Der Kunstreiter, 3. Band

Part 7

Chapter 73,835 wordsPublic domain

»Im Russischen Hofe. Ich wollte niemandem zur Last fallen. Ralphens hatten mich allerdings in früherer Zeit gebeten, wenn ich einmal wieder nach *** käme, ihr Haus als das meine zu betrachten, und es sind liebe, gute Leute; ich habe es aber doch vorgezogen, ein Hotel zu wählen. Bleibe ich länger hier, was leicht möglich ist, so quartiere ich mich vielleicht bei dir ein -- wenn du mich nämlich haben willst.«

»Gute Mutter.«

»Es ist mir in der letzten Zeit,« fuhr die alte Dame fort, »recht weh und einsam zu Hause geworden. Ich weiß eigentlich selber nicht, wie es kam, aber -- alles schien mir wie ausgestorben um mich her, und alte trübe Gedanken gewannen mit jedem Tage, soviel ich mich auch gegen sie wehrte, mehr Gewalt über mich. War es die Wiederkehr des Jahrestages, an dem uns Georg damals verlassen,« setzte sie leise und schmerzlich hinzu, »ich kann es nicht sagen, aber meine Sehnsucht ergriff mich nach dir, mein Wolf, nach meinem einzigen Kinde, das mir noch geblieben, der ich endlich nicht länger widerstehen konnte. War es eine Ahnung, Wolf? -- Du hast vielleicht gerade in der Zeit gefährlich krank gelegen, ohne deine Mutter ein Wort davon wissen zu lassen und sie an dein Lager zu rufen?«

»Nein, liebe Mutter,« sagte Wolf mit vor innerer Bewegung erstickter Stimme, denn ihn drängte es, den Sohn wieder an das Herz der Mutter zu führen. »Ich nicht, aber dennoch hat dich deine Ahnung nicht getäuscht. Ein anderer lag schwer krank danieder, wenn auch nicht an Körper, doch an Geist, und ist jetzt vollständig und froh genesen. Mutter -- liebe Mutter -- bist du stark genug, eine recht große Freude zu ertragen?«

»Wolf!« rief die alte Dame und Leichenblässe deckte in dem einen Moment ihre Züge, »ich -- ich kenne nur eine große Freude in der Welt. -- Wolf,« fuhr sie fort, indem sie mit zitternder Hand des Sohnes Arm ergriff, »weißt du -- weißt du von Georg?«

»Er lebt,« sagte Wolf leise, die Mutter dabei umfassend.

»Er lebt? Gott sei ewig gelobt, und seinen Segen auf dein Haupt, mein Kind, für diese Kunde -- und -- geht es ihm gut?«

»Ja, Mutter -- er -- wird kommen -- hierher.«

»Hierher? wann, Wolf -- wann?«

»Bald -- recht bald. Er hat viel gelitten und ertragen, aber die früheren Fehler auch bereut und abgebüßt -- wirst du ihm verzeihen?«

»Fragst du das die Mutter? Vater im Himmel, meine ganze Seele drängt hin nach dem verlorenen Kinde. O, er ist hier, Wolf, quäle mich nicht länger; ich bin stark -- ich bin kräftig. Die Freude tötet nicht; da es die langen Jahre der Schmerz, der bitter nagende Schmerz nicht vermochte. O, laß mich hin zu ihm!«

»So rasch geht es nicht, Mutter,« lächelte Wolf unter Tränen, indem er mit Gewalt nach Fassung rang. »Ich will ihn rufen lassen; er selber hat ja noch keine Ahnung von deiner Nähe. Bleibe indessen hier -- ich bin bald wieder bei dir.«

»Und du kehrst bald zurück? -- mit ihm?«

»Noch weiß ich ja nicht, ob ich ihn gleich finde -- aber heute noch sollst du ihn sehen -- gewiß. Sammle dich, Mütterchen, bis dahin. Du wirst große Freude an ihm haben, denn er ist ein wackerer, braver Mann geworden in der Zeit.« -- Und selber zitternd vor Freude und ängstlicher Erwartung verließ Wolf das Zimmer, den Bruder auf dieses Wiedersehen vorzubereiten. Alles, was ihn selber drückte und beengte, hatte er auch vergessen, vergessen in dem einen frohen Gedanken, den Bruder -- die Mutter wieder vereinigt, glücklich, zufrieden zu sehen. Das andere lag alles entfernt, und mit dem Gefühl der eigenen Kraft, dem Bewußtsein, gut und treu gehandelt zu haben, hob sich ihm die Brust froh und leicht, und er empfand das reinste, schönste Glück dieser Welt: im eigenen Entsagen eine gute, edle Tat getan zu haben.

Doch wer könnte mit Worten dieses Wiedersehen schildern -- die Seligkeit, die jetzt die Herzen dieser guten Menschen füllte! Georg lag vor der Mutter auf den Knien, seine Arme um sie geschlagen, sein Antlitz an ihrem Herzen bergend, und während sie das liebe Haupt wieder und wieder küßte, fielen heiße Freudentränen in die dunklen Locken des Sohnes. Wolf war Zeuge dieses ersten seligen Augenblicks, dann aber verließ er leise das Zimmer, die Glücklichen nicht zu stören, und als er wieder, Josefinen an der Hand, zurückkehrte, saß die Mutter neben ihrem wiedergefundenen Sohne, ihre beiden Hände fest um seine Rechte geschlossen, als ob sie ihn jetzt festhalten und wahren wolle für alle Zeiten; sie schaute in seine treuen, klaren Augen und wurde nicht satt, ihn anzusehen und die lieben Laute seiner Stimme zu hören. Was er sprach, verstand sie freilich nicht, die Töne verschwammen ihr wie ferner Glockenklang vor den Ohren, aber sie hatte ihn wieder -- sie hielt seine Hand, sie hörte seiner Stimme Musik, und jeder ihrer Atemzüge war ein Dankgebet zu Gott. Und da die Enkelin -- zitternd fuhr sie von ihrem Sitz empor, und Josefine, schüchtern halb, halb ahnungslos dem süßen, ungekannten Klange des Wortes Großmama entgegen lauschend, glitt zu ihr hin, die Hand der ihr noch fremden Dame zu küssen, und fühlte sich von ihren Armen umschlungen, fühlte sich emporgezogen zu ihr und geherzt und geküßt, und weinte still jetzt an der neuen Mutter Brust. Wie aber nur der erste Freudenrausch vorüber war, da faßte sich Georg zuerst, und mit kurzen Worten, kein Hehl der Mutter gegenüber haltend, schilderte er ihr klar und einfach sein früheres Leben, sein verzweifelndes Herz, den kindischen Trotz, der ihn in eine falsche, wilde Bahn geworfen, bis seines Bruders treue Liebe ihn daraus errettet und ihn sich selber wiedergegeben hatte. Dann beschrieb er sein Leben auf Schildheim, wie er dort gekämpft und gerungen, die Seinen mit sich emporzuheben aus ihrer früheren Lage, und wie ihm das mißglückt. Der Gattin Flucht dann beschrieb er -- seine Verzweiflung bei dem Verluste des Kindes, und wie er, zum Aeußersten getrieben, das Aeußerste auch gewagt, es zu retten. Jetzt sei er frei -- das frühere Leben liege wie ein Traum hinter ihm; ein neues aber zu beginnen brauche er frischen und freien Boden, wo nichts ihn an die früheren Ketten mahne, die er getragen. Das durchzuführen, fühle er die Kraft in sich, und sei das Ziel, das er sich gesteckt, auch weit, er hoffe es zu erreichen und sich selbst dort wiederzufinden.

Die Mutter horchte seinen Worten wie einem Märchen. Das Bild, welches er vor ihr entrollte, lag ihrem eigenen Leben und Wirkungskreise so fern, daß sie nicht halb es faßte und begriff. Durch alles das aber schimmerte nur immer das eine selige Gefühl, den Sohn wieder zu haben, den verlorenen, und während sie die Enkelin an ihre Brust geschmiegt hielt, lauschte sie Georgs Worten wie frohen Sagen einer andern Welt. Wolf indessen, der einzige, der klar und ruhig das Ganze überschaute, und für sie alle schon gedacht, gehandelt, ließ den Bruder seine Erzählung ungestört beenden, ließ ihn von seinen Plänen, seinen Hoffnungen sprechen, und als er geendet, legte er ihm und der Mutter mit klaren, einfachen Worten den Plan vor, den er sich selber für sie ausgedacht. Nach Schildheim konnte und sollte Georg nicht mehr zurück, in Ungarn aber, einem fernen, reichen Land, hatte Wolf in Gemeinschaft mit seiner Mutter, die damals freilich noch nicht ahnte, zu welchem Zweck, eine große prächtige Besitzung billig angekauft. Dorthin wollten sie alle ziehen -- dort sollte die Mutter, im Kreise der Ihrigen, ihr Leben wieder frisch erblühen sehen, und dort fände auch Georg die neue Heimat weit besser als in dem fernen, überseeischen Lande, das sie aufs neue nur getrennt und das kaum geknüpfte Band zerrissen hätte. Georg wollte sich dagegen sträuben: es drängte ihn, selbständig aufzutreten und seine Lebensbahn mit eigener starker Hand erst aufzubauen und fest zu begründen -- aber die Mutter ließ ihn nicht -- des Kindes wegen schon, das sie umschlossen hielt.

»Das hast du mir geschenkt,« sagte sie unter Tränen lächelnd, seine Hand gefaßt, »das darfst du mir nicht wieder nehmen, wenn du dich selber zum zweitenmal vom Herzen der Mutter reißen könntest. Ihr Männer denkt vor allem nur an euch, wo aber dieses arme Kind und die kleine Waise, deren du dich angenommen und von der du mir erzählt, eine Mutter wiederfinden sollen, das fällt dir gar nicht ein.«

»Und wenn ich nun daran gedacht hätte?« rief Georg, »wenn ich dir heute nicht allein den Sohn, nein, auch die Tochter brächte für dein spätes Alter?«

Die Mutter und der Bruder sahen erstaunt zu ihm auf, Georg aber sprang von seinem Sitz empor und verließ das Zimmer, und nach wenigen Minuten zurückkehrend, führte er an seiner Hand die Erzieherin seines Kindes, Adele, herein, die schüchtern und errötend der alten Dame gegenübertrat.

»Wenn ich euch folge,« sagte er dabei, »so sei es nur mit dieser Bürgschaft für unser aller künftiges Glück. Adele, aus einem alten, edlen französischen Geschlecht, deren Großvater mit Karl dem Zehnten aus Frankreich verbannt wurde und seine Enkelin, die Waise, in der Fremde zurückließ, ist meinem Kinde nicht allein eine so treue Mutter geworden, und Josefine hängt mit so herzlicher Liebe an ihr, sie hat auch in der schweren letzten Zeit mir so treu und aufopfernd zur Seite gestanden, daß weder ich, noch meine Josefine uns je wieder von ihr trennen können.«

Die alte Dame war bewegt von ihrem Sitz aufgestanden, und dem jungen, in ihrer Verlegenheit gar so lieben Mädchen entgegentretend, sagte sie freundlich: »Und wollen Sie, mein liebes Kind, wirklich Ihr Leben an das dieses unruhigen, wilden Geistes fesseln? wollen Sie meiner Enkelin eine Mutter, wollen Sie mir eine Tochter sein?«

»Gnädige Gräfin!« stammelte Adele verwirrt.

Die alte, sonst so stolze Dame aber, ihr Herz von dem Glücke erweicht, das eigene, lang beweinte Kind wiedergefunden zu haben, schloß sie freundlich in die Arme, und an der Brust der Mutter, schluchzend in Glück und Jubel, hing Adele.

»Herr Rittmeister haben befohlen,« sagte Karl, der in diesem Augenblick die Tür öffnete und, über die neue Umarmung betroffen, mitten in seiner Rede und in der Tür stecken blieb.

»Was gibt's?« sagte Wolf, »was hast du?«

»Herr Rittmeister haben befohlen,« fuhr Karl rasch und etwas bestürzt empor, »daß der Alte in dem grünen Rock zu Ihnen heraufkommen sollte, wenn er unten fertig wäre. Er steht vor der Tür.«

»Unser alter Forstwart Barthold von Schildheim, den uns Georg von dort mitgebracht,« rief Wolf rasch, »du kennst ihn ja, Mutter.«

»Gewiß; es ist noch ein Stück aus der alten Zeit.«

»Er soll noch warten,« sagte Wolf.

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Halt!« rief Georg, »bitte, laß ihn herein -- er gehört mit dazu, und in diesem schönsten Augenblick meines Lebens darf mir der alte Mann nicht fehlen, der noch mit treuem Herzen an dem wilden Knaben hängt.«

»An welchem Knaben?« fragte Wolf erstaunt.

»An mir,« erwiderte Georg, »aber er kennt mich nicht; laß ihn jetzt zu uns kommen, denn in der rauhen Schale steckt ein wackerer Kern.«

Wolf winkte seinem Diener, und wenige Sekunden später trat, den Hut verlegen in der Hand herumdrehend, der alte Mann ins Zimmer und blieb an der Tür stehen.

»Kommt hierher, Forstwart,« sagte Wolf, »ich freue mich, Euch hier und wohl zu sehen.«

»Gnädigster Herr Graf sind gar zu gütig,« sagte der Alte, der Aufforderung Folge leistend.

»Meine Mutter dort will Euch guten Tag sagen.«

»Die gnädigste Frau Gräfin auch hier?« stotterte der Alte, während sein Blick erstaunt und verwirrt von ihr zu den beiden Söhnen hinüberflog.

»Kennt Ihr mich noch, Barthold?« fragte die alte Dame, »es ist eine lange Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben.«

»Werd' ich Sie nicht kennen, gnädigste Frau Gräfin!« sagte der alte Mann, indem er auf sie zuging und die ihm gereichte Hand ergriff und küßte. »Ihr lieber Blick tut meinen alten Augen wohl und bringt die alte, langverflossene Zeit wieder lebendig herauf. -- Aber -- wie ist mir denn?« setzte er hinzu, und wieder fiel sein Blick von Wolf auf Georg, »so hatte ich es mir eigentlich wohl oft gedacht, aber...«

»Was habt Ihr Euch gedacht?«

»O, nichts, gnädigste Frau Gräfin!« rief der Alte bestürzt, »nur alberne Gedanken von mir, wie es mir oft geschieht, daß ich die Jahre verwechsele und mich manchmal um ein Menschenalter dabei verrechne. Halten Sie es mir zugute.«

»Wir ziehen nach Ungarn, Barthold,« sagte Wolf, »hättet Ihr Lust, Schildheim zu lassen und uns zu begleiten?«

»Nach Ungarn -- so? Es soll ein schönes, reiches Land sein, mit prächtigen Wäldern und weiten Steppen, wie ich oft gehört -- aber daheim -- ich habe so viele alte Bekannte in meinem Walde stehen, daß sich das Herz wohl schwer von ihnen losreißen würde. Wenn der Herr Graf aber befehlen...«

»Von Befehlen ist keine Rede, Barthold,« sagte Wolf, »es müßte Euer freie Wille sein.«

»Wollt Ihr nicht mit mir gehen, Franz?« sagte Georg, ihn ruhig und lächelnd ansehend.

»Franz?« rief der alte Mann fast erschreckt, indem er den Redenden groß ansah, »Franz? lieber Gott, so hat mich nur einer genannt, vor vielen, langen Jahren, und der...«

»Den kennt Ihr nicht mehr oder wollt ihn nicht mehr kennen?« fragte Georg gerührt.

»Den will ich nicht mehr kennen?« rief Barthold, bestürzt die Hände faltend, »großer Gott, wie ist mir denn? -- die Frau Gräfin hier und der Herr Graf und Sie -- wie zwei junge Eichen von demselben Stamme!«

»So habt Ihr mit dem Georg so lange gelebt,« sagte dieser herzlich, »und doch nicht gemerkt, daß er derselbe kleine wilde Bursche sei, der damals auf Euch geritten und Euch bös geneckt. Alter Franz, wollt Ihr mit uns gehen?«

»Bis ans Ende der Welt!« schrie der Alte, dem die großen, hellen Tränen über die Backen liefen, indem er des jungen Grafen Hand ergriff und mit seinen Küssen bedeckte, »bis nach Amerika und Australien, und zu den Menschenfressern, wenn's sein muß! Guter, lieber Gott! nehmen Sie's nicht ungnädig, Herr Graf, aber das Herz ist mir über und über voll, und solche Freude hatte ich mir nicht mehr gedacht. Der kleine Georg -- so hat er doch Wort gehalten und ist wiedergekommen -- und wie sich meine Vögel erst freuen würden, wenn ich es denen noch erzählen könnte!«

»Ihr sollt es ihnen erzählen, Barthold,« sagte freundlich Wolf, »wenn auch nur Euren Vöglein. Ihr mögt morgen wieder nach Hause reisen, um Briefe von mir an den Verwalter und Eure Sachen gleich in Ordnung zu bringen. Jetzt geht zu Karl und laßt Euch Euer Frühstück geben. Nachher sprechen wir weiter.«

Wolf mußte heute für alle denken; die Freude, einander wieder zu haben, hatte selbst den sonst so ernsten und gesetzten Georg betäubt, daß er sich, wie in einem Traume, nur noch dem Glücke hingab, der Mutter wieder zu gehören. Während aber die alte Dame jetzt, Adelens Hand in der ihren und mit der Rechten Josefine an sich pressend, auf dem Sofa saß und sich erzählen ließ, und auch die kleine Marie herübergerufen war, nicht allein und verlassen in diesem allgemeinen Glücke zu sein, ging Wolf in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden und zur bestimmten Zeit beim Kriegsminister einzutreffen. Um zwölf Uhr war er dorthin beschieden worden, und es blieb ihm gerade noch Zeit, die Ralphensche Wohnung bis dahin zu erreichen.

30.

Als Wolf die breite, teppichbelegte Treppe hinaufstieg, murmelte er leise vor sich hin:

»Zum letztenmal! -- Wie viel leichter ist mir jetzt, da ich das alles abgeschüttelt habe! Melanie -- es war ein schöner Traum, aber auch nichts weiter -- sie hat kein Herz, sonst hätte sie nicht so sich von mir losreißen können. Fort damit! In wenigen Wochen liegt das alles nur noch in der Erinnerung« -- und rasch die letzten Stufen hinaufspringend, bat er einen der herbeieilenden Diener, ihn bei seiner Exzellenz anzumelden. Der Bediente ersuchte ihn, ihm nur zu folgen, da Seine Exzellenz schon nach dem Herrn Rittmeister gefragt hätten. Er führte ihn aber nicht nach des Ministers Arbeitszimmer, sondern nach Melanies Gemächern und klopfte hier an, ehe Graf Geyerstein eine Einwendung dagegen machen konnte.

»Herein!«

Der Diener steckte den Kopf in die Tür und meldete: »Der Herr Graf von Geyerstein sind eben gekommen und lassen anfragen, ob Exzellenz...«

»Soll herein kommen!« rief die fröhliche Stimme des alten Herrn, »wollen die Sache gar nicht so förmlich machen.«

Der Diener warf die Tür weit auf, und seinen Helm im Arm, stand im nächsten Augenblick Graf Geyerstein auf der Schwelle von Melanies Zimmer, die sich bei seinem ehrfurchtsvollem Gruße verlegen halb von ihrem Sitze erhob.

»So, das ist recht, lieber Geyerstein,« sagte die alte Exzellenz, ihm herzlich die Hand reichend, »daß Sie so pünktlich Wort halten. Ich habe Ihnen heute auch eine angenehme Kunde zu bringen.«

»Der Kanzleibote steht auch noch im Vorsaale, Exzellenz,« erinnerte der Diener.

»Lieber Gott, auch den hatte ich ganz vergessen!« rief der Kriegsminister, unwillig mit dem Kopfe schüttelnd, »den muß ich erst abfertigen -- aber das ist gleich geschehen. Bleiben Sie nur einen Augenblick hier bei meiner Tochter -- ich bin gleich wieder da und bringe Ihnen dann auch die Papiere mit.«

»Welche Papiere, Exzellenz?«

»Werden schon sehen -- daß du mir indessen nicht plauderst, Melanie!« Und der Tochter mit dem Finger drohend, verließ der alte Herr das Zimmer.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Graf?« sagte Melanie leise.

Graf Geyerstein nahm, ohne seinen Helm abzulegen, sich leicht verneigend, einen Stuhl der jungen Dame gegenüber.

»Ich hoffe nicht, daß ich störe, Komtesse.«

Melanie verneinte durch eine Bewegung.

»Dann möchte ich den mir vergönnten Augenblick zugleich benutzen, mich Ihnen -- auf längere Zeit -- zu empfehlen.«

»Sie wollen wieder auf Urlaub gehen?« sagte Melanie, und ein einziges wehes Gefühl ergriff ihr Herz.

»Dieses Mal nicht,« sagte Graf Geyerstein ruhig, »der Zweck meines Besuches bei Seiner Exzellenz ist, ihn darum zu bitten, mein Entlassungsgesuch aus ***schen Diensten bei dem Fürsten zu befürworten. Ich habe im Sinne, den Dienst für immer zu quittieren.«

»In der Tat?« sagte Melanie ruhig, »um sich auf Ihre Güter zurückzuziehen?«

»Ja, Komtesse -- mit meiner Mutter. Die Gräfin Geyerstein hat mich heute morgen durch ihre Ankunft überrascht. Ich habe eine Besitzung in Ungarn gekauft, die ich selber zu bewirtschaften gedenke.«

»Mit Ihrer Mutter?« rief Melanie erstaunt.

»Finden Sie das so außerordentlich, Komtesse? Wir haben so lange getrennt gelebt, daß wir beide das Bedürfnis fühlen, von jetzt an einander näher zu stehen. -- Meine Familie wird von da an auch das einzige sein, auf das ich angewiesen bleibe.«

Melanie neigte leise das Haupt, erwiderte aber nichts. Sollte die alte, stolze Gräfin Geyerstein ein solches Verhältnis billigen können? Sollte sich der Graf selber so weit vergessen, jener -- Frau die Hand zu reichen? Die Gedanken tauchten in ihr auf, ohne daß sie sich selber Rechenschaft zu geben wußte. Das Gespräch überhaupt wurde ihr peinlich -- sie wünschte, daß ihr Vater zurückkomme, und mehr um die drückend werdende Stille zu unterbrechen, als eine Antwort zu erhalten, sagte sie nach einer Pause: »Sie hatten noch ein anderes Gut, wenn ich nicht irre, Schildheim?«

»Allerdings, Komtesse.«

»Es soll reizend gelegen sein.«

»Hat Ihnen vielleicht Herr von Zühbig eine Beschreibung davon geliefert?« fragte Graf Geyerstein plötzlich mit so kalter und scharfer Betonung, daß Melanie überrascht, fast erschreckt zu ihm aufsah.

»Ich wußte nicht,« setzte sie rasch hinzu, »daß Ihnen schon die Erwähnung jenes Gutes so unangenehm war; ich würde es sonst vermieden haben.«

»Komtesse,« sagte Graf Geyerstein, sich langsam von seinem Stuhl erhebend, »ich weiß nicht, auf welche Art Sie in den Besitz meines Geheimnisses gelangt sind -- sogar ehe ich selber imstande gewesen war, es Ihnen zu enthüllen, denn ich hatte keine Ahnung, daß Sie es mit solcher Strenge beurteilen würden.«

»Herr Rittmeister?« rief Melanie erstaunt.

»Wie dem aber auch sei,« fuhr Wolf bewegt fort, »ich habe mir keinen Vorwurf zu machen. Was jugendlicher Leichtsinn verbrach, hat der Mann gebüßt und gut gemacht, so viel in seinen Kräften stand.«

»Herr Graf,« sagte Melanie ruhig, »ich hoffe nicht, daß Sie mir gegenüber eine Entschuldigung des Geschehenen für nötig halten, wie ich ebenso darauf verzichte, die Triebfedern zu erfahren, welche Sie zu handeln zwangen, wie -- Sie eben nun einmal gehandelt haben.«

»Nein, Komtesse,« sagte der Rittmeister, während auch der letzte Blutstropfen seine Wangen verlassen hatte, »meine Worte sollen, selbst Ihnen gegenüber, keine Entschuldigung enthalten. Wie ich gehandelt habe, ich konnte nicht anders, ich hätte denn das eigene Herz, das Herz der Mutter zerfleischen müssen. Mir blieb nur die Wahl, mich von meinem Bruder loszusagen und ihn rettungslos auf der eingeschlagenen Bahn zugrunde gehen zu lassen, oder ihn mit starker, hilfreicher Hand zu fassen und mir, der Mutter -- der Welt zu erhalten. Ich habe dabei gehandelt, wie ich es mit meiner Ehre, mit der Ehre meines Namens vereinbarlich hielt -- daß ich Sie dadurch verloren, Melanie, schmerzt mich tief, nicht allein meinet- -- nein, auch Ihretwegen; aber selbst um diesen Preis, um den ich mein Leben selber gern und freudig in die Schanze schlagen würde -- selbst um diesen Preis möchte ich das, was ich getan, nicht ungeschehen machen.«

»Von Ihrem Bruder?« sagte Melanie, die den letzten leidenschaftlichen Worten des Mannes mit immer wachsender Spannung gelauscht, »Sie sprechen in Rätseln, Herr Graf. Ich habe keine Ahnung gehabt, daß Ihnen überhaupt ein Bruder lebt.«

Graf Geyerstein sah die Sprechende groß und erstaunt an. »Gnädige Komtesse,« sagte er, »für eine bloße gesellschaftliche Redensart ist Ihr Erstaunen zu wahr -- wenn aber nicht -- was dann noch konnte Sie bewegen, mich so zurückzuweisen -- woher wußten Sie dann von einer -- entehrenden Verbindung, in der ich mit jener Kunstreitergesellschaft gestanden?«

»Aber was -- was hat Ihr Bruder mit den Kunstreitern zu tun?« fragte Melanie, durch das ernste, stolze Benehmen des Grafen nur noch verwirrter gemacht.

»Entweder Sie spotten meiner,« entgegnete Graf Geyerstein bewegt, »und kein Augenblick wäre unglücklicher dazu gewählt gewesen als der jetzige, oder ein eigenes Verhängnis hat uns beide verwirrt. Antworten Sie mir ehrlich, Komtesse Melanie -- es soll die letzte Frage sein, die ich in diesem Leben an Sie stelle -- wußten Sie nicht, daß Georg Bertrand mein Bruder sei?«

»Georg Bertrand?« hauchte Melanie, in Todesschreck die Hände faltend, »so wahr ich einst selig zu werden hoffe -- nein.«

»Welch anderes Geheimnis flößte Ihnen denn solche Verachtung gegen mich ein, Komtesse?« sagte der Graf ruhig, »aber ich habe nicht danach zu fragen,« brach er kurz und bitter ab. »Daß ich, der Graf Geyerstein, der Adjutant des Fürsten und Offizier, den Kunstreiter als meinen Bruder anerkannte, daß ich ihn jenem Leben, in das ihn sein jugendlicher Leichtsinn geworfen, entzog, daß ich ihn nach Schildheim brachte, freilich in der vergeblichen Hoffnung, auch seine Frau einem geregelten Leben zu gewinnen -- und heute nun geerntet, wo ich gesäet, heute den Sohn wieder an das Herz der Mutter legen konnte und seinem Haupte ihren Segen gerettet habe, das hielt ich für mein Verbrechen Ihnen gegenüber -- das einzige, dessen ich mich schuldig weiß, und damit werde ich mich jetzt von einem Stande zurückziehen, dem ich, wie ich bis heute glauben mußte, Ihrer Meinung nach nicht mehr mit Ehren angehören konnte.«

»Graf Geyerstein!« rief Melanie und ihre ganze Gestalt zitterte, ihr Auge hing in Schmerz und Angst an den bleichen, ernsten Zügen des jungen Mannes. Dieser aber fuhr ruhig fort: »Eine große und schwere Last wäre von meiner Seele genommen, wüßte ich, daß dem nicht so sei. -- Doch wie auch immer, Komtesse, leben Sie wohl, und vielleicht bringt Ihnen einmal eine spätere Zeit die Ueberzeugung, daß der Mann, der es gewagt hatte, selbst Ihren Besitz zu erhoffen, dessen vielleicht nicht würdig gewesen sei -- nie aber seiner selbst unwürdig gehandelt haben konnte. Leben Sie wohl -- ich sehe, meine Nähe ist Ihnen peinlich; ich werde die Rückkunft Seiner Exzellenz im Vorsaal erwarten.«