Der Kriegsfreiwillige

Part 11

Chapter 113,898 wordsPublic domain

Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie -- die Eidfinger erhoben -- nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres Lied zusammen.

Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.

Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der großen Zeit würdig erweisen?

Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare, überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer: der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt, hinauszieht -- oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten muß.

„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen vorsagt. Die Orgel spielt -- der Regen peitscht gegen die Fenster -- der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“

Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.

Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt, aber es tut wohl.

Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben -- müssen sich verbunden fühlen in dieser Zeit -- -- -- die höchste und die niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle, alle durchkosten müssen?

Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick. Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum Herzen strömt.

Die Orgel spielt lauter -- das Haus wird erfüllt von den mächtigen Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster -- die Seele wird emporgetragen.

Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes: ‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt -- die Stimmen setzen ein und schwellen an -- keine Mutter schluchzt jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.

„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus. „+Herr, mach’ uns frei!+“ Und die Wände werfen es zurück -- die Orgel spielt ein hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen sind stolz und froh geworden.

Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:

„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“

Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.

Das Unwetter hat ausgetobt -- -- durch die grünen Kastaniendächer bricht leise die Sonne durch.

Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken; aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine Ansprache an sie -- eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren schwenken in Reihen ab -- kehren zur Kaserne zurück. --

Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein Ehrentag heute; die Jugend, die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.

Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun. Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten, an den Tisch und setzt sich neben Hiller.

Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad -- heute ist er Soldat und nichts weiter.

Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens, das er ablegen sollte, auf.

Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der Junge weicht ihr aus.

Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natürlich eine Erinnerung an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.

Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein; er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?

Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s heiß; sie haben gut gegessen -- nun trinken sie und rauchen gute Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife und Klarinette:

„Die Vöglein im Walde, sie singen so wunder-wunderschön: In der Heimat -- in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“

Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein. Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern, draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer jungen Lebensfreude:

„Die Vöglein im Walde, sie singen so wunder-wunderschön: In der Heimat -- in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“

Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den Tischen auf.

„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller -- schnallt den Säbel um, setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.

* * * * *

Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr. Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet werden!

Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘

Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!

Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will. Begeisterung muß immer neue Nahrung haben -- genau wie ein Feuer im Kamin -- sonst erlischt sie.

Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden, Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die Begeisterung herkommen?

Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der Welt will gelernt sein -- auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.

Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut Kirschen essen ist.

Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen Schülern.

Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind, noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er wird ihnen beikommen!

Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er steht und der seine Ungnade erworben hat.

Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt. Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl, daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden Schienbeins wegen im Bett liegt und die anderen vielleicht gerade dann ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme und kann schon was ertragen.

Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.

‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.

Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie heißt du?“

Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie alle anderen, merk’ dir das!“

Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister, ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat -- zu sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.

„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich sitzen.

Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So -- der Vater ist schon lange tot! Hm -- und er ist das einzige Kind! Schwer für die Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen Hiller.

Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu hoch für ihn sei und dazu gemein ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.

Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.

„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst? Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du, daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“

Teufel, ja -- da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.

„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“

Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der gewohnt-treuherzigen Art an.

„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“ wagte er zu sagen.

„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das Antwortgeben bald vergehen!“

Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt, von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr verschieden.

Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison angereist kommt -- und das tut er häufig -- ladet er den jungen Hiller jedesmal mit ein.

Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er ihn, wie er ist.

Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen Freunden auserkoren.

Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen, wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.

Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.

Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm Zucker.

Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘ läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.

Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest krepiert!“

Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken, und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.

Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus. Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...

Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.

Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es. Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.

Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich. Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten, wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.

„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt er den Huf auf die Erde aufschlagen.

„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie, eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken. Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen können.

Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit ihm.

„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen: Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da überhaupt raufgekommen?“

Hillers Augen strahlen den Arzt an.

„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.

„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie auf jeden Bock hinaufkönnen!“

Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte, kommt er auf das Leid der Menschheit zurück -- auf diesen entsetzlichen Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?

Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.

„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal, hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld, und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen, trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum. In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht und gesungen und politisiert.

Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen ‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu freuen. --

Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war schön und interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.

‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine Dienstmütze.

Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen. Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit dem Feind zu halten.

Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden ~D~-Zug abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.

Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu fügen und sich gut zu Pferde zu halten.

Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der Schulter -- die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts -- die mit den Dienstmützen nach links.

Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es zusammen und scheut.