Part 9
»Fräulein, haben Sie die Güte, Rosalien ankleiden zu lassen,« sagte sie, zu der Gouvernante gewandt, »ich wünsche mit meiner Tochter etwas zu besprechen. Geh, mein Kind, und komme nachher wieder hinüber zu mir -- ich erwarte dich in einer halben Stunde.« Die Gouvernante verließ, dem Winke gehorsam, mit ihrem Zögling das Gemach, und Frau von Ralphen, langsam zu Melanie tretend, neben deren Stuhl sie sich auf denselben Fauteuil niederließ, in dem vorhin Fräulein von Zahbern gesessen, sagte freundlich: »Mein liebes Kind -- aber ich dächte fast, du hättest geweint; deine Augen sehen so verschwollen aus. Fehlt dir etwas?«
»Nichts, liebste Mutter, nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich, und selbst den kaum mehr, denn seit der letzten Viertelstunde fühle ich mich um vieles leichter.«
»Desto besser, denn ich habe ein paar ernste Worte mit dir zu reden.«
»Liebe Mutter!«
»Graf Selikoff war vorhin bei mir, um Abschied zu nehmen. Er war auch vorher bei dir, und du weißt, daß er in Familienangelegenheiten nach Petersburg muß. Wie lange er sich dort aufhalten wird, hängt allerdings von Umständen ab; er hofft aber doch in sechs bis acht Wochen spätestens wieder zurück zu sein, und hat mich indessen feierlich um mein Fürwort bei dir gebeten.« Melanie ließ die Hand mit der Nadel, die sie gehoben hatte, um in ihrer Arbeit fortzufahren, wieder sinken und sah still vor sich nieder, und die Mutter, die sie kurze Zeit beobachtete, fuhr mit langsamer, aber eindringlicher Stimme fort: »Ich brauche dir die Vorteile nicht auseinanderzusetzen, die für dich wie für uns alle aus einer Verbindung mit einem so edlen und angesehenen Hause entstehen würden; Vorteile sollen auch keinen Einfluß bei meiner Tochter auf die Wahl eines Gatten haben, denn, Gott sei Dank, wir können und dürfen die höchsten Ansprüche machen und stehen keinem nach. Aber Selikoff ist auch ein liebenswürdiger und braver Mensch, mit dem eine Frau schon hoffen darf, glücklich und angenehm zu leben, und ich möchte dir die Sache hiermit warm und dringend ans Herz gelegt haben. Eine Zeitlang glaubte ich einmal -- und ich meine sogar, ich hätte Ursache dazu gehabt -- daß Graf Geyerstein sich um dich bewerbe, und daß du selber ihm nicht abgeneigt wärest. Ich hätte allerdings nicht das geringste gegen Geyerstein einzuwenden; er ist aus edlem Geschlecht, ein braver und wackerer Mann, und der Vater hat ihn besonders gern und hält große Stücke auf ihn, aber -- Selikoff ist denn doch eine bessere und schicklichere Partie für dich, und ich habe mit Genugtuung gesehen, daß du selber so zu denken scheinst. Graf Geyerstein mag das auch wohl fühlen, denn er hat sich in letzter Zeit fast auffallend zurückgezogen.« Die Mutter schwieg eine kleine Weile, um die Wirkung zu beobachten, die ihre Worte auf die Tochter machen würden. Melanie aber erwiderte keine Silbe, regte sich nicht, und die alte Exzellenz fuhr fort: »Graf Selikoff hofft, daß er dir nicht ganz gleichgültig sei. Er hat schüchtern, wie er ist -- freilich noch nicht gewagt, dich selber darum zu fragen, er ist aber bei mir gewesen, und hat mich ohne Umschweife offen und ehrlich gebeten, ein Fürwort für ihn bei dir einzulegen, also förmlich und in aller Ordnung bei mir, der Mutter, um deine Hand geworben. Ebenso einfach und ohne alle Umschweife frage ich also dich jetzt, Melanie, willst du die Gattin des Grafen Selikoff werden?«
»Liebste, beste Mutter...«
»Laß mich eine einfache Antwort haben, Ja oder Nein; Selikoff selber hat dir noch Zeit mit der Antwort gelassen, bis er zurückkommt, nur für mich verlange ich sie, um darüber beruhigt zu sein; denn diese Ungewißheit reibt mich auf, und das vertragen meine Nerven nicht. Hast du etwas gegen ihn einzuwenden?«
»Nein!«
»Also darf er hoffen, daß du ihm deine Hand reichst, dich wenigstens mit ihm verlobst, sobald er zurückkehrt, denn die Vorbereitungen zu einer Vermählung sind nicht so im Nu beendet, wie die jungen Leute gar nicht selten glauben. Also: Ja oder Nein?«
»Ja!« hauchte Melanie.
»Ich danke dir, mein liebes Kind,« sagte die Mutter mit einiger Rührung, denn sie freute sich, daß ein Lieblingsplan von ihr zur Wahrheit geworden war, und fühlte doch auch dabei, daß Melanie noch irgend etwas auf dem Herzen hatte, das nicht so ganz mit diesem Ja übereinstimmte, ihr also dadurch vielleicht ein Opfer brachte. Sie hütete sich aber wohl, danach zu fragen, denn sie fürchtete und haßte jede Aufregung. Die Hauptsache war überdies erledigt, und alles andere konnte nicht weiter in Betracht kommen.
»Meinst du da nicht vielleicht,« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »daß wir dem armen Grafen ein paar Zeilen schreiben sollen, um ihn aus seiner Ungewißheit zu reißen?«
»Nein, ja nicht!« bat Melanie rasch.
»Ich meine nicht eine bestimmte Zusage; nur ein paar freundliche Worte, die ihm Hoffnung machen und seine Rückkehr zu uns vielleicht beschleunigen -- wenn er sich überdies nicht schon genug beeilt, um seine Geschäfte zu beenden.«
»Nein, Mama -- bitte, nein! Ich kann ihm nicht schreiben, ehe er selber bei mir um meine Hand geworben hat, und -- ich möchte auch weiter keine Vermittlung in einer so wichtigen Sache haben. Er hat sich selber diese Frist gestellt, wir dürfen sie auf keinen Fall kürzen.«
»Du hast recht,« sagte die Exzellenz, »das sähe am Ende gar aus, als ob wir es nicht erwarten könnten. Uebrigens scheint er fast einen Brief zu erhoffen, denn er hat mir seine Adresse in Petersburg dagelassen.«
»Kehrt er zurück,« sagte Melanie, »so ist es früh genug, und ich selber brauche die Zeit, mich zu sammeln und -- darauf vorzubereiten. Es ist ein wichtiger Schritt, den ich zu tun gedenke -- ein Schritt, von dem es keinen Rückweg gibt. Laß mir, liebe Mutter, die mir dazu gegönnte Zeit ungeschmälert, damit ich mich nicht vorher schon als gebunden zu betrachten brauche -- versprich mir das.«
»Von Herzen gern, liebes Kind; guter Gott, die kurze Zeit wird überdies so rasch verlaufen, daß man am Ende gar nicht weiß, wo sie geblieben ist, und ich habe noch so erstaunlich viel zu tun! Jetzt mach' mir aber auch kein so trauriges Gesicht mehr; das ist kein Gesicht, wie es sich für ein glückliches Bräutchen schickt. Apropos, ich habe der Rosalie zu ihrem Geburtstage heute Gesellschaft gebeten -- ihre gewöhnlichen Spielkameraden und Freundinnen aus der Tanzstunde. Komm später ein wenig zu uns hinüber, das wird dich zerstreuen.«
»Weiß Papa darum?« fragte Melanie, ihre Augen zu der Mutter hebend.
»Um die Kindergesellschaft? -- Ja, so, du meinst Selikoffs Antrag? -- Nein, er war nicht zu Hause. Es wird ihm nicht so ganz recht sein; ich weiß, er hat sich zu deinem Gatten einen andern ausgedacht, aber er schätzt den jungen Russen doch auch sehr; er weiß, wie gern ihn der Fürst hat, und ist außerdem ein viel zu guter Vater, als daß er deinem Willen Zwang antun sollte. Also beruhige dich darüber nur vollkommen; ein Einspruch von seiner Seite ist nicht zu befürchten. -- Aber ich sitze hier und schwatze und schwatze, und drüben warten eine Menge Geschäfte auf mich. Also adieu, meine liebe Melanie, adieu. Sei wieder freundlich -- nicht so ernst, mein liebes -- glückliches Bräutchen!« Und die Tochter umarmend und küssend, nickte sie ihr noch einmal zu und verließ dann rasch das Zimmer.
22.
Herr von Zühbig hatte in diesem Morgen außerordentlich lange geschlafen, um sich von den gehabten Strapazen gehörig auszuruhen, war dann in sein Bureau gegangen, um die nötigen und laufenden Geschäfte zu ordnen, und schlenderte danach langsam einem Frühstückskeller zu, eine Erfrischung einzunehmen.
Es war das ein Platz, der ausschließlich von der Hautevolee besucht wurde -- Herr von Zühbig wäre auch sonst nicht hingegangen. Besonders fanden sich die Kavallerieoffiziere gern hier des Morgens zusammen, und der Intendant hatte viele Freunde unter dem Militär, dem einst selber angehört zu haben sein Stolz war.
Das höchst elegant eingerichtete Lokal wurde selbst den Tag über von Gasflammen erhellt, da Tageslicht nie hineindringen konnte; weiche Plüschsofas zogen sich an den Seiten hin, und kleine, durch schwere Gardinen abgeschiedene Räumlichkeiten bildeten traulich gemütliche Plätzchen, in denen sich ein paar Zecher hübsch abgesondert von den übrigen halten konnten.
Von Zühbig war aber gesellschaftlicher Natur; er gehörte zu den Persönlichkeiten, die ein stilles, zurückgezogenes Familienleben nur dem Namen nach kennen -- wenigstens davon gehört hatten, wenn sie auch nicht daran glaubten, und eigentlich nur, wie der Jäger sagt, »in Rudeln« gefunden werden. Morgens war er in seinem Bureau oder auf der Promenade, bei schlechtem Wetter im Café oder Delikatessenkeller, nachmittags hier und da mit Freunden zusammen, und abends im Theater oder beim Whist. Aus diesem Grunde verschmähte er auch die kleinen abgeschiedenen Lokale, nannte sie »Gefangenzellen« und protegierte den langen Gesellschaftstisch, an dem er hoffen durfte, mit Gleichgesinnten zusammen zu treffen.
Heute hatte er übrigens dazu eine ungünstige Zeit gewählt. Es war noch früh oder schon zu spät für die gewöhnlichen Gäste, und von Zühbig befand sich hinter einem Glas altem Madeira und einem Teller mit Kaviar ganz allein und keineswegs so gemütlich, wie er es erwartet haben mochte. Vergebens hatte er auch, in einer Art von Instinkt, dann und wann nach den Fenstern geschaut, ob nicht etwa Ankömmlinge sein Los erleichtern wollten. Die Fenster waren nämlich bloß Imitationen von wirklichen, tatsächlichen Lichtverbreitern; sie bestanden aus Spiegelglas und warfen ihm stets nur sein eigenes unzufriedenes Bild zurück.
»Garcon!« rief Herr von Zühbig.
»Zu Befehl, Ew. Gnaden.«
»Der Madeira ist heute abominabel -- der muß auf einem Heringsfaß gelegen haben.«
»Bitte tausendmal um Verzeihung, Ew. Gnaden -- er hat in Flaschen dreimal die Linie passiert.«
»So? -- in der Tat? dann ist er oder ich jetzt an der andern Seite vom Aequator -- aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kaviar. Der schmeckt wirklich so, als ob er dreimal die Linie passiert haben könnte. Er ist ganz ranzig.«
»Der beste russische, der nur zu bekommen war.«
»Ein hartes Brötchen haben Sie mir auch dazu gegeben, und die Zitrone hier hat wahrscheinlich eine ägyptische Mumie einige tausend Jahre zur Verzierung in der Hand gehalten. Mit solchen Waren ist es kein Wunder, daß die Gäste ausbleiben, und ich scheine hier als letzter der Mohikaner die Reste zu verzehren. Fürchten Sie sich nicht, den Keller hier so allein zu bewohnen?«
Der Kellner lächelte verlegen, und Herr von Zühbig trank seinen Madeira aus und schob das Glas von sich.
»Geben Sie mir noch einen Schnitt, aber aus einer andern Flasche; ich fürchte, diese ist aus Versehen irgendwo zurückgeblieben, als ihre Kameraden auf Reisen gingen.«
»Herr von Zühbig -- richtig wie ich gehofft,« sagte in diesem Augenblick eine feine Stimme, und durch die halbgeöffnete Tür schaute das vergnügte Gesicht des Baron Silberglanz, während er jetzt ins Zimmer glitt und, von dem Kellner unterstützt, Hut und Paletot ablegte.
»Wirklich noch ein Mensch!« rief der Intendant. »Mein guter Baron, Sie sind wohl auf einer Entdeckungsreise begriffen, mich, als einen Verschollenen, irgendwo an den unwirtlichen Ufern des Eismeeres aufzusuchen. Sie kommen zur rechten Zeit -- eine Hundekälte herrscht überhaupt hier, und ich habe mich in Ermangelung eines Bessern die letzte Zeit über schon mit Fischeiern und Tran, welchen jener junge scherzhafte Mensch Madeira nennt, ernähren müssen.«
»Ich habe Sie in der Tat gesucht, bester Intendant,« sagte der Baron, indem er sich neben Herrn von Zühbig niederließ. -- »Garcon, mir auch von diesen Fischeiern und Tran -- und war schon auf Ihrem Bureau, um Sie dort zu finden.«
»Aus reiner Anhänglichkeit oder aus einem andern Grunde?«
»Beides -- zuerst wollte ich mich erkundigen, wie Ihnen die Fahrt bekommen ist.«
»Vortrefflich, wie Sie sehen; ich habe sogar eine so robuste Konstitution mitgebracht, daß ich imstande bin, die Kost hier zu vertragen. Darüber also beruhigt, mit was kann kann ich Ihnen weiter dienen?«
»Ja, mein bester Herr von Zühbig -- Sie -- Sie wissen doch, daß ich Sie schon früher gebeten hatte, mir sicher für die neue Oper eine Loge reservieren zu lassen?«
»Allerdings.«
»Das wollte ich Ihnen gern noch einmal ans Herz legen, daß Sie es ja nicht vergäßen. Ich habe es einer befreundeten Familie fest versprochen und möchte nicht wortbrüchig werden.«
»Das ist allerdings viel Aufopferung,« versicherte Herr von Zühbig, »daß Sie sich, nur um ein Versprechen zu halten, dem hiesigen Madeira und Kaviar aussetzen. Weiter war es nichts?«
»Weiter? -- nein -- nicht daß ich wüßte -- Ihre Gesellschaft allerdings ausgenommen« -- von Zühbig verbeugte sich leicht und lächelnd. »Allein schmeckt mir der Wein auch nicht,« fuhr der Baron fort, »und es plaudert sich am besten zu zweien. Apropos, haben Sie auf Ihrer letzten Reise einige Jagden mitgemacht?«
»Nein, Sie wissen ja, ich hatte keine Zeit dazu.«
»Sonst -- haben Sie keine Bekannten unterwegs getroffen?«
»Sonst? -- ah so, Sie meinen außer dem Monsieur Bertrand und seiner schönen Frau,« erwiderte Herr von Zühbig, und ein eigenes Lächeln zuckte um seine Lippen. Er wußte jetzt, wo hinaus sein teilnehmender Freund wollte, und mit einigem trocknen Humor, den er besaß, fühlte er sich gerade in der Stimmung, ein halb Stündchen Zeit damit zu töten, Herrn von Silberglanz ein wenig zu dupieren. Er konnte ihn außerdem nicht leiden -- vielleicht nur weil ihn Frau von Zühbig protegierte -- vielleicht, weil er im stillen den neugebackenen Adel mit Geringschätzung betrachtete. Viele, sehr viele der Hautevolee, Herr von Zühbig nicht ausgenommen, würden sich auch wenig um den jungen Baron mit seinem unangenehm eitlen Wesen gekümmert und ihn vollständig links liegen gelassen haben, wenn -- sie ihn eben hätten entbehren können. Herr von Silberglanz war aber sehr reich und gegen den hohen Adel -- zu dem zu gehören er den größten Stolz fühlte -- sehr liberal, und die Konsequenz daraus ist leicht zu ziehen.
Herr von Zühbig brauchte ebenfalls sehr häufig Geld, und je nachdem dieses Bedürfnis stieg oder sank, stieg und sank auch zugleich sein Freundschaftsthermometer für den Baron. Ganz fallen lassen konnte er ihn aber nie, und unter vier Augen oder im kleinen Familienkreise war er die Herzlichkeit selber; öffentlich jedoch machte er keinen Staat mit ihm und vermied ihn, wo es nur irgend schicklicherweise geschehen konnte.
»Nein, lieber Freund,« setzte von Zühbig deshalb, wie sich besinnend, hinzu, »nicht daß ich wüßte. Keinesfalls irgend eine hervorragende Persönlichkeit, für die Sie sich besonders interessieren würden.«
»Eigene Sache das, mit jenem Monsieur Bertrand und seiner Frau!« sagte Silberglanz nach einer kleinen Pause, in der er an seinem Madeira langsam gesogen.
»Höchst eigen, in der Tat!« erwiderte von Zühbig, seinem Beispiele folgend.
»Daß sich der Mann zu einer solchen Rolle hergibt!«
»Er wird es bald satt bekommen.«
»Und die Frau?«
»Hat es schon lange satt.«
»Glauben Sie wirklich?«
»Lieber Silberglanz, von glauben kann keine Rede mehr sein, wenn es einem mit dürren Worten gesagt wird.«
»Aber das erwähnten Sie doch nicht?«
»Weil ich vor meiner Frau von jener Georgine so wenig wie möglich sprechen wollte, denn das arme Kind ist fabelhaft eifersüchtig und oft ohne den geringsten Grund; wahrhaftig, Baron, ohne den geringsten Grund. Apropos, Silberglanz, Sie Schelm Sie! ich habe ja gar nicht gewußt, daß Sie in so genauer Verbindung mit der Bertrand gestanden haben.«
»Ich, lieber Zühbig? Bitte, sprechen Sie nicht so laut, der Kellner da drüben spitzt die Ohren schon, das -- war auch gar nicht der Fall.«
»Bst, bst, Männchen, keine Flausen!« drohte ihm von Zühbig lächelnd mit dem Finger, »wenn eine Frau einmal das eingesteht, was mir die schöne Georgine eingestanden hat, da ist's nachher nicht mehr richtig, und mir machen Sie in der Hinsicht nichts mehr weis. Aber was geht's mich an! das ist eine Sache, die jeder mit sich selber auszumachen hat, und ich wäre der letzte, der Sie deshalb tadelte.«
»Aber was hat sie Ihnen nur gesagt?« flüsterte der Baron, dem jetzt selber daran lag, etwas zu erfahren, von dem er fast überzeugt war, daß es ein Mißverständnis sein müsse, hätte ihn von Zühbigs Ruhe und Sicherheit nicht wieder irre gemacht. »Was kann sie Ihnen um Gottes willen gestanden haben?«
»Daß sie sich unglücklich in dem Verhältnis fühle, und daß ihr ein Freund fehle!« flüsterte von Zühbig.
»Ein Freund?«
»Ja -- noch einer,« sagte der Intendant. »Zwei hat sie, die scheinen ihr aber noch nicht genug zu sein -- sie sagte, sie müßte jemanden haben, der es ehrlich mit ihr meinte.«
»Ehrlich?«
»Nun, das sind die Redensarten.«
»Aber was habe ich damit zu tun?«
»Sie sagte mir ferner,« fuhr von Zühbig fort, »daß sie hier in der Residenz eine Bekanntschaft gemacht habe -- aber Verhältnisse wären damals störend dazwischen getreten -- sie nannte keinen Namen, aber sie versicherte mir, das sei ein Ehrenmann gewesen.«
»Da war ja aber von mir noch immer keine Rede.«
»So? aber kurz vorher hatte sie mich gefragt, ob ich einen gewissen Baron von Silberglanz in der Residenz kenne, und als ich es bejahte und ihr versicherte, daß er zu meinen speziellen Freunden gehöre, wurde sie so rot, wie Blut nur machen kann.«
»In der Tat?«
»Und als ich fortging und uns ihr -- Mann einen Augenblick verlassen hatte, trug sie mir wohl keinen Gruß an Sie auf, he? und hat mir wohl nicht dabei freundlich gesagt, ich möchte den Namen ihres stillen Aufenthalts Schildheim nicht vergessen?«
»Hat sie das in der Tat?« sagte von Silberglanz, und wie in Gedanken leerte er sein Glas Madeira und schlug mit dem Messer daran, es von dem herbeischnellenden Garcon wieder füllen zu lassen.
»Ich denke doch,« sagte von Zühbig, als der Kellner mit dem Glase durch die Büfettür verschwunden war, »daß eine Dame eigentlich nicht gut mehr zu verstehen geben könnte.«
Baron von Silberglanz schüttelte lächelnd mit dem Kopfe. »Und doch haben Sie die Donna falsch verstanden,« sagte er, »sie hat mich auf keinen Fall damit gemeint -- wahrscheinlich den Grafen selber. Sie weiß, daß Sie mit ihm befreundet sind, und wünscht, allem Vermuten nach, ihn auf eine feine Weise wissen zu lassen, daß sie -- eben Langeweile hat.«
»Lieber Freund!«
»Ich gebe Ihnen mein Wort, nicht anders. Und wenn's wirklich anders wäre, was hilfe es mir. Jener Ort -- Schildheim nannten Sie ihn?«
»Jawohl.«
»Nun ja, jener Ort liegt Gott weiß wie weit von hier entfernt -- im Mecklenburgischen, nicht wahr?«
»Allerdings.«
»Nun sehen Sie, und vielleicht weit von einer Eisenbahn?«
»Etwa sechs Stunden zu fahren.«
»Entsetzlich -- aber das ist ja kaum möglich. Da irren Sie sich, lieber Zühbig. In letzter Zeit sind mehrere Eisenbahnen dort gebaut, daß man wohl kaum sechs Stunden von einem Gleis zum andern hat. Sechs Stunden vielleicht zu gehen.«
»Bitte um Verzeihung; zu fahren.«
»Wie heißt denn die nächste Station?«
»Kolbendorf,« erwiderte von Zühbig, und mußte sich Mühe geben, das Lächeln zu verbergen, das ihm wider Willen um die Lippen zuckte. Er durfte natürlich nicht merken, daß von Silberglanz alle nötigen geographischen Kenntnisse unter der Hand zu sammeln wünsche.
»Lauter fremde Namen,« sagte der Baron gleichgültig. »Ja, wenn der Ort auf meinem Wege nach Paris läge, machte ich vielleicht des Spaßes halber auf der Hin- oder Rückreise einen Abstecher da hinüber.«
»Wollen Sie nach Paris, Baron?«
»Ich muß dahin -- in Geschäften für meinen Papa, den alten Baron. Die Zeit ist aber noch nicht bestimmt und hängt eben von Umständen ab. Wahrscheinlich werde ich den Rest des Winters dort zubringen.«
»Ach, da beneide ich Sie; wer da mit könnte!« seufzte von Zühbig, indem er von seinem Sitze aufstand und an sein Glas schlug.
»Sie wollen schon fort?«
»Ja, ich werde nervös, wenn ich noch länger hier in dem einsamen Keller sitzen bleibe. Ich habe schon jetzt ein Gefühl, als ob wir durch irgend einen tückischen Zufall verschüttet wären und nun erst, nach einigen tausend Jahren, bei gelegentlicher Bohrung eines Brunnens als getrocknete Ueberreste eines vorsündflutlichen Menschengeschlechts wieder an die freie Luft gebracht würden. Hier, Garcon, für Ihren frischen Madeira und alten Kaviar der Sündenlohn -- das für Sie, für schlechte Behandlung -- au revoir.«
»Danke untertänigst,« lächelte der Kellner.
»Aber so warten Sie doch nur einen Moment!« rief von Silberglanz, seinen Wein rasch austrinkend, »ich begleite Sie.«
»Sehr wohl,« sagte von Zühbig, dem daran nicht einmal besonders viel lag; der Baron war aber bald an seiner Seite, und die beiden Männer stiegen zusammen die Kellertreppe hinauf, die sie wieder in Licht und Sonnenschein und an die frische, wenn auch kalte Luft führte.
Als sie das Trottoir betraten, ritt ein Kürassieroffizier im Schritt vorüber, ohne sie jedoch zu sehen. Er hielt den Zügel locker in der Hand und sah ernst und schweigend, den Kopf weder rechts noch links drehend, vor sich nieder.
»Graf Geyerstein,« flüsterte der Baron seinem Begleiter zu, und als ob der Graf seinen ausgesprochenen Namen gefühlt habe, denn die Klänge des gelispelten Wortes konnten sein Ohr nicht erreichen, drehte er langsam den Kopf nach ihnen um. Die beiden Herren lüfteten die Hüte; der Graf erwiderte den Gruß, indem er seinen Arm nur etwas hob, und ritt vorbei.
»Wetter auch,« sagte von Zühbig, »wie blaß und elend Geyerstein geworden ist, seit ich ihn nicht gesehen habe! Ich hätte ihn fast gar nicht wiedererkannt.«
»Sehnsucht nach Urlaub vielleicht,« schmunzelte Silberglanz. »Es geht doch nichts über eine freie, ungebundene Existenz.« Und seinen Arm vertraulich in den von Zühbigs legend, wollte er mit ihm die breite Hauptstraße hinaufschlendern. Daran lag aber diesem nichts.
»Sie wollen dort hinauf?« sagte er.
»Wohin Sie gehen; die Richtung ist mir vollkommen gleichgültig. Bis zum Diner habe ich weiter gar nichts vor.«
»Aber ich desto mehr, bester Freund,« erwiderte der Intendant. »Sie haben recht, es geht nichts über eine freie, ungebundene Existenz, ich aber gehöre mit zu jenen armen, geknechteten Menschenkindern, die nicht einmal eine eigene Zeit besitzen. Ich muß noch einmal auf mein Bureau, um einige Briefe zu beantworten.«
»Schön, dann begleite ich Sie wenigstens bis zur Tür,« sagte der nicht so leicht abzuschüttelnde Silberglanz, und dagegen konnte Herr von Zühbig nichts einwenden. Das Theater lag aber nur eine sehr kurze Strecke von dort entfernt, und hier verabschiedete sich denn wirklich der Baron, irgendwo auf der Promenade einen andern Bekannten aufzutreiben, dem er sich in Ermangelung Zühbigs anhängen konnte.
23.
Wir haben Georg verlassen, als damals der alte Tobias auf seinen Befehl aus dem Hofe gejagt wurde. Damit war er allerdings für den Augenblick den Burschen los; daß dieser aber, über die Behandlung wütend und von Branntwein und Aerger aufgeregt, ins Dorf hinabgehen und dort sein Geheimnis ausschreien würde, ließ sich voraussehen -- und was dann? Wie unangenehm mußte selbst hier auf dem Gute Georgs Stellung werden, wenn die Bauern von Schildheim, ja, seine eigenen Knechte erfuhren, daß er unter einem angenommenen Namen hierher gekommen wäre! und wie erst sollte sich sein Verhältnis zu den benachbarten Gutsbesitzern stellen, wenn aus dem Baron von Geyfeln der frühere Kunstreiter Monsieur Bertrand wurde? Er selber hätte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, aber würde Georgine dieses einsame Leben ertragen, wenn sie von da an nur auf ihre eigene Familie angewiesen blieb?
Selbst der frühere Besuch von Zühbigs -- wenn auch seit der Zeit Wochen vergangen waren -- kam ihm wieder ins Gedächtnis und zeigte ihm mehr und mehr, daß sein Geheimnis bald kein Geheimnis mehr bleiben würde. Die Bosheit des alten Possenreißers und der Zufall hatten sich in die Hände gearbeitet, und er sah mit recht bitteren, sorgenden Gefühlen der Zukunft entgegen.