Der Kriegsfreiwillige

Part 5

Chapter 53,800 wordsPublic domain

„Ich bin ja noch kein Soldat!“ und die Angst wollte sich wieder regen. Jedoch Kaffee, Brot und Zigarren hatten eine frohe Stimmung in der Reisegesellschaft geweckt. Sie sangen wieder -- einer hatte eine Ziehharmonika und begleitete -- sie sangen ohne Aufhören, bis die Kehlen heiser waren, bis sie keine Lieder mehr wußten.

„Heute sind wir die Herren der Welt!“ schrie ein Feldgrauer. „Heute tausche ich mit keinem Millionär!“

Der kleine Hiller sah bewundernd zu ihm auf. Wenn er doch auch erst so weit wäre! Übermorgen in Belgien! Bei ihnen kam, wenn sie wirklich angenommen wurden, erst noch der lange Drill, und wer weiß, wie weit der Krieg schon vorgeschritten war, wenn sie endlich ausrückten.

Verdammt, daß er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu studieren. Er stammte aus einer Soldatenfamilie und fühlte nun plötzlich, daß auch er Soldatenblut in sich trug.

Offizier könnte er sein, wenn er’s gewollt hätte -- und mußte nun abwarten, ob sie ihn überhaupt als Freiwilligen nahmen.

Flach und reizlos war die Landschaft, durch die sie fuhren; aber reich und fruchtbar war sie auch -- -- auf den grünen Weiden buntgeschecktes, mächtiges Vieh und an beiden Seiten der Wege Bäume, die sich unter der Last der Früchte beugten.

Die Sonne sank glührot immer tiefer hinab. Wie ein feuriger Ball schwebte sie eine Weile dicht über der Erde; dann mit einmal war sie fort, und der Himmel, der sich wundervoll hoch und blau gewölbt hatte, schien auch näher zur Erde herabzukommen und ward grau und fahl, und die ganze Welt schien plötzlich stiller und trauriger zu werden.

Es dunkelte, als die drei mit ihren Taschen sich zum Aussteigen rüsteten. „Glück auf!“ riefen ihnen die Soldaten aus dem Zug nach. „Auf Wiedersehen in Paris!“

Sie schwenkten ihre Mützen, „Hurrah!“ Und dann kam eine selige Freiheitsstimmung über die drei Kerle; kein Mensch in der Welt hatte ihnen jetzt etwas zu sagen. Sie standen hier auf dem Bahnhof einer fremden Stadt, hatten ein gefülltes Portemonnaie in der Tasche -- konnten tun und lassen, was sie wollten.

Frei! Frei! Frei! Kein Pauker ging sie mehr was an. Nein -- sie waren mit einem Schlag viel mehr als ihre früheren Pauker geworden -- das hatten die ihnen ja selbst gesagt. Und alle Frauen vergötterten sie, alles faßte sie mit Glacéhandschuhen an. Wenn sie nur erst in ihrer Uniform steckten!

„Da steht einer!“ Und sie sahen bewundernd auf einen graugelben Husaren, der, den Karabiner über der Schulter, unbeweglich dastand.

„Na -- nu los!“ Und durchs Bahnhofgebäude durch auf den Vorplatz des Bahnhofs.

Da stand eine Pferdebahn -- eine richtiggehende Pferdebahn, mit einem alten Klepper bespannt.

Na, die Pferdebahn mochten sie nicht; sie nahmen sich einen Wagen. „Gasthof ‚Zum Schwan‘, das ist doch das beste Hotel am Ort?“

Der Kutscher winkte, und sie rasselten in die schon dunkel werdende Stadt hinein. Der ‚Schwan‘ lag an einem großen Platz; Rathaus und Kirche, zwei uralte Bauten, warfen riesenhafte Schatten. Man konnte die goldenen Lettern am Hotel kaum erkennen.

„Ist das wirklich das beste Hotel am Ort?“ fragte einer von den drei noch einmal mißtrauisch zum Kutscher hinauf, und der nickte wieder.

„Alle Herren Offiziere steigen hier ab.“ Und da sprangen denn auch die drei aus dem Wagen, zahlten und gingen durch die große Einfahrt des altmodischen Hauses bis zu einer kleinen Seitentreppe hin.

Ein Kellner fragte nach ihrem Begehr.

„Drei Zimmer!“

„Erster oder zweiter Stock?“

„Gleichgültig!“

Sie ließen sich drei geräumige Zimmer geben. Preis war Nebensache. Die Hände gewaschen und hinunter in den Speisesaal; sie waren hungrig geworden.

Seltsam, das hätte man gar nicht denken sollen, daß in diesem von außen so altmodisch aussehenden Hotelchen ein so anständiger Speisesaal war. An zwei Wänden entlang ausgebaute Nischen, dicker Teppich auf dem Boden und erstklassige Beleuchtung.

In ihren grauen und hellbraunen Sommeranzügen traten sie ein und sahen mit angenehmem Staunen ein buntes Bild. Gleich am ersten Tisch ein Infanterieoberst, der flüchtig aufblickte, als die drei eintraten. Und im übrigen fast nur graugelbe Husarenuniformen: zwei Offiziere, ein paar Junker und eine Anzahl Soldaten -- Freiwillige oder Einjährige.

Der Kellner, der ihnen ihre Zimmer angewiesen hatte, führte sie zu einem Tisch und reichte ihnen die Speisekarte. Sie bestellten mit der Freude der ganz Jungen, denen ein Absteigen im Hotel noch etwas Fremdes ist. Sie bestellten das Beste, was sie auf der Karte entdecken konnten, und ließen eine Flasche Wein kommen. So oft ein junger Husar den Saal betrat, blieb er erst, die Hacken zusammengeklappt, am Tisch des Infanterieobersten stehen, dann bei den zwei Offizieren, grüßte die Fahnenjunker und verschwand im Hintergrund.

Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie Glück hatten, wenn sie angenommen wurden, waren diese hier ihre Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen.

Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem Tisch hinübersah.

Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben? Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen.

Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett gehen.

Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges Leben herrschte, zu gelangen.

Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin!

Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen!

Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt langweilig, so ein Provinznest!“

Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen!

Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen Vorgesetzten.

Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die ‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte, stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das Blut geriet in Wallung -- man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der man lebte.

Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden.

Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer überwunden war! Überhaupt kein Zwang mehr! Noch ein paar Wochen Drill und dann heraus! Donnerwetter!

Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde.

Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch getreten.

„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum.

Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben.

Aber wenn auch -- heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen.

Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur Untersuchung in die Kaserne befohlen.

„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“ Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu.

* * * * *

Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder -- gegenüber ein Weg, der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge man nicht abzusehen vermag.

In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden eindringen.

Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen!

Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde.

Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie Angst!

Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt. Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück -- dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien wieder auf die Beine geholfen.

Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz schnellen, kurzen Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da.

Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet haben?

Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher und stolz dahinzugehen.

Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer nicht Herr werden.

Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben, aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die anderen gehen.

Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren Abschied von irgend etwas genommen.

Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für sie zu erfüllen.

Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um sie kümmert.

Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl -- hat Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen.

Da endlich!

„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen, die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es kommt Bewegung in die Sache.

Die Papiere werden ihnen abgenommen.

„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen -- immer zwei zu zwei auf eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum Stehen bringt.

Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen Raum eingelassen.

Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren Gesichtern lesen -- aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an den noch Wartenden vorbei.

Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt!

Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein Stillschweigen geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in einer Kirche. Feierlich ist es -- schwer und feierlich!

Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen hört -- fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird und das Zittern in den Knien aufhört.

In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden, müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen.

„Sie heißen?“

„Hiller.“

„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere Krankheit in der Familie?“

Lungen und Herz werden abgehorcht.

„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche Erregung? Augen sind normal, ja? -- Gut -- angenommen!“

Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen Augenblick ist er wie geblendet -- vergißt, daß er hier, wie Gott ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins Vorzimmer zurück.

Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich aufzunehmen.

Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich so brennen, zurückzuhalten.

Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er nicht -- er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht.

Um fünf Uhr sind sie frei -- das Häuflein derer, die zur Kaserne gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten.

Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste, was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt.

„Angenommen!“

Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu sagen, das wird ihr ein wenig hart sein.

Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und man darf nicht weich werden.

Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen:

„Viereinhalb Uhr aufstehen -- Stube reinigen -- fünf Uhr Einkleidung“ -- weiter hört er nichts.

Sein Kopf ist wieder benommen -- mechanisch folgt er dem Unteroffizier, der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer. Eiserne Betten übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine wollene Decke.

Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er und müde.

Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht ist -- --

Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt er -- -- herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner -- Kugelregen -- blitzende Lanzen -- gezogene Säbel. -- Nichts ficht ihn an. -- Für ihn gibt’s keine Kugel -- -- und alles um ihn herum staunte. Was will der? Mitten in den Feind rein -- -- und das Roß fliegt -- die Erde schwindet unter ihm -- -- irgend etwas Unsichtbares trägt ihn -- trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken hinein. --

Da -- Trompetenklang -- herrlich, wie er gen Himmel fährt -- wie die Erde unter ihm versinkt -- wie alles grau und fahl unter ihm wird, während er in überirdischen Glanz hineinreitet.

„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal geblasen!“

Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter.

„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“

Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube.

Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er?

„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf -- in die Kleider hinein -- schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und hinunter in den Hof.

Sonntag ist es.

Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In ihren Zivilkleidern stehen sie da -- manche noch verschlafen, die Haare flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd und ängstlich stehen sie da -- wissen nicht, was sie tun sollen, und sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen.

Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer.

„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“ Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso -- eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein Drillichanzug -- eine schwarze Halsbinde. „Fertig! -- Abtreten! -- Die Nächsten!“

Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune Kommißstiefel. „Fertig, ab!“

Sonntag ist es -- also noch kein richtiger Dienst. In ihre Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist!

Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen.

Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform.

Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär.

Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof. Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige, die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen -- schlimmstenfalls in zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf!

Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit -- und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das nicht -- er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock -- er ist Soldat -- angenommen -- und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden, daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann.

Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn gezogen, bei den anderen -- -- -- nun schlägt das Herz nicht mehr in zitternden Stößen.

Ruhe ist in ihm -- Sicherheit ist über ihn gekommen -- -- nein -- mehr -- stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich -- die Haltung verliert das Hilflose -- Schlappe -- --

Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu tragen -- ist also nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen worden sind.

Nach dem Appell das Mittagessen -- sie dürfen nicht aus der Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu kaufen -- Gabel und Löffel je zehn Pfennig -- Messer tragen sie in der Tasche.

Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren tritt mit seinem Napf an.

Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke darüber, bis alles schwimmt.

Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen Tischen und leeren ihren Napf.

Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es schmeckt wirklich gut -- vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei Mutter, aber das schadet nichts!

Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof und spülen ihn am Brunnen ab -- haben dann ein paar Stunden für sich, und Ernst Hiller benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben.

Der Himmel hängt ihm voller Geigen -- -- die Brust ist ihm geschwellt.

Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange, das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden -- für immer! -- Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll!

Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht erspart.

Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches anders gewesen.