Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
Part 5
Der Bauer antwortete nicht und machte sich mit seiner Zigarre zu schaffen, aber er dachte bei sich: »Also so eine ist das! Darum die feine Kleedage!«
Die anderen aber redeten weiter. Als ein dürrer, langer Mensch von mittlerem Alter, der Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten rauchte und ein viereckiges Glas mit einem goldenen Rande im Auge hielt, sagte: »Aber schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,« da redeten sie alle über Kreuz: »Schneidig, ja, Rasse, ja, Feuer, ja, aber ein Saumensch ist sie darum doch und von Rechts wegen gehörte sie an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln vor die Hunde gegangen? Weshalb mußte der dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen diesem Frauenziefer!«
»Nun aber Schluß!« dachte der Bauer, als er das hörte; es war ihm nicht so ganz sauber zu Mute.
Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß er das Lachen wieder lernte, und es tat ihm doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war.
Als er gegen Abend über die Haide ging, fiel ihm Meta ein, und er sagte sich, daß es Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe.
Aber dann hatte er das zu tun und dann das, und so verblieb es, zumal er allerhand Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da im Kruge saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder sonst was Glattes anzutreffen war, und dann hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut vom Dieshofe fort könne, weil ihre Brudersfrau sich von den Wochen gar nicht erholen konnte.
»Ordentlich elend und abgefallen sieht sie aus,« erzählte Durtjen, »als wenn sie zehn Jahre älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja auch vor Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder kartjet, die Frau liegt, du lieber Himmel, ich war froh, als ich da wieder weg war.«
Alles konnte Hehlmann vertragen, bloß kein Unglück; davon hatte er in den letzten Jahren mehr als genug zu schmecken bekommen.
Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, und an Gelegenheit mangelte es ihm nicht.
Am meisten war er im Piewittskruge zu sehen; da war ein lustiger alter Wirt und eine noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon ein Wort im Vertrauen reden ließ, denn der Wirt sah und hörte nichts, wenn nur gut verzehrt wurde.
Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig schon, unter welchem Ekelnamen die Wirtin weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste da waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen, und dann ging es hoch her, denn es war bald diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem Manne da, und das Küchenmädchen verstand auch Spaß; so gab es manchen langen Abend bei Bier und Wein.
Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen, weil der Wirt bei ihm einmal angefragt hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen könne.
Seitdem wurde er da all sein Wild los, denn der Piewittskrüger handelte mit allem, was es gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs und seinen Honig abnahm und was es sonst gab, so hatte Hehlmann vor sich immer einen Grund, nach der Brücke zu gehen.
Wenn er erst einmal da war, kam er so bald nicht wieder fort, denn zu Hause war es ihm zu langweilig den ganzen Abend.
In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes näher kennen, einen jungen Bauern, der früher in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war ein fixer Kerl, und wo er war, da ging es hoch her.
Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen guten Hof geheiratet, der einem wahren Ungetüm von Frau gehörte, so groß und so breit, wie es rundumher keine gab, aber eine fleißige und herzensgute Frau, die ganz verrückt in ihren hübschen Kerl war, der zwölf Jahre jünger war als sie.
Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ, machte er allerlei Fuhren für den Krüger; auch wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze war.
Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die vor dem königlichen Forst lag, und aus der er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach größeren Jagden.
Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf dem Voßhofe war, ein ansehnliches Mädchen, die Hehlmann mächtig in die Augen stach.
Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte Hehlmann nur mit Trina Kordes. Es ging lustig zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen zu trinken, als in den anderen Wirtschaften.
Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der am Abend vorher mit dem Schweinehändler im Kruge hoch gespielt und gefährlich gewonnen hatte, drei Buddeln Schampagner ausgab, da war kein Halten mehr; überall knallten die Körke gegen die Decke und das Küssen und Drücken nahm kein Ende.
Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit verloren. Er hatte mehrere Flaschen Schampagner ausgegeben und dazwischen noch eine Mischung nach der anderen getrunken, die aus viererlei Schnaps und Likör zusammengegossen war und die sie doppelte Liebe nannten.
So sah er den Himmel für eine Baßgeige und Trina für einen Engel an, und als er sich vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und nach dem Hehlenhofe ging, war ihm, als habe er das große Los gewonnen.
Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm eines abends, als die Köpfe alle heiß waren von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr denn freien?«
Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern, denn als Frau war ihm Trina nicht so recht nach der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie war eine anständige Kätnerstochter, und wenn er sie sitzen ließ, wurde er in allen Dörfern auf dem Burmal unehrlich gemacht.
Und schließlich, es war auch Zeit, daß er freite. So wurde denn alles festgemacht, und vier Wochen nachher war die Hochzeit.
Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen Seite blieben meist alle fort, weil es zu offenbar war, daß er mit Meta Dettmer versprochen war, und eine Kordes galt ihnen auch nicht für voll. Das fiel dem Bauern schwer auf die Seele.
Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe aufwachte, denn er hatte mehr als genug getrunken, und seine Frau, die noch schlief, ansah, gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit lag zumeist in der Aufmachung, und wie sie jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus.
Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen Mund und so feine Hände hatte trotz der groben Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre, würde Meta noch gut aussehen, dachte er.
Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran denken.
Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe:
Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin von dem Rhein, Schlangenbisse, die den Falschen quälten, Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein.
Auf der Wildbahn.
Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt hätte, wäre ihm das Leben bald leid geworden.
Es dauerte noch keine drei Monate, und es stieß ihm sauer auf, wenn er Trinas Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war sie und so hart wie Stein. Noch schlimmer hörte es sich an, wenn sie lachte.
Alles war gewöhnlich an ihr, ihr rappeliger Gang, ihr hastiges Arbeiten, ihr ewiges Klagen über die Leute. Wo Mutter Hehlmann gesprochen hatte, da schrie sie, und sie schimpfte, statt zu zeigen, wie es sein müsse.
Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten machen; immer kam die Kätnertochter bei ihr heraus.
Auf den Bauern nahm sie keine Rücksicht; er war ihr Mann und damit war es gut. Mit wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie sich zum Essen, und das war auch danach.
Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr, als der beste Speck. Den ganzen Tag schoß sie im Hause hin und her und putzte hier und wischte da, aber rein und ordentlich sah es nie recht aus.
Hehlmann ließ sie im Hause machen, was sie wollte, und wenn er nicht bei der Arbeit war oder schlief, dann war er in der Wildbahn, entweder in seiner Eigenjagd oder bei Klas.
Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit war die Voßbäuerin dahinter gekommen, daß der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm geboten wurde, und war die Frau bisher lauter Honig und Sirup, so wurde sie jetzt eitel Gift und Galle. Und das schlimmste war, daß sie den Daumen auf den Beutel hielt.
Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen am Freijagen, denn der Krüger war ein guter Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier und Wein, und für Brusttücher und Gürtelschnallen auch, »denn«, sagte er, »mit lütjen Happen macht man die Hunde kirre.«
Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken zufrieden gegeben, und auf die gaben die Förster im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit ging er ihnen auch über die Hirschböcke.
Es wurde so schlimm damit, daß von der Hofjägerei in Hannover ein heiliges Donnerwetter wegen der großen Abgänge an den Forstmeister kamen, und der gab es weiter.
Tag und Nacht lagen nun die Förster im Holze, aber immer waren sie betrogen. Wenn sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie da, so ballerte es hier.
Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten sie nicht; sie hatten die Celler Mascher im Verdachte, Völker, denen nicht recht zu trauen war.
Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der Aerger so in das Blut, daß er sich in Pension gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit geheißen, ein langer Mann mit schläfrigem Gesicht, über den die Bauern lachten, weil er keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken üblich war, so ganz anders sprach, als wie es Landesbrauch war, und nichts vertragen konnte.
Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber wenn er kam, dann war er nach einer Stunde voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer nur Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und dann saß er da, lachte wie ein Unkluger und machte kleine Augen, so daß das junge Volk seinen Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister ihm sagte, wenn er das Saufen nicht ließe, könne er machen, daß er wieder in die Kaschubei käme. Denn er war bloß auf Probe angestellt.
Nun hatte der Hansbur einen hirschroten Dachshund, an dem sein ganzes Herz hing, weil der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann im Hehlloh dicht am Königlichen einen Bock krank, der den Post annahm, so daß der Bauer den Hund schnallen mußte, und da jagte der Hund über und Adomeit schoß ihn vor den Kopf.
Der Bauer rührte mittags nichts an und ging nachher nach dem Voßhofe, wo er Klas den Fall vortrug.
Das kam dem wie gerufen, denn er hatte immer schon gewünscht, daß sein Schwager ihm beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug und hetzte ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah, besser könne er es dem Förster nicht geben, als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse.
Zudem freute es ihn, wenn er seinem Schwager helfen konnte, denn der hatte ein Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr den Mund mit Talern stopfen.
Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn Hehlmann im Piewittskruge oder im braunen Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes am Hehlloh herum, und wenn er im Kruge saß, dann knallte es im großen Moore, an das der Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen Augenblick daran dachten, daß der Hansbur und der Voßbur die Freischützen waren.
Zudem diente bei dem Forstmeister ein Mädchen, das früher auf dem Voßhofe Magd gewesen war, mit der es Kordes immer noch hielt, und die ließ ihn wissen, an welchem Tage Försterappell oder wo Holzbeschau war, so daß Kordes immer wußte, wann die Luft rein war.
Bisher hatten sie jeder für sich gewildert, aber als wieder einmal Försterappell angesetzt war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen guten Plan ausgedacht hatte.
An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige Fuhrendickung, und darin steckte das Rotwild mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr die Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich bei dem Wechsel hinter dem großen Windbruche anstellen.
Sie besprachen sich das ganz genau, und als es an der Zeit war, ging Hehlmann los.
Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber er schrieb es darauf, daß die Bäuerin ihm wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen hatte, denn die zeigte es ihr gerade heraus, wie wenig sie von ihr hielt.
Sie hatte ihr, als die Frau über Gebühr Arbeit von ihr verlangte, das rund abgeschlagen, und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war sie ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen und hatte gerufen: »Du alte Gaffelzange, du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen, wie der Kuhdreck in die Dönze.«
Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das anhören mußte; als ihm seine Frau aber auftrug, den Häusling zu kündigen, hatte er sie groß angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du die Arbeit machen willst.« Da hatte die Frau stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm wieder damit und nöhlte ihm die Ruhe fort.
Der Honigbaum war am Anblühen, die Bienen flogen und die Luft roch süß, als Hehlmann über die Haide ging.
Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach links. Der Bauer war nicht abergläubisch, aber er dachte daran, daß das ein schlechtes Zeichen sein sollte.
Auf dem Pattwege begegnete ihm eine alte Frau aus Horst, die für eine Hexe beschrieen war und zu der die Mädchen spät abends in das Haus gingen, wenn sie in Nöten waren.
»Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer, und dann lachte er sich die Angst weg. Aber es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht war, weil der Hund so scheußlich geheult hatte.
Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze ab, denn es war diesige Luft, und dabei wurde es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher gekommen waren.
»Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche heraus, die er jetzt immer bei sich hatte, wenn er losging.
Als er bei der Dickung war, wartete er erst eine Weile hinter einem großmächtigen Machangel.
In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst lang und klar wie eine Glocke, und dann schnell hintereinander. »Das Wetter schlägt um,« dachte der Bauer.
In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein kleiner, schmaler Vogel hin und her und gab in einem Ende einen Ton von sich, der sich ganz unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine Kuh, als wenn sie zum Schlachter sollte, und mitten in der gewöhniglichen Haide am Grenzgraben stand ein Busch, der blühte weiß.
»Das ist gerade, als wenn es nach Unglück riecht,« dachte Hehlmann; er nahm noch einen Schnaps und trat über den Grenzgraben.
In der Dickung war es stickend heiß; es nahm ihm ordentlich die Luft weg. So manches Mal war er schon über die Grenze gegangen, aber so war ihm noch nie zu Sinne gewesen.
Hin und her ging er durch die Fuhren, wo sie etwas raum wurden; oftmals mußte er fast kriechen, so rauh waren sie meist.
Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er, daß Wild vor ihm absprang, gleich dahinter meldete der Markwart in dem Windbruche und nun wartete er, daß es knallen sollte. Aber es knallte nicht, und so drückte er die Dickung durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief.
Als er am Ende war, nahm er noch einen Schnaps, wischte sich den Schweiß und die Spinneweben aus dem Gesicht, holte tief Luft, denn von der Hitze war ihm ganz benaud geworden, und dann nahm er den Hut ab und ließ hinter den Zweigen her seine Augen über die Blöße gehen.
Da war nichts, wie er erst meinte, aber dann sah er, daß halbrechts hinter einem Wurfboden sich etwas rührte; es waren die Köpfe von drei Stück Wildpret, einem alten Tiere und zwei Kälbern, die nach dem Stangenort hinäugten und spielohrten.
»Warum schießt er nicht,« dachte er, »sie stehen so schön breit,« und er wollte gerade auf einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu haben, da trat das Wild hin und her und bog dann nach links ab.
»Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,« dachte er, aber dann horchte er auf; drüben im Holze meldete der Specht und in demselben Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte im Feuer, das alte Stück und das Wildkalb machten kehrt und polterten in die Dickung zurück.
Hehlmann wartete und wartete, aber es blieb alles still. So still war es, daß er vernahm, wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich still war es.
Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht; jedes Mal, wenn er einen Flügelschlag tat, schnurrte es laut.
Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose Wurzel, die aus einem Wurfboden heraus hing, und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig ansah.
Und dann war über ihm in den Fuhren wieder der kleine schmale Vogel mit seinem unglücklichen Gepiepe zu gange.
Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt, und als drüben der Markwart meldete, verjagte er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er bei sich; »ich habe es mit den Nerven.«
Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf; es donnerte schon. Der Wind machte sich auf und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus der großen Wolke blitzte es ein über das andere Mal. Immer schneller kam das Wetter herauf; die Kuhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte.
»Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts höre und sehe,« dachte er, und dann überlegte er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen sollte. Aber das war gegen die Abmachung, denn jeder sollte für sich seinen Weg gehen und bei dem Immenschauer auf der Brandhaide wollten sie sich treffen.
Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus dem Winde wurde ein Sturmwetter, es goß wie mit Mollen und blitzte und donnerte durcheinander.
Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als ginge ein Mann über die Blöße, aber bei dem nächsten Blitz konnte er nichts mehr wahrnehmen, und so machte er schließlich, daß er weiter kam.
Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm, als wenn er eine Stimme durch das Brausen hörte, und der nächste Donner klang ihm bald wie ein Schuß; er sah noch einmal über die Blöße hin, aber als da nichts war, kroch er durch die Dickung, sprang in guter Deckung über den Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun an, als das Wetter nachließ.
Obzwar er durch und durch naß war, wartete er noch eine halbe Stunde, als es ihn aber gar zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe.
Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem Wetter gleich nach Hause gegangen sein, naß wie er war.« Damit beruhigte er sich.
Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr nach den Ställen ging, kam der Kleinknecht vom Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen, wenn der Bauer die Nacht über hier geblieben ist?«
Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn die Nacht nicht inne gewesen?« fragte er.
Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging gestern nachmittag bei fünfe weg und sagte, er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach den Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht hatte, und darum nahm er das Gewehr mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon, da ist er auch nicht gewesen, und da mußte er doch vorbei, wenn er vom Felde zurück wollte, und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer war gestern abend da und da hat es bis nach eine gedauert.«
Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der Junge ihm nicht in das Gesicht sehen sollte und überlegte, was zu machen war.
Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen; er hatte da nichts zu suchen, und wenn es ein Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß die Förster die Blöße den ganzen Tag über im Auge behalten würden.
Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag und ließ fragen, ob Kordes nicht da war.
Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer sich vor Unruhe nicht mehr bergen; er hatte sich einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten Kleinknecht, der ein Waisenkind war und an ihm hing wie ein Hund, weil er es noch nie so gut gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe: »Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat mir den Abfluß bei dem Hehlloh zugeschwemmt.«
Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten Pflanzfuhren zu zählen, und er selber machte sich an dem Grabenkopf zu schaffen.
Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man wieder nach Hause. Ich will nach dem Förster gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren aushelfen kann.«
»Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter ihm her; »wir haben auf dem Kruge noch einen Korb stehen und das vergißt sich sonst.«
Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann gestern gegangen war. Als sie an dem Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich glaube, am besten gehen wir über den Windbruch, das ist ein Richteweg.« Er wandte sich nach links, bis er an die verwachsene Bahn kam, und bald standen sie auf der Blöße.
Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen sangen und die weißen Buttervögel flogen um die Disteln.
»Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief er laut, und schlug die Richtung nach der Stelle ein, wo gestern abend das Wildkalb gestürzt war.
Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag, was ist das hier für ein dummes Gehen,« rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr nach links, hier füllen wir uns bloß die Schuhe voll,« und damit steuerte er nach der krausen Fichte, von wo der Schuß gefallen war.
»Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief er und sah sich um; »ich will mir eine Pfeife anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht gleich schnappen.«
Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun habe ich den Kopf verloren! Das ist mir sehr ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig; den kann ich nicht missen. Wollen mal suchen, ob wir ihn nicht wieder kriegen. Wenn du ihn findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.«
Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann ging das Ende zwischen der krausen Fichte und dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte, ab und ließ dabei den Pfeifenkopf fallen.
Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten, aber das konnte das Wild auch getan haben, denn alte Fährten waren da genug. Aber eine frische Menschenfährte oder Blut fand er nicht; es hatte über Nacht zu gefährlich nachgeregnet.
Als er zum dritten Male zurückkam, sah er etwas Weißes im Grase liegen. Er ließ sein Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier.
Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch und Papier ein. Da hörte er den Jungen rufen: »Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und sagte: »Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst du noch ein Glas Bier haben. Nu geh' man vor!«
Als sie im Holze waren, holte er das Papier heraus und machte es auf. Es war ein Stück von der Zeitung, die der Förster hielt.
Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen sollte. Also hatte er doch recht gehört; es war ein zweiter Schuß gefallen.
Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt über, aber er nahm sich zusammen und rief der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft führte, zu: »Is er inne?« und als sie sagte: »Nee,« war er heilsfroh, denn mit dem Manne wollte er nicht gern zusammentreffen.
Im Piewittskruge war es, als wenn eine Leiche im Hause war. Zwei Anbauern saßen still bei ihrem Schnaps.
»Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie. Die Männer schüttelten schweigend mit den Köpfen.
»Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und denn geh' mal nach dem Voßhofe, wenn der Bauer noch nicht da wäre.«
Der jüngere von den beiden Gästen sah auf, als der Knecht fort war: »Der kommt nicht wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der Förster, der Pollack, alle glaubten sie, das ist ein dummer Kerl, weil er sich immer so anstellt. Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht an mir vorbeiging und ich hinter dem Busche stand, und ich sage: der stellt sich bloß dumm. Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid: der hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund. Warum ist er denn gestern allein nicht zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei sich hat, sagt, er hat es im Leibe gehabt und hat den ganzen Tag im Bett gelegen. Na, und als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen wollte, ich müßte mich doch sehr irren, wenn er das nicht war, der über das Feld zu gehen kam.«
Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht inne. Die Frau ist ganz von sich; sie schreit in einem fort nach ihm.«
Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn du ausgetrunken hast, laß dir den Weidenkorb geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun, sag' man.«
Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen summten. Die Männer sahen in ihre Gläser.