Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide
Part 2
Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen um so mehr, und als Mutter Wehmeyer auf den Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, da hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei.
Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbetüre gerufen: »Doch hat er schuld, ich hab' es gesehen!«
Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen und gesagt: »Warum bleibst du mit der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich das für einen Bauernsohn? Wie kann ich dir glauben, wenn du einmal gelogen hast? Und damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche nicht mit in das Bruch.«
Im Ruhhorn.
Das war ein harter Spruch.
Schön war es auf dem Hofe unter den tausendjährigen Eichen; da flogen die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und es sah putzwunderlich aus, wenn sie die kleinen Wagen zogen, die Göde ihnen machte.
In dem alten Burgfried, der im Giebel noch drei Kugellöcher aus der Schwedenzeit aufwies, hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war rein zum Lachen, wenn Göde kam; denn dann machte sie sich ganz lang und wackelte just so wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er einen Schnaps zuviel hatte.
Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken und wenn man sich still verhielt, liefen sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse.
Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest und machte eine furchtbare Schande, wenn ein Mensch in die Nähe kam.
Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen hatte, die lauter Dummerhaftigkeiten im Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze machte oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie verrückt in ihre Ketten gingen und die Hühner für unklug unter das Holz liefen.
Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke oder Kiekebusch, die beiden jungen Bracken, die der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so lange in das Untier hineinbissen, daß ihnen der blanke Schaum vor den Schnauzen stand.
Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu jagen, und das brachte etwas ein, denn für jede gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte Göde zum Rattenpassen keine Lust, dann nahm er das Pusterohr und wartete in der Laube, bis es im Kirschbaume knackte, und es war selten, daß die Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen die Zwiebeln warf.
Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen und an die Birnen gingen, hielt Göde mächtig im Schach, und manch einen holte er mit der Pistole herunter.
Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn es in die Wildnis ging. Was gab das für ein Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier, Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! Heraus, Kreih!«
Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so wurden Strom und Pollis und Widu hinterhergeschickt. Dann war Göde auf der Höhe, wenn er drei, vier Jungens, die Hunde und das Vieh unter sich hatte, und alle ihm gehorchen mußten, selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange Peitsche hinkam, da zog es Blasen.
»Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte der Bauer, »ich habe das mit vierzehn Jahren noch nicht so gekonnt.«
Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke des Hehlenbruches, wo die schnelle Bullerbeeke mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, denn da brauchte er nicht so viel aufzupassen, weil das Vieh nicht durch das Wasser ging.
Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das schönste Teil von dem ganzen Bruche.
Viel altes Holz stand da auf den hohen Sandbrinken, die vor der Beeke lagen, Eichen und Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten und Birken in Masse, und darunter wuchsen Machangeln, Hülsen und Haseln und wer weiß was alles. Erdbeeren gab es da die schwere Menge und später Bickbeeren, Brombeeren und Kronsbeeren.
Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke und manchmal auch ein wildes Schwein. Der Habicht baute da und der Rabe und der schwarze Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der Beeke und im großen Moore gingen die Kraniche auf und ab, klappten mit den Flügeln und bliesen wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt.
Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der Mücken und Gnitten und blinden Fliegen und der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen Forellen, und wer sich darauf verstand, konnte sie leicht kriegen; in der Wittbeeke standen Hechte und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie es ihm Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, die Kleinknechte, beigebracht hatten.
Er ging nicht gern mit den Knechten, denn dann mußte er tun, was die wollten, und das war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er hinter den Kühen, weil er dann allein das Wort hatte.
Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten eine andere Arbeit hatte, mußte er mit den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes einzige Mal etwas Neues.
Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen Setzangeln, Hein Gird aber stokelte überall herum und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern an, bald mit einem jungen Reh, und in der Schummerstunde brachte er das dann nach seiner Mutter.
Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, der Förster, sie dabei packte. Da mußten sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache herauskam und sagte, daß Tönnes und Hein Gird ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein junges Reh nach Hause geschleppt hatten.
Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild gesehen: »Junge,« hatte er gerufen und war ganz rot unter den Augen geworden, »machst du mir solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie ein Vagabunde, der an fremder Leute Eigentum gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Beeken ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du kannst heilsfroh sein, daß ich mit dem Droste gut stehe, sonst geht es dir, wie den beiden Unduchten, dem Tönnes und dem Hein Gird: die sind jeder zu zehn Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie heute Abend zurückkommen, sag' ihnen, sie sollen dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist nun aus. Vom Montag ab gehst du zum Pastor in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.«
Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. Daß er nicht mehr in das Bruch durfte, das war schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht gern, und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht nichts; aber wenn er daran dachte, daß jetzt beim Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf der langen Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit dem Haselstocke, daß es nur so brummte, da wußte er: wäre es ihm so gegangen, er hätte sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde Döbke, der Schneider, als er unter das Schnapsverbot kam.
Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu Ohm Jürn, der auf der Heide bei den Schnucken stand und an einem Strumpfe knüttete. Der freute sich, als er den Jungen kommen sah, über sein ganzes altes faltiges Gesicht, das so braun wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede, eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist sprach er überhaupt nicht, höchstens brummte er so vor sich hin.
»Ja, ja, Junge; laß' den Kopp nicht hängen, Kind, sagte die Kuh, als sie mit dem Kalb durch die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm. Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein Umgang für einen Hoferben.«
Das sah Göde denn auch ein, und das Herz tat ihm gar nicht weh, als abends die Jungens mit dem Vieh vom Bruche zurückkamen und lauthals sangen.
Die Grenze.
Die Vormittagsschule war lange nicht so schlimm, wie Göde sich das gedacht hatte.
Der alte Pastor Rotermund sah nur von weitem so gefährlich aus, weil er so lang war und so dünn und weil ihm das weiße Haar über den Rockkragen hing.
So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar er sich da nicht so fühlte, als wie in der Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf dem Hansburhofe ging es ja auch sinnig und anständig zu, aber bei dem Pastor war es, als wenn jeden Tag Sonntag war.
Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter war und Schultern hatte, wie ein Mannsbild und meist Beiderwand oder Blauleinen trug und vor keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas an sich, daß Göde jedesmal rot wurde, wenn er sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm.
Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht die erste Violine spielte, wie in der Übermittagsschule bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, der Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es zwar an Kräften mit ihm auf, aber er hatte eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für den Tod nicht ausstehen konnte.
Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren die beiden aneinandergekommen.
Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er noch nicht einmal wußte, wer Pipin war, denn wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, Schreiben, etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche und Gesangbuchverse beigebracht hatte, das schien ihm schon reichlich für einen Bauern- oder Häuslingsjungen.
Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, wieviel Vieh sein Vater habe, und ihn ausgelacht, als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen keins; wir sind keine Mistbauern.«
Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer schickt, muß dein Vater ihm für einen Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch beim Kinderholen helfen«, und das hatte den Doktorsjungen so falsch gemacht, daß er Göde eins hinter die Ohren schlug.
Göde wurde es heiß und kalt; es war der erste Schlag seit seinem fünften Jahre; es wurde ihm rot vor den Augen und es war, als hielte ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er aus, daß Walter die Bank zwischen sich und ihn brachte.
Es war aber auch die höchste Zeit, denn Göde, der an einem Stocke geschnippelt hatte, zischte wie eine Adder und stürzte mit dem blanken Messer auf Walter los.
Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der auch beim Pastor in die Schule ging, laut auf und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen Gliedern und der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau bei ihnen und sagte: »Kommt mal alle mit!« Und als sie in der Waschküche standen, fragte sie: »Was war das mit euch? Erzähle mal, Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er immer gelassen blieb.
Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen Worten ihr Benehmen und ließ sich von allen Dreien in die Hand versprechen, daß keiner darüber reden solle. »Mein Pastor regt sich sonst zu sehr darüber auf und bekommt am Ende sein Lungenbluten wieder«, setzte sie hinzu.
Nach der Schule rief sie über den Hausflur: »Komm' mal her, Göde, du kannst deiner lieben Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der Junge in der Wohnstube stand, machte sie die Türe zu, legte ihm beide Hände auf die Schulter, sah ihm freundlich in die Augen und sagte:
»Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, aber einen lütjen Satan hast du in dir. Denke bloß, was du hättest anrichten können. Es war sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das Messer nehmen, mein Kind, das ist denn doch nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; besser ist es aber, er läßt den Zorn nicht über sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn, er hat schon einen Hehlmann in das Unglück gestürzt und Schande auf euren Namen gebracht.«
Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, streichelte ihm die Backen und erzählte ihm die schreckliche Geschichte von Hinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub über die Heide roch, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht wurde, wie es in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom Hansburhof aufgezeichnet war. Und sie redete so gut mit ihm, daß Göde die Augen überliefen.
Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: »Unter uns bleibt die Sache; ob Walter schweigt, soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade so gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!«
Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, dem er bisher etwas albern vorgekommen war, weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und immer einen Abstand zwischen sich und den andern hielt, obzwar jeder wußte, daß der alte Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich und seine sieben Kinder mit seiner geringen Pension auf dem kleinen Gute, von dem in schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft waren, durchzuschlagen.
Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner Armut geneckt hatte, da hatte dieser ruhig gesagt: »Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte er sich umgedreht und Christian stehen lassen, der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er aus dem Wendischen war, hing ihm überall nach, und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu sein, als der reiche Müller.
Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage nie mehr sprach und Walter ihm auch nicht gefiel, so schloß er sich an Göde an, zumal sie beide denselben Weg hatten, denn Hohenholte lag hinter dem Hehlenhof nach Ohlendorp zu.
Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, so machte es sich von selber, daß er Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges Wetter niederging, nahm er die Einladung der Bäuerin an und blieb zum Mittag da.
Am andern Morgen kam Herr von Hohenholte auf den Hof geritten. Die Bäuerin fütterte gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel sprang.
»Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er über den Hof, »Sie sollen auch vielmals bedankt sein, daß Sie gestern meinen Bengel beherbergt und verpflegt haben.«
Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: »O, da nicht für, Herr Rittmeister! Es war uns eine Freude.«
Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort gab das andere und der Bauer lud den Freiherrn ein, sich das Vieh anzusehen.
Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer länger, als er die Pferde, das Vieh und die Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um und fragte:
»Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« denn überall zwischen den Eichen sah man einen Stall, einen Speicher oder Schuppen.
»So alles in allem an fünfundzwanzig«, meinte Hehlmann.
»Donnerstag und Freitag«, rief der Rittmeister, »und alles wie aus dem Ei gepellt! Und das nennt sich Bauer! Ach ja, wer es auch so hätte. Aber mein seliger Großvater konnte die Finger nicht zusammenhalten, dem gingen die Füchse immer durch.«
Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein macht es nicht, Herr Rittmeister, der Name ist auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter gewesen wären, dann wären nicht so tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten nicht dafür sorgen können, daß der Bonaparte zum Teufel gejagt wurde. Das soll ihnen unvergessen sein. Und Hohenholte kann noch einmal wieder werden, was es war.«
Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und als der Bauer ihm sagte: »Ja, Herr Rittmeister, ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl; ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe«, lachte er und nahm an.
Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen Besamungen zeigte, sagte dieser: »Junge, du kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst, zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist ein kleines Königreich. Und kein Deubel hat dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.«
Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im Kopfe herum, denn wenn er auch schon seinen Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, das wurde ihm jetzt erst klar und er sah den Hof und sich nun mit ganz anderen Augen an.
Deshalb hielt er sich von den Lichteloher Jungens immer mehr zurück, denn das ging wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn und Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte und Prügeleien, weil einer sich immer besser dünkte als der andere.
Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich nicht mehr ab, denn wenn er sie mit Wolf verglich und mit seinen Eltern, dann kamen sie ihm zu minne vor.
Auch als Göde schon aus der Schule war und als Kleinknecht auf dem Hehlenhofe arbeitete und Wolf auf der Militärschule war, blieben die Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so still und so sinnig war, hatte bei dem Bauern einen dicken Stein im Brette.
»Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, er kommt morgen wieder,« sagte Hehlmann zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte er hinzu, als er sah, daß der Junge dunkele Augen bekam. »Weißt du einen?«
»Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. Der beste Bock ging am Totenort, aber den wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe geht ein guter Sechser; er steht bei westlichem Winde schon bei hellichtem Tage draußen,« sagte er.
»Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl der Bauer.
Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit Tange, der hirschroten Teckelhündin, los.
Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, die rund um den Brammelkamp lagen, und sich bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten, dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat aus der Fuhrendickung und gleich darauf der Bock.
Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als er sah, wie Wolf den Hahn überzog und das Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den Sinn, den Bock fortzuwinken.
Aber da krachte es schon, der Bock machte kehrt und floh in die Dickung zurück.
Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das Jagdfieber, zumal er meinte, daß er daneben gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir wollen ihn erst krank werden lassen und dann soll Tange ihn arbeiten.«
So vesperten die Jungens denn über den Daumen und als eine Stunde um war, wurde Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens durch die Dickung, über die hohe Haide bis an die Ohlendorper Grenze.
Am Grenzgraben machte Göde einen langen Hals und dann rief er: »Da liegt er!«
So war es; zehn Schritte über den Graben lag der Bock vor einer rauhen Fuhre.
»Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn holen.«
Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht über den Grenzgraben!«
Der andere sah ihn verwundert an: »Die paar Schritt? Und es ist doch unser Bock! Und dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, und überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es schon gar nicht so genau mit der Grenze.«
Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern ging nach Ohlendorp und kam mit dem Vollmeier Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick besann, dann aber Wolf das Gehörn gab.
Als Göde dem Vater die Sache erzählte und meinte, Wolf sei ein bißchen dumm gewesen, sah ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, was recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie sollte es wohl auf der Welt werden, wenn einer des anderen Eigentum nicht achtet!«
Und dabei dachte er an seinen Vater, den es das Leben gekostet hatte, weil er das Grenzrecht nicht gewahrt hatte.
Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte zu erzählen, aber er konnte es nicht, da es sich um seinen eigenen Vater handelte.
Am Toten Ort.
Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch mit vielen frischen Quellen, der an der Grenze der Hehlenheide über der Hover Mühle lag, die dem Müller Beckmann zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe Pfeife Tabak bis dahin.
Der Ort war verschrien, denn es ging die Sage von ihm, daß zu Kriegszeiten die Bauern von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen dort ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten und ihrer dreißig erschlagen hätten.
Die Heide bis zu dem Busche gehört noch dem Hehlenhofe, der Busch selber aber war des Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd verpachtet hatte.
Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem großen Bocke her, der im Toten Ort seinen Hauptstand hatte und manchen tauben Gang hatte er ihm zuliebe gemacht.
An einem schönen Maitage in der Unterstunde schlumpte es. Göde saß noch keine Viertelstunde, da trat der Bock aus und stellte sich breit und blank vor ihn hin.
Der Junge nahm dem Bocke das Maß und sah, wie er im Feuer stürzte; als er ihn aber gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und sprang in den Busch.
Göde trat an die Grenze und hörte, daß der Bock nicht weit von ihm noch ein paar Male schlug.
Der Junge sah sich um; es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Bei der Mühle krähte ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein Buchfink schlug und laut spielten die Quellen.
Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, sah sich noch einmal um und trat in den Busch. Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte sich, als der Markwart ihn anmeldete.
Aber dann schlich er vorwärts auf dem Schmoorboden, der laut quatschte, wenn Göde den Fuß aus dem Schlamme herauszog.
Auf einmal wurden seine Augen groß; da lag der Bock vor einem breiten Hülsenbusch. Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, feuerrot in der Sonne vor dem dunklen Busche.
Er zog ihn bis an den Rand des Busches, ging dann zurück und deckte jeden Tropfen Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm er den Bock auf und ging damit über die Grenze bis hinter einen breiten Machangelbusch.
Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, stand ein Mädchen da und lachte ihn an.
Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, die angenommene Tochter des Müllers, ein über ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste von allen, die in die Lichteloher Schule gegangen waren und von der es damals schon hieß, daß sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse, als andere Mädchen, die schon längst aus der Schule waren.
Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten und fragte: »Na, hast'n endlich dot? Ich habe dich schon manchen Tag hier gesehen.«
Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, was er machen sollte. Hatte Miken gesehen, daß er den Bock aus dem Busche geholt hatte? Aber was wird das Mädchen wissen, wo die Grenze geht, dachte er und brach den Bock auf.
Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig zu. Göde sah sie von der Seite an und ihm wurde ganz absonderlich zu Mute. So dicht war eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm gewesen.
Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, und kraus war es und leuchtete, wie eitel Gold. Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz anders, wie bei den anderen Mädchen. Und was sie für einen roten Mund hatte.
Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn an eine Fuhre gehängt hatte, wusch er sich die Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer Schürze ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie so dicht bei ihm stand und seine Hände rieb und ein Schudder lief ihm über die Brust.
»Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit kleinen Augen an. »Wollen uns noch was erzählen. Hier kommt meistens kein Mensch her.«
Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich wundert bloß,« sagte sie und sah ihn verliebt an, »daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist, so groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du meist schon achtzehn wärst.«
»Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust herunter und an den weißen Armen, die kaum ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist für achtzehn gelten.«
Das Mädchen lachte eitel. »Was du für schönes Haar hast,« sagte sie dann und ging ihm mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie Haberstroh.«
»O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie fort und rückte immer näher an ihn heran, daß ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das Blut in die Backen sprang.
»Brauchst keine Bange zu haben, daß ich was sage,« flüsterte sie; »dem Müller ist es gleich, wer den Bock kriegt und der Hauptmann soll ihn nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal weggejagt. Der tut so, als wenn ich gar nicht auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen. Hier ist es so langweilig. Lauter alte Leute!«
Sie seufzte und schummelte sich immer dichter an ihn heran und sah ihm in die Augen.
»Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, »solche habe ich meinen Tag noch nicht gesehen. Grün und braun durcheinander.«
Und dann ging er mit seiner Hand über ihren Arm, und wie Feuer lief es ihm über die Brust.
Das Mädchen warf ihm die Arme um den Hals: »Komm, Junge, sei nicht dumm, du bist so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen Jungen bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.«
Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang Göde nach einer Weile auf; es sauste und brauste ihm in den Ohren und seine Brust flog.