Der Kriegsfreiwillige

Part 4

Chapter 43,853 wordsPublic domain

„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’ ich wohl, aber doch nur, solange wir beisammen waren; sowie du allein warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben -- das ist so natürlich! Und du hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt, immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind? Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“

Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an ihm bestrickt hatte.

Der Mann auf dem Schemel erhob sich: „So, Herr!“

Er sah sich die Arbeit an. „Kostet?“

Ein unverschämter Preis wurde genannt.

„Auch in solcher Zeit wird die Not ausgenützt!“

Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Er nahm ihm die Tasche aus der Hand -- die Treppen hinunter und wieder ins Auto.

„Immer habe ich gewünscht, es möchte einmal ein Ereignis kommen, daß alles in der Welt auf den Kopf stellt. Ich weiß nicht, warum. Ich muß wohl zu jenen unglückseligen Naturen gehören, die das Gleichmaß des Lebens nicht ertragen können, und hab’ mir eingeredet, auch dich könnte ich nicht für immer ertragen. Kind, warum hast du das so hingenommen? Warum hast du dich nicht aufgelehnt? Du hast mich mit einem Glorienschein umgeben, weil ich ein paar lesbare Bücher geschrieben habe. Daß ich als Mensch nichts anderes als ein grausamer Egoist war, das hast du dir nicht eingestehen wollen.“

„Ich hab’ dich geliebt und war glücklich durch dich, das wog mir das, was ich entbehren mußte, auf.“

Aber die Verzweiflung fraß an ihm.

„Du bist so grenzenlos, so ganz unverantwortlich weich, Kind! Wie soll das werden, wenn du nun ganz einsam sein wirst? Wirst du das überhaupt ertragen, Maria?“

„Ja,“ sagte sie, und fühlte doch ihre Seele in namenloser Schwäche erschauern.

„Komm, nicht mehr sprechen!“

Stopp!

Irgendwo in einer stillen Straße hielten sie. Da war der Schuster, der noch die Stiefel übernommen hatte.

„Bleib’ sitzen diesmal, Kind. Wenn ich warten muß, hol’ ich dich.“

Der Kopf schmerzte, die Schläfen hämmerten; das Herz schrie: ‚Ich kann es nicht ertragen -- kann nicht!‘

Die Stiefel in der Hand kam er zurück. „Gott sei Dank!“

Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der Kaserne.“

Er war blaß und nervös.

„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein, so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben, wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“

„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“

„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken können; ich meine, in einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“

Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“

Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich nicht heiraten will?“

Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören.

Tiefes, bitteres Leid war in ihr.

„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst zu beruhigen.

„Ich weiß, ich weiß!“

„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit -- so wie man es heute überhaupt nicht mehr findet.“

„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“

„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“

„Doch, entsetzlich schwach -- eben, weil du so namenlos lieben kannst. Ich weiß es -- weiß es besser als du selbst.“

Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich.

„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit -- unsere paar armseligen Stunden schmelzen zusammen!“ Er sah auf die Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“

Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr.

Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst etwas von Stärke und Mut vorlügst.“

Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres.

„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“

Mitternacht nahe.

„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme, ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen, statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um dich gräme!“

„Tue es nicht!“

Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“

Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf mich warten.“

Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetzlicher Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen sollte?

Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein; sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden Pole ihres Lebens!

Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden noch für uns! -- -- Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal, daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles hineinpressen, was wir uns zu geben haben. -- --“

Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in die Höhe -- beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen.

Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen -- aus der Ferne Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen sichtbar.

Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen; dann eine Ansprache -- kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen.

„Leb’ wohl!“

Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch einmal in die Arme. Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd.

„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus.

Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren -- die Furage- und Munitionswagen folgten -- ihnen schlich sie nach.

Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben mochte.

„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich habe ein wenig Heimweh nach dir.“

Da -- mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war.

Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt würde.

Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter Junge hatte Heimweh nach der Mutter.

* * * * *

Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar.

So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet, weil er schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu brechen versteht.

Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste Saiteninstrument. Alles bewegt ihn -- beängstigt ihn -- bringt ihn aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu übersehen -- irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand zu reichen -- gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig -- ich bin ausgestoßen; es hat gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last sein!‘

Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘ einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes -- ein Philosoph -- ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz Außergewöhnliches aus ihm werden!‘

Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘ und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender Männer, die in ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre Kameraden.

Wie dem auch sei, das Jungchen -- Ernst ward er genannt -- war wirklich etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles, unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben. Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium durchzulassen, mochte ihn auch quälen.

‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.

Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann war wirklich alles verloren -- dann würde sie selbst nicht wissen, was sie aus ihm machen sollte.

Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“

Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.

„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir doch alles zwecklos erscheinen!“

Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das nicht irgendwo ein Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich! hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest!

Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war.

Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr, als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg machen würde.

Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren, sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag.

Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit, für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein!

Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien.

Man braucht uns, man braucht uns!

Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich aus der Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein.

Und dann Schlag auf Schlag -- alles so brausend schnell, wie es die Jugend liebt. -- Heute von der Reise zurück -- morgen das Examen mit Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten.

Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche -- überschwengliches Lob -- Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein hohes Podest und sahen zu ihr auf.

„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“

Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt.

Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen war -- draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten geschlagen -- und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte!

Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun zu dürfen, trug er in der Tasche.

Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es gehen -- schnell, schnell, schnell!

Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher -- Stunden und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der Bedarf gedeckt sei.

Weiter -- weiter! Und standen wieder unter Tausenden -- standen in sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger nicht. Nur genommen werden -- nur erst Sicherheit haben -- nur nicht nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ -- Sie dachten auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an erster Stelle herausgefischt zu werden.

Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“

Er aß mit abwesenden Gedanken -- eine große bange Frage lag in seinen Augen.

„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort, ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin.

Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen, das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter? Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte, und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es eng über der Brust zusammen.

Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“

Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte -- -- er war stark genug -- sie durften ihn nicht abweisen.

„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich um und war auch schon im tiefsten Schlaf.

Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am Bett ihres Jungen gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben. Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz und tiefstem Jammer.

Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen, die riß die, welche zusammengehörten, auseinander -- machte aus dem kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“

Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein Wunsch sich erfüllen -- mein Jung -- --“ und küßte die hohe, reine Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war.

Dann noch ein Tag der Enttäuschung -- noch ein Tag, an dem die irre Angst in den dunklen Augen lebte. -- „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen.

Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir. In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein, Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“

War das noch Ernst Hiller, der sich nichts zugetraut hatte? War das noch der ernste Junge, der Philosoph, der Professor, der Grübler, der jugendliche Weltverachter?

Nein! Das ganze Leben, das vorangegangen war, war jetzt ein Blödsinn -- eine Wertlosigkeit -- oder wenn es schon einen Wert gehabt hatte, dann war es doch nur der, daß es vorbereitet hatte für das, was nun zu erfüllen war. --

Er hatte hundertzwanzig Mark in der Tasche, als er mit den zwei Freunden, die ebenso wie er nach der altmärkischen Garnisonstadt wollten, das Auto zum Bahnhof bestieg.

Die Zeit war so gewaltig und riß die Menschen zu ungeahnten Höhen; und Ernst Hiller war auf einem großen Weg, war bereit, Blut und Leben für Deutschlands Ehre darzubieten -- -- aber die hundertundzwanzig Mark in seiner Tasche war doch etwas, was ihn ganz kolossal erhob und ihm eine ungeheure Zuversicht für das, was kommen würde, gab.

„Leb’ wohl, Mutter! In zwei Tagen bin ich wieder da -- dann nehmen wir richtigen Abschied!“ Sprang die Treppe hinab, grüßte noch einmal herauf, und fort ging es.

Am Bahnhof großes Durcheinander -- der siebente Mobilmachungstag, und die Beamten wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.

Die drei Jungen aber haben ihren Fahrschein vom Kriegsministerium; man darf sie nicht zurückschieben. Sie haben sich zu stellen und müssen befördert werden. Und sie warten geduldig in der heißen Halle, warten Stunde auf Stunde, so wie sie die Tage zuvor in der Kaserne gewartet haben.

Endlich dürfen sie durch -- die Menschen quellen durch die geöffnete Sperre, werden von Schutzleuten angehalten -- in Reihen gestellt und zu den Abteilen geführt.

Die drei sitzen in der vierten Klasse -- sitzen und stehen in dem immer voller werdenden Raum. Aber keiner schimpft über das Gedränge, keines einzigen Miene verzieht sich in Ärger, wenn immer Neue hereinquellen.

Sie lachen -- sie reißen Witze -- sie sind alle aufgeregt; ein jeder, der hier im Wagen sitzt, macht heute eine Fahrt, die man nur einmal im Leben macht.

Der größte Teil der Fahrenden ist schon in feldgraue Uniform gekleidet; die anderen haben eine Binde um den Arm und einen Packen oder Karton an der Hand. Jeder weiß genau, wo seine Stelle ist. Und da sind so viel große und kräftige Gestalten, Männer mit gewaltigen Brustkasten und eisernen Fäusten und mächtigen Stimmen. Denn in dem Augenblick, in dem der Zug sich in Bewegung setzt, fangen sie an zu singen, alle wie auf Verabredung das eine Lied:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall -- Wie Schwertgeklirr und Wogenprall! ...

‚Die Wacht am Rhein!‘ Was anderes sollen sie singen, denn die Feldgrauen fahren direkt über den Rhein -- -- die anderen werden unterwegs in ihren Garnisonen abgesetzt.

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Und wie Ernst Hiller das Lied aus diesen mächtigen Kehlen schallen hört, wie er diese breiten Männer mit den gewaltigen Brustbreiten und den derben Fäusten rund um sich herum sieht, da kriecht wieder die zermalmende Angst an ihm in die Höhe und frißt sich in seine Seele ein: ‚Wenn sie mich nun doch nicht nehmen! Wenn ich doch zu schwach, zu schmal sein sollte?‘

Und es ist, als ob die Welt sich vor ihm verfinstere, als ob die Sonne, die heiß und leuchtend am Himmel steht, nur für die anderen da sei -- für ihn nicht -- denn, wenn er zu schwach befunden, wenn er nicht genommen wird, dann mag er nicht mehr leben -- dann hat das Leben keinen Sinn für ihn mehr.

Die kindliche Freude an dem Vermögen, das er bei sich trägt, die Begeisterung, die jubelnde Zuversicht -- alles ist fort. Die Augen wieder tiefernst, um den Mund der alte überlegene Zug, der den Schmerz verbergen soll, und Ernst Hiller ist inmitten dieser lebensprühenden, heißen, beflügelten Reisegesellschaft wieder der, den sie den Philosophen, den Professor, den Grübler nannten.

Aber nicht lange dauert diese Unterwerfung unter eine bange Vorstellung. Irgendein Feldgrauer, ein älterer schon, auf den man sich verlassen kann, hat an ihn und die zwei Freunde die Frage gerichtet:

„Freiwillige, was? Wo wollen Sie sich stellen?“

Und die drei antworten wie aus einem Mund: „Bei den Husaren!“ Und Ernst Hiller fügt, ohne den Willen dazu zu haben, die Frage an: „Hat man Aussicht, angenommen zu werden?“

„Totsicher!“ sagte der Mann, „Sie sind ja gesunde, kräftige Menschen.“

Zum Donnerwetter, ja -- wer hatte ihm denn eigentlich zeit seines Lebens eingeredet, daß er zart und schwach sei?

Die Mutter natürlich. So ein Blödsinn -- und weil sie das immer wiederholte, weil sie immerfort in Sorgen um seine Gesundheit gewesen war, hatte er es eben als Tatsache hingenommen, daß er ein zarter, schwächlicher Junge sei, der Schonung bedürfte.

In diesem Augenblick war er ärgerlich auf die Mutter. Trotz aller ihrer Liebe und Fürsorge -- es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte auf Großmutter gehört und hätte ihn mit elf Jahren ins Kadettenkorps gesteckt, dann wäre er jetzt Offizier und stände schon irgendwo in der Front.

War das eine Fahrerei heute! Schneckengleich kroch der Zug dahin und alle Viertelstunde eine Station oder auch nur Anhalten im freien Feld!

Und das Herz schlug einen so schnellen Takt; man wollte so gern am Ziel sein -- so gern den Ort sehen, in dem das Schicksal sich entscheiden sollte.

An den Bahnhöfen stürzten junge Mädchen mit großen weißen Schürzen an die Züge heran; sie trugen Körbe mit Brot und große Blechkannen mit Kaffee für die Soldaten.

„Das sind alles feine junge Damen!“ sagte einer von Ernsts Freunden und reckt die Hand aus.

„Fräulein -- wir sind auch Soldaten -- -- -- Hiller, laß dir auch was geben!“ Aber Ernst Hiller wandte sich ab, und sein Jungengesicht war rot geworden.