Der Kriegsfreiwillige

Part 9

Chapter 94,025 wordsPublic domain

Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache, heimwehkranke Stimmung gehabt!

Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er hat mit einem Bärenhunger gegessen.

Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes, Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge -- ihr weicher Ernst?

Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere Glockenschläge.

In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den Marktplatz sind die Lichter erloschen.

Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines großen, furchtbaren Krieges gelesen.

Daß es jetzt -- in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.

Der Besuch bei der Großmutter -- die aufgeregte Rückfahrt, die bange, furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt hierher, das Wiedersehen mit ihm -- all das fließt jetzt in ihrem milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen. -- --

Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.

Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz kleine Unsicherheit -- etwas Hilfloses -- so, als ob er gern über eine Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an ihrer Schulter.

„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die Augen, die auszuweichen versuchen.

Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben, und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.

Das frißt an ihm -- das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.

„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“

Aber wie er so neben der Mutter sitzt -- ganz allein mit ihr -- und wie sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich -- man ist eine Nummer. Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte erfährt man -- höchstens, wenn ein großer Sieg ist.

Nein -- nein -- nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.

Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen Reiterstiefeln!

„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf. „Wenn wir erst im Feld sind -- -- hat die Schinderei von selbst ein Ende.“

Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen, haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann -- sie werden mit all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.

Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge wohl, was er zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint plötzlich auf.

„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.

„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“

„Es ist nicht deshalb, Ernst.“

„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und zärtlich, wie er es früher gewesen ist.

„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist, möchte ich in deiner Nähe sein!“

„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach, und das Mitleid steigt in ihm auf.

„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s eine halbe Stunde bis zum Hotel.“

Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.

Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon kennt; vor dem macht er Front -- grüßt noch nach zwei anderen Tischen hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.

Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob. Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.

Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!

Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur ungern gab, folgte?

Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen -- sie hat alles hergeben müssen, was sie besaß.

„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt. Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So selbstbewußt -- -- oder macht das alles nur die Uniform?

Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große, graue Wüste vor ihr liegt.

Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.

„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine bestimmte Antwort zu denken.

Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht, der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.

„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben möchtest, habe ich einen Plan!“

Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.

„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst. Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“

Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.

„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“

Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.

„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel Zeit!“

Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals zurückruft, fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.

Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins Kasernentor ein.

Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit, ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte Wirklichkeit wieder da sein.

In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig angebellt.

„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer vermietet würden.

Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite weibliche Person -- nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.

„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau. „Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn Wohnung?“

„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist drüben in der Kaserne.“

„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“

„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“

Die Tochter ist rot geworden.

„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit. „Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend erscheinen.

„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“

Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete Hausgenossin an.

„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst, wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr! Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches. Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“

Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt. Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht oft bei ihr sein kann.

In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole, die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge nicht weh. Es ist unsäglich behaglich -- es ist treu und gut in diesem Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.

Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt, daß sie auch Mirza gern dulden wird.

Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht vorzubereiten.

Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man fühlt das und ist glücklich und dankbar.

Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen sich den jungen Freiwilligen an.

„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“

Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“

Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.

„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.

„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.

Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird ein paar gute Tage hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.

Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen. Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.

* * * * *

Die Großmutter schreibt einen Brief:

‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also, wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig -- mach’ Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend Mütter es jetzt tun.‘

Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön und gut, daß du hier bist!‘

Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in der Mutter Gesicht.

Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen Gartenanlagen herüberströmt.

Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß, nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd, und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.

Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein glückliches Paar.

Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer. Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.

Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.

Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.

Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache, aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen. Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften Sichgehenlassen bei der Mutter.

Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.

Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.

Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig, wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht, die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her, immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.

Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes, unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.

Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt sich eng in den Arm ihres Jungen -- sie sucht Schutz und Halt bei ihm.

Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen sagen: „Ich verstehe dich -- ich weiß alles, aber ich kann dir nicht helfen!“

Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt, er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.

Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln. Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er sich mit seiner Sehnsucht plagt?

Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten; er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.

Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch, und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘

In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.