Part 17
Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut. Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran, daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind für ihn verschwunden -- er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.
Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh -- er ist wie ein Unsinniger -- nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends sehen lassen!“
Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm. „Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.
Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß, wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht, geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen zu ziehen.
Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine Unwahrscheinlichkeit.
Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden -- lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.
Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern zur Kaserne. --
Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat sich für ihn geändert -- etwas Neues und Unsagbares ist in sein Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie -- nicht ihre Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden, die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in weite, goldene Fernen -- er dichtet und träumt -- er leidet und jubelt -- -- aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist sowohl er wie sie völlig verwandelt.
Aber gleichgültig -- er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man nicht missen möchte. -- -- -- Doch das alte Kindervertrauen, die alte Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.
Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind zum Amüsieren da -- zu weiter nichts!“
Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! -- --
Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort -- man zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!
Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt Schützengräben aufwerfen -- werden mehr und mehr zu Infanteriediensten herangezogen.
Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst alles, was man zu können braucht!
Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins Feld?“
Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg. Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn, der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft, daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.
Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen, immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist, dann würde sie über ihn lachen -- und der Gedanke, daß sie über ihn lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch quälend! Entsetzlich quälend!
Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll, und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr offenbarte. Aber es geht -- geht nicht. Er kann die erlösenden Worte nicht finden!
Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm; sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es auch sei, die in sein Leben tritt -- er wird unter ihr leiden, denn seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.
Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend, gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird, nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen, sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?
Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung war ja jeder wie umgewandelt -- hatte jeder von seinem eigentlichen Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen. Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das, was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.
Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht allein darunter.
Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten aus der Kaserne zu warten.
Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die, der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen, wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.
Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen -- dann weiß sie genug!
Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen -- sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt! Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große, Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden hat -- sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.
Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr -- in ihr ist ein alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder eingezogen.
Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.
Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet, und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel, zu trostlos in ihrer Seele.
Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf. Nein, nichts -- gar nichts -- nur Ruhe -- nur Stille -- nur Dunkelheit. Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der große Aufruhr in die Welt kam.
Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen -- -- er wird ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind, zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser Zeit -- -- so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen war -- -- --. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat, und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. -- Der Inhalt dieses Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten, schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut floß -- viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen -- keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in der Zeit des langen Friedens liebt.
Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig -- die Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt -- was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? -- -- --
* * * * *
Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen kommandiert worden.
Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich kommen muß.
Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst vor sich.
Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten vortreten -- aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt haben!“
Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden, und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil nicht kriegstauglich.
Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden sind, an.
„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist also Eile nötig!“
Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!
Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und Tränkeimer in Empfang zu nehmen.
Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell zur Mutter hinüberzulaufen.
Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren nach Ungarn, Mutter. Pferde holen -- dann geht’s ins Feld, Hurra!“
Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will. Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn, die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn -- Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos! So eine schöne Reise!“
Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:
„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie, wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.
Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“
Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“ -- Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir aushelfen!“
Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn, und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein paar Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.
Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten! -- Zu Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst mal in den Zug nach Magdeburg. -- Dritter Güte -- das ist anständig; jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in rosigster Laune.
„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“
Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden Augen -- der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein Gefühl ist -- mal endlich aus der Kaserne raus!
„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von uns abgewöhnen.“
Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!
Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen bist? Nur keine Illusionen!“
Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren, die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.
Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in Magdeburg -- dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.
Die Freiwilligen -- Ulanen und Husaren -- bekommen Stadturlaub; in einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf. Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht. Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts -- man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!
Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen die meisten ihre Köpfe hängen. Macht der Gewohnheit. -- Um neun Uhr meldet sich der Schlaf! Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu schnarchen.
Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof. Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.
Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat, kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade, daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.