Der Kriegsfreiwillige

Part 20

Chapter 202,045 wordsPublic domain

„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den singenden Truppen nach -- erst den Flußweg entlang, dann über die Felder -- noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude durch.

Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit. „Einsteigen!“ kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt.

Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum, das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück.

Noch ein Zurufen -- ein Winken -- dann zieht die Lokomotive an, und langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung nach rechts gemacht! -- --

Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in Unendlichkeiten hinein.

„Nur nicht weinen -- nicht wehklagen! Hart sein -- deutsch sein! Sich freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt.

Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt.

Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes, verzweifeltes Weinen dringt heraus. -- Wildes, unbändiges Weinen, das schon mehr Schreien ist.

Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag das nicht sehen und hören; sie will ruhig sein und will sich freuen, daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten. Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht hingeben. -- --

Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn. Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat sich nicht abreden lassen.

Endlich kommt sie -- ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er erwartet hatte.

Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“

Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken. Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat, vor: „Und dein Freund, Maria -- wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.

Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkommen, Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.

Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.

„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst; denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, -- ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat -- aber er wird die Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen würden?“

Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der du bist im Himmel. -- So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast, und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in Gottes Hand.“

Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch sehr mitgenommen.“

Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen. Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist; er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen.

Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“

Verlag von +Egon Fleischel & Co.+ / Berlin W 9

Die Werke von

Helene von Mühlau

Nach dem dritten Kind

Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau

Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,--

=Fedor von Zobeltitz= in einem Feuilleton der =Hamburger Nachrichten=: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung: „Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung lesen wird; sie ist wie +ein Schrei aus tiefster Not -- ein Schrei, der gehört werden müßte+.“

Hamtiegel

Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,--

=Kölnische Zeitung=: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war, aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht beleuchtet wird.

Die zweite Generation

Roman. Preis: geh. M 5,--; geb. M. 6,50

=Doris Wittner= in der =Vossischen Zeitung=: ... Das Buch der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne, denn es schenkt Menschheitswerte.

Sie sind gewandert hin und her

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--

=Allgemeine Zeitung= (München): Es hält uns in den Bekenntnissen der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die südamerikanische Republik gelesen haben.

Liviana Saltern-Santos

Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50

Das =Echo=: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die -- fremd im fremden Lande -- die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am Wendepunkt ihrer Entwicklung.

Beichte einer reinen Törin

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--

=Arbeiter-Zeitung= (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat.

Das Kätzchen

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--

=Rheinisch-Westfälische Zeitung=: Helene von Mühlau hat mit gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann doch das Wirken über das Glück stellt.

=Neue Freie Presse=: Das Porträt dieser Frau ist mit aller psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt, gezeichnet.

Eine irrende Seele

Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50

=Leipziger Illustrierte Zeitung=: Von den vielen neueren Romanen, die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln oder doch streifen, erscheint mir „+Eine irrende Seele+“, bei weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch.

Das Witwenhaus

Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50

=Frankfurter Zeitung=: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein, ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist.

Ehefrauen

Novellen. Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,--

=Saale-Zeitung=: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel, sehr viel.

+F. E. Haag+, Melle i. H.

End of Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels