Part 12
Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden. Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht, und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“ brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin. Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den sie schießen sollen, vorbei.
An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem Wald zu ist.
Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“
Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister, vom ‚alten Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein und läßt das Licht aufflammen.
Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und noch einer, und Hiller schreit laut auf.
Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.
„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp, selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.
„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den Gäulen nachzulaufen.
Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.
„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“
Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung schnell verfliegen.
„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.
Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier wildgewordene Gäule ankommt!“
„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! -- Schlappe Kanaillen! Was denkt ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll? Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“
Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück Weg entlang.
Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers Fuchs und das Pferd des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der feindlichen Partei aufgefangen worden.
Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune -- steigt auf -- heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi -- fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert, wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen, also immer rund herum um den Wald -- das bedeutet statt einer und einer halben Stunde drei Stunden Weges.
Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen; sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er hingehört.
Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“
Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.
„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen Karten um Geld spielen.
Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen, und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie -- schrecklich für das musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach; das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen. Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen. Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“ Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren traktieren. Die Köpfe sind rot -- Witze werden erzählt; die Luft in der kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich erlöschen.
Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.
Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde. Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend treten sie in die Nachtluft hinaus.
Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel -- pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat, haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel -- pfui Teufel!‘ Hier in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen, und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab. „Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste Esel, den ich je gesehen habe!“
Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich ablohnen und überreichen die Lanzen.
Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten. Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum Stalldienst zur Stelle.
Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.
Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“
Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder. Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse eine Runde auffahren.
* * * * *
Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden, und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt. Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend: „Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen Trunkenbold!“
Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man. Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.
Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt. Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen doch nun wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den Feind zu kommen.
Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da. Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.
Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt: „Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und Räder!“
Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren! Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf eurer nicht!‘
Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel herab: Geduld -- Geduld und wieder Geduld. -- --
Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb Monaten, als er begann -- mitten im Sommer, damals, als es so toll und rasend schnell ging --, da war der Krieg ein einziger Jubel -- ein einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt und rauh werden -- nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?
In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein Geheimnis -- aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher; Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind, erzittern.
Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß! Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl doch nur ein Märchen -- und die Herzen beruhigen sich wieder.
Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist. Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und abwechslungsreicher hat.
Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht -- sogar sehr recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr. Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.
In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen. Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden. Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden aus dem armen, bangen Herzen.
Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da, und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als gebraucht werden können.
Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die, die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die Kinderjahre denken müssen -- an die tote Mutter und das ganze, längst versunkene Jugendland.
So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist, begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte. Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich -- unfaßbar! Das Kreuz, das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.
Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung. Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge, lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend vor dem Alter zu Grabe getragen wird.
In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen zurücklegt.
Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie. Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist, sie hat echtes Gefühl.
Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom Scheiden und Sterben und Verlassensein.
Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem Gesang.
Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.
Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf. Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen, wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen, was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs Vaterland -- ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um dasselbe.
Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘ bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die, bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.
Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein wenig näherzurücken.
Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen; wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird, wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!
Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt -- genau wie in Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber man möchte mehr tun!
Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?
Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier, im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das gute Heim gefunden hat.