Part 10
Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben niederstechen.
Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht. Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.
„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie verzerrt.
Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.
„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist schon verraucht -- nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen. Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen fressen. Die Mutter erschrickt.
Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.
In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat, das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater geerbt hätte.
Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt: „Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht! Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein, bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“
Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt etwas, was ihn quälte, übertönen.
„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“
Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.
Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast willenlos, geht sie an seinem Arm dahin -- und der kleine Husar kommt weiter ins Philosophieren hinein.
„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich! Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“
Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller beschleunigt die Schritte.
„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber, daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“
„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen sind!“
Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück. Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.
Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn, was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür hinter sich zufliegen.
Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt. Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.
Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein, Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen, das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell und geht mit Fräulein Else in die Küche.
Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.
Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.
Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die Glut der verglimmenden Kohlen.
Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich zugetragen haben muß.
Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller. Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie alte, gute Bekannte.
Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“
Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.
Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.
Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf -- sie weint so, wie nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!
„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt ihr nur das bei?“
Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind einverstanden.
Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie herum beginnen wieder zu sprechen.
Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie leidet, aber sie mag sie nicht fragen.
Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um sich.
Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer, und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“
Die Frau sieht sie groß an. „Nein -- die ist nicht verlobt. Es ist der Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand paßt!“
Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über Tisch und Boden.
Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle Straße hinunter.
„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“
„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster und blickt zur Kaserne.
* * * * *
All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen -- September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des furchtbaren Krieges vergangen.
Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren, sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.
Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande gezogen.
Viel Blut ist geflossen -- viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die Sonne hat dazu geleuchtet -- warme Lüfte haben geweht, und die Abende sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau und düster über der Erde liegt?
Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt. Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel; die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer. Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.
Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.
Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter, die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der Straße trennt, blicken.
In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung, Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst, der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.
Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne, altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche, die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz. Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.
Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der heutigen Feier hätte.
Neben ihr sitzt eine andere Mutter -- auch aus Berlin -- auch hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu sprechen.
Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger, niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen -- kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz, das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis versinken muß?
Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen! Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des Leidens gemeinsam zurückgelegt war.
„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“
Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und Stärke fordert.
Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum. Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen, rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!
Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern; dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen! Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.
Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen blicken starr und still vor sich hin. --
Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken setzen ein -- mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.
Schritte hallen draußen im Vorraum -- eine Bewegung -- ein Rauschen. Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um dessentwillen er hierherkam, sehen.
Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus, die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede duldet.
Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den anderen.
Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.
„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern stehen.
„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ -- Es ist herrlich, mit welcher Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel -- aber wenn man diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.
Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht mehr an die Mutter.
Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt, und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.
„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland -- heute gilt es einen Eid zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“
Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der Kirche zurückgeworfen.
„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“
Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter sind es zumeist -- ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem, der zu ihnen spricht, empor.
Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.
Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.
Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen, die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.
Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch -- wie es hier aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette vor sich erstehen sieht -- da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner Vergangenheit tolle sich hier auf.
Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind geboren, damit es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen, sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?
Unausdenkbar! Grauenvoll!
Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff, während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur Kanzel aufschauen.
Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter hier in diesem Raume erschienen -- einer, der das Wort des Herrn mit der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.
Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm; es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der Welt vor sich geht, erinnert werden.
Ein Gebet wird gesprochen -- ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen kann!
Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da. Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die Kirche geht. Er liest den Fahneneid:
„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“
Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur ab.