Part 18
Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben, betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.
Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was er zu beanspruchen hat.
Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf dem Strohsack.
Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt, und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück, das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.
Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen, als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.
Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen Ausgaben mehr haben!
Nun läßt sich die Sache wirklich anders an -- viel ernster und dienstlicher!
Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.
In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es schmeckt gut, denn sie sind hungrig -- sie können gut und gern die doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf auszulöffeln.
Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.
Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und es geht durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat man mit ihnen vor?
Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen und bleiben stehen. „Heil -- Hurra -- Deutschland!“ ertönt’s von allen Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar -- man feiert sie. „Deutschland, Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch -- hoch -- hoch!“
Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht ihrer Person, sondern dem Lande, das sie hier vertreten, gilt. Und sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in Freundesland. Man liebt uns.
Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße, flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein, daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem, Heiligem berufen ist.
Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern -- sie singen es aus jubelndem, heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“
Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch Deutschland! -- Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren -- Hurra -- Hoch!“
Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur Verfügung gestellt: ~D~-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren Samtpolstern.
Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen, als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber -- ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade -- -- aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.
Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos! Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer, schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt, denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!
Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „~Német~ Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „~Német~ Husar! Hoch ~Német~ Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.
Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch ~Német~ Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“
Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal als Husar in Budapest -- und dann wieder Versammlung am Bahnhof. Wieder ~D~-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die Ufer der Theiß gelangt.
Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst -- und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen zur Ruhe kommen.
Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“ und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne -- gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.
In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an -- jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus -- die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen sie fürs erste nicht heraus.
Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!
Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die Husaren draußen warten.
Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.
Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren hinaus.
Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen. Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.
Da -- nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte, und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu prasselt der Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.
Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus -- setzt sich in sein Auto und fährt davon.
Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie ganz des Teufels.
Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht, und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser; einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine Tiere in den Gutshof zurückrasen.
Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe -- alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und schieben, bis sie glücklich drin sind.
Stunden vergehen -- es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von Pferden, und den Freiwilligen wird es immer banger zumute. Wie sollen sie das bewältigen?
Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will. Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.
Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas Besonderes sehen kann?
Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges in den Magen bekommen.
Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen und weisen ihnen den Weg.
Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind. Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt -- feiner Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen -- Essen und Trinken -- was wollen sie mehr!
„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.
Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die anderen würden gleich drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere an diesem Abend zu sorgen.
Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch ~Német~ Husar! Hoch ~Német~ Ulan!“
Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“
Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen; sie haben eine feine, aparte Küche!
Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in kleinen Schlückchen.
Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes! Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die Umgebung zu beobachten.
Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter Offizier, um den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit -- laut und dröhnend -- er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch -- fliegt ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.
Nun fängt er mit dem Kapellmeister an -- ruft ihm etwas zu und springt von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten -- aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen. Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm -- er torkelt umher und spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor Glück und Schmerz; dann ein Knacks -- eine Saite entzwei -- die Geige fliegt in eine Ecke -- der Verwundete fällt auf einen Stuhl -- stützt den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er? Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß, um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg Erschütterter ist?
Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch und reden auf ihn ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.
Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal -- man ist erstaunt und erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden -- zieht eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen Zwischenfall vergessen.
Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde Musik stachelt auf -- die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt immer höher auf.
Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei -- doch denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu haben.
Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet -- in ganzen Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend -- manch einer total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und schwatzt ungereimtes Zeug.
„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der Wachtmeister ihn an. „Sie werden Kasten bekommen -- verstehen Sie?“ „Gut -- Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr Wachtmeister -- mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher nicht!“
„Halt’ die Schnauze, Kerl!“
„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr Wachtmeister!“
Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen alle nicht ganz so glatt hinein -- und als der Zug endlich anzieht, hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.
Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne gibt’s hier nicht. Also wohin?
Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze stecken -- der Regen peitscht ihnen ums Gesicht -- sie sind todmüde und schlapp.
Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden Feind wehren.
Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb -- der Feind?“ -- „Nein, ~Német~ Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“
Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf den Boden; es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will er nicht.
Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr angesagt.
Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee, essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.
Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner! Ganz nah’ beim Krieg -- ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie! Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!
Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht, sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in Szegedin.
Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei, vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört man den Kanonendonner.
In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig -- man hat viel Arbeit und schlechtes Nachtlager.
Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden gedeckt ist.
Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem Wagen, und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den Pferden schläft, sein soll.
Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig; wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt und schläft oder träumt vor sich hin.
Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde. Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert -- denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt -- denkt auch an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet -- und denkt an das, was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich oder Rußland!
Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert, wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die Einsamkeit geschaffen!“
Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein -- ich habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:
„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir -- das gehört sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte, das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden gewesen.
Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben -- sein eigenes Glück -- seinen eigenen Schmerz!