Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)
Part 4
_Fedja_ ($ernsthaft$): Meinetwegen, komm herein; aber ich bin beschäftigt und ... Wenn du willst, so komm herein!
_Iwan Petrowitsch_: Du willst auf die Forderungen dieser Leute antworten? Ich werde dir sagen, wie du es machen mußt. Ich würde es anders machen. Ich spreche immer offen und handle entschieden.
_Fedja_ ($zum Kellner$): Eine Flasche Champagner! ($Der Kellner ab.$)
Zweiter Auftritt
Fedja und Iwan Petrowitsch. (Fedja zieht einen Revolver hervor und legt ihn auf den Tisch.)
_Fedja_: Warte ein Weilchen!
_Iwan Petrowitsch_: Was ist denn das? Du willst dich erschießen? Das ist auch ein Weg, gewiß. Ich verstehe dich. Sie wollen dich demütigen; aber du zeigst ihnen, wer du bist. Dich tötest du mit dem Revolver und die beiden durch deine Großmut. Ich verstehe dich. Ich verstehe alles; denn ich bin ein Genie.
_Fedja_: Nun ja, nun ja. Nur ... ($Der Kellner kommt herein mit einer Flasche Champagner, Papier und Schreibzeug.$)
Dritter Auftritt
Fedja, Iwan Petrowitsch und zu Anfang der Kellner.
_Fedja_ ($bedeckt den Revolver mit einer Serviette$): Zieh die Flasche auf! Laß uns trinken! ($Sie trinken.$) ($Fedja schreibt.$) Warte ein bißchen!
_Iwan Petrowitsch_: Auf deine ... große Reise! Ich nehme da einen höheren Standpunkt ein. Ich werde dich nicht zurückhalten. Leben und Tod, das macht für ein Genie keinen Unterschied. Ich sterbe im Leben und lebe im Tode. Du tötest dich, damit sie, diese beiden Menschen, dich bedauern. Ich aber, ich töte mich, damit die ganze Welt begreift, was sie verloren hat. Ich werde nicht schwanken, nicht überlegen. Ich ergreife ihn ($er faßt den Revolver$), bautz -- und alles ist erledigt. Aber es ist noch nicht an der Zeit. ($Er legt den Revolver wieder hin.$) Und etwas zu schreiben beabsichtige ich auch nicht; sie müssen es von selbst begreifen ... Ach, ihr ...
_Fedja_ ($schreibt$): Warte ein bißchen!
_Iwan Petrowitsch_: Klägliche Menschen! Da wimmeln sie umher und mühen sich geschäftig ab. Und sie verstehen nicht, daß ... gar nichts verstehen sie. Ich rede nicht zu dir. Ich rede nur so für mich, spreche meine Gedanken aus. Aber was tut der Menschheit not? Sehr wenig: daß sie ihre Genies zu schätzen wüßte; aber die hat sie immer hingerichtet, vertrieben, gefoltert ... Nein! ich werde nicht euer Spielzeug sein! Ich werde euch entlarven. Neei--n! Ihr Heuchler!
_Fedja_ ($ist mit Schreiben fertig, trinkt sein Glas aus und liest das Geschriebene noch einmal durch$): Nun, bitte, geh weg!
_Iwan Petrowitsch_: Ich soll weggehen? Na, dann leb wohl! Ich werde dich nicht davon zurückhalten. Ich werde dasselbe tun. Aber es ist noch nicht Zeit für mich. Ich will dir nur sagen ...
_Fedja_: Schön! Du kannst es mir sagen, aber erst nachher. Jetzt paß mal auf, lieber Freund: bitte, gib doch dies hier dem Wirt ($er gibt ihm Geld$) und frage, ob ein Brief oder ein Paket für mich da ist. Sei so gut!
_Iwan Petrowitsch_: Schön! Du wirst also warten, bis ich zurückkomme? Ich will dir noch etwas Wichtiges sagen. Etwas Derartiges, wie du es weder in dieser Welt noch im Jenseits zu hören bekommen wirst, wenigstens nicht, bevor ich dorthin komme. Also soll ich das Ganze abliefern?
_Fedja_: So viel, wie nötig ist. ($Iwan Petrowitsch ab.$)
Vierter Auftritt
Fedja allein.
_Fedja_ ($seufzt erleichtert auf, schließt hinter Iwan Petrowitsch die Tür zu, nimmt den Revolver, spannt den Hahn, setzt die Waffe an die Schläfe, zuckt zusammen und läßt sie sachte wieder sinken. Er stöhnt$): Nein, ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht! ($Es wird an die Tür geklopft.$) Wer ist da?
_Maschas Stimme_ ($von außen$): Ich.
_Fedja_: Wer ist das: „ich”? Ah, Mascha ... ($Er schließt die Tür auf.$)
Fünfter Auftritt
_Mascha_: Ich bin in deiner Wohnung gewesen und bei Popow und bei Afremow, und dann fiel mir ein, daß du wohl hier sein würdest. ($Sie erblickt den Revolver.$) Na, das ist ja nett! Bist du ein Dummkopf! Wirklich, ein Dummkopf! Hast du das denn wirklich gewollt?
_Fedja_: Ich habe es nicht gekonnt.
_Mascha_: Und an mich hast du wohl gar nicht gedacht? Gottloser! Mit mir hast du kein Mitleid gehabt! Ach, Fjodor Wasiljewitsch, schäme dich, schäme dich! Ist das der Dank für meine Liebe?...
_Fedja_: Ich wollte den beiden die Freiheit geben; ich habe es ihnen versprochen. Und meinem Worte untreu werden, das kann ich nicht.
_Mascha_: Und ich, ich?
_Fedja_: Du? Dich würde ich damit auch von einer Fessel losmachen. Willst du dich denn lieber noch länger mit mir abplagen?
_Mascha_: Ich muß es doch wohl lieber wollen. Ich kann ohne dich nicht leben.
_Fedja_: Was hast du für ein Leben mit mir zusammen? Du würdest ein bißchen weinen und dann ruhig weiterleben.
_Mascha_: Ich würde überhaupt nicht weinen! Hol dich der Teufel, wenn du mit mir kein Mitleid hast! ($Sie weint.$)
_Fedja_: Mascha, mein Herzchen! Ich wollte es doch recht gut machen!
_Mascha_: Ja, recht gut für dich!
_Fedja_ ($lächelnd$): Aber inwiefern wäre es denn für mich recht gut, wenn ich mir das Leben nähme?
_Mascha_: Selbstverständlich wäre es für dich recht gut. Aber was beabsichtigst du denn eigentlich damit? Das sage mir mal!
_Fedja_: Was ich damit beabsichtige? Gar vieles.
_Mascha_: Na was? was?
_Fedja_: Erstens beabsichtige ich damit, mein Versprechen zu halten. Das ist das Erste, und das genügt schon. Zu lügen und all die andern garstigen Dinge zu tun, die zu einer Scheidung erforderlich sind, das bringe ich nicht fertig.
_Mascha_: Das ist allerdings garstig. Ich selbst ...
_Fedja_: Ferner beabsichtige ich, den beiden, das heißt meiner Frau und ihm, Freiheit des Handelns zu geben. Sie sind ja doch gute Menschen. Wozu sollen sie sich quälen? Das war Nummer zwei.
_Mascha_: Na, an ihr kann doch nicht sehr viel Gutes sein, wenn sie sich von dir losgesagt hat.
_Fedja_: Nicht sie hat sich von mir losgesagt, sondern ich mich von ihr.
_Mascha_: Na gut, gut! Du nimmst immer alle Schuld auf dich. Sie ist ein Engel. Und was nun noch?
_Fedja_: Dann sage ich mir noch, daß du ein gutes, liebes Mädchen bist und ich dich liebe und dich, wenn ich am Leben bleibe, unglücklich mache.
_Mascha_: Das ist ja nicht deine Sache. Ich weiß schon allein, wo ich glücklich und wo ich unglücklich werde.
_Fedja_ ($seufzt$): Und die Hauptsache, die Hauptsache: was ist mein Leben? Ich sehe ja doch, daß ich ein tief heruntergekommener Mensch bin und zu nichts tauge. Allen und mir selbst bin ich nur zur Last, wie dein Vater gesagt hat. Ich bin zu nichts nütze ...
_Mascha_: Dummes Zeug! Ich lasse nicht von dir. Ich halte dich fest, und damit basta! Und wenn du ein unordentliches Leben führst, trinkst und dich herumtreibst, so läßt sich das doch abstellen. Du bist ja ein verständiger Mensch. Wirf das von dir! Ganz einfach!
_Fedja_: Leicht gesagt.
_Mascha_: Mach es so!
_Fedja_: Ja, wenn ich dich so ansehe, so meine ich, ich könnte alles ausführen.
_Mascha_: Und du wirst es auch ausführen. Alles wirst du ausführen. ($Sie erblickt den Brief.$) Was ist das? Hast du an die beiden geschrieben? Was hast du geschrieben?
_Fedja_: Was ich geschrieben habe? ($Er nimmt den Brief und will ihn zerreißen.$) Der Brief ist jetzt nicht mehr erforderlich.
_Mascha_ ($entreißt ihm den Brief$): Hast du geschrieben, du werdest dir das Leben nehmen? Ja? Von der Pistole hast du nichts geschrieben, sondern nur im allgemeinen, daß du dir das Leben nehmen werdest?
_Fedja_: Ja, daß ich bald nicht mehr sein werde.
_Mascha_: Warte mal, warte mal, warte mal! Hast du „Was ist zu tun?”[1] gelesen?
_Fedja_: Ich glaube, ich habe es gelesen.
_Mascha_: Es ist ein langweiliger Roman; aber eines ist darin sehr gut, sehr gut. Er, dieser, wie heißt er doch? Rachmanow, erweckt den Anschein, daß er ertrunken sei. Das könntest du auch tun! Schwimmen kannst du nicht?
_Fedja_: Nein.
_Mascha_: Na, siehst du wohl! Du mußt alle deine Kleider hergeben, alles, auch die Brieftasche.
_Fedja_: Und wie weiter?
_Mascha_: Warte, warte, warte! Wir fahren zu dir nach Hause. Da kleidest du dich um.
_Fedja_: Aber das ist ja ein Betrug.
_Mascha_: Das schadet nichts. Du bist baden gegangen und hast deine Kleider am Ufer gelassen. Und in der Tasche steckt die Brieftasche und dieser Brief.
_Fedja_: Nun, und dann?
_Mascha_: Und dann? Dann fahren wir weg und führen ein wunderschönes Leben.
Sechster Auftritt
Fedja, Mascha und Iwan Petrowitsch, welcher eintritt.
_Iwan Petrowitsch_: Nun sehe mal einer an! Und was wird mit dem Revolver? Den werde ich mir nehmen.
_Mascha_: Nimm ihn, nimm ihn; wir wollen fahren.
Vorhang.
Achtes Bild
Salon bei Protasows.
Erster Auftritt
Karenin, Lisa.
_Karenin_: Er hat es so fest versprochen, daß ich bestimmt glaube, er wird sein Versprechen zur Ausführung bringen.
_Lisa_: Es ist mir peinlich, aber ich muß es doch sagen, daß das, was ich über diese Zigeunerin erfahren habe, mir ein vollständiges Gefühl innerer Freiheit gegeben hat. Glaube nicht, daß das Eifersucht wäre. Es ist nicht Eifersucht, sondern, weißt du, ein Gefühl der Befreiung. Wie soll ich Ihnen das deutlich machen?...
_Karenin_: Wieder „Ihnen”.
_Lisa_ ($lächelnd$): Nun also: dir. Aber lassen Sie mich, laß mich meine Empfindungen aussprechen! Was mich am meisten quälte, war das Gefühl, daß ich zwei Männer liebte. Denn das bedeutet, daß ich eine sittenlose Frau bin.
_Karenin_: Du eine sittenlose Frau?!
_Lisa_: Aber seit ich erfahren habe, daß er mit einer anderen Frau zusammenlebt und ich also für ihn keine Bedeutung mehr habe, seitdem bin ich innerlich frei geworden und fühle, daß ich ohne zu lügen sagen darf: ich liebe Sie, -- dich. Jetzt ist in meiner Seele alles hell und klar, und nur meine äußere Lage quält mich noch. Diese Scheidung. Das ist alles so qualvoll! Dieses Warten!
_Karenin_: Es wird sich in allernächster Zeit entscheiden. Abgesehen davon, daß Fedja uns sein Versprechen gegeben hat, habe ich auch noch meinen Sekretär ersucht, sich mit einem Bittgesuche an das Konsistorium zu ihm zu begeben und nicht eher wieder fortzugehen, als bis er seine Unterschrift gegeben hat. Wenn ich ihn nicht so genau kennte, so würde ich glauben, daß sein Zaudern Absicht ist.
_Lisa_: Absicht? Nein, das ist alles bei ihm nur Schwäche und Ehrenhaftigkeit. Er will nicht die Unwahrheit sagen. Aber du hast nicht gut daran getan, ihm Geld zu schicken.
_Karenin_: Es ging nicht anders. Das konnte die Ursache der Verzögerung sein.
_Lisa_: Nein, Geld hat etwas Unschönes.
_Karenin_: Nun, er könnte schon weniger =pointilleux= sein.
_Lisa_: Was wir für Egoisten geworden sind!
_Karenin_: Ja, ich bekenne es auch von mir. Aber daran bist du selbst schuld. Nach all diesem Warten und dieser Hoffnungslosigkeit bin ich jetzt so glücklich. Und das Glück macht egoistisch. Du bist daran schuld.
_Lisa_: Du glaubst, du allein seist glücklich. Ich bin es ebenfalls. Ich fühle, daß meine Seele ganz voll Glücksempfindung ist, sich gleichsam in ihrem Glücke badet. Alles kommt zusammen: Mischa ist wieder gesund geworden, und deine Mutter liebt mich, und du liebst mich, und, was die Hauptsache ist, ich, ich selbst liebe.
_Karenin_: Ja? Und du befürchtest nicht, es jemals zu bereuen und anderen Sinnes zu werden?
_Lisa_: Seit jenem Tage hat sich alles in mir umgewandelt.
_Karenin_: Und das Alte kann nicht wiederkehren?
_Lisa_: Nein, niemals. Ich habe nur einen Wunsch: daß auch in deiner Seele alles Vergangene ebenso vollständig abgetan sein möchte wie in der meinigen.
Zweiter Auftritt
Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)
_Karenin_: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!
_Lisa_: Wieso? ($Sie küßt das Kind.$)
_Karenin_: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte, da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war. Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte, daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb; diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen? Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.
_Lisa_ ($vorwurfsvoll$): Viktor!
_Karenin_: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will, daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.
_Lisa_: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus verschwunden.
_Karenin_: Jedes?
_Lisa_: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.
Dritter Auftritt
Karenin, Lisa, die Kinderfrau mit dem Knaben und ein Diener.
_Der Diener_: Herr Wosnesenski.
_Karenin_: Er bringt die Antwort von Fedja.
_Lisa_ ($zu Karenin$): Lassen Sie ihn in dieses Zimmer eintreten!
_Karenin_ ($steht auf und geht zur Tür$): Nun, da werden wir die Antwort zu hören bekommen.
Vierter Auftritt
Karenin, Lisa. (Sie gibt der Kinderfrau das Kind zurück. Die Kinderfrau ab.)
_Lisa_: Wird sich jetzt wirklich alles entscheiden, Viktor? ($Sie küßt ihn.$)
Fünfter Auftritt
Karenin, Lisa und Wosnesenski, welcher eintritt.
_Karenin_: Nun, wie steht es?
_Wosnesenski_: Er war nicht zu Hause.
_Karenin_: Nicht zu Hause? Und er hat die Bittschrift nicht unterschrieben?
_Wosnesenski_: Die Bittschrift hat er nicht unterschrieben; aber er hat einen Brief an Sie und Jelisaweta Andrejewna hinterlassen. ($Er zieht einen Brief aus der Tasche und reicht ihn Karenin hin.$) Ich kam nach seiner Wohnung; dort wurde mir gesagt, er sei in einem bestimmten Restaurant; ich ging dorthin, und da sagte mir Fjodor Wasiljewitsch, ich möchte in einer Stunde wiederkommen. Ich kam wieder hin, und da hatte er diesen Brief hinterlassen ...
_Karenin_: Ob er wirklich immer neue Verschleppungsversuche und Ausflüchte macht? Nein, das ist geradezu häßlich von ihm. Wie tief ist er doch gesunken!
_Lisa_: So lies doch; mach!
_Karenin_ ($öffnet den Brief$).
_Wosnesenski_: Bedürfen Sie meiner noch?
_Karenin_: Nein, adieu, ich danke Ihnen ... ($Er liest und stutzt erstaunt. Wosnesenski ab.$)
Sechster Auftritt
Karenin und Lisa.
_Lisa_: Was steht darin? Was steht darin?
_Karenin_: Das ist schrecklich!
_Lisa_ ($greift nach dem Briefe$): So lies doch vor!
_Karenin_ ($liest$): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide. Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’ gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren; Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten gehindert habe, ein Paar zu werden. =C'est moi qui suis l'intrus.= Aber doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa, die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß, daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”
_Lisa_: Wie kann er nur ...
_Karenin_ ($liest weiter$): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem Leben scheiden!...”
_Lisa_ ($faßt Karenin an den Arm$): Viktor!
_Karenin_ ($liest weiter$): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, bin ich nicht mehr. =P.S.= Es tut mir sehr leid, daß Ihr mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer, billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver Mensch. Lebt wohl! Fedja.”
_Lisa_: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...
_Karenin_ ($klingelt und läuft in das Vorzimmer$): Rufen Sie Herrn Wosnesenski zurück!
_Lisa_: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!
_Karenin_: Lisa!
_Lisa_: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn. Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! ($Wosnesenski tritt ein.$)
Siebenter Auftritt
Karenin, Lisa und Wosnesenski.
_Karenin_: Wo ist Fjodor Wasiljewitsch? Was hat man Ihnen gesagt?
_Wosnesenski_: Man hat mir gesagt, er sei am Morgen unter Hinterlassung dieses Briefes weggegangen und nicht wieder zurückgekehrt.
_Karenin_: Das muß ich in Erfahrung bringen, Lisa; ich verlasse dich.
_Lisa_: Verzeih mir, aber auch ich kann nicht lügen. Laß mich jetzt allein! Geh und stelle fest, was geschehen ist!...
Vorhang.
Fünfter Akt
Neuntes Bild
Ein schmutziges Zimmer in einer Schenke. Ein Tisch mit Gästen, welche Tee und Branntwein trinken. Im Vordergrunde ein Tischchen, an welchem Fedja, ganz heruntergekommen und in zerlumpten Kleidern, sitzt und bei ihm Pjetuschkow, ein höflicher, zarter Mensch, dem seine langen Haare ein geistliches Aussehen verleihen. Beide sind ein wenig angetrunken.
Erster Auftritt
Fedja und Pjetuschkow.
_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Ja, das ist echte Liebe. Nun, und was dann?
_Fedja_: Ja, wissen Sie, wenn diese Gefühle bei einem jungen Mädchen aus unserer Sphäre zutage kämen, so daß sie für den geliebten Mann alles zum Opfer brächte, dann würde man das noch erklärlich finden; aber hier handelt es sich um eine Zigeunerin, deren ganze Erziehung auf Eigennutz gerichtet war; und dabei doch diese reine, selbstlose Liebe! Sie gibt alles hin, ohne für sich selbst auch nur das geringste zu verlangen. Dieser Kontrast ist besonders merkwürdig.
_Pjetuschkow_: Ja, das nennt man bei uns in der Malerei =valeur=. Ein volles, grelles Rot kann man nur dann herausbringen, wenn ringsumher Grün ist. Na, aber das gehört nicht hierher. Ich verstehe, ich verstehe ...
_Fedja_: Ja, und das ist, glaube ich, die einzige gute Tat, die ich zur Rettung meiner Seele getan habe, daß ich ihre Liebe nicht mißbrauchte. Und wissen Sie warum?
_Pjetuschkow_: Aus Mitleid.
_Fedja_: Ach nein. Mein Gefühl ihr gegenüber war nicht Mitleid. Ich war, wenn ich sie sah, immer voller Entzücken, und wenn sie sang, -- ach, wie sang sie! Auch jetzt singt sie vielleicht noch -- Und immer blickte ich zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor. Ich habe sie einfach deswegen nicht unglücklich gemacht, weil ich sie liebte, sie innig liebte. Und selbst jetzt noch ist das für mich eine schöne, schöne Erinnerung. ($Er trinkt.$)
_Pjetuschkow_: Sehen Sie, ich verstehe das, ich verstehe das. Das ist etwas Ideales.
_Fedja_: Ich will Ihnen was sagen: ich habe seinerzeit auch so meine Schwärmereien und Liebschaften gehabt. Und so war ich denn auch einmal verliebt, in eine schöne Dame, und ich war in einer häßlichen, sinnlichen Art verliebt, und sie gab mir ein Rendezvous. Und ich blieb weg, weil ich der Ansicht war, das sei eine Gemeinheit gegen den Ehemann. Und bis auf den heutigen Tag geht es mir merkwürdig: wenn ich daran zurückdenke, so möchte ich mich freuen und mich dafür loben, daß ich ehrenhaft gehandelt habe; aber -- ich bereue es wie eine Sünde. Aber hier, bei Mascha, ist es gerade umgekehrt. Ich freue mich immer, freue mich sehr, daß ich dieses mein Gefühl mit nichts beschmutzt habe. Ich kann noch tiefer sinken, kann ganz verkommen, alles, was ich auf dem Leibe habe, verkaufen, kann verlaufen und die Krätze bekommen; aber dieser Brillant, oder besser, dieser Sonnenstrahl, ja, der bleibt für immer das Eigentum meiner Seele.
_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?
_Fedja_: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen. Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht mit meinem jetzigen vermischen. ($Man hört das Geschrei einer Frau an dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint; die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu und schweigen.$)
_Pjetuschkow_ ($nachdem es dort wieder ruhig geworden ist$): Ja, Ihr Leben ist ein ganz wundersames gewesen.
_Fedja_: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz, in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen, zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und nun ist das Lied ausgesungen. ($Er trinkt.$)
_Pjetuschkow_: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.