Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)
Part 6
_Fedja_: Welchem Polizeibeamten? Ach so, als einer zu mir in das Nachtasyl kam? Ich war betrunken und log ihm etwas vor; was, das weiß ich nicht mehr. Das ist alles dummes Zeug. Jetzt bin ich nicht betrunken und sage die volle Wahrheit. Sie haben nichts gewußt. Sie glaubten, ich sei nicht mehr am Leben. Und ich freute mich darüber. Und es wäre auch alles so geblieben, wenn sich nicht dieser Schuft Artemjew hineingemischt hätte. Und wenn jemand eine Schuld trägt, so ist er es allein.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich verstehe, daß Sie sich großmütig zeigen wollen; aber das Gesetz verlangt Wahrheit. Warum ist Ihnen Geld geschickt worden?
_Fedja_ ($schweigt$).
_Der Untersuchungsrichter_: Sie haben durch Simonow das Geld erhalten, das Ihnen nach Saratow geschickt wurde?
_Fedja_ ($schweigt$).
_Der Untersuchungsrichter_: Warum antworten Sie nicht? Es wird im Protokolle vermerkt werden, daß der Beschuldigte auf diese Fragen nicht geantwortet hat, und das kann sowohl Ihnen als auch jenen beiden sehr schaden. Also wie wollen Sie sich nun verhalten?
_Fedja_ ($nach anfänglichem Schweigen$): Ach, Herr Untersuchungsrichter, daß Sie sich nicht schämen! Warum stöbern Sie in einem fremden Leben herum? Sie freuen sich darüber, daß Sie die Macht haben, und um diese Macht zu beweisen, martern Sie, wenn auch nicht physisch, so doch seelisch, Leute, die tausendmal besser sind als Sie.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie ...
_Fedja_: Da ist nichts zu ersuchen. Ich sage alles, was ich denke. ($Zum Protokollführer:$) Schreiben Sie es nur nieder! Wenigstens werden auf diese Art zum erstenmal in einem Protokolle vernünftige menschliche Gedanken stehen. ($Dann mit erhobener Stimme:$) Da waren drei Menschen: ich, er und sie. Unter uns bestanden komplizierte Beziehungen; es war ein Kampf des Guten mit dem Bösen, ein seelischer Kampf, von dem Sie keinen Begriff haben. Dieser Kampf endete mit einer bestimmten Situation, die alle Schwierigkeiten löste. Alle Beteiligten kamen zur Ruhe. Jene beiden waren glücklich und bewahrten mir ein freundliches Andenken. Und auch ich war trotz meines tiefen Falles glücklich darüber, daß ich meine Pflicht getan hatte, daß ich unnützer Mensch aus dem Leben gegangen war, um nicht zwei andern, braven, lebensfrischen Menschen im Wege zu sein. Und wir waren alle drei am Leben geblieben. Auf einmal erschien ein Taugenichts, ein Erpresser, der von mir verlangte, ich solle mich an der von ihm geplanten Erpressung beteiligen. Ich wies ihn von mir. Er ging zu Ihnen, dem Kämpfer für das Recht, dem Hüter der Moral. Und Sie, der Sie an jedem Zwanzigsten des Monats Ihr Gehalt für die Gemeinheiten erhalten, die Sie verüben, Sie zogen sich Ihre Uniform an und tun sich nun leichten Herzens diesen beiden Menschen gegenüber wichtig, denen Sie nicht wert sind die Schuhriemen aufzulösen, und die Ihnen nicht einmal den Eintritt in ihr Vorzimmer gestatten würden. Aber Sie haben sich diese beiden Menschen vorgenommen und freuen sich ...
_Der Untersuchungsrichter_: Ich werde Sie hinausbringen lassen ...
_Fedja_: Ich fürchte mich vor niemand; denn ich bin ein Leichnam, und Sie können mir nichts antun; es gibt keine Lage, die schlimmer wäre als die meinige. Na, dann lassen Sie mich nur hinausbringen!
_Karenin_: Dürfen wir nun gehen?
_Der Untersuchungsrichter_: Sofort; ich bitte Sie nur, erst noch das Protokoll zu unterschreiben.
_Fedja_: Was würden Sie für eine komische Person sein, wenn Sie nicht so ekelhaft wären.
_Der Untersuchungsrichter_: Führen Sie ihn ab! Ich verhafte Sie.
_Fedja_ ($zu Karenin und Lisa$): Also verzeiht mir!
_Karenin_ ($tritt zu ihm und gibt ihm die Hand$): Es hat wohl alles so sein sollen ... ($Lisa geht vorüber. Fedja verbeugt sich tief.$)
Vorhang.
Zwölftes Bild
Korridor im Gebäude des Bezirksgerichts.
Im Hintergrunde eine Glastür, bei der ein Gerichtsdiener steht. Rechts eine andere Tür, durch die die Angeklagten hineingeführt werden. Der ersteren Tür nähert sich Iwan Petrowitsch Alexandrow, in zerlumpter Kleidung, und will hineingehen.
Erster Auftritt
Der Gerichtsdiener und Iwan Petrowitsch.
_Der Gerichtsdiener_: Wo wollen Sie da hin? Es ist nicht erlaubt. Solche Dreistigkeit!
_Iwan Petrowitsch_: Warum ist das nicht erlaubt? Das Gesetz sagt: die Sitzungen sind öffentlich. ($Man hört Beifallsklatschen.$)
_Der Gerichtsdiener_: Es ist nicht erlaubt; das genügt. Es ist verboten.
_Iwan Petrowitsch_: Flegel! Du weißt nicht, mit wem du sprichst. ($Ein junger Rechtsanwalt im Frack kommt heraus.$)
Zweiter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und der junge Rechtsanwalt.
_Der junge Rechtsanwalt_: Was ist mit Ihnen? Sind Sie bei dem Prozeß beteiligt?
_Iwan Petrowitsch_: Nein, ich bin Publikum. Aber der Flegel von Cerberus hier läßt mich nicht hinein.
_Der junge Rechtsanwalt_: Das ist ja auch kein Eingang für das Publikum.
_Iwan Petrowitsch_: Das weiß ich; aber mich könnte er schon hineinlassen.
_Der junge Rechtsanwalt_: Warten Sie einen Augenblick; es wird gleich eine Pause gemacht werden. ($Im Begriff wegzugehen begegnet er dem Fürsten Abreskow.$)
Dritter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch, der junge Rechtsanwalt und Fürst Abreskow.
_Fürst Abreskow_: Gestatten Sie mir die Frage: wie weit ist die Verhandlung gediehen?
_Der junge Rechtsanwalt_: Die Verteidiger halten ihre Plädoyers. Jetzt spricht Petruschin. ($Erneutes Beifallsklatschen.$)
_Fürst Abreskow_: Nun, und wie ertragen denn die Angeklagten ihre Situation?
_Der junge Rechtsanwalt_: Mit großer Würde, namentlich Karenin und Jelisaweta Andrejewna. Es ist, als ob sie nicht angeklagt wären, sondern über die Gesellschaft zu Gericht säßen. Das ist das allgemeine Gefühl. Und auf diesen Ton hat auch Petruschin seine Rede gestimmt.
_Fürst Abreskow_: Nun, und Protasow?
_Der junge Rechtsanwalt_: Er ist furchtbar aufgeregt. Er zittert am ganzen Leibe; indes ist das freilich bei seinem Lebenswandel erklärlich. Aber er ist von einer besonderen Reizbarkeit und hat mehrmals den Staatsanwalt und die Verteidiger unterbrochen. Er befindet sich in einer eigentümlichen Erregung.
_Fürst Abreskow_: Was meinen Sie? Wie wird das Urteil ausfallen?
_Der junge Rechtsanwalt_: Das ist schwer zu sagen; die Zusammensetzung der Geschworenenbank weist eine bunte Mischung auf. Jedenfalls werden sie keinen Vorbedacht annehmen; aber trotzdem ... ($Ein Herr kommt heraus. Fürst Abreskow geht auf die Tür zu.$) Wollen Sie hineingehen?
_Fürst Abreskow_: Ja, ich möchte gern.
_Der junge Rechtsanwalt_: Sie sind Fürst Abreskow?
_Fürst Abreskow_: Ja.
_Der junge Rechtsanwalt_ ($zu dem Gerichtsdiener$): Lassen Sie den Herrn hindurch! Gleich linker Hand ist ein Stuhl frei.
Vierter Auftritt
Der Gerichtsdiener läßt den Fürsten Abreskow hindurch. Man sieht einen plädierenden Verteidiger. Der Gerichtsdiener, der junge Rechtsanwalt und Iwan Petrowitsch.
_Iwan Petrowitsch_: Ja, ja, diese Aristokraten! Ich bin ein Aristokrat des Geistes, und das ist noch etwas Höheres.
_Der junge Rechtsanwalt_: Nun, entschuldigen Sie mich jetzt! ($Er geht fort.$)
Fünfter Auftritt
Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und Pjetuschkow, welcher eilig kommt.
_Pjetuschkow_: Ah, guten Tag, Iwan Petrowitsch! Wie weit ist die Sache?
_Iwan Petrowitsch_: Bei den Plädoyers der Verteidiger. Aber man wird nicht hineingelassen.
_Der Gerichtsdiener_: Machen Sie hier keinen Lärm! Hier ist keine Schenke. ($Wieder Beifallsklatschen. Die Tür öffnet sich, und es kommen Rechtsanwälte und Zuhörer heraus: Herren und Damen.$)
Sechster Auftritt
Dieselben, eine Dame und ein Offizier.
_Die Dame_: Herrlich; er hat mich geradezu bis zu Tränen gerührt.
_Der Offizier_: Das ist schöner als jeder Roman. Unbegreiflich ist mir nur, wie sie ihn hat lieben können. Ein entsetzliches Subjekt!
Siebenter Auftritt
Dieselben. Es öffnet sich die andere Tür, und die Angeklagten kommen heraus, zuerst Lisa und Karenin, die dann auf dem Korridor auf und ab gehen; nach ihnen Fedja, allein.
_Die Dame_: Still, still! Das ist er. Sehen Sie nur, wie aufgeregt er ist. ($Die Dame und der Offizier entfernen sich.$)
_Fedja_ ($tritt an Iwan Petrowitsch heran$): Hast du ihn mitgebracht?
_Iwan Petrowitsch_: Da ist er. ($Er gibt ihm etwas.$)
_Fedja_ ($steckt den erhaltenen Gegenstand in die Tasche und will gehen; dabei erblickt er Pjetuschkow$): Die ganze Gerichtsverhandlung ist dumm und gemein; langweilig, langweilig; sinnlos. ($Er will weggehen.$)
Achter Auftritt
Dieselben und Petruschin (Rechtsanwalt, wohlbeleibt, mit frischer Gesichtsfarbe und lebhaftem Wesen; er tritt zu Fedja heran).
_Petruschin_: Nun, lieber Freund, unsere Sache steht gut; verderben Sie sie mir nur nicht durch Ihre letzte Ansprache!
_Fedja_: Ich werde gar nicht reden. Was sollte ich ihnen sagen?! Ich werde es nicht tun.
_Petruschin_: Nicht doch; reden müssen Sie. Haben Sie nur keine Angst! Wir haben jetzt schon so gut wie gewonnenes Spiel. Sagen Sie nur das, was Sie schon zu mir gesagt haben: daß Sie im Falle einer Verurteilung nur deswegen verurteilt werden würden, weil Sie einen Selbstmord, das heißt eine nach bürgerlichem und kirchlichem Rechte als Verbrechen geltende Handlung nicht begangen hätten.
_Fedja_: Ich werde nichts sagen.
_Petruschin_: Warum nicht?
_Fedja_: Ich will es nicht und werde es nicht tun. Sagen Sie mir nur: was kann im schlimmsten Falle erfolgen?
_Petruschin_: Das habe ich Ihnen bereits gesagt: im schlimmsten Falle Verschickung nach Sibirien.
_Fedja_: Das heißt, wer würde verschickt werden?
_Petruschin_: Sowohl Sie als auch Ihre Frau.
_Fedja_: Und im besten Falle?
_Petruschin_: Kirchenbuße und selbstverständlich Annullierung der zweiten Ehe.
_Fedja_: Das heißt also, man würde mich wieder an sie fesseln, oder vielmehr sie an mich.
_Petruschin_: Ja, so wird es wohl kommen. Aber regen Sie sich nicht auf! Und bitte, sprechen Sie nur so, wie ich es Ihnen sage, und nur die Hauptsache, nichts Überflüssiges! Na, aber ... ($er bemerkt, daß sich ein Kreis von Zuhörern um sie gebildet hat$) ich bin müde geworden und will weggehen und mich ein Weilchen still hinsetzen. Sie sollten sich ebenfalls ein bißchen erholen. Die Hauptsache ist: nicht ängstlich sein!
_Fedja_: Und anders kann die Entscheidung nicht ausfallen?
_Petruschin_ ($im Weggehen$): Nein, anders nicht.
Neunter Auftritt
Dieselben außer Petruschin; ein Gerichtsbeamter.
_Der Gerichtsbeamte_: Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter! Nicht auf dem Korridor stehen bleiben!
_Fedja_: Sofort. ($Er nimmt den Revolver heraus und schießt sich ins Herz. Er fällt zu Boden. Alle stürzen zu ihm hin.$) Es ist nichts Schlimmes; mir ist wohl. Ruft Lisa!...
Zehnter Auftritt
Aus allen Türen kommen die Zuhörer, die Richter, die Angeklagten und die Zeugen herbeigelaufen. Allen voran Lisa. Hinter ihr Mascha, Karenin, Iwan Petrowitsch und Fürst Abreskow.
_Lisa_: Was hast du getan, Fedja! Warum nur?!
_Fedja_: Verzeih mir, daß ich dich ... nicht anders frei machen konnte. Nicht um deinetwillen ... für mich selbst ist es so das Beste. Ich wollte es ja ... schon längst tun ...
_Lisa_: Du wirst am Leben bleiben. ($Ein Arzt biegt sich zu ihm herab und horcht.$)
_Fedja_: Ich weiß auch ohne Arzt Bescheid ... Viktor, leb wohl ... Und Mascha ist zu spät gekommen ... ($Er weint.$) Wie wohl ist mir! Wie wohl!... ($Er stirbt.$)
Vorhang
Ende.
Fußnoten:
[1] Ein berühmt gewordener, nihilistisch gefärbter Tendenzroman von Tschernyschewski, erschienen im Jahre 1863.
Anmerkung des Übersetzers.
[2] Ein säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz.
Anmerkung des Übersetzers.
[3] Ein juristischer Grad, mit der Berechtigung auf die zehnte Rangklasse.
Anmerkung des Übersetzers.
_Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig_