Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)

Part 2

Chapter 23,553 wordsPublic domain

_Fedja_ ($nimmt den Brief hin, liest ihn und macht ein finsteres Gesicht; dann lächelt er wieder freundlich$): Hör mal, Karenin, du weißt gewiß, was in diesem Briefe steht?...

_Karenin_: Ja; und ich möchte dir sagen ...

_Fedja_: Warte mal, warte mal! Bitte, glaube nicht, daß ich betrunken bin und meine Worte unzurechnungsfähig sind, ich will sagen, daß ich nicht zurechnungsfähig bin. Ich bin betrunken; aber in dieser Sache sehe ich ganz klar. Nun also, was ist dir aufgetragen zu sagen?

_Karenin_: Es ist mir aufgetragen, dich aufzusuchen und dir zu sagen, daß ... sie ... dich erwartet. Sie bittet dich, alles zu vergessen und zurückzukehren.

_Fedja_ ($hört schweigend zu und sieht ihm in die Augen$): Ich verstehe aber nicht, warum gerade du ...?

_Karenin_: Jelisaweta Andrejewna ließ mich rufen und bat mich ...

_Fedja_: So ...

_Karenin_: Aber ich bitte dich nicht sowohl im Namen deiner Frau als in meinem eigenen Namen: komm mit nach Hause!

_Fedja_: Du bist besser als ich. Was rede ich da für Unsinn! Besser als ich zu sein, das ist nicht schwer. Ich bin ein Taugenichts; aber du bist ein guter, ein sehr guter Mensch. Und gerade deswegen werde ich meinen Entschluß nicht ändern. Und nicht allein deswegen. Ich kann es einfach nicht und will es nicht ... Na, sag selbst: wie könnte ich so hinfahren?

_Karenin_: Komm jetzt mit mir in meine Wohnung. Ich werde ihr sagen, daß du zurückkehren wirst, und morgen ...

_Fedja_: Und morgen was? Ich werde immer ich bleiben, und sie immer sie. ($Er tritt an den Tisch und trinkt.$) Das Beste ist, den Zahn mit einem Male auszuziehen. Ich habe ihr ja gesagt, wenn ich wieder mein Wort nicht hielte, dann solle sie sich von mir lossagen. Ich habe mein Wort nicht gehalten, und nun ist alles zu Ende.

_Karenin_: Für dich, aber nicht für sie.

_Fedja_: Es ist erstaunlich, wieviel Mühe du dir gibst, daß unsere Ehe nicht zerstört werde.

_Karenin_ ($will etwas erwidern. Mascha tritt hinzu$).

_Fedja_ ($läßt ihn nicht zu Worte kommen$): Hör mal zu, wie sie das „Flachslied” singt. Mascha! ($Die Zigeuner sammeln sich.$)

_Mascha_ ($flüsternd$): Wie redet man ihn an?

_Fedja_ ($lacht$): Sage zu ihm: Herr Viktor Michailowitsch. ($Die Zigeuner singen.$)

_Karenin_ ($hört zerstreut zu; dann erkundigt er sich, wieviel er geben soll$).

_Fedja_: Na, gib fünfundzwanzig Rubel!

_Karenin_ ($gibt das Geld$).

_Fedja_: Das war wundervoll. Jetzt das „Flachslied”. ($Die Zigeuner singen.$)

_Fedja_ ($blickt sich um$): Karenin hat sich davongemacht. Na, hol ihn der Teufel! ($Die Zigeuner zerstreuen sich.$)

Sechster Auftritt

Fedja und Mascha.

_Fedja_ ($setzt sich mit Mascha hin$): Weißt du, wer das ist?

_Mascha_: Ich habe seinen Namen gehört.

_Fedja_: Das ist ein vortrefflicher Mensch. Er ist hergekommen, um mich nach Hause zu holen, zu meiner Frau. Sie liebt mich Dummkopf, und ich führe mich hier so auf.

_Mascha_: Nun, das ist nicht hübsch von Ihnen. Sie müssen zu ihr zurückkehren, mit ihr Mitleid haben.

_Fedja_: Meinst du, daß ich das muß? Aber ich meine, nein.

_Mascha_: Freilich, wenn Sie sie nicht lieben, dann kehren Sie nicht zurück! Nur die Liebe hat Wert.

_Fedja_: Aber du, woher weißt du das?

_Mascha_: Natürlich weiß ich das.

_Fedja_: Na, gib mir einen Kuß! Ihr Zigeuner! Noch einmal das „Flachslied” -- und dann Schluß! ($Die Zigeuner beginnen zu singen.$)

_Fedja_: Ach, wie wohl mir ist! Wenn man nur nie wieder erwachte!... So möchte ich sterben!...

Vorhang.

Zweiter Akt

Drittes Bild

Nach dem ersten Akte sind zwei Wochen vergangen. Bei Lisa.

Erster Auftritt

Karenin und Anna Pawlowna sitzen im Eßzimmer. Sascha kommt herein.

_Karenin_: Nun, wie steht es?

_Sascha_: Der Arzt hat gesagt, es sei jetzt keine Gefahr mehr vorhanden. Nur dürfe er sich nicht erkälten.

_Anna Pawlowna_: Na, aber Lisa ist dabei ganz heruntergekommen.

_Sascha_: Er sagt, es sei unechter Krupp in gelinder Form. Was ist das? ($Sie zeigt auf ein Körbchen.$)

_Anna Pawlowna_: Viktor hat Weintrauben mitgebracht.

_Karenin_: Mögen Sie nicht zulangen?

_Sascha_: Ja, die ißt sie gern. Sie ist sehr nervös geworden.

_Karenin_: Wenn sie auch zwei Tage lang nichts gegessen, zwei Nächte nicht geschlafen hat.

_Sascha_ ($lächelnd$): Sie selbst haben es doch ebenso gemacht.

_Karenin_: Mit mir ist das etwas anderes.

Zweiter Auftritt

Dieselben. Der Arzt und Lisa treten ein.

_Der Arzt_ ($nachdrücklich$): Also so: wechseln Sie alle halbe Stunde den Umschlag, wenn er nicht schläft. Wenn er schläft, stören Sie ihn nicht! Den Rachen zu pinseln ist nicht nötig. Die Zimmertemperatur halten Sie auf gleichmäßiger Höhe!...

_Lisa_: Aber wenn er wieder Atemnot bekommt?

_Der Arzt_: Das ist nicht wahrscheinlich. Sollte es aber eintreten, so wenden Sie den Zerstäuber an! Außerdem geben Sie ihm Pulver, morgens eines und abends eines! Ich werde sie sogleich verschreiben.

_Anna Pawlowna_: Mögen Sie nicht ein Glas Tee trinken, Doktor?

_Der Arzt_: Nein, ich danke; meine Kranken warten. ($Er setzt sich an den Tisch, Sascha bringt Papier, Tinte und Feder.$)

_Lisa_: Also es ist bestimmt nicht Krupp?

_Der Arzt_ ($lächelnd$): Ganz bestimmt nicht. ($Er schreibt.$)

_Karenin_ ($zu Lisa$): Nun, jetzt trinken Sie aber ein Glas Tee, oder, noch besser, gehen Sie hin und ruhen Sie sich aus; sehen Sie nur, wie entstellt Sie aussehen!

_Lisa_: Jetzt fühle ich mich neu belebt. Ich danke Ihnen. Sie sind ein wahrer Freund. ($Sie drückt ihm die Hand. Sascha geht ärgerlich zur Seite.$)

_Lisa_: Ich bin Ihnen herzlich dankbar. Da sieht man, wo ...

_Karenin_: Was habe ich denn getan? Zum Danken ist gar kein Anlaß.

_Lisa_: Aber wer hat die Nächte über nicht geschlafen? Wer hat uns diese Zelebrität ins Haus geholt?

_Karenin_: Ich bin schon dadurch hinlänglich belohnt, daß Mischa außer Gefahr ist, und besonders durch Ihre Güte.

_Lisa_ ($drückt ihm wieder die Hand und zeigt ihm lachend ein Goldstück, das sie in der Hand hält$): Das ist für den Arzt. Nur weiß ich nicht, wie ich es ihm geben soll.

_Karenin_: Ja, ich verstehe mich auch nicht darauf.

_Anna Pawlowna_: Worauf verstehen Sie sich nicht?

_Lisa_: Dem Arzte das Geld zu geben. Er hat mir mehr als das Leben gerettet, und ich gebe ihm Geld! Das ist eine peinliche Empfindung.

_Anna Pawlowna_: Gib her; ich werde es ihm geben. Ich verstehe, wie man das macht. Es ist ganz einfach.

_Der Arzt_ ($steht auf und reicht das Rezept hin$): Also diese Pulver rühren Sie in einem Eßlöffel voll abgekochten Wassers gut um und ($er spricht weiter$) ... ($Karenin trinkt am Tische Tee; Anna Pawlowna und Sascha gehen nach vorn.$)

_Sascha_: Ich kann das Benehmen der beiden gar nicht mehr mit ansehen. Sie ist ordentlich verliebt in ihn.

_Anna Pawlowna_: Was ist daran Verwunderliches?

_Sascha_: Es ist widerwärtig!

_Der Arzt_ ($empfiehlt sich allen und geht weg. Anna Pawlowna begleitet ihn hinaus$).

Dritter Auftritt

Lisa, Karenin und Sascha.

_Lisa_ ($zu Karenin$): Er ist jetzt so lieb und nett. Sowie ihm besser wurde, fing er sogleich an zu lächeln und zu plaudern. Ich will zu ihm gehen. Aber auch von Ihnen fortzugehen wird mir schwer.

_Karenin_: Sie sollten ein Glas Tee trinken und etwas essen.

_Lisa_: Ich brauche jetzt nichts. Es ist mir so wohl zumute nach all diesen Beängstigungen. ($Sie fängt an zu schluchzen.$)

_Karenin_: Da sehen Sie, wie schwach Sie sind.

_Lisa_: Ich bin so glücklich. Wollen Sie ihn sich ansehen?

_Karenin_: Natürlich.

_Lisa_: So kommen Sie mit! ($Sie gehen hinaus.$)

Vierter Auftritt

Anna Pawlowna kommt zu Sascha zurück.

_Anna Pawlowna_: Warum machst du denn ein so finsteres Gesicht? Ich habe ihm das Geld in sehr schöner Form gegeben, und er hat es ebenso genommen.

_Sascha_: Es ist geradezu empörend! Sie hat ihn mit in das Kinderzimmer genommen. Gerade als ob er ihr Bräutigam oder ihr Mann wäre.

_Anna Pawlowna_: Aber was geht es dich an? Weshalb wirst du so hitzig? Oder hast du vielleicht darauf spekuliert, ihn zu heiraten?

_Sascha_: Ich?! Diesen langen Tölpel?! Da würde ich lieber ich weiß nicht wen heiraten, aber nicht ihn. Das ist mir überhaupt nie in den Kopf gekommen. Es ist mir nur zuwider, daß Lisa nach ihrem Zusammenleben mit Fedja es fertigbekommt, einem fremden Menschen in dieser Weise näher zu treten.

_Anna Pawlowna_: Wie kannst du ihn einen fremden Menschen nennen? Er ist ihr Jugendfreund.

_Sascha_: Aber ich sehe ja an dem Lächeln, an den Augen der beiden, daß sie ineinander verliebt sind.

_Anna Pawlowna_: Was ist denn daran Verwunderliches? Er hat ihr während der Krankheit des Kindes soviel Teilnahme bewiesen und ihr geholfen; dafür ist sie ihm dankbar. Und außerdem: warum sollte sie sich nicht in Viktor verlieben und ihn heiraten?

_Sascha_: Das wäre schrecklich, empörend! Empörend!

Fünfter Auftritt

Karenin und Lisa treten ein.

_Karenin_ ($empfiehlt sich schweigend$).

_Sascha_ ($geht ärgerlich hinaus$).

Sechster Auftritt

Anna Pawlowna und Lisa.

_Lisa_ ($zu ihrer Mutter$): Was hat sie nur?

_Anna Pawlowna_: Ich weiß es wirklich nicht.

_Lisa_ ($seufzt schweigend$).

Vorhang.

Viertes Bild

Zimmer bei Afremow. Auf dem Tische stehen Gläser mit Wein. Gäste.

Erster Auftritt

Afremow, Fedja, Stachow (mit struppigem Barte), Butkewitsch (glatt rasiert), Korotkow (ein aufdringlicher Mensch).

_Korotkow_: Ich sage euch, daß er weit zurückbleiben wird. =La belle du bois= ist das erste Pferd Europas. Wetten?

_Stachow_: Sei nur still, Bruder! Du weißt ja doch, daß dir kein Mensch glaubt. Und auch wetten wird niemand mit dir.

_Korotkow_: Ich sage dir: dein =Cartouche= wird weit zurückbleiben.

_Afremow_: Nun hört auf, euch zu zanken! Ich will euch versöhnen. Fragt mal Fedja! Der wird es euch zuverlässig sagen.

_Fedja_: Die Pferde sind alle beide gut. Es kommt auf den Reiter an.

_Stachow_: Gusew ist ein Schurke. Den muß man streng halten.

_Korotkow_ ($schreit$): Nein!

_Fedja_: Na, wartet, ich werde euer Schiedsrichter sein. Wer hat das Derby gewonnen?

_Korotkow_: Nun ja, das hat er gewonnen, aber das besagt nichts weiter. Das war ein Zufall. Wenn =Cracouse= nicht krank geworden wäre ... Sieh mal ... ($Ein Diener kommt herein.$)

Zweiter Auftritt

Dieselben und ein Diener.

_Afremow_: Was willst du?

_Der Diener_: Es ist eine Dame gekommen, die nach Fjodor Wasiljewitsch fragt.

_Afremow_: Was für eine Dame?

_Der Diener_: Das weiß ich nicht. Aber es ist eine richtige Dame.

_Afremow_: Fedja, da will eine Dame zu dir.

_Fedja_ ($erschrocken$): Wer ist es?

_Afremow_: Das weiß er nicht.

_Der Diener_: Soll ich sie in den Salon bitten?

_Fedja_: Warten Sie, ich will hingehen und zusehen. ($Fedja und der Diener gehen hinaus.$)

Dritter Auftritt

Dieselben ohne Fedja und den Diener.

_Korotkow_: Wer will da zu ihm? Gewiß Mascha ...

_Stachow_: Was für eine Mascha?

_Korotkow_: Die Zigeunerin Mascha. Die hat sich in ihn verliebt. Wie eine Katze verliebt ist sie.

_Stachow_: Ein allerliebstes Mädel! Und wie sie singt!...

_Afremow_: Ganz entzückend. Tanjuscha und sie, über die beiden geht nichts. Gestern haben sie mit Peter ein Terzett gesungen ...

_Stachow_: Er ist doch wirklich ein Glückspilz!...

_Afremow_: Weil ihn die Weiber lieben? Die gönne ich ihm!

_Korotkow_: Ich kann die Zigeunerinnen nicht leiden; Eleganz ist bei ihnen nicht zu finden.

_Butkewitsch_: Na, das kannst du denn doch nicht sagen.

_Korotkow_: Ich gebe sie alle für eine einzige Französin hin.

_Afremow_: Na, du bist ja als Ästhet bekannt. Ich will doch mal hingehen und sehen, wer es ist ... ($Er geht hinaus.$)

Vierter Auftritt

Dieselben ohne Afremow.

_Stachow_ ($ihm nachrufend$): Wenn es Mascha ist, so bring sie her; sie soll uns etwas vorsingen! Nein, mit den Zigeunern ist es jetzt nichts Rechtes! Tanjuscha, die war früher eine großartige Sängerin; ach, hols der Teufel!

_Butkewitsch_: Ich meine, sie leisten noch dasselbe.

_Stachow_: Wie sollen sie denn dasselbe leisten, wenn sie abgeschmackte Romanzen statt der Volkslieder singen?

_Butkewitsch_: Es gibt auch gute Romanzen.

_Korotkow_: Wollen wir wetten? Ich werde die Zigeuner etwas singen lassen, und du wirst nicht erkennen, ob es ein Volkslied ist oder eine Romanze.

_Stachow_: Korotkow immer mit seinen Wetten!

Fünfter Auftritt

Dieselben und Afremow.

_Afremow_ ($tritt ein$): Meine Herren, es ist nicht Mascha. Aber Fedja kann sie nirgends empfangen als hier. Wir wollen ins Billardzimmer gehen. ($Sie gehen hinaus.$)

Sechster Auftritt

Fedja und Sascha treten ein.

_Sascha_ ($verlegen$): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! ($Die Stimme zittert ihr.$)

_Fedja_ ($geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und sieht ihn an$).

_Sascha_: Fedja, kehre nach Hause zurück!

_Fedja_: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen; aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest, wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und ein fremdes Leben nicht länger stören ...

_Sascha_: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben?

_Fedja_: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie, und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit mir gewesen ist.

_Sascha_: Niemals!

_Fedja_: Das scheint dir nur so. ($Er hält ihre Hand in der seinigen.$) Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben.

_Sascha_: Nein, nein.

_Fedja_: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist.

_Sascha_: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich schrecklich sein.

_Fedja_: Ja, für dich ... ($Stillschweigen; beide sind verlegen.$)

_Sascha_ ($steht auf$): Soll es wirklich dabei bleiben?

_Fedja_: Es muß wohl.

_Sascha_: Fedja, kehre zurück!

_Fedja_: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich dich küsse! ($Er küßt sie auf die Stirn.$)

_Sascha_ ($aufgeregt$): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ...

_Fedja_: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort?

_Sascha_: Natürlich.

_Fedja_: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte, erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir. Und er liebt sie, und sie liebt ihn.

_Sascha_: Nein.

_Fedja_: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis ($er zeigt auf sich selbst$) beseitigt sein wird, und ich werde es beseitigen, und sie werden glücklich sein. ($Die Stimme zittert ihm.$)

_Sascha_: Fedja, sprich nicht so!

_Fedja_: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe wohl! ($Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.$)

_Sascha_: Fedja, ich bewundere dich!

_Fedja_: Lebe wohl, lebe wohl! ($Sascha geht fort.$)

Siebenter Auftritt

Fedja allein.

_Fedja_: Ja, ja, wundervoll, prächtig, daß wir so damit zu Ende gekommen sind ... ($Er klingelt.$)

Achter Auftritt

Fedja und ein Diener.

_Fedja_: Rufen Sie den Herrn! ($Der Diener ab.$)

Neunter Auftritt

Fedja allein.

_Fedja_: Das ist das Richtige, das ist das Richtige!

Zehnter Auftritt

Afremow tritt ein.

_Fedja_: Gehen wir!

_Afremow_: Wie hast du denn die Sache erledigt?

_Fedja_: Wundervoll! Wundervoll! Wo sind die andern alle?

_Afremow_: Sie spielen Billard.

_Fedja_: Vorzüglich! Wir wollen auch hingehen und ein Stündchen da verbringen.

Vorhang.

Dritter Akt

Fünftes Bild

Ein Zimmer bei Anna Dmitrijewna, in diskret-luxuriöser Art ausgestattet; voller Andenken.

Personen: Fürst Abreskow, ein sechzigjähriger, eleganter Junggeselle, glattrasiert, mit Schnurrbart, alter Militär, sehr würdevoll und melancholisch. Anna Dmitrijewna Karenina (Viktors Mutter), eine sich jung machende fünfzigjährige =grande dame=. Sie spickt ihre Rede mit französischen Ausdrücken. Ein Diener. Viktor. Lisa.

Erster Auftritt

_Anna Dmitrijewna_ ($schreibt einen Brief$).

Zweiter Auftritt

Anna Dmitrijewna und ein Diener.

_Der Diener_: Fürst Sergei Dmitrijewitsch.

_Anna Dmitrijewna_: Ich lasse natürlich bitten. ($Sie wendet sich zum Spiegel und bringt ihre Frisur in Ordnung.$)

Dritter Auftritt

_Fürst Abreskow_ ($tritt ein$): =J'espère, que je ne force pas la consigne.= ($Er küßt ihr die Hand.$)

_Anna Dmitrijewna_: Sie wissen, daß =vous êtes toujours le bienvenu=. Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten?

_Fürst Abreskow_: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln. =Il est ensorcelé, positivement ensorcelé.= Ich bin bei ihm noch nie einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet. Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig umgewandelt.

_Fürst Abreskow_: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die Sache?

_Anna Dmitrijewna_: Er will sie unter allen Umständen heiraten.

_Fürst Abreskow_: Und wie stellt sich ihr Mann dazu?

_Anna Dmitrijewna_: Er willigt in die Scheidung.

_Fürst Abreskow_: Also so ist das!

_Anna Dmitrijewna_: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den Advokaten und den Schuldbeweisen. =Tout ça est dégoûtant.= Aber dadurch läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ...

_Fürst Abreskow_: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ...

_Anna Dmitrijewna_: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu schätzen.

_Fürst Abreskow_: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr mit idealen Beziehungen zu begnügen. =La possession de l'âme ne leur suffit plus.= Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm?

_Anna Dmitrijewna_: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn. Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht. Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten. Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. =Elle m'a fait demander, si je pouvais la recevoir.= Und heute ($sie sieht nach der Uhr$) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen. Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe.

_Fürst Abreskow_: Ich danke Ihnen.

_Anna Dmitrijewna_: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann ich das?

_Fürst Abreskow_: Sie kennen sie noch gar nicht?

_Anna Dmitrijewna_: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, =quels que soient les torts qu'il a eus vis-à-vis d'elle=, von ihrem Manne darf sie sich nicht lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. =Si elle a pu le charmer à un tel point= ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?

_Fürst Abreskow_: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist, das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.

_Anna Dmitrijewna_: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten! Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...

_Fürst Abreskow_ ($lächelnd$): =C'est compter sans son hôte.= Das ist jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.

_Anna Dmitrijewna_: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht, wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau, wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen Sohne, zur Gattin wünschen kann?

_Fürst Abreskow_: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch tadellose Frau.

_Anna Dmitrijewna_: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt, sich von ihrem Manne loszusagen?!

_Fürst Abreskow_: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen, von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst. Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich soll mich damit besudeln!

_Fürst Abreskow_: Und Ihre Religion?

_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” =Mais c'est plus fort que moi.=

_Fürst Abreskow_: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst, ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun.

Vierter Auftritt