Der Kriegsfreiwillige

Part 19

Chapter 193,872 wordsPublic domain

Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt. Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht zurück. Es ist still um sie her -- nur eine Uhr tickt, und Mirza, der zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.

Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.

In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie entschieden hatte -- in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die sie erfassen will, Herr zu werden.

Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach, gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.

Sie hat immer -- ihr ganzes Leben lang -- eine so rege Phantasie gehabt -- hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde -- daß aus der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter, fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen -- kann sich nicht vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden, da sie im Auto durch Berlin rasten -- um Satteltasche, Stiefel und Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend geworden war!

Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht. Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben; hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer -- so lange sie denken kann -- feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!

In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern, die sich nicht beugen lassen -- denen das Vaterland so hoch steht, daß sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen, daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?

Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.

Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.

Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis, in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es denen draußen in der Küche unheimlich wird.

Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht, um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind, das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.

Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder hinaus.

Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar -- laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.

‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise zurückkehren!

Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen, die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.

Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.

In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie, daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist -- ja, daß ihr Leben vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.

Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.

Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf sich gerichtet.

„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie, und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen. Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe hinab, und der Junge steht vor ihr -- ein wenig bleich, aber voll guter Laune.

„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.

Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige, müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor, und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier -- schneidet Brot und legt Aufschnitt zurecht.

Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht sieht zufrieden und glücklich aus.

Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen Erinnerungen, -- weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.

Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit, die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam, weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege ging.

Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen -- ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist, wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.

Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht -- der Kopf neigt sich, und heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.

Man kann nicht in einer Nacht hart werden -- kann nicht in einer Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.

Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat -- und den kleinen, zarten, weichen Ernst.

Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so leibhaftig vor ihr -- wie eine Prophetin -- streng, unbestechlich hart und im Grunde doch gut und gerecht.

Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos; sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen durch ihren Kopf.

Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!

Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.

Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und Sicherheit gewiegt.

In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind, nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.

Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu, schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes: „Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und streicht leise über das kurz geschorene Haar.

Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter Bett findet.

Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘

Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche, und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?

Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein -- alles wie sonst!

Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält. Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘

Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen Sonntage: Stalldienst -- Kirchgang -- Briefappell -- und die verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.

Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.

In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft -- man hat auf einmal das ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen wird.

Und es kommt wirklich! Es kommt -- längst erwartet und ersehnt -- und wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“ ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen: „Bravo! -- Bravo! -- Hurra! -- Hoch!“

Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.

„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden verlesen.

„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch frei! Dann antreten, um eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“

Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.

Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen. „Mutter, Mutter -- übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals und küßt sie.

„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht! Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“

Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein: „Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen -- ziehen Sie denn nun wirklich los?“

Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen. Endlich! Endlich!

In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang -- zum Dom! Gottesdienst und heiliges Abendmahl!

Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“

Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid -- denn die ganze Stadt weiß ja schon von der großen Neuigkeit.

Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück -- man erhält wieder Instruktionen -- ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende.

Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie -- keine Verantwortung lastet auf ihnen -- sie haben den wundervollen Mut und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht!

Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm herangenommen: Instruktionen -- Probekochen -- Reiten in voller Ausrüstung -- Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung.

Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! -- mitten im Winter nach Russland!

Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum Unterziehen gekauft; aber er will nichts davon wissen. „Blödsinn, das ist doch Überfluß -- besonders die Pelzschuhe!“ und er will die Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst mit guten Worten dazu bringen.

Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich zufrieden.

Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären. Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit -- wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“

Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst, eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren.

Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt. Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer Extratasche verstaut hat; -- sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern, aber sie weint nicht.

Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt mehr Angst als vor den Tränen der Mutter.

Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren Augen auf die Gruppe.

Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig sein.

Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel, Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt.

Der kleine Ernst lacht -- er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen. Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie gefalle ich dir, Mutter?“

Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht verzieht sich nur.

„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen die Augen immer heller, und der Mund lacht.

Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal an ihrem Hals, dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“

Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.

Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit ernsten Augen auf und nieder.

Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt -- alle sind sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im Knopfloch trägt.

„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber +die+ Gewißheit ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig! Seid ebenbürtig euren Vorfahren -- jenen großen Freiwilligen von 1813! Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern! Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze des Deutschen Reiches steht: für unseren großen, geliebten Kaiser! Kaiser Wilhelm der Zweite -- unser oberster Kriegsherr -- er lebe hoch -- hoch -- hoch!!“

Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer, die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem Kasernentor hinaus.

Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch, hurra -- lebt wohl, auf Wiedersehen!“

Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf, schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du -- du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft scheu davon.

-- -- -- Vorbei! Der Zug ist zu Ende!

„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke.

Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm.