Part 6
Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper herumhängende Uniform herab.
An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.
Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie jetzt aussehen, können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten, können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen -- für ein Spottgeld.
Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und wissen, an der Eitelkeit zu packen.
Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen, und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde -- denn sie rühren von einem Offizier her -- gleiten ihm glatt über den hohen Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.
Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben -- ein Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller in Betracht zieht.
Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.
Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen Gehorsam:
„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer -- -- ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“
Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr Wecken -- fünf Uhr Stalldienst -- halb acht Uhr Verteilung der Pferde -- --.
Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat Soldatenblut in sich -- -- und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit in der Welt!
Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar Wochen über Schlachtfelder reiten.
Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die, die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten!
Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen.
Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte, mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben. Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind.
Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes Geistes Kind er ist und was man von ihm zu erwarten hat. Sie erhalten dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat, kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges Mittagessen kriegen -- er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne gegenüberliegt, gehen. -- Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache.
In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten.
Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben -- sie hat ihm gesagt, er solle sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich. Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig -- und er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat durchzuhalten.
Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er braucht.
Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu, Witze werden erzählt.
Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘
Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht warum, aber er denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat: ‚Sag’ Hannchen zu mir!‘
Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten!
Wie herrlich ist die Welt -- -- -- wie wunderbar, daß Deutschland im Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was bereit ist, zu helfen -- und daß sie mitdürfen -- sie, die vor einer Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben.
Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte er umarmen mögen -- -- -- der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft hat, hat einen guten Tag.
Da! Trompetensignale! Neun Uhr. -- -- In einer Viertelstunde müssen sie auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin.
* * * * *
Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe halbe Stunde später unten im Stall sein.
Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten.
Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus -- in die Kleider fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den Brunnen. Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen.
Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken -- Stiefel reinigen -- nein, das soll schon am Abend geschehen -- Stube fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform abgekauft hat.
Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei Unteroffiziere sind zur Stelle.
Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer.
Die Namen werden aufgerufen -- sie werden verteilt. Je fünfzehn finden sich zusammen -- Einjährige und Gemeine -- es ist alles gleich in dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied gibt es jetzt nicht.
Und dann in den Stall hinein!
Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt. Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug.
Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären.
Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt.
Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird.
Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich zu machen, als die Professoren des Gymnasiums.
Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird ‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird.
„Verstanden?“
„Ja.“
Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon mit einem Pferd umzugehen verstehen.
Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten Jungen. Gestern abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden. Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm sehr lustig vor.
Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird wieder abgeschirrt -- der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das Kommando erschallt: „An die Pferde!“
Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht, tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert, daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist.
Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert, und sie eilen in ihre Stuben, um den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen.
Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles -- schade -- -- --
Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen Reithosen -- quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl.
Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch totsicher tun.
„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“
„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller -- sagt es aber ganz heiter, so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen.
Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar geben läßt. Dann geht’s los.
Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall.
„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“
Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will.
Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind schon aus den Ställen heraus.
„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel anfassen und aufschwingen!“
Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt, ein mächtiger Schwung -- und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt glücklich oben.
Andere aber strampeln mit den Beinen -- rutschen mit dem Bauch in die Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber.
Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat, wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas festhalten -- möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu haben -- es ist ihm sehr unbehaglich zumute.
Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls, wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“
Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger noch vergeblich sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu schwingen.
Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird.
Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und rutscht wieder hinab.
Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt:
„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn -- du bist doch hier nicht auf einem Jahrmarkt -- los -- wirf doch das Bein über!“
Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben.
Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes Jahr gedient hat, führt an -- der Zug der anderen nach. Sie sitzen ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren.
„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo -- Te -- -- rab!“
Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll gerade und korrekt da. Die anderen wackeln hinter ihm her. Aus vielen Gesichtern spricht die bleiche Angst -- -- die Hände greifen in die Mähnen -- die Beine machen unsichere Bewegungen.
Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen -- man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß.
Aber die Lage wird immer bedenklicher -- der Körper rutscht mehr und mehr nach links -- und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es ging plötzlicher, als er gedacht hatte.
Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp, wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht.
Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen.
Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend zu seinem Pferde zurück.
„Na -- nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“
Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige werden bleich wie Linnen.
Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te -- rab -- Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der verfluchte Trapp.
Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her, hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen: „Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“
Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an, etwas von dem erträumten Glück zu verspüren.
Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut.
Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“
Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab. Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand. Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend, den Mund im leichten Hohn verzogen, steht er da, und manchmal trifft ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den Wassereimer beugt.
„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“
Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei.
Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals.
Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben, heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo man von Tellern ißt.“
Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken beiseite.
„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“
Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern. Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum Abend auf den Beinen ist.
Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach erkennen und ihn wieder heimschicken.
Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh überwinden.
Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr zum Fußdienst antreten.
Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten.
Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und reiben an Sattel- und Zaumzeug herum.
Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben. Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie kennen sich seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben.
Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen, aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen zum besten zu geben.
Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran und zieht ihn in eine Ecke.
„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm, nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die Mutter schon um Geld bitten.
Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt, denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben. Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er enthält eine angenehme Einlage.
„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest.
* * * * *