Part 8
Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘
Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.
Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.
Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger -- er bekommt Geld -- er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.
Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine freizuhalten. Sie drängen sich an einen heran und können kolossale Erleichterungen bringen.
So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch -- die Welt lacht ihn an.
Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen Sieg.
Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt. -- -- -- Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um würdig befunden zu werden zum Mittun!
Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht, kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich, daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen Wunsch: Hinaus! Hinaus!
An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.
„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“
Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines ‚Anton‘ hinweggesaust ist.
Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt -- ‚Vize‘ hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.
Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück. Keine Spur von Schlappheit mehr -- kein Schmerz mehr in den Knochen. Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn. Oh -- er kann -- er kann -- er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt hat!
Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes sein wird. Ja -- daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun gehabt haben.
Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!
Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.
Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.
Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“ Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des Kameraden.
„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder ja!“
Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.
Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen zum großen Schießplatz.
Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es losgehen!
Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung -- zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.
Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.
Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu tun gehabt haben -- lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig handhaben.
Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.
Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.
Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat es den Anschein, als sollte er hier den Sündenbock abgeben, denn der Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.
Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel umzugehen.
Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:
Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.
Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.
Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.
Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht, trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß auf die Scheibe trifft.
Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung an ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen, daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.
„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.
Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal, damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“
Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich kann, was ich will!‘
„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht versetzt hat.
Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen, niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie er ganz verklärt dasteht.
Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.
Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.
Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.
Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen. Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.
Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf kommt für mich gar nicht in Betracht.‘
Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund werden!
Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete. Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere gesiegt.
Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter Laune zu sein.
Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll vortreten!“
Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam, etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.
„Mutter!“
Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr um den Hals -- ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu nach allen Seiten um sich.
Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter um den Hals gefallen ist?
Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst -- ihr kleiner Ernst -- ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum. Ein leiser Schmerz ist in ihr.
Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.
Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft zwischen ihr und ihm auftun will.
Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt er zaghaft.
Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest, Ernst!“
Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist, Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“
„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“
„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung gedacht hat.
„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast schüchtern.
Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über Nacht hier?“
Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.
„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“
„Wo willst du denn hier wohnen?“
„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier herausgefahren.“
„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung. „Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“
„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er führt sie zum Kasernentor hin.
Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid. Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?
„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub; denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.
Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst -- der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch, und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“
Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg. Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein Schleier.
„Ernst -- Ernst!“
Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn -- diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.
Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein -- mein -- mein! Wer hat ein Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen, gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand, daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und Einzige, was man besitzt, darzubringen.
Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und Schöne von ihr abgefallen.
Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten gegenübergestanden.
Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte -- so wenig schön, so ungepflegt, so derb.
Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam. Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.
Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher. Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen draußen in der Welt.
Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform, die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.
Da steht ihr Junge -- schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu -- kindlich und zärtlich wie früher.
„Jungchen -- mein Jungchen!“
Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.
„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit, sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht, was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.
„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal besucht, lädt er mich auch ein.“
Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du nicht mit mir allein sein?“
„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“
Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.‘
* * * * *
Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.
Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen -- ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.
Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden, naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht, wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein, daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.
Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß nur, daß sie traurig ist.
Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa und stützt den Kopf in die Hand.
Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie denn?
Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.
Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen -- wenn sie fühlt, daß sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen werden.
Warum -- wodurch wurden sie ihr genommen?
Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem eigenen Kummer -- man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.
Erbärmlich, daß man so ist!
Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt sich hoch und feierlich.
Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat, das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen Fahnen -- große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.
Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!
Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin wohl zu befinden?
Das muß doch so sein -- das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt ihr Verstand, aber das Herz zuckt.
Der Junge will fürs Vaterland kämpfen -- muß also ein Mann werden und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in ihm zu härten beginnt.
Was kann sie Besseres wollen?
Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?