Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)

Part 3

Chapter 33,584 wordsPublic domain

Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor, welcher eintritt, seiner Mutter die Hand küßt und den Fürsten Abreskow begrüßt.

_Viktor_: Mama, ich bin nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß Jelisaweta Andrejewna sogleich hier sein wird; und ich bitte und beschwöre Sie nur um eines: wenn Sie immer noch gegen meine Heirat sind ...

_Anna Dmitrijewna_ ($unterbricht ihn$): Selbstverständlich bin ich immer noch dagegen.

_Viktor_ ($fährt mit finsterer Miene fort$) ... so bitte und beschwöre ich Sie nur um eines: reden Sie nicht von Ihrer Abneigung, sprechen Sie es nicht aus, daß Sie Ihre Zustimmung verweigern!

_Anna Dmitrijewna_: Ich meine, daß wir überhaupt nicht von etwas Derartigem reden werden. Ich wenigstens werde nicht davon anfangen.

_Viktor_: Und sie noch weniger. Mein Wunsch war nur, daß Sie sie kennen lernen möchten.

_Anna Dmitrijewna_: Ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du deinen Wunsch, Frau Protasowa zu Lebzeiten ihres Mannes zu heiraten, mit deiner religiösen Überzeugung vereinigen, daß eine Ehescheidung gegen die Lehre des Christentums ist?

_Viktor_: Mama, Sie verfahren grausam mit mir! Sind wir alle denn so unfehlbar, daß wir von unseren Grundsätzen nie abgehen dürften, obwohl doch das Leben ein so kompliziertes Geflecht ist? Mama, warum sind Sie gegen mich so grausam?

_Anna Dmitrijewna_: Ich liebe dich und will dein Glück.

_Viktor_ ($zu Abreskow$): Sergei Dmitrijewitsch!

_Fürst Abreskow_: Selbstverständlich wollen Sie sein Glück; aber uns mit unseren grauen Haaren wird es schon schwer, die Jugend zu verstehen. Und besonders schwer ist das für eine Mutter, die sich an den Gedanken gewöhnt hat, das Glück des Sohnes müsse ihren eigenen Vorstellungen entsprechen. Alle Frauen sind von dieser Art.

_Anna Dmitrijewna_: Nun ja, da haben wirs! Alle sind gegen mich. Natürlich kannst du es tun; =vous êtes majeur= ... aber du machst mich dadurch unglücklich.

_Viktor_: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Das ist mehr als grausam.

_Fürst Abreskow_ ($zu Viktor$): Hör auf, Viktor. Die Mama redet immer schlechter, als sie handelt.

_Anna Dmitrijewna_: Ich werde zu ihr sagen, was ich denke und empfinde, und werde es zu ihr sagen, ohne sie zu kränken.

_Fürst Abreskow_: Davon bin ich überzeugt.

Fünfter Auftritt

Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor und ein Diener, welcher eintritt.

_Fürst Abreskow_: Da ist sie.

_Viktor_: Ich werde fortgehen.

_Der Diener_: Jelisaweta Andrejewna Protasowa.

_Viktor_: Ich gehe fort. Mama, ich bitte Sie ... ($Er geht fort.$)

_Fürst Abreskow_ ($erhebt sich ebenfalls$).

_Anna Dmitrijewna_: Ich lasse bitten. ($Zum Fürsten Abreskow:$) Nein, bleiben Sie!

Sechster Auftritt

Anna Dmitrijewna und Fürst Abreskow.

_Fürst Abreskow_: Ich glaubte, es würde Ihnen =en tête-à-tête= angenehmer sein.

_Anna Dmitrijewna_: Nein, ich fürchte mich vor ihr. ($Sie gerät in nervöse Unruhe.$) Wenn mir der Wunsch kommen sollte, mit ihr =tête-à-tête= zu bleiben, so werde ich Ihnen einen Wink geben; =ça dépendra= ... Aber gleich von vornherein mit ihr allein zu bleiben, das würde mir peinlich sein. Ich werde dann so zu Ihnen machen. ($Sie macht ihm ein Zeichen.$)

_Fürst Abreskow_: Ich verstehe. Ich bin davon überzeugt, daß sie Ihnen gefallen wird. Seien Sie nur gerecht!

_Anna Dmitrijewna_: Wie ihr alle doch meine Gegner seid!

Siebenter Auftritt

Anna Dmitrijewna. Fürst Abreskow, Lisa, welche im Visitenkostüm mit Hut eintritt.

_Anna Dmitrijewna_ ($erhebt sich$): Ich habe bedauert, daß ich Sie nicht antraf; aber nun sind Sie so liebenswürdig, selbst herzukommen.

_Lisa_: Ich hatte Ihren Besuch in keiner Weise erwartet. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich zu sehen gewünscht haben.

_Anna Dmitrijewna_: Sind Sie bekannt? ($Sie zeigt auf den Fürsten Abreskow.$)

_Fürst Abreskow_: Gewiß, ich hatte die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. ($Shake hands.$) ($Sie setzen sich.$) Meine Nichte Nelly spricht zu mir oft von Ihnen.

_Lisa_: Ja, wir waren sehr befreundet ($sie wirft einen schüchternen Blick auf Anna Dmitrijewna$) und sind auch jetzt befreundet. ($Zu Anna Dmitrijewna:$) Ich hatte es in keiner Weise erwartet, daß Sie den Wunsch hätten, mich zu sehen.

_Anna Dmitrijewna_: Ich habe Ihren Mann gut gekannt. Er war mit Viktor befreundet und verkehrte vor seiner Übersiedlung nach Tambow in unserem Hause. Ich glaube, dort hat er Sie geheiratet?

_Lisa_: Ja, dort haben wir uns geheiratet.

_Anna Dmitrijewna_: Aber nachher, als er wieder nach Moskau gezogen war, hat er nicht mehr bei mir verkehrt.

_Lisa_: Nein, er hat fast nirgends verkehrt.

_Anna Dmitrijewna_: Und so hat er mich denn auch nicht mit Ihnen bekannt gemacht. ($Unbehagliches Stillschweigen.$)

_Fürst Abreskow_: Das letztemal traf ich mit Ihnen bei Denisows zusammen, bei einer Liebhabervorstellung. Es war sehr nett dort. Sie spielten auch mit.

_Lisa_: Nein ... ja ... gewiß ... ich erinnere mich. Ich spielte mit. ($Wieder Stillschweigen.$) Anna Dmitrijewna, verzeihen Sie mir, wenn Ihnen das, was ich sagen werde, unangenehm sein sollte; aber ich kann mich nicht verstellen, ich verstehe das nicht. Ich bin hergekommen, weil mir Viktor Michailowitsch sagte ... weil er ... das heißt, weil Sie den Wunsch hatten, mich zu sehen ... aber es wird das beste sein, wenn ich alles sage ... ($Sie fängt an zu schluchzen.$) ... Es ist mir sehr peinlich ... aber Sie sind so gut.

_Fürst Abreskow_: Ich werde lieber gehen.

_Anna Dmitrijewna_: Ja, gehen Sie!

_Fürst Abreskow_: Auf Wiedersehen! ($Er empfiehlt sich den beiden Damen und geht.$)

Achter Auftritt

Anna Dmitrijewna und Lisa.

_Anna Dmitrijewna_: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ...

_Lisa_: Andrejewna.

_Anna Dmitrijewna_: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen.

_Lisa_: Das weiß ich.

_Anna Dmitrijewna_: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste. Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich bin eifersüchtig. Aber wir Mütter -- Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern --, wir Mütter müssen uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten. Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die ebenso wäre wie er selbst.

_Lisa_: Aber bin ich ... bin ich denn ...

_Anna Dmitrijewna_: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld, Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden, und er wird nicht glücklich sein.

_Lisa_: Ich habe darüber nachgedacht.

_Anna Dmitrijewna_: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird.

_Lisa_: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein; aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht.

_Anna Dmitrijewna_: Ja, jetzt will er nicht.

_Lisa_: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen. Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide, voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein!

_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. ($Sie küßt sie. Lisa bricht in Tränen aus.$) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht verheiratet waren ...

_Lisa_: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück seines Freundes nicht stören wollen.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele unserer Wünsche zu gelangen.

Neunter Auftritt

Anna Dmitrijewna, Lisa und Viktor.

_Viktor_ ($tritt ein$): Mama, liebe Mama! Ich habe alles gehört. Ich hatte es erwartet, daß Sie sie liebgewinnen würden. Und nun wird alles gut werden.

_Lisa_: Wie leid tut es mir, daß Sie alles gehört haben. Ich hätte es nicht gesagt, wenn ich das gewußt hätte.

_Anna Dmitrijewna_: Aber entschieden ist noch nichts. Ich kann nur sagen, daß ich mich freuen würde, wenn nicht alle diese peinlichen Umstände vorhanden wären. ($Sie küßt sie.$)

_Viktor_: Bitte, verbleiben Sie bei dieser Gesinnung!

Vorhang.

Sechstes Bild

Ein bescheidenes Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Sofa.

Erster Auftritt

_Fedja_ ($allein, es wird an die Tür geklopft. Eine weibliche Stimme fragt von außen: „Warum hast du dich eingeschlossen, Fjodor Wasiljewitsch? Mach auf, Fedja!...”$).

Zweiter Auftritt

Fedja und Mascha.

_Fedja_ ($steht auf und öffnet die Tür$): Vielen Dank, daß du gekommen bist! Ich langweile mich hier, langweile mich furchtbar.

_Mascha_: Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du bist wieder ins Trinken hineingeraten. Ach, du! Und du hattest doch versprochen zu kommen.

_Fedja_: Du weißt, daß ich kein Geld habe.

_Mascha_: Warum habe ich mich nun in dich verliebt!

_Fedja_: Mascha!

_Mascha_: Ach was! „Mascha, Mascha!” Wenn du mich liebtest, hättest du dich schon längst scheiden lassen. Deine Leute haben dich ja selbst darum gebeten. Du sagst, daß du deine Frau nicht liebst, und hältst doch an ihr fest. Du willst offenbar nicht ...

_Fedja_: Du weißt ja, weswegen ich nicht will.

_Mascha_: Das ist alles dummes Zeug. Die Leute haben ganz recht, wenn sie sagen, daß du ein schlaffer Mensch bist.

_Fedja_: Was soll ich dir darauf erwidern? Soll ich dir sagen, daß mir deine Worte ein Schmerz sind? Das weißt du ja selbst.

_Mascha_: Dir ist nichts ein Schmerz ...

_Fedja_: Du weißt selbst, daß ich nur eine Freude im Leben habe: deine Liebe.

_Mascha_: Ich liebe dich schon, aber du nicht mich.

_Fedja_: Nun, ich werde mich nicht auf Beteuerungen einlassen. Das wäre ja unnütz; du weißt selbst, daß ich dich liebe.

_Mascha_: Fedja, warum marterst du mich so?

_Fedja_: Wer martert wen?

_Mascha_ ($weint$): Du bist kein guter Mensch.

_Fedja_ ($tritt zu ihr hin und umarmt sie$): Mascha! Warum weinst du? Hör auf! Leben muß man, aber nicht schluchzen. Und dir steht das nun schon gar nicht, du mein schönes Kind!

_Mascha_: Liebst du mich?

_Fedja_: Wen sollte ich denn sonst lieben?

_Mascha_: Nur mich? Nun, lies mir einmal vor, was du da geschrieben hast.

_Fedja_: Es wird dich langweilen.

_Mascha_: Wenn du es geschrieben hast, wird es schon hübsch sein.

_Fedja_: Nun, so höre. ($Er liest.$) „An einem Tage im Spätherbst hatte ich mich mit einem Kameraden verabredet, daß wir uns auf der Murygina-Terrasse treffen wollten. Es war ein trüber, warmer, stiller Tag. Der Nebel ...”

Dritter Auftritt

Fedja und Mascha. Der alte Zigeuner Iwan Makarowitsch und die alte Zigeunerin Nastasja Iwanowna, Maschas Eltern, treten ein.

_Nastasja Iwanowna_ ($tritt auf ihre Tochter zu$): Also hier bist du, du verlaufenes Schaf verfluchtes! Habe die Ehre, gnädiger Herr! ($Zur Tochter:$) Was tust du uns an, he?

_Iwan Makarowitsch_ ($zu Fedja$): Du handelst nicht gut, gnädiger Herr. Machst das Mädchen unglücklich. Wirklich nicht gut. Du handelst unchristlich.

_Nastasja Iwanowna_: Nimm dein Tuch um und dann sofort marsch! Nun sehe einer an, weggelaufen ist sie! Was werde ich dem Chor sagen? Läßt dich mit einem armen Schlucker ein! Was kannst du von dem kriegen?

_Mascha_: Von Einlassen ist nicht die Rede. Ich liebe den gnädigen Herrn, weiter nichts. Ich werde mich von dem Chor nicht lossagen, werde weitersingen; aber daß ...

_Iwan Makarowitsch_: Wenn du noch ein Wort sagst, so reiße ich dir den Zopf aus. Du Dirne! Wer hat dir so ein Beispiel gegeben? Dein Vater nicht, deine Mutter nicht, deine Tante nicht. Es ist schlecht von dir, Herr. Wir haben dich lieb gehabt; wie oft haben wir dir umsonst etwas vorgesungen, weil du uns leid tatest. Aber du, was hast du uns angetan!

_Nastasja Iwanowna_: Du hast unser Töchterchen, unser liebes, einziges, süßes, goldenes, unschätzbares Töchterchen, mir nichts dir nichts zugrunde gerichtet, sie in den Schmutz getreten, -- das hast du uns angetan. Du hast keine Gottesfurcht.

_Fedja_: Du urteilst falsch über mich, Nastasja Iwanowna. Deine Tochter ist mir wie eine Schwester. Ich taste ihre Ehre nicht an. Glaube so etwas nicht! Aber ich liebe sie ... Was ist da zu machen?

_Iwan Makarowitsch_: Aber als du noch Geld hattest, da hast du sie nicht geliebt. Du hättest damals dem Chor zehntausend Rubel stiften sollen, dann hättest du sie in allen Ehren bekommen. Aber jetzt, wo du alles durchgebracht hast, da hast du sie heimlich entführt. Schäme dich, Herr, schäme dich.

_Mascha_: Er hat mich nicht entführt; ich bin von selbst zu ihm gekommen. Und wenn ihr mich jetzt wegholt, so laufe ich doch wieder her. Ich liebe ihn -- und damit basta. Meine Liebe ist stärker als alle eure Schlösser und Riegel ... Ich will nicht.

_Nastasja Iwanowna_: Na, liebste Mascha, mein Herzenskind, werde nicht hitzig! Du hast nicht gut gehandelt; na, und nun komm!

_Iwan Makarowitsch_: Na, nun ist genug geredet! Marsch! ($Er faßt sie an den Arm.$) Lebe wohl, Herr! ($Alle drei ab.$)

Vierter Auftritt

Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.

_Fürst Abreskow_: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.

_Fedja_: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$)

_Fürst Abreskow_: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene. Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen, daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.

_Fedja_: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht, Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe, die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?

_Fürst Abreskow_: Ich möchte erstens ...

_Fedja_: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit Sie zu mir führt; also worin besteht diese?

_Fürst Abreskow_: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit. Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu Ihnen haben kann.

_Fedja_: Davon bin ich vollkommen überzeugt.

_Fürst Abreskow_: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen, welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?

_Fedja_: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.

_Fürst Abreskow_: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.

_Fedja_: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.

_Fürst Abreskow_: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten zu befragen.

_Fedja_ ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt. Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber wir würden gern ...

_Fedja_ ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe, er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt. Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?

_Fürst Abreskow_: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...

_Fedja_: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund, weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen. Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie die Antwort auf Ihre Mission.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst. In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.

_Fedja_: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es hat wohl so sein sollen.

_Fürst Abreskow_: Sie kennen seine und seiner Familie streng rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.

_Fedja_: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch eine sehr schwere Bedingung ist.

_Fürst Abreskow_: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.

_Fedja_ ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst. Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt. Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun? Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens lügen.

_Fürst Abreskow_: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu zerstören?

_Fedja_ ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht, daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun, was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen läßt, um so mehr schämt man sich nachher.

_Fürst Abreskow_: Nun, aber die Arbeit?

_Fedja_: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir selbst? Ich danke Ihnen.

_Fürst Abreskow_: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?

_Fedja_: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege stehe?

_Fürst Abreskow_: Gewiß.

_Fedja_: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das bestimmt bewirken.

_Fürst Abreskow_: Wann denn?

_Fedja_: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt das?

_Fürst Abreskow_ ($steht auf$): Das darf ich also bestellen?

_Fedja_: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. ($Fürst Abreskow geht hinaus.$)

Fünfter Auftritt

Fedja allein.

_Fedja_ ($sitzt lange da und lächelt schweigend vor sich hin$): Gut, sehr gut! Das ist das Richtige, das ist das Richtige, das ist das Richtige. Vortrefflich!

Vorhang.

Vierter Akt

Siebentes Bild

In einem Restaurant. =Chambre séparée.=

Ein Kellner führt Fedja und Iwan Petrowitsch Alexandrow herein.

Erster Auftritt

Fedja, Iwan Petrowitsch und der Kellner.

_Der Kellner_: Bitte hier herein! Hier wird Sie niemand stören; das Papier werde ich sofort bringen.

_Iwan Petrowitsch_: Protasow! Ich werde auch mit hereinkommen.