Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide

Part 4

Chapter 44,263 wordsPublic domain

Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie stöhnte und sagte nur: »Meta!«

Und von da ab trug er sie mehr als daß sie ging, denn ihr war, als wenn sie keine Kraft in den Beinen hätte.

Als er am andern Tage zur Morgenzeit kam, sah seine Mutter mit einem Blick, daß er anders war als am Tage vorher. Als sie dann nachher Meta allein in der Dönze traf, nahm sie sie in den Arm, gab ihr einen Kuß und sagte: »Hör' mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er seit Wochen nicht getan.«

Göde aber ging über den Hof, hatte blanke Augen und ein schieres Gesicht, wie lange nicht, und flötete wie ein Scherenschleifer den Walzer, den er gestern mit Meta getanzt hatte.

Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: »Hermen, hör bloß, was er flötjet!«

Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich hin, denn sie war gestern mit dem Großknecht auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer die heimliche Braut im Hause war.

Der Großknecht aber brummte nur so vor sich hin, denn das Lied, das die Magd sang, lautete:

Eija, poleija, wo weihet de Wind! Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding, Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been, Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn.

Der Notweg.

Meta blühte immer mehr auf und wo sie ging und stand, da sang sie; die Bäuerin aber fiel immer mehr ab und man hörte sie an einem Tage mehr seufzen, als sonst in einem ganzen Monat.

Sie trug eine große Angst mit sich herum und wollte es keinen Menschen merken lassen, vorzüglich ihren Mann nicht, der sich schon Sorge genug um sie machte.

Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße geschwollen, und jede Nacht hatte sie Atemnot und Herzspann.

Es war eine stürmische Nacht im Christmond, als der Bauer in die Dönze seines Sohnes kam und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt nach Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter ist mir eben weggeblieben.«

In diesem Augenblicke ging auch nebenan die Tür und Meta rief: »Ich komme auch schon.« Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das, Mädchen.«

Als sie in die Ehedönze kamen, war die Bäuerin schon wieder bei sich. Meta machte ihr einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man in meinem Bette schlafen; ich will hier bleiben. Ich weiß besser damit Bescheid.«

Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, dann schoß sie in die Höhe und flüsterte: »O, Gott, was hab' ich für'n Herzspann!«

Meta machte ihr einen frischen Umschlag und rieb ihr die Füße, aber es dauerte lange, ehe der Anfall fortging.

Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck das Licht wieder an, mir ist im Düstern angst!« Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte ganz hell.

Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich muß nun doch fort von euch. Sei still, ich weiß es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr euch kriegt. Meta, du wirst ihm eine gute Frau sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle Hehlmanns mit elf Fingern und zwei Wirbeln waren so. Sie waren alle gut, bloß so wild. Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.«

Sie sah mit Augen, die von der Erde fort waren, das Mädchen an. »Als er drei Tage alt war, da träumte mir, es standen zwei Frauen bei der Wiege; die eine gab ihm Böses in den Sinn, aber die andere wünschte es weg. Sei geduldig mit ihm, auch wenn er über die Stränge schlägt. Niemals schimpfen, das hat bei ihm keine Art; mit Güte kann man ihn hinhaben, wo man will.«

Sie machte die Augen zu und lag eine ganze Zeit still da, bis ein neuer Anfall kam. Als der vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern: »Ich glaube, er ist von der Art, die mehr als eine Frau brauchen. Eine Frau muß nicht immer alles sehen. Sein Großvater war auch so, und seine Frau hat immer gut mit ihm ausgekonnt.«

Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. Der setzte sich vor das Bett, klopfte der Kranken die Backen und sagte:

»Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn für Dummheiten! Sie sind zu sehr aus der Gewohnheit gekommen. Das erste ist schon ein Mann und nun kommt erst das zweite! Warten Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.«

Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver in eine Tasse und rief Meta: »So, Kind, das gib ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er bei: »Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem Dorfe fahren und den Pastor und die Hebamme holen, aber schnell.«

Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist es so schlimm?«

Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: »Wissen kann man es nie. Da ist etwas gänzlich aus der Kehr.«

Eine knappe Stunde war weggegangen, da kam der Wagen zurück. In demselben Augenblicke, als der Pastor auf die Deele trat, wurde es so hell wie der Tag und ein Donnerschlag kam hinterher.

Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in die Dönze. »Vielleicht ist Ihnen nun besser, Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu ihr nieder.

»Viel, viel besser,« flüsterte sie.

Der Doktor trat an die Tür und rief leise: »Hehlmann, Göde, kommt her. Ruhig, ruhig, ihr dürft sie nicht erschrecken.«

Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr Atem ging.

Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah klar nach der Türe. »Meta,« rief sie laut. Das Mädchen kam. »Gebt euch die Hände!«

Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. Halte sie in Ehren. Sie hat ein Herz von Gold!«

Sie drehte sich nach der Wand und atmete so ruhig, als wenn sie schliefe.

Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile gab er Hehlmann die Hand: »Es ist vorbei,« sagte er.

In demselben Augenblicke heulte draußen der alte Tyras auf und kratzte an der Türe.

Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in den Spinnstuhl, daß der Doktor erschrocken hinging. Er redete auf ihn ein, aber der Bauer sah ihn ohne Verstand an.

Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine Hände und sprach ihm Trost ein. Hehlmann gab einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, als wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles vorbei.«

Dann fiel er wieder zusammen und sah in das Herdfeuer, ohne zu sehen und zu hören, was vorging.

Am anderen Tage war er ganz vernünftig, bloß daß er aussah, als wäre er aus dem Grabe genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, weil es ihm eine fremde Stimme schien.

Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das die Frau erwartete, längst tot gewesen sei, hörte er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem Schranke, schnitt selbst den Namen aus dem Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten Notholze den Sarg mache, und nach der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten mit wie vordem.

Aber eins war allen sonderbar: als die Bäuerin aufgebahrt war, sagte Meta: »Wie schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie lacht.« Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; sie wird einen nachholen.«

In diesem Augenblick trat der Bauer aus dem Schatten, gab der Toten die Hand und sagte: »Ja, Mutter, das wirst du. Uebers Jahr bin ich bei dir.«

Dabei sah er ganz zufrieden aus.

Als die Beerdigung vorbei war, ging das Leben auf dem Hehlenhofe wieder seinen alten Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan hatte, Meta übernahm.

Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. Einmal hatte der Tod einen Schatten auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei ihnen, seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie es um sie stand, etwas genommen, und wenn der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, dann wehrte er ab und Meta auch.

Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war aus der Vormundschaft heraus und fand sich ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht.

Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte und ihm zusagen mußte, einige Wochen zu ihm zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen, aber sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im Stiche lassen, meinte sie.

Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe; es ging alles nach der Reihe, weil eine ältliche Witwe vor der Hand die Wirtschaft führte, aber es fehlte die Sonne.

Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem die Frau tot war, wurde er immer kleiner und lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen.

Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo es so still war, wie in einer leeren Kirche. So lange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus, aber abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und ab und zu ging er nach dem Krug, wo er doch wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu hören bekam.

So ging der Sommer hin und der Herbst kam. Der Bauer fiel immer mehr ab und hustete Tag und Nacht.

Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, hatte er gesagt: »Meta bleibt aber lange fort.« Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht abkommen, hat sie mich wissen lassen. Es ist da eine Luderwirtschaft auf dem Hofe gewesen. Und ihr Bruder geht ihr doch vor.«

Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, ihr seid so gut wie Mann und Frau. Und hier muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts für einen jungen Kerl, das einschichtige Leben; davon wird das Geblüt hart. Wenn Meta hier wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge gehen.«

Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« und von da ab war er nicht mehr nach dem Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig war. Er lebte stumpf vor sich hin und ging ab und zu auf die Jagd.

Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm selbst verwunderlich, wie wenig bange ihm nach ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie glücklich er mit ihr gewesen war, ehe daß die Mutter fortstarb.

Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er an sie dachte: wie ging es zu, daß sie nicht guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er lieber mochte, aber eine Frau, von der er keinen Hoferben haben sollte, das wollte ihm nicht in den Sinn.

Als der Dezember kam, hustete der Vater immer hohler und eines Morgens blieb er in der Butze.

Göde schickte nach dem Doktor, aber der Bauer sagte, der könne ihm doch nicht helfen, und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht aus, wie ein Krüsel ohne Oel; er hat keinen Willen zum Leben mehr.«

Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der Butze des Bauern und fraß kaum mehr.

Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte Göde, er solle den Advokaten holen lassen, und als der da war, verschrieb er Göde den Hof unter der Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, solange Meta Dettmer leben sollte, eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden und verpflegen sollten, wie es einem Mädchen von einem großen Hofe zukam.

An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, heulte nach dem Kirchhofe und ging nicht wieder in die Dönze, sondern legte sich auf seinen alten Platz im Pferdestall; als der Großknecht ihm am anderen Morgen eine Satte Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war.

Am Morgen darauf lag der Bauer tot in seiner Butze. Sein Gesicht war ernst und streng. »Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, als sie ihn in das Notlaken einnähte.

Es war eine große Leiche, denn die Hehlmanns hatten eine weitläufige Freundschaft, und die Hohenhölter waren da und sogar der Droste.

Unter den Klageweibern, die in ihren weißen Notlaken bei dem Sarge saßen und nebenher gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an der Lungensucht.

Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte sich, wie wenig traurig ihm zu Mute war. Er hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, aber in dem letzten Jahre war dieser immer mehr von ihm abgerückt.

Es war ihm so, als wenn der alte, kranke Mann, der jetzt den Notweg fuhr, ein ganz anderer war, als der, der bis zum Tode der Mutter auf dem Hofe war, und als bei der Trauerrede des alten Pastors ihm eine Träne über die Backe lief, da weinte er nicht um den Vater, da weinte er der Mutter nach und den hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe kamen und gingen.

Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. Mit düsterem Gesicht ging er durch das Dorf. Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei ihm wäre.

Doppelte Liebe.

»Wenn das so beibleibt,« sagte Durtjen, die den Großknecht geheiratet hatte und jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, »denn setzt er sich noch was in den Kopp!«

Hermen brummte; er war kein Freund vom vielen Reden, aber er nickkoppte wenigstens, damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, ihn in die Rippen stieß und sagte: »Junge, sei nicht so faulmäulsch!«

»Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme Frau und setzte sich ihrem Manne auf den Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm beinahe die Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist doch schrecklich, wenn ein Mensch so allein ist.«

Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm einen Kuß, worüber er brummte, als wenn ihm das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber gern, nur kam ihm das immer etwas dumm vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau hatte.

»Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du Dössel,« lachte Durtjen und kitzelte ihn, daß er prustete wie ein Maikater; »aber es ist doch besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal was, du oller Schrapenpüster, oder ich kitzele dich, bis du das Elend kriegst!«

Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor ihn hin und tat so, als wenn sie ihre Worte wahr machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit und je näher sie ihm mit ihren runden Armen kam, um so brummiger wurde sein Gesicht, bis er endlich die Pfeife beiseite legte und ungeschickt, wie ein Bär, seine junge Frau um den Hals faßte. Und als er erst im Zuge war, da wurde er ganz rechtschaffen zärtlich.

Durtjen huschelte sich ganz fest an ihn heran: »Siehst du, du Hanns Taps, du bist grade so, wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das nicht mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt es nicht an. Aber nun wollen wir mal wie vernünftige Leute reden: was ist das mit dem Bauern? Man möcht' ja beinahe laut losheulen, wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er die Hunde ansieht, wo er doch früher immer mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. Nu rede doch mal, du Hammel!«

Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal warm geworden war, versuchte er, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen.

Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher noch Zeit zu. Weißt du was: sobald ich kann, fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will doch mal sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege. Ich möchte bloßig wissen, was mit den beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz einig.«

Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann horchte sie auf. »Just kommt er!« sagte sie, »ich glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie den Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause vorüber.

»Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem Kruge,« sagte die Frau. »Gut ist das auch nicht, aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.«

Als sie nachher neben ihrem Manne lag, stieß sie ihn an: »Hermen, hast du all gehört, Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen, wie eine Gräfin. Vor Jahren soll der Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als er noch ein halber Junge war.«

Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht was vorgehabt? Er war der erste nicht, und er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den ganzen Tag Mist umgewendet.

Am anderen Tage ging der Bauer nach der Hehlenhaide, um nach seinen Pflanzfuhren zu sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl abgestorben waren.

Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel getrunken; der Schnaps steckte ihm noch im Geblüte und machte ihn übermütig, und darum ließ er, als er am Toten Orte war, den Wigelwagel dreimal pfeifen und schreien, aber dann lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf.

»Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da hinter ihm, und als er sich umdrehte, sah er Miken da stehen.

Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er hatte noch nichts davon gehört, daß sie wieder da war.

Er sah an ihr herauf und herunter. Das war ja eine vornehme Dame geworden! Sie trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und hatte ein Kleid und Schuhe an, wie er es nur in Celle bei den herrschaftlichen Leuten gesehen hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker hatte sie.

Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen sollte. Sie aber nahm ihn ohne Umstände an die Ohren und gab ihm ein Dutzend Küsse; dann lachte sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein Junge! Früher sahst du viel graller aus den Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen großen Hof, keine Schulden, was willst du denn noch mehr? Du mußt sehen, daß du eine Frau kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. Aber hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß uns in den Schatten gehen!«

Sie drängte ihn nach dem Busche hin und da, wo die weißen und gelben Blumen durch den blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin.

Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume ab und warf sie in den Quellbach, der vor ihnen dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die gelbe trieb fort.

»So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn an, und er sah, daß sie noch dieselben bunten Augen hatte, wie vor Jahren; »der eine muß in die Welt und der andere bleibt da, wo er ist.«

Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, daß ihr rotes Haar nur so leuchtete, lachte und sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?« und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an seiner Brust lag, und ihre Augen wurden klein wie an dem Tage, als er hier den großen Bock geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt wurde.

Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er andere Augen als am Tage vorher, so daß Durtjen über das ganze Gesicht lachte.

Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, daß die ganze Deele schwamm, mußte sie so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch Hermen sein Lachen vernehmen, das sich anhörte, als wenn der alte Schnuckenbock hustete.

»Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« sagte Durtjen zu ihrem Manne; »es wird gelacht, daß die Haide wackelt, wo es eben geht, und wenn du Ungetüm nicht mithältst, dann schmier dir man deine Rippen.«

»Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« schrie sie ihn an und ging mit spitzen Fingern auf ihn los.

Aber Hermen machte, daß er in den Stall kam, und da kratzte er sich hinter den Ohren und sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht in Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die Frauensleute!«

Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, hörte man ihr helles Lachen, bald im Stall, bald auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause.

Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein gewöhnliches Gesicht machte, ging es ihm hundeelend, denn dann kitzelte sie ihn, daß ihm der Atem stehen blieb, so daß er vor lauter Angst zuletzt immer gleich an zu lachen fing, wenn sie ihn bloß ansah.

Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine noch schwerere Arbeit ansah, als das Reden, kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm eines Tages sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, denn ansonsten verpaßte er die besten Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm her lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus der Dönze kam und mitlachen mußte. Und ehe Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im Arme und küßte sie auf den Mund.

Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich den Mund ab und sagte: »Ach nee, Hansbur, das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl vor Hermen bestehen?«

Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man bloß Spaß, Durtjen, und Freude, daß es auf dem Hofe doch wieder anders ist, als bislang. Und damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, komm her, ich habe da was hingelegt,« und er gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen Durtjen die Tränen aus den Augen; aber sofort lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das man nicht noch gereut! Aber dann kannst du es ja von uns lehnen.« Und nun lachten sie beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen.

So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal wieder sein altes Gesicht hatte, lange hielt es nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war noch keine Woche dahingegangen, da hatte Hehlmann wieder das Gesicht, das er von dem Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier gewesen war.

Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und die Hunde gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn er nach Hause kam.

Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von Hohenholte eines Tages angeritten kam. Der ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel sprang, und die Schruthähne fingen gefährlich an zu prahlen, denn der Leutnant hatte seinen feuerroten Rock an.

Er war nicht mehr der stille Junge, sondern ein forscher Kerl geworden.

»Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte mal wieder von deinem Schinken essen und Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen feiere ich meine Verlobung; da mußt du bei sein. Sträub' dich man nicht wie ein Borgfarken! Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich mir den Schinder wieder zwischen die Hosen und du siehst mich sobald nicht wieder. Donner, hier ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den Juni kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, und wenn es nicht anders ist, bin ich auch mit zweien zufrieden.«

»Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist wohl von 'ner alten Kuh gebissen? Hat der Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich wohl, einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer Bauer, als wie du bist. Häh? Und das ist ja wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen Ehestande? Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß ich was zu essen kriege! Ich bin mit ledigem Leibe heute früh von Celle losgeritten.«

Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der Bauer ließ auftragen, was im Hause war, holte den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge vom Bört und nahm die hohen Gläser mit dem Goldrande und den sieben Perlen im Fuße aus der Schatull, denn so hatte er sich lange nicht gefreut.

Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner roten Uniformjacke mit der Narbe in der Backe, die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, ganz prachtvoll aussah.

Und lustig war er! Als er sich die Ställe ansah, während der Bauer mit einem Manne verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es überall Lachen und Quietschen, und die hübsche Lütjemagd, die Wolf in dem Haidschauer antraf, hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen.

Am nächsten Tage nahm sich der Bauer doppelt so viel Zeit beim Bartabnehmen, zog sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte.

Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen alt geworden war, freute sich über sein ganzes Gesicht und duzte Hehlmann wie zuvor, und die Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau habe und fragte, ob sie sich nach einer für ihn umsehen sollte.

Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie ein Tannenbaum, und mit Backen, wie Rosen so rot, sprach fortwährend mit ihm, weil, wie sie sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte.

So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der Bauer merkte gar nicht, daß er nicht unter seinesgleichen war.

Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften schlafen, der Leutnant blieb mit seiner Braut in der Fensternische sitzen und die Herren gingen mit ihren Pfeifen und Zigarren in die große Laube.

»Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, »eine Braut, wie man sie nicht alle Tage findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten auch. Sie haben es sich sauer werden lassen.«

Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der Qualm ihm um die Ohren schlug und drehte sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover Mühle ist jetzt ein Gerenne, als wenn da eine heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das rote Miken ist wieder da.«

Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, antwortete: »So? Na, dann kann Wolf sehen, daß er ihr nicht in die Quere kommt; das Frauenzimmer hat den dreifach destillierten Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß er sich mit der Personage abgeben konnte. Jung waren wir alle einmal, aber Hohenholte ist doch aus den Jahren heraus, wo man nicht danach fragt, wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie müssen das Besteck ja doch auch kennen, Herr Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.«