Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide

Part 3

Chapter 34,287 wordsPublic domain

Das Mädchen hing an seinem Halse: »Wann kommst du wieder? Komm morgen. Ich mache dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen gehen. Und wenn du kommst, dann brauchst du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das kannst du doch? Paß' auf!«

Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der Pfingstvogel und gab auch das Kreischen wieder. »So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell hintereinander und dann das olle Schreien hinterher. Dann weiß ich, daß du da bist. Du kommst doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter mir her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. Ich hab' schon immer nach dir ausgesehen.«

Als Göde über die Haide ging, den Bock über den Nacken geschlagen, wußte er nicht, ob er sich freuen oder schämen sollte.

Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen und darum stellen sich die Jungens ihretwegen so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was ihm früher dunkel geblieben war.

Auf einmal mußte er lachen: was wohl die anderen Jungens sagen würden, wenn die das wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als wenn er sich schämen müßte. Wie Wolf das wohl aufnehmen würde?

Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht hatte, als ihnen in der Haide die beiden Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte Jungens! Fiken, was meinst'e, das wären so'n paar Aeppel für'n Durst!«

Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und leise gesagt: »Pfui Deubel!«

Als er nach Hause kam, fand er im Flett ein Mädchen vor, das beim Feuer kniete, so daß ihr Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er eintrat, sah sie auf.

»Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die Mutter; »das ist Meta Dettmer. Vertragen werdet ihr euch wohl.«

Meta stand auf, wischte sich die Hand an der Schürze ab und streckte sie Göde hin. Der wunderte sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände waren heiß gewesen.

Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte sie ansehen, denn sie war so flink und doch so ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen, sah sie nach seinem Arm und nahm ihm ein langes, rotes Haar, das an seinem Aermel hing, fort.

Und da steckte sich Göde rot an und ging schnell fort.

Der Blumengarten.

Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am Toten Orte, sogar noch im Herbst.

»Weißt du, Göde,« sagte Miken eines Abends, »du mußt anders flötjen. Der Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der Wigelwagel noch nicht fort ist.«

Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte Art. »Was für Stimmen kannst du noch? Das beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht her ist, und abends die Eule.« Sie machte den Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.«

Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß es ihm heiß über den Hals lief: »Ich glaube, du flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun schläft auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß mein Kammerfenster aufzustoßen. Die anderen merken nichts, die schlafen alle nach vorne. Komm' gleich heute Abend!«

Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er dachte daran, daß Miken um den Bock wußte. Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich stahl er sich wieder hinein.

»Junge, was hujahnst du in einem Ende?« fragte der Bauer, als sie bei der Morgenzeit saßen.

»Das kommt, weil daß er wächst«, sagte die Mutter und sah ihm nach, als er aufstand und dachte bei sich: »Bald ist er so lang, wie der Vater. Und ein ganz anderes Gesicht hatte er gekriegt. Ja, ja, aus Kindern werden Leute!«

Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtigt auf dem Hofe stand und mit Meta sprach, sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing ein rotes Haar von Miken.

Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus dem Wege, und als sie ihm beim Frühstück gegenübersaß, sah er, daß sie rote Augen hatte. Er dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein Sinn war bei der anderen.

Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner Dönze ging, sah er erst seine Jacke nach, ob er nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort, denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor Meta schämen müsse, wenn sie wüßte, mit wem er sich abgab.

Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, mehr als vor Vater und Mutter. Das Mädchen hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in der Sonne über den Hof ging, so leicht und so schnell, dann mußte er immer hinter ihr hersehen.

Meist war sie ernst und still, denn sie konnte es so leicht nicht vergessen, daß sie in drei Tagen Vater und Mutter hatte wegsterben sehen; wenn sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn die Sonne in einen dunkelen Wald kam.

An einem Sonntag-Nachmittag, als Göde vom Lichteloher Kruge, wo er gekegelt hatte, nach Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er eine große Unruhe in sich und dachte immer daran, daß es noch mehrere Stunden hin wären, ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat ihm wieder Meta vor die Augen; er ging schneller und hatte dabei das Gefühl, als könne er die andere nicht mehr so gut leiden.

Wenn er sie sich genau besah, so war ihr Haar meist unordentlich und Löcher hatte sie wohl immer in den Strümpfen. Meta war nun schon einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal hatte er gesehen, daß ihr Haar wild oder sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, und wenn sie auch beim Schweinefüttern war.

Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich denken sollte, daß Meta bei ihm im Busche längelangs auf dem Leibe liegen und an einem Reethalme kauen könnte, und es war ganz unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den Anfang machen werde, wenn sie einmal eine Liebschaft hätte.

Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über die Haide, die ganz grün von dem jungen Birkenlaub war.

Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er gehört, was der Vater mit der Mutter redete: »Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,« hatte der Vater gesagt; »ich wollte sie bliebe auf dem Hofe.«

Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine Meinung; eine bessere Bäuerin kriegt der Hehlenhof nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge anderswo was hat; ich wüßte bloß nicht wo. Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er nichts.«

Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann meinte er: »In den Jahren ist er. Aber wo sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, daß er im Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen ist mir das aber noch nicht weiter. Aber wenn aus ihm und der Meta was wird, ich könnte keine größere Freude haben. Nach dem Alter passen sie gut zusammen und sonst stimmt auch alles.«

Göde ging weiter. Nein, er wollte heute Nacht nicht nach der Mühle. Die Geschichte mußte ein Ende haben.

Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so gut abgelaufen war, denn wenn er sich denken sollte, daß er das rote Miken einmal freien müßte, nein, das war keine Möglichkeit. Die als Bäuerin da, wo seine Mutter war, das ging nicht.

Da hörte ein Mädchen von einem großen Hofe hin, nicht so eine wie Miken, die das Magdsdenken nicht verlernen konnte, und die nur dann arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu gekriegt wurde.

Ihm war zu Mute, als habe er sich weggeschmissen, vorzüglich, wenn er daran dachte, wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf dem Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die im Dorfe im Quartier lagen.

Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm mit einmal nicht mehr schmecken. »Morgen darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.«

Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. Da steckte etwas hinter. Und wenn er es so recht besah, bald wollte sie dies und bald das, heute Haubenspitze und morgen ein Fürtuch, und neulich hatte sie davon gesprochen, was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel habe.

Es war ihm ja nicht um das Geld, aber es kam ihm doch wunderlich vor. Und jetzt fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letzte Mal in der Kirche umgehabt hatte, das hatte Krischan Holtmann für zwei Taler beim Krämer erstanden, just als Göde Balkennägel geholt hatte. Er mußte rein blind gewesen sein die ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem Allermannslottchen nichts mehr wissen.

Er ging noch schneller; er wußte, daß außer Meta niemand auf dem Hofe war, denn Vater und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, und die Leute waren im Dorfe.

Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über das Stegel stieg. Die Maisonne fiel durch das frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange, der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen sang.

Göde schüttelte den Pferden Futter auf und gab ihnen zu trinken. Gerade zog er die Stalljacke aus, da war es ihm, als wenn er einen Gesang hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, daß es Meta war.

Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen hören und immer ganz leise und bloß, wenn sie allein war. Heute aber war ihre Stimme klar.

Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem Hause, und das Lied, das sie sang, war ein Lied, das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. Hell kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie sein Herz unruhig wurde.

Er ging nach dem Blumengarten und sah Meta bei den weißen Lilien stehen, die seiner Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete in der Sonne.

Göde wurde benaud zu Mute, als er sie so stehen sah, so frisch und sauber und so ruhig und bedachtsam.

Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose bewachsen, und so vernahm sie es nicht, als er hinter sie kam, und erst als er den Arm um sie legte und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« fuhr sie zusammen und wurde ganz rot im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie schon wieder wie sonst, nur daß ihre Augen noch blauer waren als gewöhnlich.

Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du nicht wieder in den Krug?«

Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, Meta, ich will hier bleiben,« und dabei atmete er schwer.

»Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr Brusttuch auf- und abging, und sie bald rot, bald weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die grüne Bank.

Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta sagte: »Das Moos muß auch mal weg. Es sieht so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.«

Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, und sie lachte: »Was du für eine Hand hast, Göde, als wie ein Heidbrink.«

Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht dagegen aus, wie das Kalb neben der Kuh. Aber arbeiten kann sie deswegen doch.«

Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer auf der Diele gegangen.«

Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, faßte er sie um, zog sie auf den Schoß, schlug seine Arme um sie und küßte sie ein über das andere mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und sie stöhnte: »Göde, Göde, nicht so wild; mir geht ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am Kopfe aussehe!«

Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; du siehst immer fein aus. Keine sieht so glatt aus als wie du,« und dann fing er wieder an, sie zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem Male die Augen überliefen und sie ihn umfaßte und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut ganz wild machte. Und dann sprang sie auf und ging in das Haus.

Göde ging ihr nach und fand sie vor der Eimerbank stehen und aus der Schöpfkelle trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er lachend; »ich auch!«

Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. Aber dann faßte er sie wieder um, küßte sie und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du glaubst gar nicht, wie gern ich dich habe. Hast du mich auch so gern?«

Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel sie ihm um den Hals und ließ sich von ihm küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen Willen, und er fühlte, wie ihr Herz klopfte.

Sie fuhren auseinander; draußen gingen Schritte. Der Bauer und die Bäuerin kamen zurück.

»Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte die Mutter über die Halbtüre; »das ist ja mal nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im Kruge, Göde.«

Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau ihn schnell von der Seite ansah, wußte sie, daß er ebensoviel gesehen hatte, wie sie, und froh darüber war.

»Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte ihr Sohn; »der Fuchs will immer noch nicht so recht fressen. Wo ist denn der Wagen?«

»Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« antwortete der Bauer. »Er ist zu Meyers gerufen, die Altmutter ist schwer krank geworden; wir trafen ihn gerade, als er auf dem Steinbrink war. Dem alten Mann wird der Weg hin und her zu weit.«

Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, und als Göde sie anredete, wurde sie über und über rot.

»Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im Bette lag und dabei stieß er seine Frau an, »ich glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh gekommen.«

Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich erst beim Kopfe haben, das andere findet sich. Der Anfang ist das schwerste. Du warst zuerst auch so ein Stoffel.«

Hehlmann lachte: »Ja, Detta, so dumm als wie ich, wird der Junge sich wohl nicht anstellen.«

Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du noch damals?«

Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: »Schweig bloß still; ich schäme mich heute noch halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was willst du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den Arm unter ihren Hals schob, »wir sind doch reichlich alt genug für solche Dummheiten. Wenn das die Kinder wüßten!«

Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, was die jetzt tun.«

Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem Bette; sie hatte die Hände gefaltet und dachte weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn habe!«

Nebenan in der Dönze warf sich Göde in seinem Bette hin und her und wußte nicht, wo er den Schlaf hernehmen sollte.

Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, aber er scheute sich davor, und so lag er mit offenen Augen da, drehte sich von einer Seite auf die andere und hörte immer das Lied, das sie im Blumengarten gesungen hatte:

Ick set woll up den Breedensteen Un harr min Ogen so recht beweent. De annern Dirns kregen all 'n Mann Un ick müß sitten und seg dat an. Ick müß min Hoor up den Puckel slahn Un noch en Jahr as Jumfer gahn.

Die Eule.

Zwei Heimlichkeiten waren von diesem Maitage an auf dem Hofe.

»Hier ist eine geheime Braut im Hause,« sagte die Großmagd eines Abends zu der Bäuerin; »es brennen drei Lampen.«

Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz an der Dönzenwand: »Das große Brautlaken ist da auch schon.«

Die Bäuerin lachte: »Das wirst du wohl wesen, Durtjen. Oder will Hermen nicht so, wie er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullax!«

Meta hörte durch die offene Dönzentür das Gespräch und als sie in den Spiegel sah, sah sie, daß ihr das Blut im Gesicht stand.

»Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« hatte vor ein paar Tagen der Rittmeister gesagt, als er sie in der Haide antraf.

»Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah noch einmal in den Spiegel. Ein Wunder war es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, wo sie auch war, Göde hinter ihr stand und sie in den Arm nahm.

Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist etwas laurig aus und sah sie an, als wenn er etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen.

Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, was ihm fehle.

Aber noch eine andere Heimlichkeit war im Hause. Als der Juli kam, ging der Bauer mit seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld und trieb seinen Roggen an.

»Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr alles wächst. Das machen die Maigewitter. Mairegen bringt Wachstum.«

»Was hast du, Mutter?« fragte er dann, denn als er sich umdrehte, sah er, daß sie heimlich lachte und bis in das Haar rot wurde. »Worüber lachst du?« fragte er noch einmal.

Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« sagte sie, »mir fiel bloß was ein.«

Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie sich nahe an ihn heran und sagte leise: »Jochen, ich muß dir was sagen.«

Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so schüchtern und verwundert fragte er: »Na, Dirn, was hast du denn? Ist dir nicht gut?«

Sie zog seinen Kopf an sich heran und flüsterte: »Mußt's aber auch keinem wiedersagen, Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt du noch den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, wie sie sich umgefaßt hatten?«

Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein Unglück wäre das ja auch nicht.«

Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: »Ach nee, Jochen, da nicht, aber bei uns.«

Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf die Art! Ja, wer A gesagt hat, muß B sagen. Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe ist ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. Man schade, daß es sich so versäumt hat, es konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.«

»Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er dann; »denke ja nicht, daß es mir nicht recht ist. Es ist mir nur noch so ungewohnt.«

Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die Augen und als sie immer mehr an zu weinen fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, wie ein Vater sein Kind.

Am andern Morgen aber, als er über den Hof ging, flötete er das Brummelbeerlied. Die Großmagd sagte zum Großknecht:

»Was hat denn der Bauer? Den habe ich ja meinen Tag noch nicht flötjen hören!«

Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich erst um Verlaubnis fragen?«

Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta eines Sonntags früh bei der Bäuerin im Flett, als die Frau auf einmal weiß wie die Wand wurde, so daß das Mädchen schnell zusprang, sie umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf und ihr ein Glas Wasser gab.

Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta ihr den kalten Schweiß von der Stirn wischte, zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber nichts.

Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im Blumengarten. Meta freute sich, daß die Tante wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die Frau an:

»Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich gedacht heute morgen, als mir das zustieß?«

Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das kann ja wohl mal bei jedem kommen.«

Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja doch wissen, darum will ich es dir lieber gleich sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet kann ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf freien Füßen bin, und du weißt, große Hitze vertrage ich so schon schlecht.«

Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach Tante, das ist ja schön. Bloß ein Kind, das ist auch viel zu wenig für einen großen Hof. Freust du dich denn nicht? So spät, das ist doch ein doppeltes Gottesgeschenk!«

Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, faßte Meta um die Schultern, drehte ihr den Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der Bauer gesagt hat, als ich ihm sagte, daß hier im Hause was fällig ist?«

Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, zog ihren Kopf ganz dicht an sich heran und flüsterte ihr ins Ohr:

»Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne gehabt.« Und dann lachte sie ganz unbändig.

»Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, über und über rot; Tränen standen ihr in den Augen.

Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie wieder neben sich, nahm sie in den Arm und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du und Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen. Umsonst würd'st du nicht von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du man so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. Na, uns ist es recht; eine bessere Tochter wünschen wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid ihr ja noch, aber das gibt sich eher, als einem lieb ist. Also, wie ist es mit euch?«

Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter der Frau und sagte:

»Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.«

Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das ist schön, meine Tochter.« Dann sah sie ihr listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann müssen wir ja wohl eine neue Wiege machen lassen, denn eine haben wir man. Na, na, schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor auch redet, das ist sicher: zur Eingehung einer christlichen Ehe reicht der feste Wille aus. Das hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei Monate nach der Hochzeit da.«

»Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, als das Mädchen weiß und rot durcheinander wurde und ihm der Atem hin- und herging; »nu mal heraus mit der Sprache! So schlimm wird es doch wohl nicht sein, daß du zu liegen kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?«

Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, es ist nicht an dem. Ich bin nicht anders, als ich aus der Schule kam.«

Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf diese Art! Darum sieht der Junge so laurig aus. Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich nicht oder was ist sonst?«

Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann sagte sie nur: »Stell die Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, Meta!«

Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, willst du nicht nach Plesse hin, da ist heute Erntebier?«

Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, was soll ich da?«

Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was gehört? Was er da soll? Tanzen sollst du und lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt jetzt meist als so'n Trankrüsel aus. Steck dir die Taschen voll Taler und laß die Musiker spielen, bis ihnen die Arme runterfallen, und trinke eine Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken kommst! Und nimm Meta mit, der tut es auch mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so krumm und schief wie die Machangeln auf der Haide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder nicht?«

Das Mädchen stand vor dem Fenster und bückte sich, als wenn sie etwas verloren hätte, damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht aussah.

»Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann.

»Dirn, das hört sich ja an, als wollte ich dir zumuten, du solltest heute am heiligen Sonntag den Schweinestall ausmisten,« rief die Bäuerin lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an und denn zu! Als ich noch Mädchen war, brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen. Ich glaube, heute noch nicht!«

Und dann lachte sie verlegen, denn Meta hatte ihr ein paar Augen gemacht, als wenn sie sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst, dann sage ich, was ich weiß!«

Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe ankamen, war der Tanz schon im Gange und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen konnte man kaum die Musik hören.

Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta ankam, denn Göde machte sich seit dem Mai rar und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzefesten, trotzdem sie besser tanzen konnte als die meisten Mädchen.

Aber heute konnte sie gar nicht zugange kommen, weil ihr unfrei zu Sinne war, und Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in die Dönze und tranken ein paar Glas Wein.

Danach wurde ihnen leichter zu Mute. Göde warf den Musikanten einen Taler hin und bestellte einen Bunten, und hinterher einen Kontrazweitritt, und als sie erst einmal im Gange waren, kamen sie aus dem Tanzen nicht mehr heraus, und sogar Meta sang die Tanzlieder mit und trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller.

Es war schon Nacht, als sie nach Hause gingen. Der halbe Mond stand am hellen Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. Die Luft war weich und warm und kein Lüftchen rührte sich.

Eng aneinandergedrückt gingen die beiden Liebesleute über die Haide, einer den Arm um die Lenden des anderen und die Hände ineinander.

Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: »Wie schön war es heute und wie schön ist es noch!«

Göde drückte sie noch fester an sich und sagte: »Und wird noch schöner werden, Meta,« und voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf noch mehr gegen seine Schulter lehnte.

Schweigend gingen sie weiter; Göde streichelte ihre Hand und flüsterte ab und an: »Meta, meine liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen.

Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen hatte, schreckte laut. Das Mädchen fuhr zusammen.

»Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was hätte ich mich sonst verjagt. Letzte Nacht, als die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der kalten Angst.«

Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der diesigen Luft wird die Eule heute Nacht wohl wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl besser, ich komme in deine Kammer mit, damit du dich nicht wieder so verjagst. Soll ich, Meta?«

Das Mädchen legte den Kopf gegen seine Brust und nickte.