Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen
Part 5
SOPHIE (leise und sehr befangen zu Starodum). Und die Mutter liebte ihn wie einen Sohn.
STARODUM (zu Sophie). Das ist mir sehr angenehm. (Zu Milon.) Ich habe gehört, daß Sie in der Armee dienten, Ihre Tapferkeit –
MILON. Ich that nur meine Pflicht. Weder Alter noch Rang ließen mich bisher meine Tapferkeit beweisen, falls ich sie wirklich besitze.
STARODUM. Wie?! Sie waren ja in der Schlacht und haben mehrfach Ihr Leben aufs Spiel gesetzt –
MILON. Ich hab’s aufs Spiel gesetzt ebenso wie alle andern. Ein derartiger Mut ist eine Eigenschaft des Herzens, die dem Soldaten der Oberst zu haben befiehlt, und dem Offizier – die Ehre. Ich muß aufrichtig gestehn, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, eine echte Tapferkeit an den Tag zu legen, was ich jedoch von Herzen wünsche.
STARODUM. Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was Sie unter echter Tapferkeit verstehen.
MILON. Meiner Ansicht nach hat die Tapferkeit ihren Sitz in der Seele und nicht im Herzen. Ist die Seele tapfer, so ist auch das Herz unbedingt mutig. In unserm Kriegshandwerk muß der Soldat mutig, der Befehlshaber tapfer sein. Mit kaltem Blute erkennt er alle Grade der Gefahr, ergreift die nötigen Maßregeln, schätzt den Ruhm höher als sein Leben; und was die Hauptsache ist: zum Nutzen und Ruhm seines Vaterlandes ist er tapfer genug, des eigenen Ruhmes zu vergessen. Seine Tapferkeit besteht somit nicht darin, daß er sein Leben gering achtet, denn er setzt es nicht blindlings aufs Spiel, sondern darin, daß er es zu opfern versteht.
STARODUM. Ganz richtig. Echte Tapferkeit sehen Sie im Kriegsbefehlshaber; kann sie aber auch den andern Ständen eigen sein?
MILON. Sie ist eine Tugend, und folglich kann sich jeder Stand durch sie auszeichnen. Mir scheint, der Mut des Herzens erweist sich während der Schlacht, die Tapferkeit der Seele jedoch in allen Prüfungen, in jeder Lage des Lebens. Und welch ein gewaltiger Unterschied besteht doch zwischen dem Mut des Soldaten, der gleichzeitig mit andern beim Sturmlauf sein Leben wagt, und der Tapferkeit eines Staatsmannes, der seinem Landesherrn die Wahrheit sagt und dadurch dessen Zorn auf sich zu laden riskiert! Ein Richter, der, die Drohungen und Rache des Mächtigen nicht fürchtend, dem Hilflosen hat Gerechtigkeit widerfahren lassen – ist in meinen Augen ein Held. Wie kleinlich ist doch die Seele eines Mannes, der um ein Nichts seinen Nebenmenschen zum Duell herausfordert, im Vergleich mit dem Manne, der die Ehre eines Abwesenden vor dessen Verleumdern in Schutz nimmt! Ich verstehe die Tapferkeit –
STARODUM. Wie sie ein Mann verstehen muß, dessen Seele sie besitzt. Umarme mich, mein Freund! Vergib mir meine Freimütigkeit: ich bin ein Freund ehrenhafter Menschen. Dieses Gefühl wurzelt in der Erziehung, die ich genossen. In dir sehe ich die Tugend im Schmucke eines hellen Verstandes.
MILON. Eine edle Seele ... Nein, nicht länger hält mein Herz sein Gefühl zurück! Nein! ... Deine Tugend entlockt meiner Seele ihr Geheimnis! Ist mein Herz tugendhaft, verdient es glücklich zu werden – so liegt es in deiner Macht, es glücklich zu machen. Und glücklich werde ich sein, wenn du mir deine liebenswürdige Nichte zur Frau gibst. Unsre gegenseitige Liebe –
STARODUM (freudig zu Sophie). Wie? Dein Herz verstand schon denjenigen zu wählen, den ich dir im voraus ausersehen hatte? Er ist jener Bräutigam –
SOPHIE. Und ich liebe ihn von Herzen.
STARODUM. Ihr seid beide einer des andern würdig. (Vereinigt entzückt ihre Hände.) Von ganzer Seele gebe ich meine Einwilligung.
MILON (Starodum umarmend). Mein Glück ist } (Zusammen.) unermeßlich! } } SOPHIE (Starodums Hände küssend). Wer kann } glücklicher sein als ich?! }
PRAWDIN. Wie aufrichtig bin ich erfreut!
STARODUM. Mein Glück kennt keine Worte!
MILON (Sophie die Hand küssend). O seliger Augenblick!
SOPHIE. Ewig wird mein Herz dich lieben!
Siebenter Auftritt.
DIE VORIGEN und SKOTININ.
SKOTININ. Auch ich bin da.
STARODUM. Was führt dich her?
SKOTININ. Meine eigene Angelegenheit.
STARODUM. Womit kann ich dienen?
SKOTININ. Mit drei Worten.
STARODUM. Und diese sind?
SKOTININ. Umarme mich recht fest und sage: Sophie ist dein.
STARODUM. Bist du nicht recht gescheit? Denke mal ordentlich nach!
SKOTININ. Ich denke niemals und bin im voraus versichert, daß, wenn auch du nicht denken wirst, Sophie die Meine wird.
STARODUM. Sonderbarer Kauz! Du bist, wie ich sehe, nicht auf den Kopf gefallen und willst, daß ich meine Nichte einem Menschen gebe, den ich gar nicht kenne.
SKOTININ. Dann sag’ ich’s dir, und du wirst mich kennen. Ich bin Taras Skotinin, nicht der letzte meines Geschlechts. Die Skotinin sind ein großes und altes Geschlecht. Den Urururgroßvater findest du in keiner Heraldik.
PRAWDIN. Sie werden uns noch glauben machen wollen, daß er älter ist als Adam!
SKOTININ. Und du meinst nicht? Wenn auch nicht viel –
STARODUM (lachend). Gewiß, dein Urururgroßvater ist zwar am sechsten Tage erschaffen, doch ein wenig früher als Adam.
SKOTININ. Du bist also hoher Meinung von dem Alter unsres Geschlechts?
STARODUM. So hoher Meinung, daß ich mich wundere, wie du nur eine Frau wählen kannst, die nicht zum Geschlecht der Skotinin gehört.
SKOTININ. Du kannst dir demnach vorstellen, wie glücklich Sophie mit mir sein wird. Sie ist von Adel –
STARODUM. Lieber Mann, darum gerade bist du kein Bräutigam für sie.
SKOTININ. Ich lass’ es schon daran ankommen. Mag man sich die Zunge abreden, daß Skotinin eine Adelige genommen hat – mir ist’s gleich.
STARODUM. Aber ihr ist es nicht gleich, wenn es heißt, daß eine Adelige einen Skotinin genommen hat.
MILON. Eine solche ungleiche Partie kann kein Glück ins Haus bringen.
SKOTININ. He, was hat der mitzusprechen? (Leise zu Starodum.) Ist’s nicht gar ein Nebenbuhler?
STARODUM (leise zu Skotinin). Mir will’s auch so scheinen.
SKOTININ (leise). Wo sollt’ er, zum Teufel?!
STARODUM (ebenso). Natürlich wird’s ihm schwer fallen.
SKOTININ (laut, auf Milon weisend). Nun, wer von uns macht sich hier lächerlich? Hahaha!
STARODUM (lacht). Ich sehe, wer sich lächerlich macht.
SOPHIE. Onkelchen, wie freut es mich, daß Sie fröhlich sind!
SKOTININ (zu Starodum). Ei, du bist ja ein ganz lustiger Herr! Anfangs glaubt’ ich, daß man dir gar nicht nah’ kommen kann. Hast damals kein Wort mit mir gesprochen, und jetzt lachst du sogar.
STARODUM. Ich bin nun mal so ein Mensch, habe meine Augenblicke.
SKOTININ. Das seh’ ich. Damals war ich ja derselbe Skotinin, du aber ärgertest dich.
STARODUM. Ich hatte meine Gründe.
SKOTININ. Die kenn’ ich nicht. Doch auch ich bin hierin eigen. Wenn ich z. B. zu Hause zum Koben trete und die Schweine nicht in Ordnung finde, so braus’ ich auf. Übrigens hast auch du bei deinem Herkommen das Haus als einen Schweinekoben angetroffen und daher dein Ärger.
STARODUM. Du bist glücklicher als ich: auf mich machen die Menschen Eindruck –
SKOTININ. Und auf mich die Schweine.
Achter Auftritt.
DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW, MITROFAN und JEREMEJEWNA.
FRAU PROSTAKOWA (eintretend). Hast du auch alles bei dir?
MITROFAN. Beruhige dich endlich mal!
FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Hast du gut zu ruhen geruht, Väterchen? Wir alle gingen im vierten Zimmer auf den Zehenspitzen, um dich nicht aufzuwecken wir wagten’s nicht, durchs Schlüsselloch zu sehn. Doch da hörten wir dich hier sprechen und sind gekommen. Nichts für ungut –
STARODUM. O, es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie früher gekommen wären.
SKOTININ. Spielst du mir einen Schabernack, Schwester, daß du dich mir an die Fußsohlen heftest? Ich habe hier ein Geschäft abzumachen.
FRAU PROSTAKOWA. Und ich auch. (Zu Starodum.) Verstatte, Väterchen, daß wir dich mit einer Bitte belästigen. (Zu Mann und Sohn.) Grüßet!
STARODUM. Mit welcher?
FRAU PROSTAKOWA. Erst bitte ich alle, Platz zu nehmen. (Alle, mit Ausnahme von Mitrofan und Jeremejewna, setzen sich.) Die Sache ist nämlich die, Väterchen: Gott der Herr hat uns auf das Gebet unsrer Eltern hin (wo hätten wir Sünder ihn erbitten können!) das Söhnchen Mitrofan geschenkt. Wir thaten unser möglichstes, daß er so werde, wie du ihn jetzt siehst. Wolltest du dich nicht bemühen, Einsicht zu gewinnen, was er gelernt hat und kennt?
STARODUM. O, es ist mir bereits zu Ohren gekommen, was er gelernt hat. Ich habe gehört, wer seine Lehrer sind, und weiß im voraus, welche Sprachkenntnisse ihm Kutejkin beigebracht, und was er aus der Mathematik bei Zyfirkin gelernt hat. (Zu Prawdin.) Neugierig wär’ ich, zu erfahren, was er beim Deutschen gelernt.
FRAU PROSTAKOWA. Alle Wissenschaften. } } PROSTAKOW. Alles. } (Gleichzeitig.) } MITROFAN. Alles, was du willst. }
PRAWDIN (zu Mitrofan). Was denn z. B.?
MITROFAN (gibt ihm ein Buch). Hier, Grammatik.
PRAWDIN (nimmt das Buch). Ich sehe wohl, daß es eine Grammatik ist. Nun, und was kennen Sie daraus?
MITROFAN. Eine Menge. Viele Redeteile –
PRAWDIN. Nun, was für ein Redeteil ist das Wort „Thür?“
MITROFAN. Thür? Welche Thür?
PRAWDIN. Welche Thür? ... Nun, diese da.
MITROFAN. Diese? Ein Bindewort.
PRAWDIN. Warum denn?
MITROFAN. Weil sie zwei Zimmer verbindet. Wir haben aber eine Thür, die seit Wochen nicht in ihre Angeln gehängt wird, was jedoch hauptsächlich des starken Zugwinds wegen sehr nötig wäre; jene ist darum ein Hauptwort.
PRAWDIN. Also ist auch das Wort Narr ein Bindewort, weil man einen dummen Menschen damit in Verbindung bringt?
MITROFAN. Natürlich.
FRAU PROSTAKOWA. Nun, was sagst du dazu, Väterchen.
PROSTAKOW. Ja, was sagst du dazu?
PRAWDIN. Ausgezeichnet! In der Grammatik ist er recht bewandert.
MILON. Ich denke, auch nicht weniger in der Geschichte.
FRAU PROSTAKOWA. O, er ist schon als Kind immer ein großer Liebhaber von Geschichten gewesen!
SKOTININ. Mitrofan ist ganz in mich geraten. Auch ich höre für mein Leben gern den Dorfschulzen erzählen. Ein Meister darin, der Hundesohn! Wo er’s nur immer hernimmt?!
FRAU PROSTAKOWA. O, mit Adam Adamytsch wird er sich nicht messen können!
PRAWDIN (zu Mitrofan). Wie weit sind Sie in der Geschichte gekommen?
MITROFAN. Wie weit? Das hängt von der Geschichte ab. Manchmal hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Königreiche.[2]
[2] Stehende Redensart in russischen Märchen zur Bezeichnung einer sehr großen Entfernung. _Anm. d. Übers._
PRAWDIN. So! Also das ist die Geschichte, welche Sie bei Wralmann treiben?
STARODUM. Wralmann? Der Name klingt mir bekannt.
MITROFAN. Nein, unser Adam Adamytsch erzählt keine Geschichten; er liebt ebenso wie ich nur zuzuhören.
FRAU PROSTAKOWA. Beide lassen sie sich die Geschichten von der alten Viehmagd Chawronja erzählen.
PRAWDIN. Habt ihr nicht gar von ihr auch Geographie gelernt?
FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Hörst du, mein Schatz? Was ist denn das nun wieder für eine Wissenschaft?
MITROFAN (leise zur Mutter). Was weiß ich!
FRAU PROSTAKOWA (leise zu Mitrofan). Sei nicht eigensinnig! Jetzt gilt’s, dich zu zeigen.
MITROFAN (leise zur Mutter). Aber ich versteh’ gar nicht, wonach man fragt!
FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Wie hast du die Wissenschaft genannt?
PRAWDIN. Geographie.
FRAU PROSTAKOWA. Hörst du? Eorgavieh.
MITROFAN. Was ist denn das wieder? Mein Gott, wie sie mich foltern!
FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Habe doch die Güte, ihm zu sagen, was das für eine Wissenschaft ist! Dann wird er dir schon Antwort geben.
PRAWDIN. Die Erdbeschreibung.
FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Wozu wäre denn die nötig?
STARODUM. Nötig wäre sie, sei’s auch nur, um auf der Reise zu wissen, wo und wohin man reist.
FRAU PROSTAKOWA. Ach, du lieber Himmel! Wozu sind denn die Fuhrleute da? Das müssen _sie_ wissen ... Nein, diese Wissenschaft paßt gar nicht für den Adel. Der Edelmann braucht nur zu sagen: fahre mich da- und dahin – und er wird hingefahren ... Ach, alles, was mein Mitrofan nicht kennt, ist ein Unsinn!
STARODUM. Gewiß ist es für einen ungebildeten Menschen sehr trostreich, alles das, was er nicht kennt, für Unsinn zu halten.
FRAU PROSTAKOWA. Gott sei Dank auch ohne die Wissenschaften haben die Menschen gelebt! Mein seliger Vater war fünfzehn Jahre Wojewode und starb auch als Wojewode, ohne das Lesen und Schreiben gekannt zu haben. Doch dafür verstand er ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen und es aufzuheben. Immer saß er auf einem eisernen Kasten, wenn er Bittsteller empfing, und nach Fortgang eines jeden öffnete er den Kasten und legte etwas hinein. Das war ein ökonomischer Mann! Die bitterste Not litt er, nur um den Inhalt des Kastens nicht zu vermindern. Ja, ohne Ruhm zu sagen: Vater selig starb auf dem Kasten sozusagen Hungers. Das war ein Mann!
STARODUM. Höchst lobenswert! Man muß Skotinin heißen, um eines so seligen Todes zu sterben!
SKOTININ. Zum Beweise, daß das Lernen ein Unsinn ist, nehmen wir meinen Onkel Wawila Falilejitsch. Nie hatte er von jemandem ein gebildetes Wort vernommen, noch hatte jemand ein solches von ihm gehört – und was war das für ein Kopf!
PRAWDIN. Nun?
SKOTININ. Folgendes passierte ihm in seinem Leben. Auf einem feurigen Roß – er hatte etwas über den Durst getrunken – flog er gegen einen steinernen Thorweg. Der Mann war hoch, das Thor niedrig; er vergaß, sich zu bücken und knallte mit der Stirn an den Steinbogen, so daß er zurücksank und das brave Roß den rücklings Liegenden bis zum Hausflur heimgaloppierte. Da möcht’ ich nun wissen, ob es auf der Welt eine Gelehrtenstirn gibt, die von einer solchen Kopfnuß nicht in Stücke zersplittert wäre! Der Onkel jedoch, Gott hab’ ihn selig, kam bald zu sich und fragte nur, ob das Thor ganz geblieben sei.
MILON. Sie, Herr Skotinin geben selbst zu, daß Sie nicht gelehrt seien – doch in einem _solchen_ Falle würde Ihre Stirn nicht härter als die eines Gelehrten sein.
STARODUM (zu Milon). Geh nur keine Wette drauf ein! Mir scheint, die Skotinin sind alle ein hartstirniges Geschlecht.
FRAU PROSTAKOWA. Ach Gott, was hat man auch vom Lernen! Wir sehen’s hier selbst mit eigenen Augen! Wer nur einigermaßen gebildet ist, der wird sofort von den eigenen Kameraden in irgend ein Amt eingesetzt.
STARODUM. Und ein solcher wird sich nicht weigern, seinen Mitbürgern nützlich zu sein.
FRAU PROSTAKOWA. Weiß Gott, was die Menschen jetzt für Ansichten haben! Zu unsrer Zeit sorgte jedermann nur für seine eigene Ruhe. (Zu Prawdin.) Du selbst, wie mußt du dich abplagen! Als ich herkam, sah ich, daß dir ein Paket gebracht wurde.
PRAWDIN. Ein Paket an mich? Und das muß ich erst jetzt erfahren! (Aufstehend.) Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie verlasse. Vielleicht erteilt mir der Gouverneur einige Orders.
STARODUM (aufstehend, nach ihm auch die anderen). Geh, mein Freund; wir werden noch voneinander Abschied nehmen.
PRAWDIN. Ich werde Sie noch sehen. Sie fahren morgen in der Frühe?
STARODUM. Um sieben etwa. (Prawdin ab.)
MILON. Und ich gebe Ihnen das Geleite und führe sofort mein Kommando weiter. Ich gehe, die Anstalten hierzu zu treffen. (Nimmt mit den Augen im Abgehen von Sophie Abschied.)
Neunter Auftritt.
FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW, MITROFAN, SKOTININ, STARODUM, SOPHIE und JEREMEJEWNA.
FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Nun, Väterchen, du kennst jetzt zur Genüge meinen Mitrofan.
SKOTININ. Nun, Herzensfreund, du kennst mich jetzt.
STARODUM. O gewiß, ich kenn’ euch aufs beste!
SKOTININ. Wird Sophie die meine?
STARODUM. Nein.
FRAU PROSTAKOWA. Wird Mitrofan Sophiens Bräutigam?
STARODUM. Nein.
FRAU PROSTAKOWA. Was hindert – } (Zusammen.) } SKOTININ. Woran liegt’s – }
STARODUM (beide zusammenführend). Ich will’s euch sagen – doch das Geheimnis bleibt unter uns: sie ist bereits verlobt. (Macht im Abgehen Sophie ein Zeichen, daß sie ihm folge.)
FRAU PROSTAKOWA. Der Räuber!
SKOTININ. Er ist ja verrückt!
FRAU PROSTAKOWA (ungeduldig). Um wieviel Uhr fahren sie?
SKOTININ. Du hast’s ja gehört: um sieben morgens.
FRAU PROSTAKOWA. Um sieben morgens!
SKOTININ. Ich stehe mit den Hähnen auf. Er mag klug sein, wie er will, aber mit Skotinin ist’s schlecht Kirschen essen! (Ab.)
FRAU PROSTAKOWA (zornig in Gedanken hin- und herlaufend). Um sieben Uhr! ... Wir stehen früher auf ... Was ich will, führ’ ich aus! ... Alle zu mir! (Alle eilen herbei. Zum Manne:) Daß der Wagen um sechs Uhr vor der Hinterthür hält! Hörst du?
PRAWDIN. Ich höre.
FRAU PROSTAKOWA (zu Jeremejewna). Du schließest die ganze Nacht kein Auge vor Sophiens Thür! Sobald sie erwacht, eilst du zu mir!
JEREMEJEWNA. Gewiß, werde nicht ermangeln.
FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Du, mein Junge, sei um sechs Uhr fix und fertig. Und stelle drei Diener in der Nähe von Sophiens Schlafzimmer auf und zweie auf dem Flur zur Hilfe.
MITROFAN. Wird geschehn.
FRAU PROSTAKOWA. So geht denn mit Gott. (Alle ab.) Ich weiß schon, was ich thue! Wo Zorn ist, da ist auch Gnade – der Alte wird zürnen, aber doch verzeihen müssen! Der Sieg aber ist unser!
Fünfter Aufzug.
Erster Auftritt.
STARODUM und PRAWDIN.
PRAWDIN. Es ist dasselbe Paket, von dessen Eintreffen mich gestern in Ihrer Gegenwart die Frau vom Hause in Kenntnis setzte.
STARODUM. Und somit bietet sich jetzt die Möglichkeit, den unmenschlichen Handlungen dieser wütigen Gutsbesitzerin ein Ende zu machen?
PRAWDIN. Ich habe die Order, Haus und Hof unter Tutel zu stellen bei dem ersten Akt der Willkür, von dem ihre Untergebenen leiden könnten.
STARODUM. Gelobt sei Gott, daß die Menschheit noch Schutz finden kann. Glaube mir, mein Freund: da, wo der Souverän denkt, wo er weiß, worin sein wahrer Ruhm besteht – dort kann die Menschheit nimmer ihrer Rechte verlustig gehen; dort werden sehr bald alle fühlen, daß jedermann sein Glück und seinen Vorteil nur darin suchen muß, was gesetzlich ist, und daß er wider das Gesetz verstößt, wenn er seinesgleichen tyrannisiert.
PRAWDIN. Ich bin hierin Ihrer Ansicht; doch wie schwer ist es, eingewurzelte Vorurteile auszurotten, in denen niedrige Seelen ihre Vorteile finden!
STARODUM. Höre, mein Freund. Ein großer Souverän ist ein weiser Souverän. Seine Pflicht ist es, den Menschen zu zeigen, wie sie wahrhaft glücklich werden. Die Krone seiner Weisheit ist – über _Menschen_ zu herrschen, denn Klötze zu regieren – dazu bedarf es keiner Weisheit. Gewöhnlich wird im Dorf der beschränkteste Bauer zum Viehhirten gewählt, denn um das Vieh zu weiden, braucht der Hirt wenig Verstand. Ein seines Thrones würdiger Souverän bestrebt sich, die Seelen seiner Unterthanen mit Hochgefühl zu erfüllen. Das sehen wir mit unsern eigenen Augen.
PRAWDIN. Das Glück, welches ein Souverän im Beherrschen freier Seelen genießt, ist so groß, daß ich’s nicht verstehe, welche Antriebe ihn ablenken –
STARODUM. Wie erhaben muß die Seele eines Souveräns sein, um nie vom Wege der Wahrheit abzulenken! Wie viele Netze sind ausgestellt, um die Seele eines Menschen zu fangen, in dessen Händen das Schicksal von seinesgleichen liegt! Sodann sucht ihn die Menge selbstsüchtiger Schmeichler allaugenblicks zu überzeugen, daß die Menschen seinetwegen erschaffen sind, und nicht – er ihretwegen.
PRAWDIN. Man kann sich keinen Schmeichler vorstellen, ohne tiefe Verachtung im Herzen zu empfinden.
STARODUM. Der Schmeichler ist ein Geschöpf, das weder von andern noch von sich selbst eine gute Meinung hat. Sein ganzes Streben geht dahin, erst eines Menschen Verstand zu blenden und sodann alles aus ihm zu machen, was ihm beliebt. Er ist ein Nachtdieb, der erst das Licht auslöscht und erst dann zu stehlen beginnt.
PRAWDIN. Natürlich liegt die Quelle des menschlichen Unglücks in der Sittenlosigkeit der Menschen; doch die Mittel, die Herzen zu bessern –
STARODUM. Liegen in den Händen des Souveräns. Sobald alle sehen, daß man ohne Tugend sich nicht aufschwingen kann; daß man durch keine niedrigen Dienstleistungen den Lohn des wahren Verdienstes zu kaufen vermag; daß nicht die Menschen von den Ämtern, sondern die Ämter von den Menschen Nutzen ziehen sollen – dann wird jeder seinen Vorteil in der Tugend finden, und die Herzen werden gebessert sein.
PRAWDIN. Sie haben ganz recht. Ein großer Souverän verleiht –
STARODUM. Gnade und Freundschaft nach Neigung, Ämter und Würden nach Verdienst.
PRAWDIN. Damit es keinen Mangel an würdigen Menschen gebe, wird jetzt ein besonderes Augenmerk auf die Erziehung gerichtet.
STARODUM. Sie muß in der That das Pfand des Staatswohls sein. Alles Unglück entsteht durch schlechte Erziehung. Freilich – welchen Nutzen kann der Staat von einem Menschen wie Mitrofan ziehen, dessen unwissende Eltern unwissenden Lehrern gar noch Geld zahlen? Wie viele Väter gibt es unter dem Adel, welche die Erziehung ihres Sohnes einem sklavenseelischen Leibeigenen anvertrauen! Nach etwa fünfzehn Jahren gibt’s dann zwei Sklaven: den alten Hofmeister und das junge Herrchen.
PRAWDIN. Doch Personen aus den höchsten Ständen sorgen für eine tüchtige Erziehung ihrer Kinder –
STARODUM. Vollkommen richtig, mein Freund; doch wünschte ich, daß in allen Wissenschaften das Hauptziel jedes menschlichen Wissens nicht vergessen werde: die Tugend. Glaube mir, daß die wissenschaftlich gebildeten, aber demoralisierten Menschen diese Wissenschaften zum argen Werkzeug des Bösen gebrauchen werden. Die Aufklärung erhebt nur eine tugendhafte Seele. So wünschte ich, daß der Erzieher eines jungen Aristokraten denselben täglich auf zwei Fälle aus der Weltgeschichte aufmerksam mache: erstens – wie große Männer das Wohl ihres Vaterlandes fördern, und zweitens – wie ein unwürdiger Würdenträger sein Vertrauen und seine Macht zum Bösen mißbraucht und von der Höhe seines glänzenden Ranges in den Abgrund der Verachtung und des Spottes niederstürzt.
PRAWDIN. Es ist in der That notwendig, daß jeder Stand eine angemessene gute Erziehung erhält: dann kann man versichert sein – Was für ein Lärm?
STARODUM. Was ist geschehn?
Zweiter Auftritt.
DIE VORIGEN. MILON, SOPHIE, JEREMEJEWNA.
MILON (stößt Jeremejewna von Sophie, welche von der Alten festgehalten wird, und schreit, einen entblößten Degen in der Hand). Wage es keiner, mir zu nahen!
SOPHIE (eilt zu Starodum). Onkel, beschütze mich!
STARODUM. Mein Kind, was gibt’s denn? } } PRAWDIN. Beleidigt man Sie? } (Gleichzeitig.) } SOPHIE. O mein Herz! } } JEREMEJEWNA. Ich bin verloren! }
MILON. Die Bösewichter! Als ich hierher ging, sah ich eine Menge Menschen, die Sophie unter den Armen hielten und sie, die Schreiende und sich Sträubende, in einen Wagen vor der Hinterthür schleppen wollten.
SOPHIE. Das ist mein Retter!
STARODUM. Teures Kind!
PRAWDIN (zu Jeremejewna). Sofort bekennst du, wohin ihr sie bringen wolltet, sonst sollst du als Verbrecherin –
JEREMEJEWNA. Zur Trauung! ach, zur Trauung!
FRAU PROSTAKOWA (hinter der Szene). Halunken! Diebe! Spitzbuben! Zu Tode lass’ ich euch peitschen!
Dritter Auftritt.
DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW und MITROFAN.
FRAU PROSTAKOWA. Bin ich Herrin im Hause? (Auf Milon weisend.) Ein Fremder droht, und meine Befehle werden nicht erfüllt!
PROSTAKOW. Bin ich schuld? } } MITROFAN. Die Dienstboten sind schuld. } (Gleichzeitig.) } FRAU PROSTAKOWA. Ich will nicht von der Stelle } gehen – }
PRAWDIN. Das Verbrechen, dessen ich Zeuge bin, gibt Ihnen als Onkel und dir als Bräutigam das Recht –
FRAU PROSTAKOWA. Bräutigam! } } PROSTAKOW. Wehe! } (Zusammen.) } MITROFAN. Alles zum Teufel! }
PRAWDIN. – von der Regierung zu verlangen, daß die Beleidigung, welche Fräulein Sophie zugefügt worden, mit aller Strenge der Gesetze bestraft werde. Sofort verklag’ ich diese Frau vor Gericht –