Part 2
„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt: Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“
„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria, Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von ihr und ihrem Jungen gesprochen!“
Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“ wiederholte er, als die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte, und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.
„Sie haben Ihren Jungen hergegeben -- Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber Sie haben es gern getan, nicht wahr?“
„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht; es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“
„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien teilen.“
Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.
Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.
Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein unbekanntes Publikum vor sich.
„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an, Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen. Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht ganz leicht in diesen Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem es kein Erwachen mehr gibt?“
„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt. Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“
„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“
Großmutter räusperte sich.
„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“
„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“
„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt, „Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu packen kriegt, daß wir am Boden liegen -- daß das edle Blut unserer Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“
Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“
„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“
„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß. Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“
Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der Perfidie!“
Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“
„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages einen Fluch nachschleudert?“
„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“
„Aber es tut uns wenigstens wohl!“
Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches Lächeln.
„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem Feinde die Motive suchen.“
„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“
Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine Herren! Jedes Kind weiß, daß England gemein an uns handelt; jedes Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘ und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt, aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie einverstanden, Rat?“
„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich -- ganz besonders Frankreich -- aber England hatte keinen Grund zu diesem namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts als kalte, gemeine Habgier!“
„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“ sagte Prell kühl.
„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe nachdenken?“
„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“
Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren, das ist es nicht. Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“
Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder im Land!“
„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer.
Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“
Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge, stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich, gnädige Frau?“
„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist, macht so schwach und elend.“
„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau gesprochen und gesungen.“
„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf.
„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“
„So?“
„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß Sie nicht wieder heirateten. Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“
„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ -- ich glaube, dann bliebe ich.“
„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch noch in Sicherheit!“
Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie fühlte sich wohl in seiner Nähe.
„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“
„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd, „aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“
„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die Greise und Frauen daran!“
„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter.
Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch der Fall?“ fragte er.
„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“
„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst belügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr Blut wird in Strömen fließen.“
Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen -- --“
Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein Bremsen mehr.
„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein vertragen.“
Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.
„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben: ‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“
„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“
Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen Gästen die Gartenpforte auf.
Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der Mond ein wenig hereinscheint.“
Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.
Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken gleich wieder im praktischen Leben.
„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett. Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute Nacht‘ sagen.“
Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.
‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.
Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so loszulegen. Den brauchst du in der nächsten Zeit nicht mehr mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du willst!“
Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.
„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat war, solche Dinge auszusprechen -- das muß ich dir sagen, daß auch mir schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will nicht daran glauben, aber sollte es so kommen -- dann, Maria, heißt es für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken. Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann jeder! Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur Hand.“
Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor und hing ihr das kleine Amulett um.
„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“
Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann: „Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast -- --“, schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr die Decke über die Schultern und ging hinaus.
Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen, der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören, nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen noch findet. Es waren zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen -- dunkle, träumerische Augen, so wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie hatte.
Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück.
Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen; dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.
Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen -- ihr Blut wird in Strömen fließen!‘
Entsetzlich, entsetzlich!
Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.
Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder kamen traurige, quälende Erinnerungen.
Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen schmerzten, der Puls raste -- das Herz schlug zum Zerspringen.
„Jungchen -- mein Jungchen!“ und sie dachte an das Kind, an den zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte -- der so froh, so selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu stolz, davon zu schreiben.
Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug gewesen war!
Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt hatte -- und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich ging.
Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen Metzeleien von Frauen und Kindern.
War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?
Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!
Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den anderen -- ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.
„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. -- -- -- Die nahm sie, aber ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen -- -- die Bilderhaken rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend jemand in der Wohnung schrie auf. Das war die Großmutter, und einen Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.
„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“ sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so ein großes Bild allein aufhing?“
Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.
„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie. „Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja? Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.
„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“
Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd mitten im glitzernden Lichtstreifen.
Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte -- aber die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich.
Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die Großmutter zählte, schob, legte über- und untereinander und sah mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus.
„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes, Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und schiebe, sie kommt immer wieder!“
Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“
„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“
„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“
„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“
„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm, den rücken wir vors Bett! Nun meinst du -- -- Herrgott, Kind, es ist ja auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht ruhig!“
Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus, kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte den Wandschirm dicht vors Bett.
„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. -- Gute Nacht, mein Kind!“
Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen -- und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett ausströmten.
Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.
‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘ hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch -- ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.
Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“ und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.
* * * * *
Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“
„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht, welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst bekommen.“
„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“
„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne böse zu sein?“