Chapter 5
Dieses war derselbe Johannes Mannheim, der, nachdem er seine Rechte in Göttingen gemacht, mit einem jungen Herrn von seinem Hofe auf Reisen ging, und in Rom eine italienische Abhandlung _L'Ambassadore_ drucken ließ, die ihm die Stelle als Sekretär seines Gesandten in Wien verschaffte. Weil er aber einer der ersten Köpfe seines Jahrhunderts war, so zeichnete er sich auch hier, nachdem einige Jahre Erfahrung ihm die Geschäfte des Hofes eigen gemacht und Blicke in die verborgensten Angelegenheiten desselben eröffnet hatten, von so viel empfehlenden Seiten aus, daß man ihm eine gewisse höchst wichtige Negoziation desselben bei den Generalstaaten ganz allein zu treiben übergab und ihm zu derselben den Titel eines außerordentlichen Abgesandten bewilligte. Das Glück und die Feinheit und Festigkeit, womit er dieses höchst wichtigen und zugleich äußerst mißlichen Auftrages, zur größten Zufriedenheit seines Hofes, sich entledigte, machte, daß er bei seiner Wiederkunft in den Freiherrenstand erhoben ward. Er erhielt Nachricht, seine Eltern wären krank; er kam und fand sie wirklich mit den heitersten Gesichtern einander gegenüber liegen und sich von Zeit zu Zeit noch mit den Händen winken und Küsse zuwerfen. Ihre Krankheit schien mehr die Ruhe zweier ermatteten Pilger, die beide unter der Last, die sie trugen, auf einem Wege niedergefallen. Schmerzen fühlten sie beide nicht; bisweilen ein wenig Angst und große Mattigkeit. Als sie ihren Sohn hereintreten sahen, nach dem sie beide oft heimlich geseufzet, und, weil es hieß, er würde eine neue Gesandtschaft antreten, seine Gegenwart vor ihrem Tode nicht mehr vermutet hatten, lief ein feuriges Rot zu gleicher Zeit über die beiden blassen Gesichter. Er warf sich wechselsweise, bald dem einen, bald dem andern zu Füßen; sie konnten nicht sprechen, sondern legten beide nur die Hand auf das Köpfchen, durch das so viel gegangen war, und segneten ihn mit ihren Blicken. Ob es die Freude über sein Wiedersehen war, sie starben beide desselben Tages. Johannes Sekundus konnte sich gar nicht trösten lassen. Er lief wie ein Verzweifelter durch alle Zimmer, wo er seine Kindheit zugebracht, rief ihre Namen den leeren öden Wänden des Hauses, allen Bäumen, Felsen und Gebirgen umher in lauter tränender Wehklage vergeblich zu. Lieschen, die lange Jahre vorher glücklich verheiratet worden, kam mit ihrem Mann, ihm klagen und die Leichen unter die Erde bestatten zu helfen. Bei der Eröffnung jedes neuen Papiers von der Hinterlassenschaft des Vaters verdoppelte sich sein Schmerz. \XDCberall fand er Spuren des Andenkens an ihn. Er drung darauf, daß die Leichen nach dem kleinen Witwensitz, den der alte Mannheim mit seinem Assoziierten gemeinschaftlich gebauet, und Johannes Sekundus sich als erb und eigen mit allem, was dazu gehörte, von eben diesem Assoziierten gekauft hatte, geführt werden mußten, wo er ihnen eine kleine Kapelle mit einem Gewölbe zum Erbbegräbnis anlegte. An der Türe dieser kleinen Kapelle standen die beiden Büsten dieses unvergleichlichen Paars aus Marmor, die er schon bei ihrem Leben von einem der ersten Künstler des Landes hatte verfertigen lassen, und die unverbesserlich ausgefallen waren. Bei dieser Kapelle erbauete er eine Art von Landhaus mit einem schönen Garten, wo er seine Tage im Frieden zuzubringen gedachte, wenn er der Welt müde wäre. Eine ganz besondre Art hatte er, den Todestag seiner Eltern zu feiern, auf die er sehr viel Kosten wendete. Alle drei Jahre war die große Feier; er lud zu dieser ein Vierteljahr vorher die berühmtesten Gelehrten, nicht allein seines Landes, sondern auch der benachbarten Provinzen ein, die er acht Tage lang auf die köstlichste Art bewirtete, da er bloß für sie ein Gasthaus, das sonst nie bewohnt war, mit den geräumigsten Zimmern hatte erbauen lassen, die Mahlzeit aber immer, weil diese Zeit gerade in die Mitte des Sommers fiel, in einem großen von Tannen und Wacholderstrauch erbauten Saal auf dem Hofe gehalten wurde, dessen Boden nur mit Rasen gepflastert war. Den ersten Abend nach ihrer Ankunft tat die ganze Gesellschaft präzis um Mitternacht, jedes einen Myrtenzweig in Händen, eine Wallfahrt zu der Kapelle, wo sie von einer dazu neugesetzten Trauermusik bewillkommt wurden. Die schwarzen Kleider, die Myrten und die Fackeln, die alles dieses erleuchteten, gaben der Prozession eine traurige Feierlichkeit, die auch die kältesten Herzen nicht ungerührt lassen konnte; hierzu kamen die Kräfte der Musik und der schmelzende Anblick kindlicher Zärtlichkeit, den ihnen Johannes Sekundus gab, der bei Endigung der Musik mit zerstreuten Haaren vor dem Bilde seines Vaters und seiner Mutter kniete, sie um ihre Fürbitte und um ihren Schutz und Begleitung durchs Leben mit den ungeschminktesten Worten ansprach, und gewiß sein konnte der Tränen, die die ganze Gesellschaft umher dem Andenken seiner Eltern geschenkt hatte. Hierauf legten sie alle ihre Myrtenzweige auf einen dazu von Erde erbauten Tisch und gingen alle tränenfröhlich wieder zurück, wiewohl den ersten Abend nur einige Erfrischungen herumgereicht, aber keine Mahlzeit gegeben wurde. Die andern Tage ging es desto lustiger, und sie wurden fürstlich bewirtet. Des achten Tages reisten alle fort, und nun ging die Mädchenfeier an. Er hatte nämlich ein Vierteljahr vorher die schönsten Mädchen, die ihm vornehmen und geringen Standes bekannt waren, mit ihren Müttern eingeladen; diese wurden auf dieselbe Art bewirtet, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei der Prozession alle weiß gekleidet sein und jede einen Blumenkranz in Händen haben mußte. Die Feierlichkeit war dieselbe; nur geschahe sie nicht in der Nacht, sondern bei Sonnenuntergange. Die Büsten seines Vaters und seiner Mutter hatten Rosen um das Haupt gewunden; die Musik war fröhlicher und es ward eine Schäferkantate abgesungen. Das rührendste bei diesem Anblick waren zwei lange Ketten von Blumen, die von einer Büste zur andern gezogen, und womit sie gleichsam aneinander gebunden waren. Sobald die Jungfrauen ankamen, warfen sie ihre Kränze vor ihnen hin auf einen Haufen und tanzten hernach nach dem Schall der Flöten und Schalmeien um sie herum. Dieser Anblick war so reizend, daß er Zuschauer aus den entferntesten Ländern herbeizog, die sich lange vorher auf das _Johannisfest zu Adlersburg_, so hieß dieses Leichenbegängnis, zu freuen pflegten. Die Mütter schlossen einen großen Kreis um sie herum. Es war ein besonderes Gerüst für die Zuschauer erbauet. Nach Endigung dieses Tanzes, wobei jede Schöne, wie natürlich, ihre zaubervollsten Stellungen sehen ließ, hielt Johannes Sekundus ihnen eine Rede, worin er ihnen dankte, daß sie Balsam in seine Wunde gegossen. Sobald sie zurückgekommen waren, wurden sie, wenn es das Wetter nur irgend erlaubte, in einem schönen Gehölze, das er bei seinem Hause angelegt, unter beständiger Musik, mit Milch, Obst und den ausgesuchtesten Erfrischungen bewirtet und die Nacht war das Gehölz, das Haus, der Garten auf das herrlichste erleuchtet, wobei die Musik nimmer ruhig ward. Auf dem Flusse, der bei seinem Hause vorbeilief, warteten ihrer mit Maien geschmückte Fahrzeuge, welche von andern, die mit Musikanten besetzt waren, bald begegnet, bald verfolgt wurden. Die Illuminationen taten im Wasser herrliche Wirkung. Alles endigte mit Abfeurung von sechs ansehnlichen Kanonen, das Signal zur Ruhe. Die übrigen acht Tage dauerten die Feierlichkeiten fort, wenn anders nicht einige von ihnen nach Hause eilten. Keine Mannsperson aber ward anders als zum Zuschauer hinzugelassen, für die, wie besagt, ein eigenes Gerüst bei der Kapelle und ein anderes am Eingang des Gehölzes erbaut war, an dem bei jeder Reihe Bänke zwei Mann Wache mit scharfgeladenem Gewehr stunden, die Befehl hatten, auf jeden zu feuren, der nicht in den Schranken, die mit allen möglichen Bequemlichkeiten dazu erbaut waren, bleiben würde. Die Zuschauer marschierten auch ordentlich unter der Begleitung der Wache von einem Gerüste zum andern und hatten ihren eigenen Gasthof, aus dem sie frei bewirtet wurden. Es wurde ihnen nämlich in den Schranken kalte Küche, Wein und Erfrischungen herumgereicht, wobei freilich auf den Unterschied des Standes gesehen wurde, weil jeder bei seinem Eintritt sich beim Kastellan unsers Johannes gemeldet und von dem eine gewisse Marke seines Standes aufzuweisen haben mußte, nach welcher ihm hernach aufgewartet ward.
Man kann sich leicht vorstellen, daß die reizendsten Schönheiten des Landes hier ihre Zaubereien spielen ließen, und sich oft lange vorher zu diesem Tage zuschickten. Weil sie alle als Schäferinnen gekleidet und angesehen waren, so fielen hier, während daß die Feierlichkeiten dauerten, alle Erinnerungen des Standes weg, und ward bloß auf die Reize der Person gesehen, wo jede sich bemühte, es der andern zuvorzutun. Johannes Sekundus tat mehrenteils einige Monate vorher Reisen ins Land und in die Städte umher, um Priesterinnen zu dieser Feierlichkeit anzuwerben, welches diese sich für eine große Ehre schätzten, weil dadurch der Ruf ihrer Schönheit einen merklichen Zuwachs erhielt.
Die nachgelassenen Schriften seines Vaters und einige herzliche Gedichte seiner Mutter, die er zu diesem Ende unter den Papieren seines Vaters mit großer Sorgfalt aufgehoben fand, ließ er, mit ihren Bildnissen geziert, und mit einer Lebensbeschreibung, auf die er einen ganzen Sommer, den er sich von seinem Landesherrn ausgebeten, um den Brunnen zu trinken, verwendet hat, und aus welcher diese kurze Erzählung zusammengezogen ist, zu Amsterdam in zwei Bänden groß 8vo mit saubern Lettern auf schönem Papier drucken, und so endigte sich die Geschichte des Lebens und der Taten _Johannes Mannheim, Pfarrers von Großendingen_.
Anhang
Ich habe bei der Eilfertigkeit, mit der ich diese Geschichte aus der angeführten gedruckten Lebensbeschreibung zusammengezogen, einen Brief hineinzubringen vergessen, der in derselben gleichfalls, weil er nicht in Mannheims, sondern in den Papieren eines seiner verstorbenen Freunde sich gefunden, nur in einer Note angeführt worden. Es ist die Beschreibung einer Kirchenvisitation, welche der Spezial des verstorbenen Herrn Pfarrers das erstemal in seinem Kirchspiel gehalten. Ich will die interessantesten Stellen daraus kürzlich epitomieren.
Er erschrak sehr, heißt es in demselben vom Spezialsuperintendenten, der übrigens als ein sehr guter braver Mann drin geschildert wird, der aber vielleicht ebensowohl wegen Alters und Eigensinn, als weil er nicht Kraft genug hatte, ein Ansehn, welches er bloß eingerosteten Kirchengebräuchen zu danken hatte, gegen eines aufzuopfern, das, weil es dem Wohl des Ganzen ungleich zuträglicher war, freilich erst im Glauben und Hoffnung einer bessern Zukunft eingeerntet werden mußte, er erschrak sehr, heißt es, als er mich in seiner Gegenwart über _"die beste Art die Wiesen zu wässern"_ predigen hörte. "Geht das alle Sonntage so", fragte er mit einem etwas herrischen Ton, als er in die Stube trat. Ich, der diesen Ton an keinem Menschen gewohnen kann, antwortete ihm mit sehr viel Zuversichtlichkeit im Blick: "Nicht anders, Herr Spezial!" Er, der diese wenigen Worte für Trotz nehmen mochte, sagte mir hierauf mit gezwungener Überhöflichkeit: Er werde sich genötigt sehen, diesen Vorfall ans Oberkonsistorium zu referieren, und es würde ihm leid tun, mich nach einem halben Jahr vielleicht sehr wider meinen Willen genötigt zu sehen, wieder über die armseligen Sonn- und Feiertagsevangelien zu predigen. Es würde mir leid tun, antwortete ich, jemals auch nur den geringsten Verdacht erweckt zu haben, daß meine gegenwärtige Art zu predigen eine Geringschätzung des heiligsten aller Bücher und in diesem der mit so schöner Auswahl für die allgemeine Andacht von der urechten christlichen Kirche vorgeschriebenen Stellen vermuten lassen könnte; auch würde mir niemand mit Recht vorwerfen, daß ich nur einen Sonntag unterlassen, das dafür bestimmte Evangelium abzulesen, wiewohl ich meine Ursachen hätte, allemal nicht nach vorgeschriebenen, sondern nach zufälligen Veranlassungen meine öffentlichen Reden an meine Gemeine einzurichten.
"Ja, Ihre Gemeine wird schön in der christlichen Religion unterrichtet werden. Auch finde ich, daß Sie nicht das mindeste tun, was in der Kirchenordnung vorgeschrieben worden. Sie halten weder Katechismusexamina noch irgend eine andere Art von Kinderlehre des Sonntags, dieses kann nichts anders als die gröbste Unwissenheit, ich will auch nur sagen in den ersten und notwendigsten Wahrheiten unsers Glaubens nach sich ziehen."
"Mein Herr Spezial", antwortete ich ihm, "was die Geheimnisse unserer Religion betrifft, so erkläre ich sie meiner Gemeine nach ihrem Fassungsvermögen und soweit sie erkläret werden dürfen nur an den hohen Feiertagen, wo ich auch hernach mit den Kindern eine katechetische Wiederholung darüber anstelle. Denn ich habe mir sagen lassen (es war derselbe Propst, dessen Tochter Johannes ehmals den Beutel gestrickt), daß das Subjekt _Geheimnis_ sich mit dem Prädikat _darüber plaudern_ nicht allzuwohl zu vertragen pflege, daß also alle acht Tage über Geheimnisse zu reden dem Prediger leicht das Ansehen eines geistlichen Scharlatans geben könne."
"Mein Herr, mein Herr", sagte der Spezial, außer aller Fassung, der durch die Einkleidung dessen, was Mannheim ihm zu sagen hatte, schon halb für seine Meinung gewonnen war; itzt aber die Pille unter dem Honig zu fühlen anfing.
"Hören Sie mich aus", fuhr ich fort, "ich habe meinen Bauren nötigere Sachen zu sagen--"
"Was kann nötiger sein als der Weg zur Seligkeit", erwiderte er mit Heftigkeit. "Wenn einer die ganze Welt gewönne--"
Hier hielt er inne. Ich fuhr mit Nachdruck fort: "Und litte Schaden an seiner Seele. Dazu aber soll es, hoffe ich, bei uns nicht kommen. Erlauben Sie mir, Ihnen eine Geschichte zu erzählen--"
"Nein, nein, nein", sagte jener, "ich sehe schon, wer Sie sind, und dem muß gewehrt werden."
"Ich bin Mannheim", gab ich zurück.
"Dem muß gesteuert werden", versetzte er.
"Meine Geschichte müssen Sie aushören", sagte ich. "Es war ein Mensch in einer wüsten Insel und hatte in zwei Tagen kein Wildpret gefangen. Bei dem heftigsten Anfall des Hungers stieß ein Brett mit einem Missionär ans Land, der Schiffbruch gelitten hatte, der Missionär freute sich, eine Seele mehr zu gewinnen, ging auf ihn zu, und fragte ihn über die ersten Grundsätze seines Glaubens. Er wollte essen, sagte der andre. Dieser fing an, ihm den katholischen Lehrbegriff vorzutragen, der Proselyt packte ihn und fraß ihn auf. So könnte es uns mutandis mutatis mit unsern Bauren gehen, wenigstens kann der Trost der Religion, sobald man den Leuten nicht Aussichten weißt, durch ihr inniges Vertrauen auf Gott die ersten und notwendigsten Bedürfnisse ihres Lebens zu befriedigen, nicht anders als höchst unkräftig sein. Wir finden auch, daß Christus und seine Apostel nicht so gepredigt haben. Christus fand seine Jünger, die die ganze Nacht nichts gefangen hatten, und ließ sie einen reichen Zug tun, der Apostel sagt ausdrücklich, die Gottseligkeit habe die Verheißung dieses--und des zukünftigen Lebens."
"Schämen Sie sich nicht, Ihre Inorthodoxie noch durch die Bibel zu beschönigen."
"Ich bin weder inorthodox, noch brauche ich etwas an mir zu beschönigen. Wo will sich die Religion äußern, wo soll sie ihre Kraft und Wirksamkeit beweisen, wenn wir sie als einen abgezogenen Spiritus in Flaschen verwahren und nicht sie durch unser ganzes Leben und Gewerbe dringen lassen. Den Bauren zu weisen, daß Religion geehrt und reich mache, heißt ebensoviel als Kindern Brot und Spielwerk hinlegen, wenn sie artig gewesen sind."
"Wollen Sie die erste Quelle aller Moral verderben", sagte der wirklich gut meinende Spezial.
"Die Stimmung des Herzens", erwiderte ich, "die alle dieser Vorteile entbehrt, freiwillig entbehrt, sobald ein Recht dadurch gekränkt oder die Gottheit dadurch beleidigt wird, kann auf keine andere Weise hervorgebracht, oder wenn sie da ist, geprüfet werden, als wenn ich bei meinen Bauren gehörige Begriffe von dem, was zeitlicher Wohlstand ist, gehörige Kraft und Anwendung dieser Kraft, ihn zu erreichen, voraussetze. Der Bettler glaubt den Himmel am allerersten und geschwindesten, aber es ist denn auch nur ein Himmel für Bettler.
Diese Stimmung in ihnen hervorzubringen, ist meine einzige Absicht. Ich habe zu dem Ende ein geheimes Tribunal bei mir errichtet. Jeder, der etwas über seinen Nachbar zu klagen hat, kommt zu mir, und kann nicht allein des unverbrüchlichsten Stillschweigens bei mir versichert sein, sondern auch daß ich ihm viel geschwinder zu seinem Recht verhelfen werde, als der Advokat vor den Gerichten. Ich gehe zu dem Verklagten, ich gewinne ihm sein Vertrauen ab, ich höre, ob er nicht vielleicht ebensoviel Beschwerden gegen seinen Ankläger hat. Habe ich die wahre Gestalt der Sache erfahren, und alle meine besondern Versuche sind vergebens, den Schuldigen zu seiner Pflicht zurückzubringen, so bring ich die Sache unter irgend einer Einkleidung auf die Kanzel, und weise aus den allgemeinen Wahrheiten unsrer Religion das Verdammliche oder vielmehr das Schädliche dieser und jener Handlung in ihren Folgen. Da dünkt mich's Zeit, allgemeine Wahrheiten vorzutragen, und mit Erfolg. Denn entspricht hernach die Erfahrung der Menschen dem, was wir ihnen voraussagten, so gräbt sich die Religion weit tiefer in ihr Herz, als irgend etwas, so sie auswendig gelernt haben. Ich habe die frappantesten Beweise davon gehabt, und diese haben mich in dieser Methode so sehr bestätigt, daß ich sie vermöge meines Gewissens nimmer abändern werde, was auch die Obern mir darüber jemals ankündigen mögen."
"Was können Sie für Beweise davon haben?"
"Ich will Ihnen gleich ein ganz frisches Exempel anführen. Einer von unsern Bürgern ward beschuldigt, er hätte verschiedenes von den Gütern seines Mündels, eines guten einfachen unschuldigen Mädchens, veruntreut. Man konnte nicht sagen wo, es waren aber merkliche Anzeichen da, daß das Mädchen, das immer still und ordentlich gelebt, seit der Zeit seiner Vormundschaft um ein beträchtliches ärmer geworden. Als alle meine Kunst vergebens war, ihn selbst zu dem Geständnis zu bringen, erzählte ich den letztern Sonntag eine Geschichte, die mir noch von meiner Jugend her bekannt war, von einem Bedienten, der einen ohnehin armen Herrn um sein Letztes bestohlen, damit in fremde Länder gegangen und durch Fleiß und Ordnung ein großes Vermögen erworben. Er heiratete, bekam Kinder--auf einmal wachte sein Gewissen auf, er mußte zurück und seinem Herrn nicht allein das Gestohlne wiederbringen, nicht allein die Zinsen des Gestohlnen, sondern--alles, alles was er selbst dadurch erworben, und er, sein Weib und Kinder waren an den Bettelstab gebracht. Umsonst suchte sein Herr ihm wenigstens die Hälfte davon wieder aufzudrängen, er verdiente diese Strafe, sagte er, und könne nicht anders hoffen, seine Seele zu retten. Er wollte nun von vorn anfangen, wie er damals würde haben tun müssen, zu versuchen, ob er mit nichts als seiner Hände Arbeit etwas für seine Kinder ausrichten könnte. Diese Geschichte tat ihre Wirkung. Der Vormund kam und brachte mir folgenden Tages das unterschlagene Geld, mit Bitte, es dem Mädchen, das Braut war, unter fremdem Namen als ein Geschenk zuzustellen. Ich sah ihm ins Gesicht und warf's ihm vor die Füße. "Blutgeld", sagte ich, "ist's, sobald Ihr damit den Himmel wiederkaufen wollt, den Ihr verloren habt. Ihr habt nicht Menschen, sondern Gott gelogen."--Es fehlte nicht viel, so wär' er bei diesen Worten, deren er sich nicht versah, ohnmächtig niedergefallen. Ich ging aus dem Zimmer und ließ ihn allein. Erst nach einer halben Stunde war er fortgegangen. Den andern Tag ließ er mich zu sich rufen, er läge krank und glaubte den Tag nicht zu überleben. Als ich in die Stube trat, fragt' er mich mit gefaltenen Händen, was ich wollte, daß er tun sollte. Hier hielt ich's für Zeit, ihm zu predigen, daß die Gerechtigkeit nichts als die Austeilerin der Liebe sein darf, daß keine Liebe ohne Gerechtigkeit bestehen könne, daß es aber eine Gerechtigkeit ohne Liebe gebe, in die sich der Teufel kleidet, wenn er als Engel des Lichts erscheint. Gestohlnes Gut wiedererstatten, um nicht verdammt zu werden, hieße ebensoviel, als einem Menschen die Kehle nicht abschneiden, weil die Büttel hinter uns dräuten. Sich aber auf diese Wiedererstattung was zugute tun, hieße Gott betrügen wollen, der nicht zu betrügen ist. Er weinte und fragte, was er tun sollte. Ich sagte, "fragt Euer Herz und dann gebt Ihr mit Aufrichtigkeit ohne Furcht und ohne Zwang so viel, als dieses Euch heißen wird, und seid versichert, daß Gott nicht das Opfer ansehen werde, sondern die Gesinnung, mit der es geopfert ward." Er hat, wie ich höre, seitdem mit den jungen Eheleuten sich assoziiert, ihnen ein Stück seines Ackers zu bauen umsonst überlassen, und will mit aller Gewalt, daß sie auch mit ihm ein Haus beziehen sollen, wo er für nichts als den Tisch Bezahlung nehmen will."
"Ja, das gelingt einmal", sagte der Spezial; "das gelingt immer", sagte ich. "Nur unser Unglaube an die Menschheit macht, daß sie so böse ist. Ohne eine gewisse Anlage zum Guten können ja die tierischen Operationen in dem Menschen nicht einmal vor sich gehen, es kommt also darauf an, daß wir diese treffen, so haben wir den halben Weg zu seiner Besserung gewonnen.
Und welches Mittel ist kräftiger, uns über die andere Hälfte zu bringen, als wenn wir ihm Schaden und Vorteil zu zeigen wissen, wie sie in die Moralität seiner Handlungen verflochten sind. Daß alle Arbeit sich geschwinder fördert, wenn die Kräfte rein gestimmt sind, daß der Geist tausend Springfedern des Glücks entdeckt, wenn er frei von Furcht und Gewissensangst alles um sich hier mit Liebe ansieht, daß die Liebe dem Feuer der Sonne gleiche, durch welches die ganze Natur ihr Dasein erhält u.s.f."
"Ich frage Sie nur", versetzte der Spezial, "ob Sie Seelsorger oder Verwalter Ihrer Gemeinen sind."
"Beides", antwortete ich.
"Ich frage Sie nur, ob die Seelen Ihrer Gemeine dadurch gebessert werden, wenn sie wissen, wie sie ihren Acker zu bestellen, ihre Wiesen zu wässern haben."
"Wäre es auch nichts weiter, Herr Propst, als daß ich durch Mitteilung dieser Kenntnisse eine Herrschaft über ihre Seelen erlangte und heilsamern Wahrheiten den Weg bahnte, so müßte diese Methode schon alle Ehrfurcht verdienen. Wenn ich nun aber meiner Gemeine noch überdem durch mein Beispiel weise, wie die Sorge fürs Zeitliche mit dem Gefühl für andere und deren Glück zu vereinigen, und ich nicht weiter anzusehen als ein Haushalter, dem mehrere Macht anvertrauet worden, Menschen sowohl durch Mitteilen und Vorschuß meiner Güter als meiner Kenntnisse und Erfahrungen glücklicher zu machen, von dem also auch mehr gefodert wird, wenn ich außer den sonntäglichen noch alle Mittewoche und Sonnabend Versammlungen in meinem Hause, jedesmal von einer andern Partei Bürger halte, um auf ihre Sitten und Geschmack zu wirken, weil auch der Landmann, um glücklich zu sein, seinen Geschmack haben muß, in diesen bald etwas aus der Zeitung, bald etwas aus einer andern periodischen Schrift, das faßlich für sie ist, bald aus einem guten Roman von Goldsmith oder Fielding eine ihnen begreifliche Stelle vorlese, und alle diejenigen von dieser Gesellschaft ausschließe, die sich irgend einer Lieblosigkeit schuldig gemacht; wenn ich des Sonntags selbst mit wirtschaftlichen Dingen geistliche bald vermische, bald abwechsele, bald bloß in die Besserung und in den Anbau des Herzens und der Liebe übergehe."
Hier nahm der Spezial seinen Hut und ging fort, und bis dato ist mir noch keine Erinnerung geschehen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Landprediger, von Jakob Michael Reinhold Lenz.