Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)
Part 5
_Fedja_: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun. Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen, das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie schien mich zu lieben.
_Pjetuschkow_: Warum sagen Sie: „Sie schien”?
_Fedja_: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen immer weniger. Ja, ja. ($Er gerät in Entzücken.$) Da fährt mir eben ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.
Zweiter Auftritt
Fedja, Pjetuschkow und Artemjew, welcher herantritt. (Er trägt eine Kokarde, einen alten, geflickten Anzug und hat einen gefärbten Schnurrbart.)
_Artemjew_: Guten Appetit. ($Er verbeugt sich vor Fedja.$) Sind Sie mit dem Künstler bekannt geworden?
_Fedja_ ($kühl$): Ja, wir sind miteinander bekannt.
_Artemjew_ ($zu Pjetuschkow$): Nun, haben Sie das Porträt fertiggemacht?
_Pjetuschkow_: Nein, ich war nicht bei Stimmung.
_Artemjew_ ($setzt sich$): Ich störe Sie doch nicht? ($Fedja und Pjetuschkow schweigen.$)
_Pjetuschkow_: Fjodor Wasiljewitsch hat allerlei aus seinem Leben erzählt.
_Artemjew_: Geheimnisse? Dann will ich nicht stören; fahren Sie nur fort! Was mach ich mir aus euch, ihr Ochsen! ($Er geht zum Nachbartische und läßt sich Bier geben. Während der ganzen folgenden Zeit biegt er sich zu Fedja und Pjetuschkow hin und behorcht ihr Gespräch.$)
Dritter Auftritt
_Fedja_: Ich kann diesen Herrn nicht leiden.
_Pjetuschkow_: Er hat sich beleidigt gefühlt.
_Fedja_: Na, meinetwegen. Ich kann mir nicht helfen: wenn so ein Mensch dabeisitzt, bringe ich kein Wort heraus. Sehen Sie, in Ihrer Gesellschaft fühle ich mich wohl und behaglich. Wovon redete ich doch gerade?
_Pjetuschkow_: Sie sagten, Sie seien eifersüchtig gewesen. Nun, und auf welche Weise haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?
_Fedja_: Ach! ($Er wird nachdenklich.$) Das ist eine wunderliche Geschichte. Meine Frau ist verheiratet ...
_Pjetuschkow_: Wie denn das? Ist eine Scheidung erfolgt?
_Fedja_: Nein. ($Er lächelt.$) Sie ist als meine Witwe zurückgeblieben.
_Pjetuschkow_: Aber wie meinen Sie denn das?
_Fedja_: Nun ja, als meine Witwe. Ich lebe nicht mehr.
_Pjetuschkow_: Sie leben nicht mehr?
_Fedja_: Nein. Ich bin ein Leichnam. Ja. ($Artemjew biegt sich herüber und horcht.$) Sehen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen. Es ist schon lange her, und meinen richtigen Familiennamen kennen Sie nicht. Die Sache trug sich so zu. Als ich meine Frau schon ganz zermartert, alles, was ich konnte, vergeudet hatte und ganz unerträglich geworden war, da erschien ein Beschützer für sie. Glauben Sie nicht, daß da irgendetwas Schmutziges, Häßliches vorgegangen wäre; nein, der Betreffende war mein eigener Freund und ein guter, sehr guter Mensch, nur in jeder Hinsicht das gerade Gegenteil von mir. Und da ich viel mehr schlechte Eigenschaften besitze als gute, so war und ist er denn ein guter, sehr guter Mensch: ehrenhaft, charakterfest, enthaltsam, mit einem Worte tugendhaft. Er hatte meine Frau von Jugend auf gekannt, sie geliebt und dann, als sie mich heiratete, sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Später aber, als ich so garstig wurde und anfing, sie zu quälen, da begann er häufiger bei uns zu verkehren. Ich wünschte das selbst. Und sie gewannen einander lieb; ich aber geriet zu jener Zeit ganz und gar auf Abwege und sagte mich selbst von meiner Frau los. Und dann kam noch Mascha hinzu. Ich machte ihnen selbst den Vorschlag, sie möchten sich heiraten. Sie wollten es nicht. Aber ich machte mich immer unmöglicher, und die Sache endete damit, daß ...
_Pjetuschkow_: Wie immer ...
_Fedja_: Ich bin davon überzeugt und weiß, daß sie rein blieben. Er ist ein religiöser Mensch und hielt eine Ehe ohne kirchlichen Segen für Sünde. Na, sie begannen also die Scheidung zu verlangen; ich sollte dazu meine Einwilligung geben. Wenn aber die Scheidung durchgesetzt werden sollte, mußte ich die ganze Schuld auf mich nehmen und mich zu einer großen Lügerei verstehen. Und das brachte ich nicht fertig. Werden Sie es glauben: es wäre mir leichter geworden, mir das Leben zu nehmen als zu lügen. Und ich wollte mir auch schon das Leben nehmen. Aber da sagte eine gute Person zu mir: „Warum willst du das tun?” Und es wurde alles arrangiert. Ich ließ ihnen einen Abschiedsbrief zukommen, und am andern Tage fand man am Ufer meine Kleider und meine Brieftasche mit verschiedenen an mich gerichteten Briefen. Schwimmen kann ich nicht.
_Pjetuschkow_: Nun, und wie war es mit der Leiche? Wurde die nicht gefunden?
_Fedja_: Ja, die wurde gefunden; denken Sie sich nur: eine Woche darauf wurde eine Leiche gefunden. Meine Frau wurde zur Besichtigung hinzugerufen. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen. Meine Frau sah sie an. „Ist er es?” wurde sie gefragt. „Ja, er ist es!” antwortete sie. Und dabei blieb es denn auch. Ich wurde begraben, und sie heirateten sich und leben hier und fühlen sich glücklich. Und ich lebe auch; ich lebe und trinke. Gestern ging ich an dem Hause der beiden vorbei. Hinter den Fenstern war Licht; der Schatten eines Menschen glitt an dem Rouleau vorüber. Manchmal ist mir dabei scheußlich zumute; aber manchmal mache ich mir nichts daraus. Scheußlich ist mir zumute, wenn ich kein Geld habe ... ($Er trinkt.$)
_Artemjew_ ($tritt näher$): Na, nehmen Sie es nicht übel, ich habe Ihre Geschichte mit angehört. Es ist eine sehr nette und vor allen Dingen eine sehr nützliche Geschichte. Sie sagen, es sei Ihnen scheußlich zumute, wenn es Ihnen an Geld fehle. Allerdings, es gibt nichts Scheußlicheres. Aber Sie in Ihrer Lage müßten doch eigentlich immer Geld haben. Sie sind ja ein Leichnam. Nun gut ...
_Fedja_: Erlauben Sie! Ihnen habe ich das nicht erzählt, und ich wünsche Ihre Ratschläge nicht.
_Artemjew_: Ich aber wünsche sie Ihnen dennoch zu geben. Sie sind ein Leichnam, und wenn Sie wieder aufleben, dann sind jene beiden, Ihre Gattin und der betreffende Herr, die sich jetzt so glücklich fühlen, einfach Bigamisten und spazieren günstigsten Falls nach einem nicht allzu entlegenen Verbannungsorte. Also warum sollte es Ihnen an Geld fehlen?
_Fedja_: Ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen.
_Artemjew_: Schreiben Sie ganz einfach einen Brief! Oder wenn Sie wollen, werde ich einen schreiben; Sie brauchen mir nur die Adresse zu geben. Sie werden mir später noch dankbar sein.
_Fedja_: Scheren Sie sich weg, sage ich Ihnen! Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt.
_Artemjew_: Doch, das haben Sie getan. Da ist ein Zeuge. Der Kellner hat es gehört, daß Sie sagten, Sie seien ein Leichnam.
_Der Kellner_: Ich weiß von nichts.
_Fedja_: Sie Taugenichts!
_Artemjew_: Ich ein Taugenichts?! He, Schutzmann! Es muß ein Protokoll darüber aufgenommen werden!
_Fedja_ ($steht auf und geht hinaus$). ($Artemjew halt ihn fest. Ein Schutzmann kommt.$)
Vorhang.
Zehntes Bild
Die Handlung spielt auf einem Gute, in einer von Efeu umrankten Veranda.
Erster Auftritt
Anna Dmitrijewna, Karenin, Lisa (die in andern Umständen ist), die Kinderfrau mit dem Kinde.
_Lisa_: Jetzt fährt er schon vom Bahnhof im Wagen hierher.
_Der Knabe_: Wer fährt?
_Lisa_: Der Papa.
_Der Knabe_: Papa fährt schon vom Bahnhof im Wagen hierher!
_Lisa_: =C'est étonnant, comme il l'aime, tout-à-fait comme son père.=
_Anna Dmitrijewna_: =Tant mieux! Se souvient-il de son père véritable?=
_Lisa_: Ich spreche nie mit ihm von diesem. Ich denke, wozu soll ich ihm den Kopf wirr machen? Manchmal aber denke ich wieder, ich müßte es ihm eigentlich doch sagen. Was meinen Sie, Mama?
_Anna Dmitrijewna_: Ich meine, Lisa, das ist Sache des Gefühls, und wenn du dich deinem Gefühle überläßt, so wird dein Herz dir schon zuflüstern, was du ihm sagen sollst und wann. In wie wunderbarer Weise doch der Tod versöhnend wirkt! Ich muß gestehen, es hat eine Zeit gegeben, wo er, Fedja (ich habe ihn ja gekannt, als er noch ein Kind war), für mich etwas Unangenehmes hatte; aber jetzt erinnere ich mich seiner nur als eines liebenswürdigen jungen Mannes, als eines Freundes von Viktor und als jenes leidenschaftlichen Menschen, der, ob auch in gesetzwidriger, nicht religiöser Weise, sich selbst für diejenigen zum Opfer brachte, die er liebte. =On aura beau dire, l'action est belle=... Hoffentlich hat Viktor nicht vergessen, Wolle mitzubringen; meine ist gleich alle. ($Sie strickt.$)
_Lisa_: Da kommt er. ($Man hört Rädergerassel und Schellengeklingel. Lisa steht auf und tritt an den Rand der Veranda.$)
_Lisa_: Er hat jemand bei sich. Eine Dame mit einem Hute. Es ist meine Mama! Es ist eine Ewigkeit, daß ich sie nicht gesehen habe. ($Sie geht zur Tür.$)
Zweiter Auftritt
Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde. Karenin und Anna Pawlowna treten ein.
_Anna Pawlowna_ ($küßt Lisa und Anna Dmitrijewna$): Viktor hat mich getroffen und hergebracht.
_Anna Dmitrijewna_: Sehr recht von ihm.
_Anna Pawlowna_: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.
_Karenin_ ($küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben$): Und ich bin so glücklich, -- ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.
_Lisa_: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen. Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?
_Anna Pawlowna_: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...
_Anna Dmitrijewna_: Aber nicht seine Schwäche.
_Lisa_: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen wird ...
_Anna Pawlowna_: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen: ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.
_Lisa_: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!
_Anna Pawlowna_: Ja, das finde ich auch.
_Lisa_: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein! Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!
_Anna Dmitrijewna_: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?
_Karenin_: Gewiß, gewiß! ($Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei daraus hervor.$) Da ist die Wolle, und da die =Eau de Cologne=, und da die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. ($Er gibt es seiner Frau.$) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? ($Lisa, die ganz blaß geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest es.$)
_Karenin_: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?
_Lisa_: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? ($Sie schluchzt.$)
_Karenin_ ($nimmt das Schriftstück und liest es$): Das ist entsetzlich!
_Anna Dmitrijewna_: Was denn? So sprich doch!
_Karenin_: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.
_Anna Dmitrijewna_: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das angerichtet?!
_Karenin_: Es ist alles Lüge, alles Lüge.
_Lisa_: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. ($Sie geht weinend ab, Karenin folgt ihr.$)
Dritter Auftritt
Anna Dmitrijewna und Anna Pawlowna.
_Anna Pawlowna_: Wie in aller Welt geht das zu, daß er noch lebt?
_Anna Dmitrijewna_: Ich weiß nur, daß Viktor, seit er mit dieser Welt des Schmutzes in Berührung gekommen ist, immer mehr hineingezogen wird. Und jetzt versinkt er darin. Alles ist Betrug, alles Lüge!
Vorhang.
Sechster Akt
Elftes Bild
Amtszimmer des Untersuchungsrichters. Der Untersuchungsrichter sitzt am Tische und unterhält sich mit Melnikow. Seitwärts blättert der Protokollführer in Akten.
Erster Auftritt
Der Untersuchungsrichter, Melnikow, der Protokollführer.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich habe ihr das nie gesagt. Sie hat sich das ausgesonnen und macht mir nun Vorwürfe.
_Melnikow_: Sie macht dir keine Vorwürfe; sie ist nur sehr betrübt.
_Der Untersuchungsrichter_: Nun gut, ich werde zum Mittagessen kommen. Aber jetzt haben wir hier eine sehr interessante Sache. ($Zum Protokollführer:$) Lassen Sie sie eintreten!
_Der Protokollführer_: Beide?
_Der Untersuchungsrichter_ ($hört auf zu rauchen und verwahrt die Zigarette$): Nein! Nur Frau Karenina oder richtiger nach ihrem ersten Manne, Frau Protasowa.
_Melnikow_ ($geht weg$): Ach, es handelt sich um Frau Karenina!
_Der Untersuchungsrichter_: Ja, es ist eine unsaubere Sache. Allerdings fange ich die Untersuchung eben erst an; aber schön ist die Geschichte nicht. Na, dann adieu! ($Melnikow ab.$)
Zweiter Auftritt
Der Untersuchungsrichter und Lisa, die schwarz gekleidet und verschleiert eintritt.
_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst. ($Er weist auf einen Stuhl.$) Wollen Sie mir glauben, daß ich die Notwendigkeit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, sehr bedauere; aber ich befinde mich in einer Zwangslage ... Bitte, beruhigen Sie sich; ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Antwort auf meine Fragen verweigern dürfen. Nur bin ich der Ansicht, daß es für Sie und für alle das Beste ist, alles der Wahrheit gemäß auszusagen. Das ist immer das Beste und Zweckmäßigste.
_Lisa_: Ich habe nichts zu verheimlichen.
_Der Untersuchungsrichter_: Also hier ($er blickt in ein Aktenstück$). Ihren Namen, Ihren Stand, Ihre Religion, das habe ich alles schon hingeschrieben; stimmt es?
_Lisa_: Ja.
_Der Untersuchungsrichter_: Sie werden beschuldigt, obwohl Sie wußten, daß Ihr Mann am Leben war, einen andern geheiratet zu haben.
_Lisa_: Ich wußte es nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Und ferner werden Sie beschuldigt, durch Zahlung einer Geldsumme ihren Mann zur Begehung eines Betruges, nämlich zur Vorspiegelung eines Selbstmordes, veranlaßt zu haben, in der Absicht, von ihm loszukommen.
_Lisa_: Das ist alles nicht wahr.
_Der Untersuchungsrichter_: Gestatten Sie mir also einige Fragen. Haben Sie ihm im Juli vorigen Jahres zwölfhundert Rubel übersandt?
_Lisa_: Dieses Geld gehörte ihm. Es war der Erlös aus seinen Sachen. Und in der Zeit, als ich mich von ihm getrennt hatte und darauf wartete, daß er die Scheidung in die Wege leite, da schickte ich es ihm.
_Der Untersuchungsrichter_: So so, sehr wohl. Dieses Geld wurde ihm am 17. Juli übersandt, das heißt zwei Tage vor seinem Verschwinden.
_Lisa_: Es mag am 17. Juli gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Warum wurden aber die Bemühungen beim Konsistorium zu derselben Zeit eingestellt und dem Rechtsanwalt das erteilte Mandat wieder abgenommen?
_Lisa_: Das weiß ich nicht.
_Der Untersuchungsrichter_: Nun, aber als die Polizei Sie aufforderte, die Leiche zu rekognoszieren, auf welche Weise erkannten Sie in derselben Ihren Mann?
_Lisa_: Ich war damals so aufgeregt, daß ich die Leiche nicht genauer ansah, und war so davon überzeugt, daß er es war, daß ich, als ich gefragt wurde, antwortete, er sei es wohl.
_Der Untersuchungsrichter_: Ja, Sie haben ihn in einer sehr erklärlichen Aufregung nicht genauer angesehen. Sehr wohl. Nun aber gestatten Sie die Frage: warum haben Sie denn allmonatlich Geld nach Saratow geschickt, nach eben der Stadt, wo Ihr erster Mann wohnte?
_Lisa_: Dieses Geld hat mein Mann hingeschickt. Und über die Bestimmung desselben kann ich nichts aussagen, da das nicht mein Geheimnis ist. Nur soviel: es wurde nicht an Fjodor Wasiljewitsch geschickt. Wir waren fest davon überzeugt, daß er nicht mehr am Leben sei. Das kann ich Ihnen wahrheitsgemäß sagen.
_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. Gestatten Sie mir nur die eine Bemerkung, gnädige Frau: wir sind Diener des Gesetzes; aber das hindert uns nicht, Menschen zu sein. Wollen Sie mir glauben: ich habe ein volles Verständnis für Ihre Lage und wende ihr meine ganze Teilnahme zu. Sie waren an einen Menschen gebunden, der das Vermögen verschwendete, Sie hinterging, mit einem Worte ein schweres Kreuz für Sie war ...
_Lisa_: Ich liebte ihn.
_Der Untersuchungsrichter_: Ja, aber es mußte doch in Ihnen ganz natürlicherweise der Wunsch rege werden, von ihm loszukommen, und Sie wählten diesen einfachen Weg, ohne zu bedenken, daß er Sie zu etwas führte, was als ein Verbrechen angesehen wird, zur Bigamie; das ist auch mir verständlich. Und auch die Geschworenen werden dafür Verständnis haben. Und daher würde ich Ihnen raten, alles offen zu gestehen.
_Lisa_: Ich habe nichts zu gestehen. Ich habe nie gelogen. ($Sie weint.$) Bin ich nicht mehr nötig?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich möchte Sie bitten, noch ein Weilchen hier zu bleiben. Ich werde Sie nicht weiter mit Fragen belästigen. Haben Sie nur die Güte, dies hier durchzulesen und zu unterschreiben. Es ist das Protokoll über Ihre Vernehmung. Sind Ihre Antworten richtig wiedergegeben? Bitte ergebenst, dort Platz zu nahmen. ($Er zeigt auf einen Lehnstuhl am Fenster.$) ($Zu dem Protokollführer:$) Rufen Sie Herrn Karenin!
Dritter Auftritt
Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa. Karenin tritt mit ernster, feierlicher Miene ein.
_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst!
_Karenin_: Ich danke. ($Er bleibt stehen.$) Was steht zu Ihren Diensten?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bin verpflichtet, Sie zu vernehmen.
_Karenin_: In welcher Eigenschaft?
_Der Untersuchungsrichter_ ($lächelnd$): Ich in meiner Eigenschaft als Untersuchungsrichter bin verpflichtet, Sie in Ihrer Eigenschaft als Beschuldigter zu vernehmen.
_Karenin_: Wieso? Weswegen?
_Der Untersuchungsrichter_: Wegen einer Ehe mit einer verheirateten Frau. Gestatten Sie aber, daß ich die Fragen der Reihe nach stelle. Nehmen Sie Platz!
_Karenin_: Ich danke.
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?
_Karenin_: Viktor Karenin.
_Der Untersuchungsrichter_: Stand?
_Karenin_: Kammerherr, Wirklicher Staatsrat.
_Der Untersuchungsrichter_: Alter?
_Karenin_: Achtunddreißig Jahre.
_Der Untersuchungsrichter_: Religion?
_Karenin_: Rechtgläubig. Vor Gericht habe ich noch nie gestanden und bin nie in Untersuchung gewesen. Nun?
_Der Untersuchungsrichter_: War Ihnen damals, als Sie die Ehe mit Ihrer Frau eingingen, bekannt, daß Fjodor Wasiljewitsch Protasow am Leben war?
_Karenin_: Nein, das war mir nicht bekannt. Wir waren beide der Überzeugung, daß er ertrunken sei.
_Der Untersuchungsrichter_: An wen haben Sie nach der unwahren Nachricht von Protasows Tode allmonatlich Geld nach Saratow geschickt?
_Karenin_: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.
_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. In welcher Absicht haben Sie Herrn Protasow kurz vor der Simulation seines Todes am 17. Juli zwölfhundert Rubel übersandt?
_Karenin_: Dieses Geld hatte mir meine Frau übergeben.
_Der Untersuchungsrichter_: Frau Protasowa?
_Karenin_: Meine Frau hatte es mir übergeben zur Absendung an ihren Mann. Sie hielt dieses Geld für sein Eigentum, und da sie alle Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte, so hielt sie es für unrecht, dieses Geld zurückzubehalten.
_Der Untersuchungsrichter_: Jetzt noch eine Frage: warum haben Sie die Bemühungen um die Ehescheidung eingestellt?
_Karenin_: Weil Fjodor Wasiljewitsch diese Bemühungen auf sich genommen und mich davon brieflich verständigt hatte.
_Der Untersuchungsrichter_: Besitzen Sie diesen Brief?
_Karenin_: Der Brief ist verloren gegangen.
_Der Untersuchungsrichter_: Merkwürdig, daß alles das, was geeignet wäre, das Gericht von der Richtigkeit Ihrer Angaben zu überzeugen, verloren gegangen und nicht zur Stelle ist.
_Karenin_: Wünschen Sie sonst noch etwas?
_Der Untersuchungsrichter_: Ich wünsche weiter nichts als meine Pflicht zu erfüllen; Ihnen aber liegt ob, sich zu rechtfertigen, und ich habe soeben Frau Protasowa einen Rat gegeben und möchte ebendenselben auch Ihnen erteilen: nicht zu verheimlichen, was doch für einen jeden offensichtlich ist, und alles so zu erzählen, wie es sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Um so mehr, da Herr Protasow schon alles so ausgesagt hat, wie es gewesen ist, und wahrscheinlich auch vor Gericht bei seiner Aussage verbleiben wird. Ich möchte Ihnen raten ...
_Karenin_: Ich würde Sie bitten, sich innerhalb des Rahmens der Erfüllung Ihrer Pflichten zu halten und Ihre Ratschläge beiseite zu lassen. Dürfen wir weggehen? ($Er tritt zu Lisa hin; sie steht auf und nimmt seinen Arm.$)
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bedauere lebhaft, daß ich Sie noch zurückhalten muß ... ($Karenin wendet sich erstaunt um.$) O nein, nicht in dem Sinne, als ob ich Sie verhaften lassen wollte. Wiewohl das zur Erforschung der Wahrheit ganz zweckdienlich sein würde, werde ich doch nicht zu dieser Maßregel greifen. Ich möchte nur Herrn Protasow in Ihrer Gegenwart verhören und Sie mit ihm konfrontieren; Sie werden dabei eine bequeme Möglichkeit haben, ihn der Unwahrheit zu überführen. Bitte, nehmen Sie Platz! ($Zum Protokollführer:$) Rufen Sie Herrn Protasow herein!
Vierter Auftritt
Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa, Karenin. Fedja, schmutzig und verkommen, tritt ein.
_Fedja_ ($wendet sich zu Lisa und Karenin$): Lisa, Jelisaweta Andrejewna, Viktor, ich bin nicht schuld daran. Ich wollte es recht gut machen. Wenn mich aber doch eine Schuld trifft, so verzeiht mir, verzeiht mir! ($Er verbeugt sich tief vor ihnen.$)
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie, auf meine Fragen zu antworten.
_Fedja_: Fragen Sie!
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?
_Fedja_: Den wissen Sie ja doch.
_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie zu antworten.
_Fedja_: Na, Fjodor Protasow.
_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Stand, Ihr Lebensalter, Ihre Religion?
_Fedja_ ($schweigt zunächst$): Schämen Sie sich denn nicht, solche dummen Fragen zu stellen? Fragen Sie doch, was nötig ist, und nicht solche Torheiten!
_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie, in Ihren Ausdrücken vorsichtiger zu sein und auf meine Fragen zu antworten.
_Fedja_: Na, wenn Sie sich nicht schämen, dann hören Sie! Stand: Kandidat[3]; Lebensalter: vierzig Jahre; Religion: rechtgläubig; na, nun weiter!
_Der Untersuchungsrichter_: War es Herrn Karenin und Ihrer Frau bekannt, daß Sie am Leben geblieben waren, als Sie Ihre Kleider am Flußufer hatten liegen lassen und selbst verschwunden waren?
_Fedja_: Bestimmt nicht. Ich hatte mich wirklich töten wollen, aber dann ... na, das brauche ich nicht zu erzählen. Tatsache ist, daß sie nichts wußten.
_Der Untersuchungsrichter_: Wie kommt es denn, daß Sie dem Polizeibeamten ganz andere Aussagen gemacht haben?