Part 3
Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte dich nicht, Maria, aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“
„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an und ließ sich streicheln.
„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“ scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann Züge gehen.“
Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte, aber schließlich fügte sie sich.
„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria. Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das wird ihm lieber sein als alles andere.“
Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der Zunge. --
„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus der kleinen Stadt heraus waren, und ließ die Pferde in langsamerer Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst, dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht, machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden. Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben, möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“
„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht zum Denken kommen.“
Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und eine leise Wellenlinie von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg hin.
„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären; den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine Strafrede in Empfang zu nehmen!“
„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte Maria.
Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen, Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute, vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist, wenn der stark innerlich lebende Mensch sich an den, der praktisch und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende, selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“
„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“
Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen. Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“
Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus; barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.
„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.
„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven, Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von Wissenschaft, Kunst und allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur gehört, überhaupt da?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben, wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich Sorgen um ihn macht.“
„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.
„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“
Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus.
„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran, bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“
Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah. „Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien Hand übers Gesicht.
In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen.
„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof. Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu erledigen und fahre am Nachmittag heim.“
Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“
Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag, und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht, ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte Mann sie aus.
„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du also während all dieser Zeit am Bahnhof?“
Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“
Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.
„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel fallen ließ und dann unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.
„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz zusammen.
„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen. Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht man es wieder genau so. Scheußlich!“
Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb düster.
„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“
„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr wogte, nach und beschleunigte die Schritte.
Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem Westen,“ hörten sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute überhaupt nicht befördert.“
„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr. Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.
„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens sicher zurück!“
„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater redete auf sie ein.
„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit, mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.
„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet niemand auf dich.“
„Großvater, -- es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“
„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem großen Blick, in dem Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter doch recht!“
„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige, alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.
„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen würde, abhinge.
Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte, sie sah ins Leere -- sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt. Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren, daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen, was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen -- und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden -- der ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte, und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache Frage, die keine Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen, komm!“
Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden, Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war aufgelöst -- alles zerrissen -- jedes Herz verwundet -- unzählige Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen! Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren, herzzerreißenden Gestalt zu sehen.
„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen Entsetzen sprach, da -- totenbleich, dem Umfallen nahe.
„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher, hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte.
„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt, oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage ein Ende gemacht hätte -- es wäre nichts gewesen. Aber dieses Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen kann.“
Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden sind am schlimmsten daran. Wir kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“
Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt -- das liebe, alte Gesicht heiß und gerötet.
„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen. Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte Mann dir dazu verholfen hat!“
„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand, der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst, und sei glücklich, Kind -- sei sehr, sehr glücklich!“
„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück.
Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier!
Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab -- -- fuhr durch sonnendurchglühte Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige Wiesen mit weidendem Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne, Sonne, Sonne!
Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen -- Angst im Herzen.
„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“
Sie versuchte zu lachen.
„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“
„Wenn ich könnte!“
„Na, besser nicht!“
Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an.
„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein?
Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig, wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten.
War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene Leid zu denken?
Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte:
„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt! Abwarten ist das allerschlimmste!“
Sie sah ihn dankbar an.
„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand.
Der Kopf tat ihr weh -- -- die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. -- Wann würde sie da sein?
Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘
Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in ehrlicher Zärtlichkeit.
Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War er wirklich glücklich -- oder täuschte er sich wissentlich über sich selbst? Ihre Gedanken schweiften ab -- -- ihre Gedanken suchten Halt bei der Großmutter.
Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein können!
Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer -- fuhr an Häusermassen vorbei -- -- -- Berlin! Da war alles fort -- -- -- Großmutter, Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen -- -- verschwunden.
Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu spät?‘
Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei dieser Verspätung!
Und stand doch da -- stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt, und faßte sie ums Handgelenk.
„Endlich!“
Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und doch herrisch!
„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“
„Wann mußt du fort?“
„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben! Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen, sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, -- Schuster -- Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich.
„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen, in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt! Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut oder war es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“
„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“
„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“
Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer Idee beherrschen ließ!“
Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen versprochen. „Komm mit!“
Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft -- und sie mußten warten -- eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.
„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht gehalten haben!“
Er hielt sie bei der Hand.
„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen Zimmers.
Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten, aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“