Part 2
Ein paar junge Kavallerieoffiziere fingen an zu applaudieren, und das Einstimmen des Publikums war eine Huldigung, die man der lieblichen Erscheinung brachte. Madame Bertrand zeigte sich auch dankbar dafür. Ihre Bahn dahinfliegend, hatte sie fast für jeden ein Lächeln, wenn auch ein noch so flüchtiges, für jeden einen freundlichen Blick, eine halbversteckte Kußhand, mit der sie die Herzen gleichsam sichelförmig abschnitt oder mähte -- denn _zwei_ genügten für das ganze Publikum. Und wie sie dahinflog, siegesgewiß -- siegesgewohnt! Das hochgeschürzte leichte Kleid im Winde flatternd, die Locken von dem Luftzug gelöst, mit den zarten Fußspitzen den Sattel kaum berührend, glaubte man wirklich, sie habe Flügel, und wäre kaum noch erstaunt gewesen, das Pferd unter ihr davoneilen und sie ihren Rundzug ohne dasselbe fortsetzen zu sehen.
»Eine reizende Erscheinung!« flüsterte Melanie ihrem Nachbar zu, während Madame Bertrand ihr schnaubendes Tier am Eingange plötzlich parierte, daß es auf den Hinterbeinen herumflog und Front gegen die Mitte machte; »wenn sie nur _etwas_ weniger keck und zuversichtlich auftreten wollte!«
Ihr Nachbar antwortete ihr nur durch ein langsames, kaum bewußtes Kopfnicken, und als sie ihr Auge zu ihm hob, sah sie, daß sein Blick fest und fast stier auf der Stelle haftete, an der die schöne Reiterin hielt. Ihre eigene Aufmerksamkeit wurde aber in dem Moment von ihm abgelenkt.
»Monsieur Bertrand! Monsieur Bertrand!« ging der flüsternde Ruf durch die Reihen der Zuschauer, und als Melanie den Kopf dorthin wandte, sah sie, wie an Georginens Seite, in phantastischer, aber höchst geschmackvoll gewählter Tracht, der Reiter auf milchweißem arabischen Hengste hielt. Doch auch Graf Geyerstein bog sich jetzt zu ihr nieder und erwiderte auf die frühere Bemerkung seiner Nachbarin vollkommen ruhig: »Sie dürfen bei solchen Damen nicht sittsame Schüchternheit erwarten, Komtesse. Schon das Reiten selber bedingt eine gewisse Zuversicht, die Reiter oder Reiterin haben _muß_, um das Tier in der Gewalt zu halten. Wie viel mehr also hier, wo der Ritt für die Oeffentlichkeit bestimmt ist und die Frau nur zu leicht jede zarte Weiblichkeit abschüttelt!«
»Sie mögen recht haben,« sagte Melanie nach kurzem Zögern. »Aber gerade das Außergewöhnliche hat ja auch uns hierher geführt. Wir wollen die Pferde und Menschen bewundern -- uns wenigstens an ihnen ergötzen. Was kümmert uns das Uebrige!« Der junge Offizier sah die schöne Gräfin etwas erstaunt über diese Bemerkung an; Melanies Aufmerksamkeit schien aber wieder vollständig auf das Paar gerichtet, das jetzt mit außerordentlicher Geschicklichkeit und wirklich vieler Grazie en Pas de deux mit den Pferden tanzte. Gleich darauf, und inmitten desselben, sprengten die beiden Kinder wieder herein -- der Knabe jetzt genau so gekleidet wie Monsieur Bertrand -- indem sie das Pas de deux in ein Pas de quatre verwandelten. Die Pferde führten dasselbe auch vortrefflich durch, und der rauschende Beifall galt diesmal besonders der Geschicklichkeit und Ausdauer des Mannes, der die Dressur der edlen Tiere zu solcher Vollkommenheit gebracht. Nach dem Tanze hielten die beiden Paare wieder ihren Umritt um die Arena, in einer Art Triumphzug den wohlverdienten Applaus einzuernten, den ihnen diesmal selbst die Damen nicht versagten. Nur Melanie saß still und regungslos, ihren Blick fest auf die Reiterin heftend, deren Auge sie bewachte. Es war ihr nämlich nicht entgangen, daß die Kunstreiterin, wo das nur irgend geschehen konnte, ihren Nachbar, den Grafen Geyerstein, scharf fixierte. Der nach allen Seiten hin grüßende Blick haftete in der Sekunde, in der sie an ihnen vorüberflog, jedesmal fest und forschend auf der edlen Gestalt des Rittmeisters, und als sie die Arena verlassen und durch dröhnenden Applaus zurückgerufen wurde, schien derselbe Blick nur ihm allein zu danken.
Die Szene wechselte jetzt, und der Bajazzo übernahm die Unterhaltung des Publikums aufs neue durch halsbrechende Kunststücke und Gliederverrenkungen. Aber das Publikum wollte sich amüsieren; die übersättigten Bewohner der Residenz verlangten einen neuen Reiz für ihre abgespannten Nerven -- und diese atemlose Angst um ein Stück wertlosen Menschenlebens gewährte ihn. Ein Mulatte beschloß die erste Abteilung durch groteske Sprünge und gymnastische Uebungen, die er mit seinem Pferde ausführte. Wie eine Schlange wand und schnellte er sich im vollen Rennen seines Tieres darüber hin. All die verschiedenen und schwierigsten Piecen führte er aber mit solcher Leichtigkeit aus, und war dabei in jeder seiner noch so gewagten Bewegungen so sicher, daß sich das Publikum unmöglich für ihn interessieren konnte. Es sah eben keine Gefahr dabei und die Szene vorher hatte es verwöhnt.
Eine kurze Pause folgte jetzt, in der selbst die ebenso unermüdlichen wie erbarmungslosen Musiker ihre gequälten Instrumente für eine Viertelstunde ruhen ließen. Das Trommelfell der ihnen zunächst sitzenden Zuschauer vibrierte aber eine ganze Weile fort, als ob sich die aufgewühlten Schallwellen des hohen Raumes noch nicht beruhigt hätten. Die Trompeter gossen dabei ihre Instrumente aus und ließen ihre Bierkrüge füllen, wechselten die Notenblätter, um eine andere _Nummer_ aufzulegen, und nahmen dann ihre Sitze wieder ein, beim ersten gegebenen Zeichen mit schmetterndem Tusch und lustiger Fanfare bereit zu sein.
Ein Teil des Publikums, besonders alle solche, die den Ausgang leicht erreichen konnten, ohne die hinter ihnen sitzenden Damen zu sehr zu inkommodieren, strömte hinaus an das Büffet und fand dort nicht allein Erfrischungen in Masse, sondern auch -- Buketts, Kränze und Zuckertüten, für die der vortrefflich spekulierende Restaurateur Sorge getragen. Die Blumen für die Damen, das Zuckerwerk für die Kinder! Die jungen Kavaliere kauften in Masse, und das Büfett machte ausgezeichnete Geschäfte. Unter den zurückgebliebenen Zuschauern entspann sich indessen eine lebhafte Unterhaltung über das Gesehene, und besonders schien Monsieur Bertrand auf die Damen einen für ihn nur schmeichelhaften Eindruck hervorgebracht zu haben. Die jüngeren besonders -- vielleicht weniger zurückhaltend als die älteren -- schwärmten für ihn, und Komtesse Rosalie erklärte, daß sie kaum die Zeit erwarten könne, in der er wieder erscheinen würde.
»Und was halten _Sie_ von Monsieur Bertrand, Herr Rittmeister?« wandte sich da Melanie an ihren auffallend schweigsamen Nachbar. »Als so vortrefflicher Reiter werden auch Sie ihm Ihren Beifall kaum versagen können.«
»Allerdings nicht, Komtesse,« erwiderte der junge Mann, »es ist eine edle, männliche Gestalt und -- er reitet untadelhaft.«
»Wie ernst er aber aussieht und was für dunkle, seelenvolle Augen er hat! Ich kann mir kaum denken, daß er wirklich zum Kunstreiter -- und noch schlimmer -- zum Seiltänzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung würde er _jeden_ Platz in der menschlichen Gesellschaft ehrenvoll ausfüllen.«
»Ich glaube auch,« sagte der Rittmeister leise, fast wie mit sich selber redend. »Wer weiß, welche unglücklichen Verhältnisse ihn gerade in diese Bahn getrieben!«
»Und doch fühlt er sich vielleicht vollkommen glücklich darin,« warf Melanie ein. »Wir dürfen andere nicht immer nach uns selber beurteilen. Eine andere Erziehung gibt dem Menschen doch auch sicher andere Ansichten über das Leben, und jeder hält die seinigen gewiß immer für die richtigen.«
»Sein _Ernst_ widerspricht dem,« entgegnete Graf Geyerstein. »Eher glaub' ich, daß sich die Dame glücklich in ihrem Berufe oder -- ihrer _Kunst_ fühlt -- wenn wir es so nennen wollen.«
»Es ist seine Frau?« sagte Melanie, leicht hingeworfen.
»Ich glaube wohl -- ich weiß es nicht,« erwiderte der Graf. »Sie trägt, dem Zettel nach, wenigstens seinen Namen.«
»Vielleicht seine Schwester.«
»Der Zettel sagt _Madame_ Bertrand.«
»Die Kleine kann aber kaum ihre Tochter sein; die Frau sieht dafür zu jugendlich aus. Wo sind _Sie_ früher schon mit ihnen zusammengetroffen?«
»Ich?« fragte der Rittmeister, »so viel ich mich besinnen kann, habe ich die Gesellschaft heute zum ersten Male gesehen.«
»Sagten Sie mir nicht heute morgen, daß es eine alte Bekanntschaft sei?« fragte die Komtesse, und ihr Blick haftete dabei forschend auf den Zügen ihres Nachbars.
»Ich wüßte nicht, Komtesse,« erwiderte der Graf. »So viel ich mich entsinne, sprach ich von einer _Aehnlichkeit_, und das begegnet uns ja oft im Leben, daß uns die Züge eines sonst vollkommen fremden Menschen irgend eine Erinnerung aus früheren Zeiten wecken, so wenig er selber auch mit ihnen im Zusammenhange steht. Ist Ihnen das noch nie vorgekommen?«
»Mir? -- ja, o ja. Ich habe mich dann geirrt. Ich glaubte, Sie sprächen von einer alten Bekanntschaft. Aber die Vorstellung beginnt wieder. Jene schrecklichen Menschen da oben in den alten, uniformierten Jacken nehmen ihre Marterinstrumente wieder zur Hand. Mir wirbelt der Kopf schon ordentlich von dem furchtbaren Lärm. Ob man _uns_ damit einen Genuß bereiten will?«
»Täuschen Sie sich darüber nicht, Komtesse,« lächelte der Rittmeister. »Was jene Leute _Musik_ nennen, ist meist nur ein für die _Pferde_ bestimmter, taktmäßiger Lärm, den sie vollführen. Schwiegen sie still, so würden auch die Tiere ihre Kunststücke nicht ausführen, zu denen sie den geräuschvollen Takt notwendig brauchen. Daß die Zuschauer gewöhnlich glauben, die Musik würde ihretwegen gemacht, ist ihre eigene Schuld.«
»Dann werde ich mich künftig nicht mehr darüber beklagen,« lächelte Melanie. »Aber da beginnen sie wirklich ihre Pferdemusik schon von neuem, und jener gräßliche Gliederverrenker scheint seine Künste ebenfalls wieder produzieren zu wollen. Sehen Sie nur, Herr Graf, was dieser Bajazzo für ein fataler Mensch ist. Ein frecheres, widerlicheres Gesicht ist mir im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. -- Ob _der_ Mann auch Familie hat?«
»Und warum nicht?« erwiderte der Rittmeister. »In _seinen_ Kreisen glänzt er vielleicht sogar.«
»Und glauben Sie wirklich, daß sich ein Mädchen in solch ein -- Geschöpf verlieben kann?«
»Komtesse,« sagte achselzuckend der Rittmeister, »in _jenen_ Kreisen kommt es oft auf Liebenswürdigkeit oder _ehrenvolles_ Brot nicht an. Sobald der Mann nur eben sein Brot _hat_ -- sobald er imstande ist, eine Frau vor Mangel zu schützen -- denn mehr verlangen solche Leute selten -- sobald hat er auch Anspruch darauf, als gute Partie betrachtet zu werden -- betrachtet er sich doch selber dafür. In welcher _Achtung_ er bei seinen Nachbarn oder gar den höheren Schichten der Gesellschaft steht, was liegt ihm daran! Solange das Publikum, dem er seine Späße vormacht, darüber lacht, solange ihn sein Brotherr dafür bezahlt, solange er ein Mann ist, der seinen Platz in der menschlichen Gesellschaft, gleichviel, wie -- ausfüllt: so lange hat er eben sein Brot. Hört das einmal auf, bricht er einen Arm oder ein Bein oder wird er sonst zum Krüppel, vielleicht gar krank -- dann ist er eben verloren. Dann macht er Kollekten oder schickt die Frau betteln -- aber das alles liegt für ihn noch in der Zukunft -- liegt weiter als der nächste Tag, und was sollte er sich jetzt schon deshalb Sorge machen?«
»Ein fürchterliches Leben!« sagte die Komtesse, zusammenschaudernd, »und doch klingt es, als ob es wahr sein könnte. Wo haben _Sie_ nur einen so tiefen Blick in diesen Abgrund des Elends getan, Graf?«
»Guter Gott,« sagte der Rittmeister, »ein Soldat verkehrt mit allerlei Ständen, und ohne daß wir es wollen oder suchen, wendet uns oft das Leben auch seine dunkeln Seiten zu.«
Wüstes Geschrei und Jauchzen unterbrach ihr Gespräch, denn Bajazzo hatte die zweite Abteilung auf einem Esel eröffnet, mit dem er in die Arena sprengte. Auf dem Rücken des Tieres suchte er Monsieur Bertrand nachzuahmen, und die Galerie war glücklich darüber. Ihm folgten die beiden Kinder wieder, denen man die erst angekauften Zuckertüten zur Belohnung zuwarf, und als Bajazzo ein paar davon entwenden wollte und von dem Stallmeister dabei erwischt und daran verhindert wurde, kannte der Jubel des Publikums keine Grenzen mehr.
Dem Kinderritt folgte ein imposanteres Schauspiel: ein Turnier, in einer Art von Pantomime, in der sich zwei Ritter um den Besitz der schönen Georgine stritten. Monsieur Bertrand war einer von diesen, und in voller Rüstung, mit geschlossenem Visier und eingelegter Lanze, warf er in wirklich prachtvollem Rennen seinen Gegner in den Sand. Dann, mit abgeworfenem Helm, hielt er an der Seite der erbeuteten Schönen seinen Siegesritt um die Arena, und die Buketts flogen jetzt von allen Seiten dem lieblichen Ritterfräulein zu. Eins der Buketts hatte die schöne und kecke Reiterin selber vom Boden aufgehoben, und es hoch in der Hand haltend, schwang sie sich damit unter dem Beifallsjauchzen der Menge wieder auf ihr Pferd, während dieses, bei dem Schmettern der Trompeten, in wilder Flucht die Arena umschnaubte. Der Ritter konnte sich kaum an ihrer Seite halten, und immer wilder, immer toller hieb er auf das schäumende Tier ein, es noch zu stärkerem, rasenderem Laufe anzutreiben. Wieder kam es Melanie da vor, als ob ihr Blick, so oft die tolle Jagd an ihnen vorüberbrauste, den Nachbar suche und finde. Grüßend neigte sie sich gegen ihn und jetzt -- als sie ihren Zelter mitten in vollster Flucht herumriß, die Arena, dem Ausgange zu, quer zu durchfliegen, warf sie die linke Hand, in der sie die Blumen hielt, empor, und der Strauß -- ob absichtlich oder zufällig nach dieser Richtung getrieben -- fiel im nächsten Augenblicke zu den Füßen des jungen Grafen nieder. Fast in demselben Moment war auch die Schöne, über die Bahn hinweg, verschwunden, und Melanie sah zu dem Rittmeister empor, dessen Antlitz Totenblässe bedeckte.
»Wollen Sie den Strauß nicht aufheben?« sagte sie mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme.
Der Rittmeister bückte sich, aber er tat es wie in einem Traume, und die Blumen aufgreifend, hielt er sie fast bewußtlos seiner Nachbarin hin.
»Sie befehlen, Komtesse?«
»Ich danke Ihnen, Herr Graf!« erwiderte jedoch die junge Dame mit so auffallender Kälte im Tone, daß Graf Geyerstein erstaunt sie ansah. »Die Blumen sind ohne Zweifel dorthin gelangt, wohin sie bestimmt waren, und ich möchte Sie derselben nicht berauben -- würde ich überhaupt etwas annehmen, was einer -- Kunstreiterin zugeworfen ist.«
»Komtesse?«
»Sie haben jetzt Gelegenheit, Ihr Bukett wieder zu verwerten,« sagte das schöne und, wie es schien, beleidigte Mädchen. In der Tat erschien Georgine in diesem Augenblick wieder auf den donnernden Hervorruf der Menge, während ihr aufs neue von allen Seiten Blumen entgegenflogen. Graf Geyerstein war aber durch die Worte Melanies so überrascht worden, daß er das Bukett unschlüssig in der Hand behielt, bis die schöne Reiterin die Arena verlassen hatte.
Wieder sprang jetzt der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Künsten in die Arena, nachdem die Bahn vorher von den hineingeworfenen Blumen gesäubert worden, und zwei andere junge Damen, Mademoiselle Amelie und Leontine, waren ebenfalls noch in dem Programm angeführt. Komtesse Melanie hatte durch den Lärm der Trompeten Kopfschmerzen bekommen, und obgleich sich die jüngere Schwester dem nur ungern fügte, bat doch die Mutter den Grafen, ihren Wagen vorfahren zu lassen. Zehn Minuten später verließ die Familie des Kriegsministers von Ralphen, vom Grafen Geyerstein natürlich begleitet, den Zirkus, um nach Hause zurückzukehren.
3.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Reges, bewegtes Leben herrschte in der Residenz, wo einesteils die gerade abgehaltene Messe eine Menge von Landleuten und Fremden in die Stadt gelockt hatte, während zugleich, zur Geburtstagsfeier des Fürsten, große Parade abgehalten wurde. Equipage um Equipage fuhr langsam durch das Gedränge der Straßen, dem Landesherrn zu diesem Tage die Glückwünsche des Hofes und der Beamten, ja des ganzen Volkes zu bringen. Der Rittmeister von Geyerstein sah sich den Morgen über durch seinen Dienst teils auf der Parade, teils bei Hofe gefesselt und kam erst gegen zwei Uhr nach Hause, während er um fünf schon wieder zur Tafel befohlen worden. Zum nicht geringen Erstaunen seines Burschen kleidete er sich aber, so wie er zurückkehrte, um und in Zivil, und während dieser, immer dabei mit dem Kopfe schüttelnd, die verschiedenen nötigen Gegenstände herbeibrachte, sagte sein Herr: »Hast du mir die Wohnung gefunden, wie ich dir aufgetragen, Karl?«
»Zu Befehl, Herr Rittmeister -- die von dem Seiltänzer, meinen Sie doch?«
»Von Monsieur Bertrand.«
»Sehr wohl. Rosenstraße Nummer 47, zweiter Stock, erste Türe rechts.«
»Rosenstraße? -- wo ist die Rosenstraße? die kenne ich gar nicht.«
»Gleich am Landgrafenplatz, zu Befehl, die kleine Gasse, die hinter der Bude hineinläuft. Nummer 47 ist das rechte Eckhaus, aber der Eingang in der Gasse drin. Das Haus selber heißt auch die Rose und war früher ein Hospital, ist aber jetzt ein Wirtshaus, und die Kunstreiter kehren gewöhnlich dort ein, weil ihnen die Ställe unten bequem liegen und der Mann, dem das Haus gehört, auch Futter und Streu zu verkaufen hat.«
»Es ist gut, du -- kannst mir eine Droschke holen.«
»Herr Rittmeister halten zu Gnaden, um fünf Uhr Tafel.«
»Ich weiß es -- bis dahin bin ich wieder zurück. Du gehst mir indessen nicht fort und hältst alles bereit.«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister!«
Wenige Minuten später rasselte die Droschke über das Pflaster und hielt vor der Türe.
»Wohin?« fragte der Kutscher.
»Landgrafenplatz!« und fort klapperte das Fuhrwerk, der bezeichneten Richtung zu.
Am Landgrafenplatz angekommen, schaute der Kutscher in das vordere Fenster hinein, zu erfahren, ob er sich rechts oder links halten müsse. Eine Handbewegung des Fahrenden wies ihn zurecht, und in der Nähe der kleinen Straße angekommen, stieg der Rittmeister aus. Er wollte nicht vor dem Hause mit dem Wagen halten. Den bezeichneten Platz fand er ohne alle Schwierigkeit. Die Beschreibung des Burschen war genau gewesen, und er betrat gleich darauf einen dunkeln, schmutzigen Hausflur, in dem sich nur ein paar Pferdeknechte herumtrieben und mit dem hindurchgehenden Hausmädchen schäkerten. Einige Schwierigkeit hatte es, die Treppe in den zahlreichen Einschnitten des alten Gebäudes zu finden, die zu ebenso vielen Keller- oder Stubentüren, bald mit Stufen abwärts, bald aufwärts, führten. Endlich fand er aber die schmale, hölzerne Stiege, der er, ohne weiter jemandem zu begegnen, bis in die zweite Etage folgte. Die ihm von seinem Burschen bezeichnete erste Türe rechts trug eine daran geheftete Visitenkarte, und als er näher trat, las er die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenen Worte: »George Bertrand.«
»Georg,« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und zögernd, unschlüssig hob sich seine Hand nach dem Drücker. Sollte er anklopfen? -- aber die Zeit verging, und im nächsten Augenblicke tönte ihm schon ein lautes »Herein!« aus dem Zimmer entgegen.
Ohne sich länger zu besinnen, öffnete er die Türe und überraschte hier eine Dame, die _sehr_ ungeniert und in tiefstem Negligé auf dem Sofa lag, auch nur langsam den Kopf nach dem Eintretenden umdrehte. Kaum aber erkannte sie, daß es ein Fremder sei, als sie auch blitzschnell aufsprang und wie ein Schatten durch die dicht daneben befindliche Türe huschte. Verlegen, hier so gestört zu haben, sah sich der Rittmeister im Zimmer um und entdeckte jetzt erst in der anderen Ecke, dicht am Fenster, noch eine andere Persönlichkeit, einen älteren Mann, der ihn mit eben nicht freundlichem Blick und etwas vorgebogenem Kopfe über eine Klemmbrille hinüber betrachtete.
»Suchen Sie jemanden?« fragte er dabei mit heiserer Stimme.
»Herrn Bertrand. Ist er zu Hause?«
»Nein.«
»Wann kann ich ihn treffen?«
»Weiß ich nicht. Was wollen Sie?«
»Ich möchte ihn sprechen.«
»Müssen Sie morgen wiederkommen -- heute hat er keine Zeit,« brummte der Alte, der, wie der Rittmeister jetzt erst sah, mit einer kurzen Pfeife im Munde, eine Hanswurstjacke auf den Knieen liegen hatte und beschäftigt schien, sie mit Nadel und Zwirn auszubessern.
»Ich bitte den Herrn, ein klein wenig zu warten -- ich komme den Augenblick,« rief da die Stimme der Dame aus dem Nebenzimmer, und der Alte, als ob damit die Sache für ihn erledigt sei, schob sich seine Brille zurecht und nahm seine Arbeit wieder auf. Der Fremde mochte sich indessen selber die Zeit vertreiben.
Dem Rittmeister war es nicht wohl in dieser Umgebung und er überlegte schon, ob er nicht lieber Monsieur Bertrand zu sich bestellen solle. Er hatte gehofft, ihn allein zu finden, denn bei dem, was er mit ihm zu sprechen wünschte, brauchte und wollte er keinen Zeugen. Aber er mochte nicht unartig gegen die Dame sein; jedenfalls erhielt er von ihr auch bessere Auskunft, als der mürrische Alte, in dem er jetzt den Hanswurst von gestern abend zu erkennen glaubte, geben mochte. -- Ganz recht -- er hatte sich nicht getäuscht. An der linken Seite des eben nicht zu sorgfältig gewaschenen Gesichts ließ sich noch ein schmaler Streifen der weißen Farbe erkennen, mit der er gestern bemalt gewesen. Aber wie anders sah der sauertöpfische Gesell heute aus gegen gestern, wie er da, zusammengekauert, ein Bein über das andere geschlagen, mit hohlen, tief liegenden Augen und runzeligen Wangen, das stark mit Grau gemischte Haar wirr und ungekämmt um den Kopf hängend, vor ihm saß und seine Narrenjacke flickte! Doch in der ganzen Stube sah es ebenso wild und ungeordnet aus. Auf dem Sofa lagen eine Menge getragener Kleidungsstücke, die jedenfalls der Dame gehörten -- Unterkleider und Trikots, _ohne_ den Glanz, den ihnen die abendliche Beleuchtung verliehen; über einen Stuhl daneben war ein prachtvoller Waffenrock von kirschfarbenem Samt geworfen. Darunter stand ungeputztes Schuhwerk, und Schmuck und Tand, mit Schminknäpfchen, Pinseln, Farben und allen möglichen anderen Utensilien, das Publikum zu täuschen, deckten den Tisch und die benachbarte Kommode. Das Zimmer war auch noch nicht ausgekehrt, eine Decke mit einem schon mehrfach gebrauchten Kopfkissen nahm einen der Stühle ein -- es sah fast aus, als ob jemand die Nacht auf dem Sofa gelegen hätte, und der Tabaksqualm aus der Pfeife des Alten hatte den Schlafdunst noch nicht bewältigen können.
Dem Rittmeister benahm es bald den Atem, und draußen lag der helle Sonnenschein so warm auf den Fensterscheiben. Er hätte Gott weiß was darum gegeben, ein Fenster aufreißen zu dürfen. Da öffnete sich die Kammertüre wieder, durch welche die Dame vorhin geflüchtet war, und Madame Bertrand -- nicht so bezaubernd wie sie gestern abend wohl dem Publikum erschienen, aber noch immer ein bildschönes Weib -- trat auf die Schwelle.
»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten,« sagte sie, während ihr Blick im Zimmer umherschweifte und sie rasch die jedenfalls ihr gehörigen und zunächst liegenden Kleidungsstücke aufraffte und hinter sich in die Kammer warf -- »Sie finden uns aber noch so in Unordnung...«
»Madame,« unterbrach sie der Rittmeister höflich, »wenn jemand hier um Entschuldigung zu bitten hat, so bin ich es, der ich unangemeldet bei Ihnen eintrat und Sie unberufen störte.«
Madame Bertrand hatte indessen zu ihm aufgesehen, und ein eigenes Lächeln belebte plötzlich ihre Züge.