Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
Part 6
»Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt der ältere Mann an, »da hatten wir hier einen Förster, der wurde der schwarze Schmidt genannt, weil er einen Bart hatte wie Pech. Das war auch so einer. Er hielt sich immer für sich, und man sah ihn nicht kommen, noch gehen. Wie manches Mal habe ich mich verjagt, wenn er wie aus der Erde gewachsen da stand.«
Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen Schluck und fing wieder an: »Damals ist ein Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen. Kröger hieß der eine und der andere, wie hieß der doch? Timmermann, glaub' ich. Das waren beide Freischützen. Man hat da nichts wieder von gehört. Was unser Vater war, der sagte: Der Förster hätte sie totgeschossen und ausgezogen und in den dichten Busch geschleppt, für die wilden Schweine, und die lassen nichts von übrig, als die großen Knochen. So wird es mit Kordesklas auch sein.«
Hehlmann schudderte es. Er trank seinen Schnaps aus und schenkte sich noch einen ein.
Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von Kordes kam keine Nachricht. Am anderen Tage auch nicht. Und überhaupt nicht.
Der Gendarm fragte überall um, konnte aber nichts herauskriegen. Von Celle kamen die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der polsche Förster Kordes umgebracht hätte und darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!«
Der Förster wurde vernommen, aber er blieb dabei, daß er das Laufen gehabt hätte und von Mittag an im Bett geblieben sei.
Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde tot im Stall. Als er abends den Laden zumachte, wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin sagte ihm auf. Kein einer Mensch bot ihm die Tageszeit.
Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von irgendwo her: »Bluthund, polscher Mörder, Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen ließ, pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz, den der Jäger totschoß, und die Kinder schimpften hinter ihm her.
Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren in einer Nacht kurz und klein getrammpt und in der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause, und keine Hand rührte sich, um beim Löschen zu helfen. Der Krämer und die Wirte verkauften ihm nichts mehr.
Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und Nebel zog er ab.
Kordesklas aber blieb verschwunden.
Grummet.
Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren Bruder ganz mächtig angestellt und Tag und Nacht gejammert, als aber eine Woche um war, konnte sie schon wieder schimpfen und lachen.
Dem Bauern ging es viel näher. Nun war er so kahl wie ein Birkenbaum vor dem Winter. Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; er hatte einen Mund und Augen wie ein alter Mann. Zu keinem Menschen konnte er sich aussprechen, und darum fraß es so an ihm.
Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an Meta. Er hatte das Korn fortgeschüttet und das Kaff aufgehegt.
Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem Mädchen nieder. Er hatte es nicht anders erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, und dann, weil sie die ganze Zeit über so schlecht aussah.
»Das habe ich davon,« sagte er sich, als er über die Haide ging, in der die Birken so gelb wie Gold waren. Der Wind riß die alten Blätter von ihnen ab und trieb sie über den Dietweg.
»Was habe ich von dem wilden Leben gehabt?« Miken, die Piewittskrügerin, Trina und die anderen, er hatte jetzt nichts davon, als einen schlechten Nachgeschmack.
Das Einzige, was sich gelohnt hatte, war die Zeit gewesen, wo er und Meta Liebesleute waren. Er war dumm gewesen, mehr als dumm und schlecht obendrein.
»Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte er. »Eine Frau, die ich nicht sehen kann, und keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind kam, das wußte er, es würde auch ein Mädchen werden.
So wurde es denn auch. Zwei Jahre später war noch ein Mädchen da. Er hatte es vorausgewußt, aber es war doch ein harter Schlag für ihn.
Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte Zeit immer stiller geworden; sie hielt sich ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo sie konnte. Sie hatte einmal mit anhören müssen, wie die Großmagd zu Durtjen sagte: »Der Bauer kann einen dauern; was hat die Frau bloß aus ihm gemacht!«
Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber ein Bild von Mensch. Wenn sie mit hochgesteckten Röcken nach den Ställen ging, mußte der Bauer hinter ihr hersehen.
Und sie sah hinter ihm her. Es war kein Mann auf dem Hofe, der gegen ihn aufkam. Der erste Knecht war versprochen, der zweite gehörte zu den Stillen im Lande und sah an jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte zählten nicht mit.
Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine schöne Stimme. Wo sie ging und stand, sang sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das bald spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens Liebeslieder, und wenn sie dem Bauern einen Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte: »Merkst du was?«
Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; er wollte keine neuen Heimlichkeiten, er hatte ganz genug an den alten; so wurde er von Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich gleich und war immer freundlich zu ihm, und wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, denn trotz allem: er war doch noch ein junger Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für den Durst.
Er war aber immer gut zu ihr, denn sie tat ihm leid, und er sah, daß sie alles tat, um ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie sich zu stellen gewußt und die war froh, daß es jetzt sinnig auf dem Hofe zuging.
»Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß ihren Mann in die Rippen, daß er vor Angst an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut du es hast, daß ich dich genommen habe. Denk' mal bloß, du wärest der Bauer und hättest diese Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man kann nicht recht froh darüber werden. Es ist ein Kreuz und ein Elend, daß Meta damals hier wegmußte.«
Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe gewesen; Durtjen hatte sie noch einmal besucht und sie wohl und munter angetroffen. Sie hatte das Leit in die Hände genommen und ihre Schwägerin, die immer noch nicht so ganz in die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, und der Bauer war froh, daß Meta das Regiment führte. Von früh bis spät war sie im Gange: sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder an; bei der Arbeit war sie über ihre Gedanken weggekommen und war wieder so hübsch, wie früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden.
Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie hörte, war nicht danach, daß sie Freude daran hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die ein ordentlicher Mann hingehörte; dann hatte sie auch vernommen, daß er zu viel auf die Jagd gehen sollte und oft mehr trank, als es gut war; und mit den Karten befaßte er sich auch.
Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da wurde es ihr klar, warum ihr Göde, wie sie ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn gekommen war. »Freude kann er an der Frau nicht haben,« dachte sie; »vorzüglich, wo er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.«
Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. Die beiden Kinder gediehen, aber da es keine Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum.
In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil von da aus das Unglück gekommen war; zudem verkehrten da jetzt meist nur Knechte und fremde Völker.
Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; er ging nur mit der Büchse los, wenn das Wild ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er an den Oberförster verpachtet; er wollte damit nichts mehr zu tun haben.
Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn er in den anderen Wirtschaften einkehrte, trank er, bis ihm die Augen klein wurden und ging dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage schämte er sich.
Als er im Bruche Grummet auflud, nahm Anna ab. Es war ein Hauptheuwetter an dem Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen haben und das ganze Bruch voll von Lachen und Juchen ist.
Jedes Mal, wenn das Mädchen das Schoof annahm, sah sie ihm in die Augen. Der helle Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre Arme, das war eine wahre Pracht, wie rund die waren und so schön braun.
Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr unter einer krausen Fuhre, und es fiel ihm auf, wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß, denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften hatte essen sehen, war es ihm zuwider, wenn einer hörbar oder hastig aß.
Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein süßer?« fragte sie und sah ihn aus kleinen Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte er die Flasche hin und nahm sie in den Arm.
Hinterher war er es, der an die Folgen dachte, aber das hübsche Mädchen lachte und sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten mache; dafür kann ich dich viel zu gut leiden. Da hast du meine Hand drauf.«
Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: »Es ist nicht wegen mir, aber du bist zu schade dafür.«
Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist schade? Soll ich warten, bis ich alt und kalt bin? Was sein muß, das muß sein.«
Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue Heimlichkeit nahm die alte weg, und er hatte jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich sprechen konnte.
Seitdem das erste Kind gekommen war, schlief er wieder für sich und so war es ihnen leicht gemacht, zusammen zu sein.
Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die Bäuerin etwas merkte, aber sie sagte nichts. Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam er sich schlecht vor.
An einem Sonntag war er ganz allein mit Anna auf dem Flett und sie saß auf seinen Knieen. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht auf die Zeit gepaßt und so kam es, daß die Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte sich sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh gleich mal nach, ob Eier da sind; wir wollen Pfannkuchen backen.«
Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen hatte, nur daß sie den ganzen Abend nicht aufsah.
Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen; er schämte sich vor seiner Frau. Hätte sie Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht nicht so aufgestunken.
Am Morgen ging er der Magd in den Stall nach. Sie schlug die Augen unter sich, als er kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr ging es nicht anders, als ihm.
»Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun aufhören mit uns. Kommt es rund, dann bist du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und dabei wies er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, »das Herz nicht noch schwerer machen. Sie trägt schon schlimm genug daran, daß wir keinen Jungen haben. Du mußt fort von hier.«
Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging auf und ab und die Tränen liefen ihr aus den Augen.
»Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, »du weißt, ich kann dich leiden; gerade deshalb mußt du gehen. Es gibt noch mehr Männer auf der Welt und was ich dir an dem Tage beim Grummet sagte: du bist zu schade für eine Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und nun nimm mir das nicht vor übel: du bist ein armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse so viel für dich auf, daß du eine gute Aussteuer und noch was in der Hand hast und das kannst du abheben, so bald du einen ordentlichen Kerl findest. Schwer wird dir das ja nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau auf und siehst dich nach was anderem um.«
Er gab ihr die Hand, drehte sich um und ging lauten Schrittes durch den Stall, denn wenn er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die Macht über sich.
Am Abend ging er in den Krug, trank aber so gut wie nichts und ging bei Dunkelwerden fort.
Es war der erste schöne Märzabend und die Mädchen gingen untergehakt über die Straße und sangen eins von den Liedern, die der Pastor nicht haben wollte.
Langsam ging er den Pattweg durch die Haide und dachte an die Nacht nach dem Erntebier, als er mit Meta hier gegangen war. Wie lange war das schon her! Damals sah er über die Fuhren weg; heute konnte er das nicht mehr.
Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich um. Am Himmel stand der halbe Mond und alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte vor ihm und polterte in die Fuhren, und vom Hofe her rief die Eule; es war ganz so wie an jenem Abend.
Das Herz wurde ihm schwer; nun war er wieder ganz allein. Aber es mußte sein; zu sehen, wie sich seine Frau unter die Erde grämte, das ging nicht. Wenn sie von Anfang an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er mit ihr ein ganz gutes Leben haben können.
Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich auseinandergewöhnt. Seine Schuld war es nicht, aber es traf ihn mit.
Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen die Deckenbalken. Sie waren so angeordnet, daß es wie ein ~AH~ aussah, und dem Bauern fiel es ein, daß das Mädchen eine Nacht, als es mondhell war, ihm zugeflüstert hatte: »Kiek, da steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das barsch verwiesen hatte.
Er seufzte tief auf und warf sich hin und her; das Lied, das die Mädchen im Dorfe gesungen hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne:
Und du bleibst bei mir, schläfst bei mir, schläfst die liebe lange Nacht bei mir, ju, ja, Nacht bei mir im dustern Kämmerlein.
Der Blaurand.
Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand aus, als sie der Bäuerin die Hand gab.
Als das Mädchen aufsagte, meinte die Frau zu dem Bauern, ohne aufzusehen: »Sie wird uns schwer abgehen, so fix wie sie bei der Arbeit war.«
Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr Mädchen, die arbeiten können. Wer fort will, den soll man nicht halten.«
Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als das Nötigste mit ihr gesprochen.
Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann durch das Dorf. Als er an dem braunen Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein: »Weißt du schon, daß der junge Herr vom Gute sich umgebracht hat?«
Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?«
Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es eben erzählt; er hat es gestern in Celle gehört. Es soll um das rote Miken gekommen sein. Mit der hat er es immer noch gehalten, auch nachdem er schon befreit war, oder vielmehr, das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem er zu Gelde gekommen war, und da hat sie ihm irgend eine Schweinerei gemacht. Schade, es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah er ja meist was still aus.«
Abends sah Trina ihren Mann immer von der Seite an, aber fragen mochte sie nicht, denn sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich kam er von selber mit der Sprache heraus und als wenn er zu sich selber redete, sprach er vor sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das kommt von den Heimlichkeiten; ein verheirateter Kerl muß klare Bahn um sich haben, sonst tut das kein gut.«
Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in die Augen und brachte es fertig, ihm die Kinder zu bringen und sich dicht bei ihm zu stellen, wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es bei kleinem zwischen ihm und ihr halbwege richtig.
Aber auch nur halbwege, denn die Liebe fehlte und das Vertrauen. Hehlmann konnte es sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten konnte, aber bei Trina brachte er es nicht fertig. So blieb er im Grunde ganz für sich und war ärmer als der ärmste Knecht.
In der hillen Zeit merkte er davon wenig, wenn die Arbeit aber nachließ, kam die Unruhe wieder über ihn und dann blieb ihm nichts übrig als zu trinken.
Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug er einen gehörigen Stiefel voll, aber unglücklich, wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier und der Schnaps das Geblüt und wenn er seine Ladung hatte, dann stieg ihm der Ekel über sich selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um und dann warf er mit dem Gelde um sich und spielte bis in den hellichten Morgen.
Am anderen Tage war ihm dann zumute, als müsse er sich in die Erde verkriechen und ihm wurde nicht eher besser, als bis er von neuem hinter dem Blaurand saß.
Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten Kruge, einen gefährlich großen Wachtmeister mit doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen im Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, wie der Hansbur sie hatte, dazu gehörte, daß er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas stand auf dem Bört über dem Tische, an dem er immer saß und kein anderer durfte daraus trinken.
Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf dem zwischen zwei Palmblättern zu lesen stand: Liebe mich allein oder lasse ganz es sein.
An einem schmählich kalten Dezemberabend war er nach der kalten Flage gegangen, um auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der Jagd auch nicht so viel mehr machte als vordem, er brachte doch den Abend damit hin, denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen und nichts zu sagen; denn außer über alltägliche Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in das Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine Art hatte. Wenn sie sich auch noch so viel Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte nicht weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus.
So saß er denn in seinem Anstandsloche und sah auf den Schnee, bis es ihm bunt vor den Augen wurde. Ihn fror, denn der Wind kam scharf von Morgen, und um sich warm zu machen, nahm er ab und zu einen Schluck.
Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit der Kälte und da sich der Wind auch gedreht hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter auf die Sauen paßte, und deshalb ging er nach dem alten Kruge; da saß schon der wilde Meyer, der rote Schmidt und der Müller.
Sowie er in die Tür trat, sprang der wilde Meyer auf und hielt eine Rede auf Hehlmann und dann brachte er ihm ein Horüdho nach alter Art aus, daß ihm das Maul schäumte, und die anderen, die alle Jäger waren, gaben Hals wie eine vollzählige Meute.
»Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote Schmidt, »jetzt wird Hatten Lena gespielt, daß die Haide wackelt.«
Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem fort gesungen wurde: »Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apen mal din Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; un wenn du noch wat owar hest, so lang man her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut.«
Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein Krug, je nachdem, was getrunken wurde, und da waren mit Kreide Striche angemacht, und wer verspielte, mußte bis zu dem nächsten Striche trinken und ein Stück Geld in die Pinke schmeißen.
Na, das ging dann nun los und es traf sich, daß Hehlmann fünfmal hintereinander trinken mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen Schuß Wasser. So kam denn ein großmächtiger Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht lange, da hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, vorzüglich der Hansbur, der sich in der kalten Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein doppeltes Loch riß.
Als der Stiefel leer war, schrie der rote Schmidt, der mit Getreide handelte: »Auf einem Bein kann man nicht stehen, außer wenn 'n Adebar ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der ledig war, hieß es: »Aller guten Dinge sind drei,« und der Krüger füllte von frischem auf.
Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür auf und der Sägemüller Vodegel kam herein, derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule Hehlmann eins hinter die Ohren geschlagen hatte, als sie noch Jungens waren, und auf den dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die Ohrfeige behalten mußte.
Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er hatte im braunen Roß eine Wette mit vertrinken helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte.
Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so eigen mit dem Glase und dem Kruge war, langte er sich den Blaurand und den Krug von dem Bört, schenkte sich einen Schnaps und Bier ein und prostete die Gesellschaft an.
»Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? Du weißt doch, daß das meins ist!« rief der Hansbur ihm zu.
»Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« antwortete der Sägemüller, »das schadet dem Glase nicht und dir nicht.«
Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich sage, du stellst das Glas hin, ich trinke nicht mit jedwedem aus einem Glase!«
Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl bloß Grog?«
»Das kann ich machen, wie ich lustig bin. Setz' das Glas hin!«
»Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und überhaupt, befehlen lasse ich mir von dir nicht.«
Damit setzte er das Glas an den Mund, aber ehe er zum Trinken kam, schlug ihm der Hansbur das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs auf den Estrich fiel.
Er stand aber gleich auf, wischte sich das Blut von dem Munde und ging hinaus.
Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die anderen sagten nichts, denn Hehlmann sah zu gefährlich aus, und als der Müller aufstand, gingen sie alle.
Als der Hansbur allein war, lachte er vor sich hin; nun hatte er die Ohrfeige bezahlt.
Je länger er aber ging, um so mehr schlug es in ihm um, denn die scharfe Luft und der Grog hatten ihn zwischen sich und als er in der Haide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee standen, war ihm hundeelend zumute.
Wie ein Stromer hatte er sich benommen; ohne Not hatte er zugeschlagen, und einen Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und dann sah er sich da sitzen und saufen und bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte.
Da sah er, daß er das Gewehr bei sich hatte; es wurde ihm schwarz vor den Augen, er nahm es von der Schulter, zog den Hahn über, stellte den Kolben in den Schnee, hielt die Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit der Stockzwinge den Abzug durch.
Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der hieß Widu und hing sehr an dem Bauern. Der hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht, und als er zurücklief, kam er unter dem Winde da vorbei, wo Hehlmann lag.
Er lief hin, roch an ihm herum, und als er das Blut spürte, heulte er los und lief so schnell wie er konnte nach dem Hofe und bellte den Knecht heraus.
Der verwies ihm erst das Bellen, als der Hund sich aber immer gefährlicher anstellte, ging er hinter ihm her und fand den Bauern im Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die anderen Knechte und auf einer Wagenleiter trugen sie den Bauern in das Haus.
Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder zu sich; er hatte nur einen Prellschuß über dem linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief bis in den hellichten Tag hinein.
Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach und nach alles ein, was sich begeben hatte, und er wünschte sich, daß er besser getroffen hätte, so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die Leute an ein Unglück glaubten und nicht daran dachten, daß er Hand an sich gelegt hatte.
Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, wie das mit der Schlägerei gekommen sei. »Der Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte er; »er hat ein Maul wie ein Baumaffe!«
Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal abgehalten und folgender Spruch gefunden: »Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er angefangen hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung hat er nicht davongetragen. Item: es ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu ziehen.«
Aus dieser Gefahr war der Hansbur also heraus; um so schlimmer ging er mit sich selbst zu Gerichte.
Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so getroffen, wie er es vorhatte, dann lebte der nicht mehr, und weshalb? um ein lumpiges Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der Grog! Weswegen hätte er beinahe Schimpf und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn er die letzte Nacht das Gewehr anders gehalten hätte? Weil er angetrunken war! Warum quälten Trina und er sich miteinander hin? Weil er damals beim Trinken nicht hatte Maß halten können.
Es war ein Sonntag; der Wind trug das Kirchenläuten heran. Heute war die Reihe an ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; aber so, wie er aussah, konnte er dem Pastor nicht unter die Augen gehen. Eine Schande war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so aufzuführen.
So dachte er, und als er allein war, schlug er die Beilade auf, um die Bibel herauszulangen. Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt oft darin. Aber das Hausbuch lag da und das nahm er sich und setzte sich damit in den Backenstuhl hinter den Ofen.