Der Kriegsfreiwillige

Part 15

Chapter 153,857 wordsPublic domain

Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!

„Von wem mag er die haben?“

Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“

Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will wirklich ein ganzer Mann werden.

Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?

Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im ewigen Kampf mit sich selbst.

Sie will nur noch Mutter sein -- sie will alt -- will ruhig sein. Sie hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz rebelliert -- das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe bringen.

Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden zu haben -- und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe -- nun muß dein Herz still und alt und ruhig werden!‘

Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz ist krank und jammert nach ihr.

Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist dunkle Nacht. „Ernst -- Ernst!“ ruft sie.

Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch kann über sich selbst hinaus!

Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand -- das Kind entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer Gefährte sein.

* * * * *

Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der Natur.

Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht, und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden. ‚Bürgerquartier -- aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu erzählen haben.

Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß, daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen, schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.

Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.

Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt. Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.

Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide -- Mutter und Tochter -- die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht besitzt.

An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute, liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich zu machen.

Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste Umgebung. Und möchte es doch so gern -- möchte nur einmal einen einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.

Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön -- vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu wandern, Fräulein Else?“

Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche, die gern die Erlaubnis gibt.

„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man so lange in der Altmark gewesen ist.“

Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus -- vielleicht ein wenig zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen bei Dunkelheit zu wandern pflegen.

In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist gerade eingelaufen.

Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.

Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne, kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man fährt.

Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und stiller wird es: Keine Uniformen mehr -- keine laute Musik -- keine militärischen Kommandos -- Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch die Seele.

Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern, und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind, fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt sie.

Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel, die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und Frieden überall!

Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll zufrieden daher.

Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen eingesegnet worden -- die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen eingesegnet worden.

Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.

Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große, schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige Herbstschönheit!

In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die Königin Luise eine Nacht verbracht -- eine traurige Nacht -- sagt man.

Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat. Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine, weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten, guten und doch starken Fürstin.

Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen Stadt Zuflucht suchen!‘

Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen, und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.

Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt und regt zum Sinnen an.

Ach, die Natur ist wie der Mensch -- der Frühling ist die schwere, sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen, solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend verharren.

Warum nur?

Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. -- Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden. Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.

In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder -- schaut sie aber, wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in ihrer Erinnerung geblieben.

Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. -- Die Sonne ist wie ein mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt. ‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen -- unausdenkbar!

Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich -- die Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille, schöne, geweihte Welt!

Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen; zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden etwas von der Kurfürstenzeit gehört? -- Oder hat man da schon gelebt? Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen, so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie sprechen hören!

Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!

Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen, miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.

Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin; eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift weit -- schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen, altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.

Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht die Luft mild und leis ums Gesicht.

Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten hinweg. -- Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.

Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.

Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor sich haben.

Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich denken kann, wenn ich traurig bin!“

Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.

Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.

Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die Luft ist kühl geworden -- der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.

Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden. Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab -- viel ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.

Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht, hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele gedrungen ist?

Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen -- letzte, wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.

Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.

Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich: ‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘

Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht. Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck wieder in sie hineinwill.

Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.

Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.

Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will -- heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.

Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein -- solange es noch Herzen gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung, daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader folgen wird, noch nicht verloren.

* * * * *

Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter, die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er vor dem Schilderhaus auf und nieder.

Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten, das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her wandert, oder ist es ein Bleisoldat?

Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine, weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist für die Mutter ein so seltsames Gefühl -- das kann sie noch gar nicht fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes Vorspiel für das, was kommen soll -- was in allernächster Zeit schon kommen kann.

Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten Heimweh geplagt -- -- --

Sie darf sich das nicht ausdenken -- es ist ihr, als müsse sie den Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und das Blut weicht vom Gehirn zurück. --

Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘