Part 14
Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!
Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist das altmärkische Land!
Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.
Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen -- sie sieht Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen hat.
So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen auf, -- darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß geworden -- darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen -- keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!
Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen Glockentöne: es ist Mitternacht.
Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.
„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren Armen gleiten.
Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die Umrisse der Reiter erkennen.
Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes. Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der Größe des Augenblicks.
Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt. Eine Tür wird geöffnet -- eine Anzahl Soldaten bilden Spalier -- die Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.
Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung, daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt, das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!
Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen, die in ihr Land kommen?“
Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst -- und das Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.
Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid, das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte -- wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?
Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall zieht, in ihr Lager hinein.
Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die, die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.
Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich. Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen. Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.
Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es sein?
Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!
Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt: ‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren -- ich habe ihn groß gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich ihn hingeben!‘
Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der Landsturm sich rings ums Lager verteilt.
Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder -- Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden werden!
Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen leiden -- deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein einziger Jammer -- ein einziger Weheschrei! Wer hat diesen unseligen Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche Finsternis geraten konnte?
Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was man jetzt sieht, wird man durch Wochen -- durch Monate -- vielleicht noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch lange, lange nicht ausgetobt!
* * * * *
Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.
Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend, durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen, Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die Personenbeförderung einschränkt.
Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen, und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.
Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch, den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu brennend geworden.
Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.
Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise von Wochen vor.
Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt; also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.
Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter. Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.
Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach -- aber sobald der Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.
Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die rechte Verbindung mit der Welt verliert.
Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende, helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.
Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne hinausbringt, ist zur Stelle.
Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘ muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.
Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und staunt über den weiten Weg.
Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht darunter.
Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei schüttelt sie den Kopf.
„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.
„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.
Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln; Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und läßt sich vom Jungen erzählen.
Plötzlich tut sich die Tür auf -- Sporen klirren, die Großmutter springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und weint und schluchzt dabei.
Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt: „Aber Großmutter -- Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er hat Stallwache.
Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade -- schlank und rank steht er vor ihr -- auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens -- die Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden -- kein Träumer -- kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte Sohn ihres Sohnes!
„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn früher hergeben müssen -- -- aber schadet nichts! Das, was ich immer für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!
Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht zu klagen haben!“
Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“
Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken -- dreierlei Sorten. Kein Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen -- kräftig und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst immer geliebt hat.
Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die Tränen.
Der Sohn ihres Sohnes! -- So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das eigene Kind im Gedächtnis behalten.
An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug, denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem ganzen Leben von sich abgeschoben.
Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in ihrem Herzen auf.
Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres Enkels -- die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da -- und Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder -- meine guten, herzigen Kinder!“
Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“
Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch noch ein Tag.
Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz anders als früher er in die Welt schaut -- wie ihm die Augen leuchten! Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz von selbst aus den Augen.
Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber -- es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.
Stramm steht er vor Großmutter -- die Hacken zusammengeschlagen -- Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“
Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist von seinem Geist!
„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.
Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!
Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein. „Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in den Kissen liegt.
Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.
Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt, wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald überwunden werden konnte.
Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute, Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht zurückschauen -- nicht grübeln -- nicht ändern wollen, was nicht zu ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!
„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden, daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.
„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch, daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.
„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen, eines Schmerzes Herr zu werden!
„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen Menschen, dem ich gut sein kann.
„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria, das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.
„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund machen.
„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen, und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’ ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.
„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind -- mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.
Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden, als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne herauskommt!
Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur Kaserne zurück.
Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle -- jeder auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe. Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht, fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier schon so wild angeht!
Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu ziehen?“
Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand, die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.