Der Kriegsfreiwillige

Part 16

Chapter 163,816 wordsPublic domain

Aber sie ist klein -- sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze, heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!

Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und trinken.

Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu geben, aber es gelingt ihr nicht recht. -- --

Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“

Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige Novemberstimmung!

Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.

Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht, schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen aussieht.

Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes -- die grauen Massen, die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.

Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.

Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen -- sie wollen sich den grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen. Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.

An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen ihre toten Brüder.

Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand heimgesucht hat, aussieht! -- Aber der Feind, der da mit den Särgen anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten sie ihr düsteres Geschäft.

Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet -- und drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt, und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet, schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen Gesichtern.

Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen, haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“

Tiefe Stille. -- Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden. Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was man nicht oft im Leben sieht -- man hat gesehen, daß auch der Feind ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen nicht ganz barbarisch sein!

Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg; da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.

Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt sich wohl.

Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher. Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen; man möchte weinen -- man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden finden!

Von draußen schlägt der Regen an die Fenster -- draußen toben die ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können ihnen nichts mehr anhaben.

Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das, was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.

Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.

Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf einmal ganz leicht.

Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle sein.

Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.

Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende nicht abzusehen ist.

Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem ‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer. Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die behagliche Sitzung abgebrochen werden.

Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht, wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man endlich zu Bett findet.

Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.

Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.

Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes Wort zu sagen -- aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden, und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören, wenn er seines Amtes waltet.

Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen Fühlen in sein Herz hinüber -- vielleicht tut es ihm unbewußt wohl, daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander verbindet.

Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.

Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die Tasche!“

Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“ sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“

Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen, so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?

Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort -- das weiß sie ja noch von sich selbst.

Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.

Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu waschen.

Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und Bleistifte -- Notizbücher und Zigaretten -- Heftpflaster und Schokolade -- drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen aufzukritzeln.

Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:

„Kalt ist die Nacht, Ich bin allein, Ich steh’ auf Wacht Ich denke dein!

Deutschland in Not, Vom Feind umstellt, Deutschland bedroht Von einer Welt.

Da kam die Liebe An mich heran. Ich sagte zur Liebe: ‚Faß mich nicht an!

Ich will keine Liebe! Mein Land ist in Not! Viel süßer als Liebe Ist heut der Tod!‘

Da neigt sich zu mir Ihr blondes Gesicht: ‚Heut bist du noch hier, Heut kämpfst du noch nicht

Heut kannst du knüpfen Mit mir ein Band. Und später kämpfst du Fürs Vaterland!‘“

Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren -- das Vaterland und ein fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so natürlich -- ist der Welt Lauf!

Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich behalten?

Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft gepredigt.

* * * * *

Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen, zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern bezeichnete.

Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich, so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn, was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und schleppt ihn mit zum Flußweg.

Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde, die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal, wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus -- oder geht den Weg zum Bahnhof hinunter -- -- es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist, daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird, daß er sich auf den Abend freuen kann.

Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten, und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird. Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt, wenn er sich etwas vorgenommen hat.

„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache. Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an. Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.

Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine, dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte Mondscheibe hin.

Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus etwas ängstlichen blauen Augen an.

Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen -- aber darum bist du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.

Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich; seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm. Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst -- ist sehr uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat, von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts ein, was er ihr sagen kann?

Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße -- da sagt die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht gehen!“ bittet sie.

„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg ein.

„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen mit dunklem Rot -- aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen gebrochen.

Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante, die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen -- und das Köpfchen schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit, alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn -- ein Gemisch von Mitleid und Zärtlichkeit.

Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem Leben erzählt -- nie hat eine sich an ihn geschmiegt -- denn die Sache mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei! Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar -- beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst mit Staunen erfüllt.

Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich immer enger an ihn an.