Part 8
Die Frau antwortete weder, noch unterbrach sie ihren Gang, und nur manchmal blieb sie einen Moment plötzlich stehen, um nach der Tür hinüber zu horchen. Der Alte sah ihr kopfschüttelnd zu, dann aß er ruhig weiter, bis er satt war, schob jetzt den Teller zurück, schenkte sich ein Bierglas halb voll Branntwein, das er auf einen Zug und ohne eine Miene zu verziehen, leerte, und nahm dann das Gespräch noch einmal auf: »Dir geht Georgs neuer Plan im Kopfe herum -- er paßt dir nicht, ich weiß es -- er paßt auch mir eigentlich nicht recht, aber -- bei Lichte besehen, hat er doch am Ende nicht so ganz unrecht. Wir werden alt, und ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn ich mich einmal -- wenigstens eine Zeitlang -- ausruhen könnte, ohne gerade am Hungertuche zu nagen.«
Georgine schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, erwiderte aber noch immer keine Silbe, und der Alte, noch einmal zu der Flasche greifend, aus der er sich langsam einschenkte, fuhr, eigentlich mehr zu sich selbst als zur Tochter redend, fort: »Und es ist doch eigentlich nur ein Hundeleben, das wir führen, Faxen und Narrenspossen machen, daß das Lumpenvolk sich für seine paar Groschen darüber ausschütten kann und besser danach verdaut -- Kanaillen, verdammte, die uns nachher auf der Straße über die Achsel ansehen oder hinter uns drein feixen -- und wegen solcher Bande riskiert man seine Gliedmaßen, bis man einmal zum Krüppel wird! Nachher kann man betteln gehen, mit Krücke oder Stelzfuß und ihretwegen auch verhungern -- was kümmert das sie!«
Der alte Mann hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und schaute mit den kleinen, tiefliegenden Augen finster und verdrossen in die dicht vor ihm flackernde Lampe hinein. Aber wo war jetzt der tolle Humor in diesen Zügen, der noch vor wenigen Viertelstunden das Volk da draußen hatte aufjauchzen und jubeln machen? Wo war die Laune geblieben, mit der er sich dem Stallmeister zwischen die Füße warf und seinen Körper verrenkte und durcheinanderwand, nur um dem süßen Pöbel zu gefallen? Nichts von alledem ließ sich mehr in dem finstern, verdrossenen und doch so entsetzlich bemalten Angesicht erkennen, auf das die Lampe jetzt ihr volles, grelles Licht warf. Scharf und verzerrt schnitten dabei die weißgemalten Streifen desselben ein, während das Zinnoberrot ordentlich leuchtete und die beiden Augen unter den tief herabgezogenen buschigen Brauen wie ein paar Stücke rotheißen Eisens funkelten. Fest hatte sich dabei die magere, sehnige Hand in das lange, dünne Haar gekrallt, das zwischen den Fingern in spärlichen Locken herausquoll, und ein eigener Ausdruck von Trotz, Grimm und Ekel lag in den tiefgefurchten, farbebestrichenen Zügen. Georgine war neben ihm stehen geblieben, und den weißen, vollen Arm auf den Tisch stützend, sagte sie mit leiser, wie höhnisch klingender Stimme: »Und willst du ein Bauer werden?«
»Warum nicht?« erwiderte der Mann, ohne seine Stellung auch nur um ein Haar breit zu verändern, »immer noch besser ein Bauer als ein -- Hanswurst.«
»So zieht ihr beiden allein zwischen eure Schafe und Kühe!« rief das junge, schöne Weib, in wildem Zorn emporfahrend, »ich selber weiß, was ich mir und Josefinen schuldig bin, und den will ich sehen, der mich zwingen will, draußen zwischen Kraut- und Kartoffelfeldern mein Leben zu beschließen!«
»Niemand Georgine, niemand!« sagte in diesem Augenblicke die tiefe, klangvolle Stimme Georg Bertrands, der unbemerkt von den beiden in die Tür getreten und auf der Schwelle stehen geblieben war. »Wenn du es übers Herz bringen kannst, deinen Gatten allein ziehen zu lassen, allein deinen Weg dir in der Welt zu bahnen, in Gottes Namen dann, ich kann und werde dich nicht daran hindern.«
»Nicht?« rief die Frau erstaunt, ja überrascht nach ihm herumfahrend, »du würdest dich von mir und Josefinen trennen wollen?«
»Von Josefinen? -- nein,« sagte der Mann ruhig, indem er seinen Hut auf den Stuhl neben der Türe legte und langsam jetzt ins Zimmer trat.
»Von Josefinen nicht?« rief in schnell wieder aufloderndem Zorne die Frau, »welche Macht der Erde wird das Kind von der Mutter trennen?«
»Das Gesetz,« erwiderte mit dem vorigen Gleichmut ihr Gatte, »das Gesetz spricht nach dem siebenten Jahre das Kind dem Vater zu.«
»Du darfst mir Josefinen nicht nehmen,« zischte da Georgine zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »du weißt, daß ich ohne das Kind nicht leben kann, daß ich mit mehr als Mutterliebe an ihm hange, daß sie mein ein und mein alles ist auf dieser Welt -- du kannst und darfst mich nicht töten -- und mir das Kind nehmen, hieße mehr als mich morden.«
»Und will ich das?« erwiderte Georg, jetzt vor sie tretend und ihre Hand ergreifend, »habe ich nicht Bitten auf Bitten an dich verschwendet, mir und dem Kinde das Opfer zu bringen, diesem unseligen Leben zu entsagen? Hat nicht Josefine selber dich gebeten, mich nicht zu verlassen und draußen in der freundlichen Natur zu vergessen, was dich hier berauscht -- den Beifall der Menge! -- Georgine, kann dir denn nicht ein häusliches Familienglück, das du noch gar nicht kennst und das nur zu bald seinen Zauber um dich breiten wird, das Jauchzen und Beifallklatschen fremder, gleichgültiger Menschen ersetzen? Lebst du denn nur für diese Masse, die dir nichts, gar nichts entgegenbringt, als nur das Verlangen, auf angenehme Weise amüsiert zu werden, und die gleichgültig selbst an deinem Sarge vorübergehen würde, wenn ein unglücklicher Fall dich in der nächsten Stunde vielleicht abriefe?«
»Nach meinem Tode? Nicht so viel kümmere ich mich darum!« rief das schöne Weib verächtlich. »Ob sie mich lieben werden oder hassen, was liegt daran! Nur dieses Leben ist mein, nur dem Leben gehöre ich an. Was schert mich die Liebe oder der Haß des Volkes nach dem Tode!«
»Und ich? -- und dein Kind?« sagte Georg mit weicher Stimme.
»Wenn ihr mich liebtet, quältet ihr mich nicht so,« rief die Frau zurück. »Du weißt, daß ich so wenig für das Land passe, wie dein Araber zum Karrenziehen und Ackern; die Hand möchte ich sehen, die uns beide dazu zwingen kann.«
»Du weißt,« sagte Georg ruhig, »daß ich den Araber zu allem zwang, wozu ich ihn haben wollte.«
»Aber mich nicht, Georg, mich bei Gott nicht!« rief die Frau, wieder zu voller Heftigkeit ausbrechend. »Versuch' es nicht, du möchtest es bereuen.«
»Es ist zu spät, darüber noch zu reden,« sagte fest entschlossen Georg, »Heut' abend nach der Vorstellung habe ich den Handel über mein letztes Pferd abgeschlossen, die wenigen ausgenommen, die ich mit mir zu nehmen gedenke, und morgen schon verlassen wir ***, um keine weitere Messe mehr zu besuchen. Die Gesellschaft ist aufgelöst, die Leute werden morgen ausgezahlt, und ich und Josefine ziehen hinauf nach Mecklenburg, ein neues Leben von heute an zu beginnen.«
»Und glaubst du, daß ich das Kind dir gutwillig lassen werde?« fragte Georgine, und ihre ganze Gestalt zitterte in der furchtbaren Bewegung, die sich ihrer bemächtigt hatte.
»Du mußt, Georgine,« lautete die feste Antwort, »die Gesetze schützen mich darin -- wenn ich deren Schutz anrufen müßte. Ich habe mich genau danach erkundigt, Josefine ist über sieben Jahre alt, und das Gesetz spricht in diesem Falle dem Vater des Kindes, falls sich die Eltern trennen sollten, das Recht zu, über seine Zukunft zu wachen und zu bestimmen.«
»Und wer hat dich mit den Gesetzen so genau bekannt gemacht? -- glaubst du nicht, daß ich deinen Helfershelfer errate?«
»Wenn du den Mann meinen Helfershelfer nennst, der mir wie einem Ertrinkenden die Hand bietet, mich aus einem Leben zu erretten, das mich die letzten Jahre nur zwischen Verzweiflung und Selbstmord schwanken ließ, so hast du recht,« sagte Georg düster.
»Zwischen Verzweiflung und Selbstmord, du?« rief erstaunt die Frau, »du, der nur Lust und Stolz in der Ausübung seiner Kunst fand, dem an Kühnheit und Geschicklichkeit keiner gleichkam?«
»Es ist gut,« erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, »die Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein früheres Leben nicht, weißt nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurück zu Sicherheit und Ruhe zu führen, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir stoßen. -- Du kennst mich, du weißt, daß ich durchführe, wozu ich einmal fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand, auch für dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, -- folge deinem Gatten -- deinem Kinde, und stürze dich nicht wieder einem Leben entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch mit der Zeit rettungslos untergehen müßtest.«
»Er hat recht, Gine,« sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine Stellung zu verändern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. »Wir alle werden nicht jünger, und ein solcher Schlupfwinkel für's Alter bietet sich nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis siebenhundert Taler jährlich mit Kußhand, und er brauchte sich noch nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten getroffen, und ich mußte ihm ein paar Groschen geben, daß er nur endlich einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekäme. Ich selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer draußen auf den Straßen zu liegen und den Bauernlümmeln die alten, schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, daß er mir nicht den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jörgen schon vor vier Jahren prophezeit hat.«
»Geh mit uns, Georgine,« bat da auch Bertrand, mit weit mehr Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. -- »Versuche es nur einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, daß du gar rasch und freudig dich in den neuen Zustand findest. -- Du kennst das stille, bürgerliche Leben ja noch gar nicht; weißt nicht, ahnst noch nicht einmal, welche Reize und Genüsse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen können.«
»Soll ich Komödie in deinem Familienkreise spielen?« fragte das schöne Weib höhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten stehen blieb.
»Nenne es die erste Zeit, wie du willst,« sagte Bertrand ruhig, »nur zu bald wirst du doch einsehen lernen, daß du nie mehr dein eigener Herr gewesen, als gerade in jenem einfach natürlichen Leben auf dem Lande!«
»Und glaubst du wirklich, daß du mich je zur Bäuerin machen könntest,« lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schön geschnittenen Lippen emporwarf, »ich hätte gedacht, daß du mich besser kennen solltest.«
»Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?«
»Nein -- dreimal und tausendmal nein!« rief Georgine mit wieder aufloderndem Zorn, »bis ich nicht sicher weiß, daß die Gesetze dir wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der Möglichkeit, denn ihr Männer habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach, und ist das sicher -- gut -- dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann, will ich mich nicht trennen, und über sie wachen werde ich dort, wie die Löwin über ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrünnig zu machen.«
»Bah!« sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schüttelnd, »schwatze keinen Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger vernünftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen wirst du vernünftiger darüber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Straße hinaus. Ich wäre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen Narren hier im Neste gäbe, der ihn aufhöbe. Jetzt macht, daß ihr zu Bett kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon wie zerschlagen.«
Mit diesen Worten zündete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf der Kommode stand, nahm seine Mütze wieder aus der Ecke hervor und verließ langsam, ohne eine »Gute Nacht« weiter für nötig zu halten, das Zimmer.
9.
Am nächsten Morgen saß Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie war mit Luisen ausgefahren -- sie selber hatte sie nicht begleiten können oder wollen -- und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschützt. Sie war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewöhnlich aufgeregt und unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu durchblättern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So war es zwölf Uhr geworden, als es leise an die Türe klopfte und auf ihr Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von Geyerstein lasse anfragen, ob er der gnädigen Komtesse seine Aufwartung machen dürfe.
»Graf Geyerstein?« rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn schon im nächsten Augenblicke wieder vollständig gesammelt, sagte sie ruhig: »Es wird mir sehr angenehm sein, führen Sie den Grafen herein!«
Wenige Minuten später hörte sie draußen den festen, klirrenden Schritt des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich genug gefaßt hatte, ihn ruhig begrüßen zu können.
»Komtesse,« sagte der Rittmeister, sich förmlicher vor ihr verneigend, als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, »Ihr Herr Vater trägt die Schuld einer Störung, wenn ich Ihnen eine solche verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er für den Augenblick noch beschäftigt ist, war er so gütig, mich indes zu Ihnen herüberzuweisen -- ich wäre sonst nicht so früh bei Ihnen erschienen.«
Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber sie zwang sie zurück und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten Zärtlichkeit im Ton und Ausdruck: »Mein Vater weiß recht gut, daß Sie uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.«
»Aber auch ohne die Veranlassung hätte ich Sie heute noch aufgesucht, Komtesse,« nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort, indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ, »denn ich wollte mich auf einige Zeit von Ihnen verabschieden.«
»Sie wollen fort von hier?« rief Melanie schneller und mit weit mehr Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.
»Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen dringend nötig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Fürsten erbeten und erhalten.«
Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden. Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade wollte er fort? -- jetzt, wo -- sie durfte dem nicht weiter folgen -- und so kalt, so förmlich nahm er jetzt Abschied, er mußte bemerkt haben, wie sie Graf Selikoff bevorzugte. -- Und weshalb nicht? War sie nicht frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der so kalt und eisern vor ihr saß, schändlich, schmählich betrogen und verraten worden? -- und wenn nicht? -- -- Auch der Graf schwieg; das Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, förmlichen Empfang des Wesens gegenüber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen -- scheiden vielleicht für ein ganzes Leben, indem sie sich von nun an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung in Melanies Zügen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, daß die Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch empor, und mit bewegter Stimme sagte er: »Komtesse -- Melanie -- es ist in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen -- was, weiß nur Gott -- was aber nicht sein sollte.«
»Zwischen uns, Herr Graf?« unterbrach ihn, wie erstaunt, Melanie, die durch die Worte rasch zu sich selbst gerufen wurde.
»Stoßen Sie mich nicht so ungehört zurück,« fuhr der Rittmeister, der jetzt einmal das Eis gebrochen hatte, fort. »Womit ich Sie beleidigt oder gekränkt haben mag, ich weiß es nicht -- wissentlich nicht, beim ewigen Gott, und nur ein Mißverständnis kann es deshalb sein, was Sie in diesen Tagen mir entfremdet hat. Sehen Sie mich nicht so stolz an, Melanie, Sie waren sonst so offen, so ehrlich gegen mich -- o, lassen Sie die Zeit, die liebe, liebe Zeit, nicht so mit einem Schlage abgebrochen sein. Sagen Sie mir, was ich getan, was ich verbrochen habe, gestatten Sie mir dann, daß ich mich verteidige.«
»Was Sie getan, Herr Graf,« erwiderte Melanie, der bei der Erinnerung alles dessen, über das sie Ursache zu haben glaubte -- gerechte Ursache -- zu zürnen, das Blut mit voller Macht in Wange und Schläfe strömte, »ich glaube nicht, daß es mir zusteht, Sie über irgend etwas, was Sie getan haben könnten, zur Rede zu stellen. Hätten Sie es für gut gefunden, mich irgend eines Schrittes wegen, den Sie zu tun gedachten, um Rat zu fragen, wäre es vielleicht etwas anderes, doch so...«
»O, weichen Sie mir nicht aus,« bat Geyerstein in herzlichem Tone und von der Gewalt des Augenblicks hingerissen, »Melanie Sie müssen wissen, wie mein Herz...«
»Herr Graf -- nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn plötzlich mit ernstem, strengem Tone die junge Gräfin, indem sie sich zu ihrer vollen Höhe stolz, ja fast zürnend emporrichtete. -- »Ersparen Sie sich und mir ein Thema, das nur für beide Teile -- schmerzlich enden kann.«
»Melanie!« rief Geyerstein entsetzt, »was, um aller Heiligen willen...«
»Sie vergaßen wohl in dem Augenblick,« fuhr die Komtesse fort, und ihre Züge glichen jetzt denen einer Marmorbüste, »das Verhältnis, in dem Sie zu der Seiltänzergruppe jenes Bertrand stehen? -- Sie vergaßen...«
»Großer Gott!« stöhnte der Rittmeister, und bleich, wie das ihm gegenüberstehende schöne Weib, fuhr er von seinem Sitz empor.
»Wie das Geheimnis zu meinen Ohren kam,« fuhr Melanie kalt und ruhig fort, »bleibt sich gleich, Sie selber bestätigen alles durch Ihr Schweigen. -- Jetzt aber werden Sie doch auch wohl fühlen, daß zwischen uns nicht mehr von den Empfindungen des Herzens die Rede sein kann. Die Tochter des Grafen von Ralphen dünkt sich zu gut...«
»Halten Sie ein, Komtesse!« rief der Graf mit ausgestreckter Hand und fast tonloser Stimme, »sagen Sie nichts weiter! Es ist genug -- übergenug -- und das wenige selbst -- hätte sich vielleicht auf weniger harter Weise sagen lassen -- aber es ist geschehen. Sie haben nicht zu fürchten, daß ich Ihnen je wieder mit Wort oder Blick nur nahen werde -- dennoch bitte ich Sie, in den Augen der Welt...«
»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimnis mißbrauchen werde,« unterbrach ihn Melanie, »wie immer die Welt auch wohl dergleichen beurteilen möchte. Was ich gesprochen, sprach ich nur für mich, und wie ich glaube, war ich das mir und meiner Stellung in der Welt schuldig. Aber ich höre meinen Vater -- er wird kommen, um Sie abzurufen.«
Der Graf neigte sich ehrerbietig, aber kalt vor ihr, er hatte seine ganze Fassung und Männlichkeit wiedergewonnen, und in demselben Augenblick auch fast öffnete sich die Tür, in welcher der Kriegsminister, schon in Uniform, um gleich nachher zum Fürsten zu fahren, erschien.
»So, mein lieber Geyerstein,« sagte er freundlich, als er dem jungen Manne die Hand entgegenstreckte, »jetzt bin ich mit allem fertig und stehe Ihnen noch auf eine halbe Stunde zu Diensten. Er will uns davonlaufen, Melanie, will hinauf nach Mecklenburg und Hirsche schießen, Güter einrichten, und Gott weiß was alles. Wir werden Sie hier vermissen, Geyerstein, und Rosalie besonders wird untröstlich darüber sein. Wo steckt denn das Mädchen überhaupt heute morgen -- wohl wieder ausgefahren? Aber du siehst so blaß heute aus, Melanie; fehlt dir was, mein Kind?«
»Nichts, lieber Vater -- nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich heute, und habe deshalb Rosalie auch nicht begleitet. Es wird bald vorübergehen.«
»Exzellenz gestatten mir dann vielleicht, Ihnen oben in Ihrem Zimmer die Papiere vorzulegen,« sagte Graf Geyerstein.
»Schön; wenn Sie alles bei der Hand haben, desto besser. -- Apropos, Sie sind auf heute mittag schon versagt? Ich möchte Sie gern noch so lange als möglich bei uns haben.«
»Ich muß unendlich bedauern...«
»Machen Sie um Gottes willen keine Umstände; Sie sollen nicht im mindesten geniert sein. Also kommen Sie. -- Adieu, mein liebes Kind; lies nicht zu viel, das nimmt dir den Kopf nur noch mehr ein.«
Graf Geyerstein verabschiedete sich bei der Komtesse mit einer tiefen Verbeugung, und ebenso förmlich dankte ihm die Dame. Der alte Herr bemerkte das aber nicht; er übersah schon flüchtig die Papiere, die ihm der Rittmeister eben übergeben hatte, und mit freundlichem Kopfnicken nur von seiner Tochter Abschied nehmend, verließ er gleich darauf, von dem Grafen gefolgt, das Zimmer.
Melanie blieb, als die beiden Männer die Tür hinter sich geschlossen hatten, noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen. Hatte aber auch ihr stolzer Geist in dem entscheidenden Moment den Sieg über das nur zu schwache Herz davongetragen, jetzt -- jetzt vermochte sie nicht mehr. Ein leises Frösteln flog über ihren Körper, sie schwankte zum Sofa, barg das bleiche Antlitz in den Händen und weinte -- weinte, als ob ihr Herz vor unendlichem Weh zerbrechen müsse in der Brust.
10.
Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs Mutter über.