Der Kriegsfreiwillige

Part 13

Chapter 133,985 wordsPublic domain

Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei: An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei; aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird, leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.

Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es geboren war!‘ --

Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen. Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen, ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste, die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die, der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.

Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl, das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.

Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.

Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!

Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen, daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu überbringen?

Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?

Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist Krieg -- ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten die richtigen Worte finden.

Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden; doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen. Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum und macht keine Miene, zu gehen.

Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen. Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu schweigen.

Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich fragend an.

Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt, sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große, ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.

Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten, bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige Glück sieht.

Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.

Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über. Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.

„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt, dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.

„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen und höre ihn stöhnen!“

Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers Händen.

„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus deren Mund.

Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele dasselbe zu leiden haben.

Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht mehr beten -- ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand, und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende -- auch mit dem armen Wurm da!“

Wie sie das vor sich hinspricht -- ohne Bewegung im Gesicht -- ohne Ton in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird. Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem ihren berührt.

„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.

Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr. Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr des Glückes -- dann aus!

Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt ihre Hand in Frau Hillers Händen.

Still ist’s um die beiden -- fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum tönt das Ticken einer Uhr.

Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen, die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird, reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im Alltag weiterschlagen müssen!

Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.

Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige Atemzüge -- ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.

Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett. Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.

Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut werden. Der Mensch kann alles aushalten -- nur Ungewißheit nicht!“

Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und will mit der Mutter zu Nacht essen.

Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens, daß die Sache in Gang gebracht wird -- daß man in absehbarer Zeit hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland, und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.

* * * * *

Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.

Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!

Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln, bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches! Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!

Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden -- keiner irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.

Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren. In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! -- die die Russen kommen!! -- jedes Kind weiß es.

Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht; Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort. Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.

Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.

Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst ungeheuren Jubel aus.

So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und wagt sich zu keinem Angriff vor.

Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.

Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.

Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.

Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die hohen Bogenlampen.

Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.

Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz. Er hat das Amt, nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.

Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder; ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie davongetragen.

Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.

Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn er irgendwo etwas Lebendiges wittert.

Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater. Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“

Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.

„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden, so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“

Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.

Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.

Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“

Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die Mütze auf dem Kopf.

Seltsam mutet dies Bild an -- traurig -- öd -- unfreundlich! Die Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel, alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat: der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.

Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.

Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.

Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?

Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.

Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch, der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte erzählen lassen?“

Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.

Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut, hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen -- immer er mit dem Bruder zusammen -- schlechtes Essen -- trübe Nächte, und die Deutschen schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben -- der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die schon fast ganz ausgeheilt ist.

Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet -- nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!

„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!

Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das, was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das, was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?

Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.

Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“