Part 7
Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen, unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann!
Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid, dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.
Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei Beginn dieses grauenvollen Krieges.
Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und große selbstische Wünsche im Herzen trägt.
Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.
Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.
Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und Allgütige, das wollen?
‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von den Kanzeln herab. ‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen, verlogenen Feinden unterliegen soll.‘
Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders; man muß heraus aus der gewohnten Umgebung -- man muß es laut und mit heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:
„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde Habsucht siegen werden!“
Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem Unglück erfährt.
Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben!
Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen -- mag sein, daß wir uns am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben -- jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen.
Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster Nähe sahen?
Glücklich -- gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben.
Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben -- jene allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der vermeintlichen Freiheit für sie kamen.
Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken. Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller, aller Kraft muß man wollen!
Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können?
Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche: ‚Drill -- Drill -- Drill!‘ und putzen und Stuben fegen und am Abend todmüde auf den Strohsack fallen.
Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten Kampf.
Es ist scheußlich! -- Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s aus.
Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit -- hat ewig das Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es ihm nicht.
Scheußlich! scheußlich! scheußlich!
Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche nachgibt.
Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm:
„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht wundervoll gesund aus.
Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach dem anderen herunter.
„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den Ställen ist überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden wäre!“
Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache. Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren. Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und Reinlichkeit aufrechtzuerhalten.
Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten!
Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer ergangen -- ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel von Flüchen ins Revier schaffen.
Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt: „Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen, und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle überläuft!“
Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme Teufel dazu ein empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige Sache.
Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden?
Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt.
„Eine Viertelstunde Mittagspause -- Kommando, in der Mannschaftskantine zu essen -- dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall antreten!“
Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor -- diejenigen wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland zu dienen.
Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten? Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen, aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck gibt’s und duftet herrlich. Und -- Teufel, ja -- schmecken tut es großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich seinen Napf zum zweitenmal füllen.
Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen heraus und in den Drillich hinein.
Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er gibt es Hiller.
‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch freundschaftlich an Hillers Seite.
Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an: „Freiwilliger Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“
Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl, Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den Reitanzug ausgezogen.“
„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich ab.
Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg.
Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch eine eigene Sache. Krank ist er nicht -- -- -- aber auch nicht recht widerstandsfähig.
Müd’ -- schlapp -- kaputt!
Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach am Lederzeug aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große, schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen.
Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt.
Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich -- er verrät kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt.
Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“ Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt für Schaufeln sorgen!“
Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß, im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat.
„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit leeren Händen zurück.
„Tatsache, Hiller, du mußt gehen -- der Wachtmeister weiß auch, daß du Stallwache hast!“
Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken zusammengeklappt, steht er vor ihm.
„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“
„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“
„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen Hiller abziehen.
Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen, die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus.
„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage satt und braucht nichts zu essen!“
Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der Rücken weh -- aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“
Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun.
Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden. Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der Welt vor sich geht -- -- -- denken nur noch an sich selber und an ihre eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie nicht löschen dürfen.
Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es nicht schnell genug geht.
Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen hin und her. Um sechs Uhr ist der letzte Karren weg. Nun Wasser holen -- zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält.
Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf energische Weise vor.
Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges. Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen. „Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr.
Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden.
„Antreten zum Appell!“
Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin.
Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen holen?“
Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück.
Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne sinkt.
Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um sich, und Hiller bleibt allein.
Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid gezogen, so schwer, so heiß, daß er’s kaum zu ertragen vermag.
Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten klirren -- der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und erregend zu ihm hin.
Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen erzählt, denken.
In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig von derselben Sache erzählt.
Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein bisher ungekanntes Verlangen auf.
Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten geballt -- weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.
Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen ist.
Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob sie zur Großmutter gefahren ist?
Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat er noch nicht recht darüber nachgedacht, wie einsam es um sie sein muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.
Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt. Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.
Und nun ist dies eigentliche Leben da -- nun ist man ganz plötzlich aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man gewesen.
Warum nur? Für was nur?
Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt -- Schimpfnamen fliegen einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.
Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich oben behaupten kann -- der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde das Gefühl, daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.
Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm ist, der warm und lieb zu ihm spricht -- -- der die Arme um ihn legt -- ihn küßt.
Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden Tag einen Brief schreibt.
Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt.
Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen. Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz zurück und klopft ihm den Kopf.
Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz. Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des Tieres. „Mutter -- -- Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses Heimweh tobt in ihm. „Mutter -- -- Mutter!“ Und umklammert wie ein Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen, wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘ geschmiegt.
‚Nach Hause -- zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!‘
Er schleicht zur Futterkiste zurück -- zieht eine zerknitterte Feldpostkarte aus der Tasche.
‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er -- besinnt sich einen Augenblick und kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht -- daran kann niemand etwas finden.
So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein wenig Heimweh nach Dir!‘
Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten.
Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der Herbst will ganz ganz langsam kommen.
Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ -- hat nur noch Sehnsucht noch einem langen, tiefen Schlaf.
Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus.
„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht. „In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen. Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht.
Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“
Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.
„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los -- mach’, daß du ins Stroh kommst!“
Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf, wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind, führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.
„Heraus, Mensch -- aufgestanden -- sieben Uhr -- ‚Vize‘ ist im Anzug!“
‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt, um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen -- Hände an die Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.
‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.
* * * * *
Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler die lange Nachtruhe verschafft hat.
Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter schickt -- Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm nicht.