Part 3
»Ich glaube, ich habe schon gestern das Vergnügen gehabt, Sie bei unserer Vorstellung zu sehen,« sagte sie, »aber wollen Sie nicht Platz nehmen? Guter Gott, es sieht wahrhaftig gerade _heute_ zu unordentlich bei uns aus! Was müssen Sie nur von uns denken!« Sie räumte dabei rasch und ziemlich rücksichtslos, wohin sie die Sachen aus dem Wege brachte, das Sofa ab, und sich dann in die eine Ecke lehnend, zeigte sie mit einer leichten Handbewegung lächelnd auf die andere, sodaß Graf Geyerstein nicht umhin konnte, neben ihr Platz zu nehmen. Halb verlegen gehorchte er auch der Einladung, und es entging ihm dabei nicht, daß die schöne Frau dem Alten einen bezeichnenden Blick zuwarf. Dieser griff, demselben gehorchend, und wie es schien ziemlich mürrisch, seine Arbeit auf, sah rechts und links neben sich auf die Erde, ob er nicht etwas vergessen habe, und verließ dann ohne weiteren Gruß das Zimmer.
»Ich bin Ihnen vor allen Dingen eine Erklärung schuldig, Madame,« nahm jetzt der Rittmeister das Wort, »daß ich gewagt habe...«
»Ich bitte Sie um Gotteswillen, keine Entschuldigung,« unterbrach ihn lächelnd die Frau, »Sie sind da, und das genügt mir -- was wollen Sie mehr? Es soll mich nur freuen, wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann.«
Graf Geyerstein geriet dieser Antwort, ja Ermunterung gegenüber in Verlegenheit und Madame Bertrand schaute ihn so freundlich dabei an, und sah in dem leichten, seidenen Oberkleide, das ihren vollen Körper nur locker umschloß, wirklich so reizend aus -- er konnte nur eine dankende Verbeugung machen.
»Sie sind Soldat, nicht wahr?« nahm da die Dame die Unterhaltung wieder auf, »Kavallerieoffizier?«
»Allerdings.«
»Ich dachte es mir -- oder vielmehr, ich erinnere mich Ihrer Uniform,« setzte die Frau, leicht errötend, aber doch auch wieder halb schelmisch hinzu, »und Sie -- interessieren sich für unsere schönen Pferde?«
»Ich muß gestehen, daß ich entzückt davon bin,« erwiderte der Graf, der um jeden Preis diese Unterredung abzubrechen wünschte, »aber das ist es eigentlich nicht, was mich hierher geführt.«
»Sie wollten auch die _Reiter_ kennen lernen,« lächelte Madame Bertrand, »ein sehr natürlicher Wunsch, der aber leider nur gewöhnlich die Illusion zerstört, die bis dahin einen eigenen, fremdartigen Zauber um sich warf.«
»Ich wünschte Monsieur Bertrand zu sprechen.«
»Georg? -- er ist leider nicht zu Hause. Heute, am Meßsonntage, geben wir zwei Vorstellungen und seine Anwesenheit im Zirkus ist deshalb unumgänglich nötig, um die erforderlichen Anordnungen dort zu treffen. Er wird vielleicht vor der Vorstellung nur noch auf einen Augenblick herüberkommen.« Graf Geyerstein schwieg und sah sinnend vor sich nieder. »Kann ich vielleicht irgend einen _Auftrag_ ausrichten? Georg wird sich jedenfalls geehrt fühlen. -- Aber, mein Gott! fehlt Ihnen etwas? -- Sie sehen totenbleich aus.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah besorgt zu ihm auf.
»Nicht das mindeste,« sagte abwehrend der Graf, »ich danke Ihnen, Madame, aber ich befinde mich vollkommen wohl -- nur die drückende Luft hier im Zimmer...«
»Sie haben recht!« rief Madame Bertrand, aufspringend und rasch ein Fenster öffnend, »es ist hier auch entsetzlich heiß, und Vater hat dabei wieder einmal so gequalmt.«
»_Der Vater!_« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und fast krampfhaft faßte die Linke den Tisch, an dem er sich emporrichtete.
»Sie wollen schon wieder fort?« rief da Georgine, mit einem halb erstaunten, halb bittenden Blick.
»Ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«
»Aber Sie stören mich gar nicht, und wenn Sie Geschäfte mit Georg...«
»Geschäfte nicht, Madame, aber -- ich wünschte ihn zu sprechen,« unterbrach sie der Graf, »und -- ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich Ihnen die Ursache verschweigen sollte. Eine merkwürdige Aehnlichkeit, die er mit einem meiner früheren Freunde hat, läßt mich wünschen, ihn kennen zu lernen -- möglich, daß es nur eben eine Aehnlichkeit ist, aber ich würde ihm _sehr_ dankbar sein, wenn er mich vielleicht morgen früh zwischen acht und zehn Uhr besuchen wollte. Meine Karte hier haben Sie wohl die Güte ihm zu überreichen.«
»Graf Wolf von Geyerstein,« las Georgine, sich leise und lächelnd dabei gegen den jungen Offizier verneigend, »ich werde nicht ermangeln, Ihren Auftrag pünktlich auszurichten, Herr Graf. Aber -- wissen Sie wohl, daß das ein recht eigenes Zusammentreffen ist?«
»Welches, Madame?«
»Daß _Sie_ Georg einer _Aehnlichkeit_ wegen aufsuchen wollen,« sagte die junge Frau, »während gerade _Sie_, Herr Graf, auch mir einer Aehnlichkeit wegen von Anfang an aufgefallen sind.«
»Und _wem_ sah ich ähnlich?« flüsterte der Graf, und seine Blicke hafteten fest und stier auf den Augen des schönen Weibes.
»Keinem so entsetzlichen Wesen, als Sie zu glauben scheinen,« lächelte schalkhaft Georgine, »nur -- einem früheren Geliebten von mir -- meinem jetzigen Manne.«
»Georg Bertrand?«
»Demselben -- wenigstens damals, als er noch nicht einen so furchtbaren Bart trug wie jetzt.«
»Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?«
»Leider!« seufzte Georgine mit komischem Bedauern.
»Leider?«
»Ich weiß nicht, ob _Sie_ vermählt sind, Herr Graf, aber -- es ist doch ein anderes Ding um einen Liebhaber, als um einen Ehemann, und Monsieur Bertrand ist, besonders in der letzten Zeit, so ernst -- ja, ich möchte fast sagen, finster geworden, als ob er die ganze Lust an seiner Kunst verloren hätte.«
»Und wenn dem wirklich so wäre?«
»Wenn dem so wäre?« lachte Georgine. »Sie reden gerade, als ob er von seinen Renten leben könnte! Er hat weiter nichts gelernt, als die sogenannte »brotlose Kunst«, die uns aber doch ein ganz hübsches Brot abwirft, und die Dressur der Pferde, in der er Meister ist. Sollte er aber jetzt, wo er so viele in seinem Dienste gehabt, selber Dienste bei einem Herrn nehmen und _Bereiter_ werden? Er hielte es nicht vierundzwanzig Stunden aus.«
»Und finden Sie selber Freude an diesem Beruf -- an dieser _Kunst_, wenn Sie wollen?«
»Ich lebe und atme darin!« rief Georgine, und ihre Augen leuchteten, ihre ganze Gestalt hob sich. »Auf dem Rücken meines Tieres bin ich ein anderes Wesen, gehöre ich dieser Erde kaum mehr an, und was dem Fisch das Wasser, der Pflanze das Licht sein mag, ist mir der jauchzende Beifall der Menge, die buntgeschart mich umgibt. Ich schwimme dann in einem Meer von Glanz und Licht und Wonne, und -- erwache erst, wenn _diese_ Wände hier aufs neue mich umgeben -- einschließen.«
»Und das ist doch ein unnatürlich Leben,« sagte der junge Graf, »das _Haus_ ist eigentlich des Weibes schönster Wirkungskreis.«
»Nicht der meine!« rief Georgine, indem ein trotziges Lächeln ihre schönen Lippen umspielte. »Das Haus? -- ja, für die Weiber, die nähen und stricken und Freude an ihrem Wäschschrank finden können. _Mein_ Wirkungskreis liegt draußen in der Bahn; ich _tanze_, _fliege_ durch das Leben, und so -- so möcht' ich enden, wenn es denn einmal geschieden, gestorben sein muß. Aber _Sie_ sind Soldat. Sie können sich am besten, am leichtesten in solche Sehnsucht denken. Und möchten _Sie_, wie Sie da vor mir stehen, als Mann, das Leben eines Stubenhockers, eines Aktenmenschen, wählen, der über seinen staubigen Papieren brütet und Licht und Luft und Sonnenschein da draußen ungesehen, unbeachtet wirken, schaffen, segnen läßt? Sie nicht, Sie wahrlich nicht, und gerade so denk' auch ich. Von klein auf zu diesem Beruf herangebildet, hab' ich mit der Muttermilch schon die Lust an solchem Leben eingesogen, und wem das nun einmal im Blute liegt, glauben Sie nicht, daß der sich einer geregelten -- einer festgeschnürten Existenz möcht' ich es nennen, einem Gang in der Tretmühle des menschlichen Lebens je wieder fügen könne. Zugvögel, die wir sind, müssen wir auch die Freiheit des Zugvogels behalten, wenn wir nicht verkümmern, nicht untergehen sollen.«
»Und denkt Ihr Gatte ebenso?«
»Gewiß -- er wäre sonst nicht der, der er ist: Bertrand, der kühnste aller Reiter und -- mein Mann. Aber ich plaudere und plaudere und denke nicht daran, daß es _Sie_ wenig kümmern wird, welche Gesinnungen über ihr Leben eine _Kunstreiterin_ hegt. Von _Ihren_ Sphären sind wir freilich ausgeschlossen, und doch, -- wer weiß, ob nicht so wackere Herzen oft unter dem bunten Tand, mit dem wir uns behängen müssen, wie unter Stern und Ordensbändern schlagen! Doch mein Geschwätz ermüdet Sie; nehmen Sie wieder Platz, Herr Graf, und -- wenn Sie es wünschen und etwas Besonderes mit Monsieur Bertrand zu bereden haben, will ich ihn rufen lassen. Der Zirkus ist nur wenige Schritte von hier entfernt.«
»Ich danke Ihnen, Madame,« unterbrach sie der Rittmeister. »Meine Zeit ist überdies heute beschränkt, wie die seine wahrscheinlich. Morgen früh wird ihm eher Raum bleiben, mir eine halbe Stunde zu gönnen. Meine Wohnung finden Sie auf der Karte angegeben. Ich darf Sie bitten, ihm meinen Wunsch mitzuteilen?«
»Ihr Auftrag soll pünktlich vollzogen werden,« sagte die Frau, und der Rittmeister, indem er sich dankend verbeugte, grüßte sie achtungsvoll und verließ das Zimmer.
Georgine blieb, die Unterlippe mit den kleinen, weißen Zähnen gefaßt, wohl mehrere Minuten in derselben Stellung am Fenster. Sie hielt die Karte, die er ihr gegeben, noch in der Hand, und ihre Augen hafteten darauf.
»Kalt wie Eis,« murmelte sie dann mit einem spöttischen und doch auch wieder verdrießlichen Lächeln vor sich hin, »aber -- was er nur von Georg will, denn die Aehnlichkeit war leere Ausrede -- Graf Wolf von Geyerstein, Rittmeister -- hier -- und Adjutant des Fürsten? -- Sollte der Fürst -- vielleicht wegen des Turmseiles? aber, bah! was hat der mit dem _Kunstreiter_ zu schaffen, daß er einen seiner _Adjutanten_ zu ihm schicken würde? Auch war der Herr Rittmeister nicht in Uniform, sondern in Zivil; er hat sich vielleicht geschämt, in Uniform bei _uns_ gesehen zu werden. Aber er wollte Georg sprechen, nicht mich. -- Doch, was zerbreche ich mir den Kopf?« rief sie plötzlich, die Karte neben sich auf den Tisch werfend. »Ob Herr Graf Wolf von Geyerstein Ursache hat den _Kunstreiter_ Bertrand aufzusuchen oder nicht -- was kümmert's mich! Georg mag das selber untersuchen. Die ganze Sache läuft doch nur zuletzt auf einen _Pferdekauf_ hinaus.«
»Ist er fort?« sagte in diesem Augenblicke der Alte, der seinen Kopf wieder zur Türe hereinsteckte.
»Wie du siehst, ja,« erwiderte gleichgültig die Frau, »dort unten geht er eben über die Straße.«
»War gerade _noch_ so ein Musjö da, der dich sprechen wollte.«
»So? -- Wer?«
»Der geschniegelte und geleckte Bengel mit dem Schnurbart wie ein Malerpinsel. Silbermann oder Silberfranz -- was weiß ich's, wie er heißt! Ich habe ihn gleich an der Treppe abgefertigt.«
»Das war recht -- ich mag den faden Menschen überhaupt nicht leiden.«
»Und wer war _der_?«
»Ein Graf.«
»Und wollte?«
»Georg sprechen.«
»_Nur_ Georg?«
»_Nur_ Georg.«
»Pferdehändler!« brummte der Alte und schleppte seine Jacke wieder zum Fenster, an dem er den alten Platz einnahm, um mürrisch und finster wie vorher an dem scheckigen, schmutzigen Kleidungsstück weiter zu nähen. Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt, die jedes mit den eigenen Gedanken vollständig beschäftigt schienen. Da schallten Schritte vom Vorsaale herein.
»Georg,« sagte die Frau aufhorchend.
»Wird mich wieder zur Probe haben wollen,« knurrte der Alte, »aber verdammt will ich sein, wenn ich jetzt hinübergehe. Heute die Rackerei zweimal ist vollständig genug.«
Die Türe ging auf, und Monsieur Bertrand betrat in der Tat das Zimmer, ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten. Selbst ohne Gruß kam er herein, warf seinen Hut auf einen Stuhl und schritt dann eine Weile, die Arme fest ineinander geschlagen, in dem kleinen Raume auf und ab. Der Alte warf einen forschenden Blick nach ihm hin, nahm aber weiter keine Notiz von ihm, und nur Georgine sagte endlich: »Ist etwas vorgefallen, daß du so verdrießlich bist?«
»Vorgefallen? -- nein,« erwiderte der Mann, ohne seinen Spaziergang zu unterbrechen.
»Ist die Erlaubnis zu deinem Turmseil noch nicht gekommen?«
»Nein.«
»Und wär' auch kein Schade, wenn sie ganz ausbliebe!« brummte der Alte. »Mit dem verwünschten Seiltanzen nimmt es noch einmal ein böses Ende. Und wenn Ihr's noch nötig hättet! Aber die Reiterei ist weit ehrenvoller und bringt hundertmal mehr Geld ein, als der halsbrechende Lauf.«
»Aber er macht Aufsehen!« rief Georgine rasch. »Wenn sich die Kunde verbreitet, daß Georg gewagt hat, was vor ihm noch keiner wagte, strömt das Volk von nah und fern herzu, um ihn zu sehen.«
»Sie denken gar nicht daran,« sagte der Alte finster, »und _du_ solltest gerade die letzte sein, die dem Tollkopf auch noch zuredete, sein Leben an solch einen Quark zu wagen. Was wird aus _dir_, aus uns allen, wenn er den Hals bricht oder selbst nur zum Krüppel stürzt?«
»Und geht er nicht so sicher auf dem Seil, wie hier auf ebenem Boden?« rief die Frau.
»Papperlapapp! _mir_ mußt du so etwas nicht sagen,« meinte aber kopfschüttelnd der Hanswurst. »Mein Bruder, der lange Franz, mit dem ich meine tollsten Jahre verlebt, war ein so tüchtiger Seiltänzer wie nur einer, und wie er zuletzt glaubte, er könnt's ganz allein, und höher und immer höher stieg, passierte ihm doch einmal etwas Menschliches. Ob er den Krampf bekam, ob er schwindelig wurde -- er hat's keinem Menschen mehr erzählt, aber ich seh' ihn noch vor mir, wie er da oben haushoch über die staunende Menschenmenge hinlief, daß wir unten, gegen den grauen Himmel hin, nicht einmal mehr das Seil erkennen konnten -- ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf einmal schwankte, wie ihm die Stange aus der Hand fiel, und _ein_ Schrei von den Tausenden -- _ein_ furchtbarer Schrei zu ihm hinaufgellte -- dann kam ein dumpfer Schlag -- und als ich wieder scheu den Kopf hob, lag ein häßlicher, blutiger Klumpen vor mir -- der lange Franz. -- Seit dem Tage hab' ich kein Seil wieder betreten.«
Bertrand war vor dem Alten stehen geblieben, aber sein Blick schweifte über ihn hin nach seinem Weibe, das halb abgewandt von ihm, die rechte Hand auf das Fensterbrett gestützt, den Kopf unwillig langsam hin- und herwiegend, am Fenster lehnte.
»Du hättest etwas Gescheiteres tun können,« sagte sie jetzt, während der Vater, in der Erinnerung noch zusammenschaudernd, schwieg, »als ihm gerade heute _die_ Geschichte zu erzählen. Daß etwas derartiges passieren _kann_, weiß ich auch, aber eben die Möglichkeit desselben übt den Reiz auf die Zuschauer, gründet den Ruf des kühnen Läufers. Wäre keine Gefahr dabei, wer würde sich die Mühe geben, auch nur zuzusehen?«
»Du hast gut reden,« sagte der Alte finster.
»Und glaubst du, _ich_ fürchte die Gefahr?« rief rasch und heftig die Frau, »glaubst du, ich rede ihm zu, wenn ich sie nicht teilen wollte? -- Ich werde ihn begleiten.«
»Du? -- auf dem Turmseil?« lachte kopfschüttelnd ihr Vater. »Du bist nicht gescheit!«
»Das geht nicht, Georgine,« sagte Bertrand. »Wenn ich mich selber auch sicher genug da draußen weiß, um nicht das Schicksal des langen Franz zu befürchten, möchte ich doch nicht die Angst für dich mit hinausnehmen. Außerdem weißt du selber, daß es viel schwerer ist, zu zweien, als allein das Seil zu begehen.«
»Bah! wir sind so oft zu zweien darauf gewesen.«
»Allerdings, doch nicht in _solcher_ Höhe.«
»Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhöhe? Ein Sturz wäre von der einen genau so verderblich wie von der andern.«
»Gewiß! aber du selber hast ein Seil in _solcher_ Höhe noch nie betreten; du weißt nicht, wie es dich erregen würde -- doch wir streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Fürsten gerichtetes Gesuch einen anderen Erfolg haben wird, weiß ich noch nicht.«
»Ein Adjutant des Fürsten war heute morgen hier,« sagte Georgine, »ich zweifle aber, ob in _der_ Angelegenheit. Jedenfalls wollte er _dich_ sprechen.«
»Ein Adjutant des Fürsten?« rief Bertrand rasch -- »und weshalb hast du mich da nicht rufen lassen?«
»Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn morgen früh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.«
»Sonderbar!« sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah hinaus, und der Alte nähte den letzten abgerissenen großen weißen und ballähnlichen Knopf an seine Jacke.
»Nun?« sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem sie sich nach ihm umdrehte. »Kennst du den Herrn?« Bertrand antwortete nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinüber zu ihm und sah über seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak über die plötzliche Blässe seiner Züge.
»Was fehlt dir, Georg?« rief sie. »Du siehst kreideweiß aus. Was _ist_ mit dem Fremden?«
»Kreideweiß?« lächelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mußte, wenn er auch sonst seine ganze Fassung und Ruhe behielt. -- »Du träumst. Aber wer brachte diese Karte?«
»Der, dessen Namen sie trägt.«
»Wolf von Geyerstein,« flüsterte Bertrand halblaut vor sich hin, aber es war, als ob er die Worte mehr zu sich selber spräche, als sie für ein anderes Ohr bestimmte.
»Du kennst ihn?« fragte die Frau, und ihre Augen hingen erwartend an denen des Gatten.
»Ich kenne den Namen,« sagte dieser ruhig, »kannte wenigstens _einen_, der ihn trug -- aber das ist lange Jahre her und war auch an einem andern Orte -- weit von hier.«
»Und der hieß _Wolf_ von Geyerstein?«
»Nein -- _sein_ Vorname ist mir jetzt entfallen; aber _der_ lebt auch nicht mehr.«
»Ein Verwandter denn -- ein Bruder vielleicht?«
»Möglich,« sagte Bertrand gleichgültig, »aber wir werden ja sehen. Also morgen?«
»Morgen früh zwischen acht und zehn. -- Du glaubst also nicht, daß es auf deine Eingabe Bezug haben könnte?«
»Und warum nicht? -- was sonst hätte _ich_ mit einem Adjutanten des Fürsten zu tun und zu verkehren? -- Aber mach' dich fertig; die Zeit vergeht, und es muß drei Uhr vorbei sein. Die Leute drängten sich schon zur dritten Galerie, als ich vorüberkam.«
»Heute gibt's eine gute Einnahme,« sagte der Alte, der seinen Plunder aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, »wo zum Teufel ist jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl gelegt.«
Georgine verließ das Zimmer, um noch einiges für ihre Garderobe zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau zurückkommen hörte, davon losriß und seinen Hut ergriff. Es war in der Tat Zeit für den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick vollkommen in Anspruch.
4.
Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber, als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen. Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein, um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.
Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden, schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief. Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der mit seiner Tochter Melanie im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden, lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er seinen Weg heimwärts suchte.
Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht, der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette machen konnte, war _die_ Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort. Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß. Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln gewöhnlich verlaufen.
Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber stürzten, _das_ zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten, welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flügeltüren postierten Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht an -- aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem hier sein Platz bezeichnet -- nicht nach geselliger Wahl, sondern nach strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. -- Und Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt, lebendiger werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig widerstanden.
Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinüber sandte!
Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden nieder und zerbrach in tausend Scherben -- der Haushofmeister wurde totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie vernichtet -- aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf. Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen -- sonst hatte niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.