dünkte ihm zu klein.
Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, wie der Fuchs sich zu Tode quälte. Er überlegte einen Augenblick, dann trat er dicht hinter das Tier, holte aus und schlug es mit der vollen Faust gegen den linken Schlaf, und so wie der Schlag gefallen war, ließ es den Kopf hängen.
Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als müsse er sich über seine Kraft freuen. Dann nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs die Schlagader am Halse durch und blieb so lange dabei stehen, bis er abgeblutet war.
Einen Augenblick schämte er sich; er hatte das schöne Tier unnütz in den Tod gejagt. Aber dann bekam er blanke Augen; es war doch einmal etwas anderes, und wie er so dastand und das tote Tier ansah, das halb auf dem Ufer und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, wenn der Himmel über dem Walde rot wird, langsam über das Schlachtfeld zu reiten und auf die hinzusehen, die steif und kalt neben ihren toten Pferden lagen.
Das war denn doch noch ein Leben; wenn man auch selbst dabei vor die Hunde ging, das machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte auch so gedacht. Der alte Pastor war beinahe umgefallen, als er Wolf fragte: »Was ist ein seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet hatte: »Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, und Salve über dem Grabe.«
Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch anders als er sich das dachte, aber eine Salve nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner jungen Frau auf sein Totenhemd; nun lag er in der Erde und fror, weil die Tränen nicht trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm und steif über den Hof und konnte nicht mehr lachen.
Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann warf den Kopf in den Nacken: was man belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur etwas belebt. Und er wollte etwas beleben, koste es, was es wolle.
Miken war jetzt wieder in Celle; der rote Schmidt hatte sie da getroffen. Er hatte Lusten, sie einmal wieder lachen zu hören. War es auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man bei ihr nicht sein.
Hehlmann überlegte. Von hier bis zum Piewittskruge war es eine kleine Viertelstunde. Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn nach Celle fahren und auf dem Hehlenhofe Bescheid sagen lassen.
Mit großen Schritten ging er durch das Bruch; die Postbüsche sahen in der Abendsonne so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf und ab und schrieen, in der Luft waren der Bewerbock zu Gange und die Birkhähne balzten, daß es eine Art hatte.
Rund und rot kam der Mond hinter der Wohld in die Höhe; Hehlmann meinte, so groß und rot hätte er ihn noch kein Mal gesehen. Die Enten strichen hin und her, die Rehe standen im Nebel, und in der hohlen Grund rief der Moorochs.
Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein schwarzer Strich und darunter noch einer, und auf einmal waren es zwei Augen und Nase und Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das lachte. »Das sieht ja putzwunderlich aus,« dachte er und dann trat er über die Straße und stieß die Türe zum Piewittskruge auf.
Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war da und der wilde Meyer und Pohlmann und Schwen und Scheele und Drewes und Lühner auch. Sie saßen um den runden Tisch, tranken Wein und spielten Karten.
Die Krugwirtin machte blanke Augen, als der Hansbur eintrat. Sie rückte ihm den großen Stuhl hin und daneben noch einen für ihre Nichte, ein hübsches Mädchen mit grallen Augen.
Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in seinem Fahrwasser; er bestellte vom besten, was im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie große Männer spielen und nicht um Bohnen und Pfennige!«
»Das soll ein Wort sein,« rief der wilde Meyer, und das Spiel ging los. Als sie eine Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein ganzes Geld los. Er hatte viel getrunken, denn die Aufregung mit dem Pferd und das schnelle Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er dem Wirt, der auf einen Augenblick in die Stube kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib mal 'ne Hand voll Taler her!«
Das tat der liebendgern, denn es war eine Ewigkeit her, daß der Hansbur sich dort hatte sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er ihm gefällig sein konnte.
Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; Hehlmann aß, wie er lange nicht gegessen hatte. Da die Wurst scharf und der Käse alt war, so trank er tüchtig dabei und es dauerte nicht lange, da hatte er die Alma auf dem Schoße sitzen.
Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar sie noch jung war, verstand sie doch schon gut mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur ganz vergaß, daß er nach Celle zu Miken fahren wollte. Er nannte sie seine Coeurmadam und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als er ihr ins Ohr flüsterte: »Wenn die anderen man erst weg wären.«
Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, aber sie gingen erst, als er auch das Geld, das er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, und da saß er denn mit der Alma auf der Faulbank, bis die Frau in den Keller ging, um Wein zu holen.
Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, plinkte sie ihrer Nichte zu, und die verstand und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis eine Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand.
Als Hehlmann einige Tage später zum Piewittskruge ging, um seine Zeche glatt zu machen, die alles in allem so fünfzig Taler ausmachte, gefiel ihm die Alma kein bißchen mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb darum auch nicht lange und ließ sich nicht wieder sehen.
Er hatte sich den anderen Tag weiter keine Gedanken gemacht, wie damals, als er Vodegel den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, denn er sagte sich: Geschehen ist geschehen! Aber er sagte sich auch, daß er bei den Leuten keine Achtung mehr haben würde, wenn es herumkäme, wie er es getrieben hätte.
Als seine zweite Tochter ihn eines Abends in den Arm nahm und ihm einen Kuß gab, da fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das Frauenzimmer im Piewittskruge geküßt hatte und die Wirtin auch; und die waren für jeden da, der Geld auf den Tisch warf.
So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß in den Krug zu setzen und hielt Wort.
Das wurde ihm nicht schwer, denn eines Abends kam der wilde Meyer zu ihm und sah ganz begossen aus; über den Piewittskrug war ein Donnerwetter heruntergegangen; der Krüger war wegen Hehlerei und wegen Duldens von Glücksspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei nach Celle gebracht.
Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf dem Leibe, daß er als Zeuge vor Gericht müsse.
Acht Tage später kam ein Mann auf den Hehlenhof und wollte den Bauern sprechen; da er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz nach. Es war Almas Vater; er war Lohndiener in der Stadt und sah wie nichts Gutes aus.
Er redete erst lange hin und her und das Ende vom Liede war, daß der Bauer noch einmal fünfzig Taler herausrücken mußte, denn wie der Kerl, der sich groß beleidigt anstellte, sagte, war seine Tochter noch keine sechzehn alt und unbescholten.
Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was er getan hatte, und eigentlich nicht wußte, was Reue war, machte hinter dem Manne ein Gesicht, als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war ebenso scheußlich zumute wie damals, als er mit Tönnes und Hein Gird im Ruhhorn Fische gestohlen hatte und die beiden auf die lange Bank mußten.
Noch dümmer aber kam er sich vor, als er nach der Gerichtsverhandlung, in der der Piewittskrüger zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, daß die Alma erstens über achtzehn Jahre alt war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den roten Schmidt und nicht minder Scheele und Drewes ebenso geleimt hatte wie ihn, und er dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt geblieben war, Zeuge spielen zu müssen.
Als er hinterher eines Abends in Celle aus dem Ratskeller kam, wo er mit dem Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken daherkommen.
Sie war in Sammet und Seide und sah noch viel schöner aus als früher, aber er trat schnell hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser Sorte Weibervolk.
Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote Schmidt, daß er das Mädchen in Hamburg gesehen hatte; wie der halbe Tod hatte sie ausgesehen und ihn um Gottes willen um einen Taler angesprochen, weil sie am Verhungern war.
Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze war, schüttelte sich und sagte: »Ich gab ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr lange machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, und wenn sie hustete, kam ihr das helle Blut in den Mund.«
Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf einmal kein Bier mehr. Er sah sie vor sich, wie sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war Tanz gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, und sie hatte mit ihrer lustigen Stimme durch die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen an zu schrecken fingen.
Was konnte sie küssen und lachen und wählig sein! Und nun war sie elendiglich zugrunde gegangen.
Ihm wurde erbärmlich zumute.
Die Moosbank.
Das elendigliche Ende Mikens gab dem Bauern viel zu denken; sein Herz hatte er nicht an sie gehängt, aber es lief ihm kalt über, wenn er daran dachte, wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er einmal über die Haide ging und eine Schnucke husten hörte, schudderte es ihn.
In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener werden und in einem Falle ein Urteil abgeben, das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter von dem Halbmeier Scheele, mit dem er so manches Mal bei Bier und Karten lustig gewesen war, saß auf der Armensünderbank; er war durch das Kartjen in Bedrängnis gekommen und hatte einen Meineid geschworen. Er wurde schuldig gesprochen und erhängte sich in der Nacht darauf.
Das ging Hehlmann nahe, aber noch schlimmer traf ihn die Rede, die der Staatsanwalt gehalten hatte, denn der hatte gesagt: »Leider können wir die Hauptschuldigen nicht fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes Leben schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben verführt und ins Unglück gebracht haben.«
Das ging auf den wilden Meyer und den roten Schmidt. Mit einem Schlage standen die beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich hielt, ging ihnen aus dem Wege.
Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt Recht geben. Daß er damals Vodegel das Glas in die Zähne schlug und hinterher Hand an sich legte, und daß er wegen des liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in den Mund der Leute gekommen war, die beiden hatten die mehrste Schuld daran.
Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor Heuer, der ihn ab und an besuchte. Der Mann gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine Mördergrube machte. Als er sich einmal den Hansburhof angesehen hatte, meinte er: »Hehlmann, Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da hatte der Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: »Was hilft mir der ganze Kram, wo ich keinen Hoferben habe!«
Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; so etwas war dem Bauern noch keinmal vorgekommen, seitdem er kein Junge mehr war.
Ein Wort war es besonders, das ihm zu denken gab: »Ein Mann wie Sie nimmt sein Leben fest in die Hand, mag da kommen, was da will.«
Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei gesunde Töchter haben Sie! Und ich? Mein gesundes Kind wurde mir genommen, das krüpplige blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? Man muß nicht an das denken, was man wünscht, sondern an das, was man hat. Sie sind doch kein Schwächling! Jedem kann es der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, was man hat.«
Mit dem Pastor kam er von da ab öfter zusammen; der baute nicht, wie der alte Pastor, eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, sondern hielt freundschaftlichen Verkehr mit den Bauern. Obzwar sie erst den Kopf darüber schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen ließ und sein Glas Bier trank, ohne viel danach zu fragen, wer bei ihm saß, mit der Zeit leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile gut war, denn wenn der Pastor da war, ging es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb langweilig wurde, denn er war von lustigem Gemüt und es kam ihm selbst auf eine quante Redensart nicht an.
Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde Sinn für etwas anderes hatte, als bloß für Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die holte er sich so bei kleinem zusammen.
Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf gespielt; mit der Zeit blieben die Karten vom Tische, es wurde über Politik und andere Dinge geredet, und zuletzt wurde so eine Art Verein daraus, in dem der Pastor oder der neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung hatte als der alte Mackentun, der schon einige Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus den Büchern vorlas.
Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, der auf diese Art von seiner Unruhe abgelenkt wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher hatte, so lehnte Hehlmann sich Bücher über Reisen oder Kriegsgeschichten und kam dadurch über seine dummen Stunden fort.
Bislang war auf dem Hehlenhofe in der Ackerwirtschaft alles nach der alten Art gegangen und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine neue Einrichtung einführte.
Der Pastor besorgte dem Bauern auch Bücher über Landwirtschaft und Viehzucht und dadurch bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen, und auf die Art kriegte er wieder Freude an seiner Wirtschaft.
Er beschaffte sich Edelreiser und besserte seinen Baumgarten auf, bepflanzte den Mergelbrink, der sich an der Bullerbeeke entlang zog, mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, wie sie gediehen, er ging zur Gründüngung über und konnte mehr Land bestellen als mit der Stalldüngung, und schließlich ging er sogar an den künstlichen Dünger und brachte es auf geringem Boden bald zu guten Erträgen.
Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um so weniger hatte er unter der inneren Hitze zu leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den Krug trieb, spürte er kaum mehr. Er machte sich mit den Gutsbesitzern in der Umgegend und den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen allerlei ab. Bei kleinem sprach es sich rund, daß er ein Bauer war, der mit der Zeit ging, und es ging keine Woche hin, daß er nicht Besuch von Bauern oder Landwirten bekam, die sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten.
So machte es sich ganz von selbst, daß er Beisitzer im Vorstande des landwirtschaftlichen Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden hatte, ergriff er bei den Besprechungen oft das Wort und schließlich ließ er sich von dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, über seine Versuche auf der Hauptversammlung einen Vortrag zu halten.
Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte nicht, ob er imstande war, einen vernünftigen Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete ihm seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine Uebersicht auszuarbeiten und riet ihm so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so fuhr er getrost los.
Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, als er in den großen Saal kam und die vielen Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das Wort hat jetzt unser zweiter Vorsitzender, der Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,« und über vierhundert Gesichter ihn ansahen, da wünschte er, daß er ganz wo anders war, und als er aufstand, hatte er erst einen roten Kopf; aber dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine Hände auf die Lehne und fing an zu sprechen.
»Meine lieben Freunde, ich bin man ein einfacher Bauer und kann meine Worte nicht so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« fing er an, und da wurden die vielen Gesichter auf einmal lachend und das gab ihm Mut.
Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst nach der Väter Art gewirtschaftet hatte, wie ihm das langweilig geworden war, und wie er dann seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, sondern in den Büchern gelassen habe und bei kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung zu der anderen gekommen war.
Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von selber zuflogen, und alle Augenblicke klappten die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart gemacht hatte oder einen Vergleich, der zwischen seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner Birkenbaum auf brauner Haide.
Ueber eine Stunde dauerte seine Rede, ohne daß er auch nur einen Blick auf die Ausarbeitung warf, die er sich gemacht hatte, und als er mit den Worten schloß: »Wenn sich einer aus meiner Rede etwas entnehmen sollte, was ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große Freude sein,« da gab es ein solches Händeklappen und Füßegetrampel, daß die Fensterscheiben beberten.
Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand und hielt eine Rede, in der er ihm im Namen der Versammlung den Dank für den Vortrag aussprach und also schloß: »Doch das Wichtigste, was uns der Vortrag unseres Freundes gelehrt hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das alles hat er ganz aus sich selbst heraus!«
Ueber die Besprechung des Vortrages ging noch eine Stunde hin und mehrere Male mußte Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der Wirt nicht gemahnt hätte, daß das Essen fertig wäre, dann hätte man noch länger verhandelt, so viel Anregung hatte die Rede gegeben.
Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem ersten Vorsitzenden und dem Ehrenvorsitzenden Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im Trinken zurückhielt, hatte er doch bald einen roten Kopf, denn von allen Seiten wurde ihm vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich wegen der vielen Ehre freuen oder schämen sollte.
Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, wo er es heimlich mit Meta hielt, noch nicht wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam vor Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, wie es ihm gegangen war, und sie sah zu ihm auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel.
Die größte Freude aber hatte sie, als erst das Kreisblatt mit einem Bericht über die Rede und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte es ihr auf das Herz, wie wenig sie neben einen solchen Mann paßte.
Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, und weil die Sonne nun wieder durch die Hofeichen schien, gediehen die Leute, und die Frau wurde wieder meist so ansehnlich, wie sie als Mädchen gewesen war, als sie sich noch um die Mannsleute Mühe gab.
Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen die Leute nicht mehr von ihm zu ihr und meinten: »Na, er ist da auch man so dran hängen geblieben.« Auch bei den Mädchen war sie in Ansehen gekommen, seitdem sie das Schimpfen aufgegeben hatte.
Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine Zufriedenheit fand, gewöhnte er sich auch mehr an die Kinder heran, auf die er früher wenig acht gegeben hatte.
Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter schlachtete, hatte an Hausarbeit und Blumen Freude.
Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von Mutterseite artete, war mehr für den Gemüsegarten und das Federvieh.
Die eine freute sich über alles, was glatt und hübsch war, die andere hatte ihre Freude an dem, das etwas einbrachte.
Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta war ein Mutterkind, Sophie hing sich an den Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie an den Masern zu liegen kam.
Kaum war sie wieder auf den Füßen, da legte sich die älteste und die Bäuerin kam durch das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und als auch Detta wieder in der Sonne sitzen konnte, mußte sich die Bäuerin legen, denn sie hatte sich angesteckt.
Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß der Doktor jeden Tag kommen mußte, aber er konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde.
Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal klar im Kopfe, sah den Bauern freundlich an und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte.