Der König der dunklen Kammer

Part 5

Chapter 53,057 wordsPublic domain

Schon gut, wir werden bei geeigneter Gelegenheit kommen und bezeigen, was Schicklichkeit und Freundwilligkeit erfordern -- aber gegenwärtig sind wir mitten in einem dringenden Geschäft. Er wird warten müssen, bis diese kleine Angelegenheit erledigt ist.

_Großvater_

Wenn er seinen Ruf ergehen läßt, wartet er nicht.

_Koschala_

Ich gehorche seinem Ruf; ich gehe sofort.

_Vidarbha_

Kantschi, ich kann deinem Vorschlag, zu warten, bis diese Angelegenheit erledigt ist, nicht zustimmen. Ich gehe.

_Kalinga_

Ihr seid älter als ich -- ich folge euch.

_Pantschala_

Sieh hinter dich, Fürst von Kantschi, dein königlicher Schirm liegt im Staub: du hast nicht beachtet, wie dein Schirmträger sich fortgestohlen hat.

_Kantschi_

Wohlan, General. Auch ich gehe -- aber nicht, um ihm Huldigung zu leisten. Ich gehe, auf dem Schlachtfeld mit ihm zu kämpfen.

_Großvater_

Du wirst meinen König auf dem Schlachtfeld treffen: das ist kein unwürdiger Platz für deinen Empfang.

_Virat_

Gebt acht, Freunde, vielleicht fliehen wir alle vor einem Schreckgespenst -- es sieht so aus, als ob der König von Kantschi den Vorteil davon haben sollte.

_Pantschala_

Kann sein, wenn die Frucht so nahe winkt, ist es feige und töricht, fortzugehen, ohne sie zu pflücken.

_Kalinga_

Es ist besser, sich dem König von Kantschi anzuschließen. Er muß einen bestimmten Plan und Zweck haben, wenn er soviel wagt.

XVI.

Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Der Kampf ist nun aus. Wann wird der König kommen?

_Surangama_

Ich weiß es selbst nicht: ich sehe auch seinem Kommen entgegen.

_Sudarschana_

Mein Herz pocht so wild vor Freude, Surangama, daß mir die Brust tatsächlich weh tut. Aber ich sterbe auch fast vor Scham; wie soll ich ihm mein Gesicht zeigen?

_Surangama_

Geh zu ihm in äußerster Demut und Entsagung, und alle Scham wird im Nu verschwinden.

_Sudarschana_

Ich muß nun schon bekennen, daß ich die äußerste Demütigung für mein ganzes übriges Leben gefunden habe. Aber der Stolz war schuld, daß ich so lange den größten Anteil an seiner Liebe begehrte. Alle Welt sagte immer, ich besäße eine so wunderbare Schönheit, solche Reize und Tugenden; alle Welt sagte immer, der König zeigte unbegrenzte Güte gegen mich -- das macht es für mich so schwer, mein Herz in Demut vor ihm zu beugen.

_Surangama_

Diese Schwierigkeit, meine Königin, wird vergehen.

_Sudarschana_

O ja, sie wird vergehen -- der Tag ist für mich gekommen, mich vor der ganzen Welt zu demütigen. Aber warum kommt der König nicht, mich zurückzuholen? Worauf wartet er noch?

_Surangama_

Habe ich dir nicht gesagt, daß mein König grausam und hart ist -- sehr hart fürwahr?

_Sudarschana_

Geh, Surangama, und bring' mir Nachricht von ihm.

_Surangama_

Ich weiß nicht, wohin ich gehen sollte, um etwas von ihm zu erfahren. Ich habe Großvater gebeten, zu kommen; vielleicht hören wir, wenn er kommt, etwas von ihm.

_Sudarschana_

Ach, mein böses Geschick! Es ist so weit mit mir gekommen, daß ich andre fragen muß, um etwas von meinem eignen König zu hören!

Großvater tritt ein.

_Sudarschana_

Ich habe gehört, daß du der Freund meines Königs bist, so laß mich dir Ehrfurcht bezeugen und gib mir deinen Segen.

_Großvater_

Was tust du, Königin? Ich nehme nie Ehrfurchtsbezeugungen an. Ich will nichts weiter als jedermanns Kamerad sein.

_Sudarschana_

So schenk mir denn ein freundlich Lächeln -- gib mir gute Kunde. Sag mir, wann der König kommt, mich zurückzuholen.

_Großvater_

Du fragst mich eine schwere Frage, fürwahr! Ich verstehe noch kaum die Wege meines Freundes. Die Schlacht ist geschlagen, aber niemand kann sagen, wohin er gegangen ist.

_Sudarschana_

Ist er denn fortgegangen?

_Großvater_

Ich kann hier keine Spur von ihm finden.

_Sudarschana_

Ist er gegangen? Und nennst du solch einen deinen Freund?

_Großvater_

Deshalb schmähen und verdächtigen ihn die Leute. Aber mein König kümmert sich einfach nicht im geringsten darum.

_Sudarschana_

Ist er fortgegangen? Oh, oh, wie hart, wie grausam, wie grausam! Er ist aus Stein, er ist hart wie Diamant! Ich versuchte, ihn mit meinem Herzen zu bewegen -- es ist zerrissen und blutet -- aber ihn konnte ich nicht einen Zoll bewegen! Großvater, sag mir, wie kannst du mit solch einem Freund auskommen?

_Großvater_

Ich kenne ihn nun -- ich habe ihn in meinen Leiden und Freuden kennengelernt -- er kann mich nicht mehr zum Weinen bringen.

_Sudarschana_

Wird er sich mir nicht auch zu erkennen geben?

_Großvater_

Gewiß wird er das, natürlich. Er wird nicht eher ruhen.

_Sudarschana_

Wohlan denn, ich werde sehen, wie hart er sein kann! Ich werde hier am Fenster stehen, ohne ein Wort zu sagen; ich werde mich nicht einen Zoll von der Stelle rühren; ich will sehen, ob er nicht kommt!

_Großvater_

Du bist noch jung -- du kannst es dir leisten, auf ihn zu warten; aber für mich alten Mann ist der Verlust eines Augenblicks eine Woche. Ich muß hinaus, ihn zu suchen, ob ich ihn finde oder nicht.

Ab.

_Sudarschana_

Ich brauche ihn nicht -- ich will ihn nicht suchen! Surangama, ich bedarf deines Königs nicht! Warum kämpfte er mit den Fürsten? Geschah es überhaupt für mich? Wollte er sein Heldentum und seine Stärke zur Schau stellen? Geh fort von hier -- ich kann deinen Anblick nicht ertragen. Er hat mich in den Staub erniedrigt und ist noch nicht zufrieden!

XVII.

Eine Schar von Bürgern.

_Erster Bürger_

Als so viele Könige zusammentrafen, dachten wir, es würde eine rechte Kurzweil für uns geben; aber irgendwie nahm alles eine solche Wendung, daß niemand weiß, was überhaupt geschehen ist!

_Zweiter Bürger_

Saht ihr nicht, daß sie untereinander zu keiner Verständigung kommen konnten? -- jeder mißtraute dem andern.

_Dritter Bürger_

Keiner hielt sich an ihre ursprünglichen Pläne; einer wollte vorrücken, ein anderer hielt den Rückzug für die bessere Politik; einige wandten sich nach rechts, andere liefen Sturm nach links: wie kann man das eine Schlacht heißen?

_Erster Bürger_

Sie hatten keinen Sinn für wirklichen Kampf -- jeder hatte seine Augen auf den andern.

_Zweiter Bürger_

Jeder dachte: »Warum sollte ich sterben, um es den andern zu ermöglichen, die Ernte einzuheimsen?«

_Dritter Bürger_

Aber ihr müßt alle zugeben: Kantschi kämpfte wie ein wirklicher Held.

_Erster Bürger_

Er schien noch lange, nachdem er geschlagen war, nicht gewillt, seine Niederlage anzuerkennen.

_Zweiter Bürger_

Zuletzt wurde ihm von einem tödlichen Wurfgeschoß die Brust durchbohrt.

_Dritter Bürger_

Aber vorher schien er nicht gewahren zu wollen, daß er bei jedem Schritt Boden verloren hatte.

_Erster Bürger_

Die andern Könige aber -- nun, keiner weiß, wohin sie geflohen sind; den armen Kantschi ließen sie allein auf dem Feld.

_Zweiter Bürger_

Aber ich habe gehört, er sei noch nicht tot.

_Dritter Bürger_

Nein, die Ärzte haben ihn gerettet -- aber er wird den Stempel seiner Niederlage bis zum Tag seines Todes auf der Brust tragen.

_Erster Bürger_

Keiner von den andern Königen, die flohen, ist entkommen; sie sind alle gefangengenommen worden. Aber was ist das für eine Sorte Justiz, die an ihnen geübt wurde?

_Zweiter Bürger_

Ich habe gehört, daß jeder bestraft wurde, mit Ausnahme von Kantschi, dem der Richter auf dem Thron der Gerechtigkeit den Platz zu seiner Rechten anwies und ihm eine Krone aufs Haupt setzte.

_Dritter Bürger_

So etwas Unfaßbares ist noch nicht dagewesen.

_Zweiter Bürger_

Diese Sorte Justiz, frei herausgesagt, kommt uns launisch und grillenhaft vor.

_Erster Bürger_

So ist es. Der größte Sünder ist ganz gewiß der König von Kantschi; die andern trieb einmal Gewinngier vorwärts, und das andre Mal zog sie die Furcht zurück.

_Dritter Bürger_

Was für eine Sorte Justiz ist das, frage ich? Es ist, wie wenn der Tiger ungestraft davonkäme, während sein Schwanz abgeschnitten würde.

_Zweiter Bürger_

Wenn ich der Richter wäre, glaubt ihr, Kantschi liefe zur Stunde heil und gesund herum? Nicht das geringste wäre mehr von ihm übrig.

_Dritter Bürger_

Das sind große Oberrichter, Freunde; ihre Gehirne haben ein andres Gepräge wie unsre.

_Erster Bürger_

Haben sie überhaupt ein Hirn, möcht' ich wissen? Sie frönen einfach ihren Launen, da keiner über ihnen ist, der ihnen etwas sagen dürfte.

_Zweiter Bürger_

Ihr könnt sagen, was ihr wollt, wenn die Regierungsgewalt in unsern Händen wäre, hätten wir sicher die Regierung besser geführt als so.

_Dritter Bürger_

Kann darüber überhaupt noch Zweifel bestehen? Das versteht sich natürlich von selbst.

XVIII.

Die Straße. Großvater und Kantschi.

_Großvater_

Wie, Fürst von Kantschi, du hier?

_Kantschi_

Dein König hat mich auf die Straße geschickt.

_Großvater_

Das ist eine stehende Gewohnheit bei ihm.

_Kantschi_

Und nun kann niemand eine Spur von ihm erblicken.

_Großvater_

Auch das gehört zu seinen Vergnügungen.

_Kantschi_

Aber wie lange will er mir noch so ausweichen? Als nichts mich dazu bringen konnte, ihn als meinen König anzuerkennen, kam er plötzlich daher wie ein schrecklich gewaltiger Sturm -- Gott weiß, woher -- und zersprengte meine Leute und Pferde und Banner in einen einzigen wilden Aufruhr: nun aber, wo ich die Grenzen der Erde absuche, um ihm meine demütige Huldigung zu erweisen, ist er nirgends zu sehen.

_Großvater_

Aber wie groß er als König auch sein mag, er hat sich dem zu fügen, der sich unterwirft. Aber warum bist du bei Nacht hinausgewandert, Fürst?

_Kantschi_

Ich kann ein geheimes Gefühl der Angst noch nicht loswerden, die Leute könnten mich auslachen, wenn sie sehen, wie ich euerm König demütig meine Huldigung darbringe und meine Niederlagen anerkenne.

_Großvater_

So sind die Leute in der Tat. Was andre zu Tränen rühren würde, dient nur dazu, ihr leeres Lachen hervorzurufen.

_Kantschi_

Aber du bist auch auf der Straße, Großvater.

_Großvater_

Ich bin auf der fröhlichen Pilgerfahrt zu dem Land, wo man alles verliert.

_Gesang des Großvaters_

Ich warte mit all meiner Habe in Hoffnung, sie all zu verlieren. Ich laure am Straßenrand auf den, der einen hinaus auf die Straße schickt, Der sich verbirgt und sieht, der ohne dein Wissen dich liebt, Ich hab ihm in heimlicher Liebe mein Herz gegeben, Ich warte in Hoffnung mit all meiner Habe, sie all zu verlieren.

XIX.

Eine Straße. Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Welche Erlösung, Surangama, welche Freiheit! Meine Niederlage ist es, die mir die Freiheit gebracht hat. Oh, was besaß ich für einen ehernen Stolz! Nichts konnte ihn rühren oder erweichen. Mein verfinsterter Geist konnte auf keine Weise dazu gebracht werden, die schlichte Wahrheit zu sehen, daß nicht der König zu kommen hatte, sondern daß ich zu ihm gehen sollte. Die ganze Nacht hindurch gestern lag ich allein im Staub auf dem Boden am Fenster -- lag da trostlose Stunden lang und weinte! Die ganze Nacht bliesen die Südwinde und schrien und stöhnten wie die Qual, die an meinem Herzen nagte; und immer hindurch hörte ich das klagende: »Sprich, Weib!« des Nachtvogels, das in dem Aufruhr draußen als Echo tönte!... Es war das hilflose Wehklagen der dunklen Nacht, Surangama!

_Surangama_

Die schwere melancholische Weise der letzten Nacht schien eine Ewigkeit forttönen zu wollen -- oh, welch trübe düstere Nacht!

_Sudarschana_

Aber willst du es glauben -- mir war, ich hörte die sanften Akkorde der Laute durch all den wilden Lärm und Aufruhr strömen! Konnte er so süße und zarte Weisen spielen, er, der so grausam und schrecklich ist? Die Welt kennt nur meine Entwürdigung und Schmach -- aber keiner als mein eigenes Herz konnte diese Akkorde hören, die durch die einsame und klagende Nacht hin nach mir riefen. Hörtest du, Surangama, diese Laute auch? Oder war das nur ein Traum von mir?

_Surangama_

Aber eben um die Musik dieser Laute zu hören, bin ich ja immer an deiner Seite. Auf diesen Ruf der Musik, von dem ich wußte, er würde eines Tages kommen und all die Schranken der Liebe zunichte machen, habe ich mit gespanntem Ohr all die Zeit her gelauscht.

_Sudarschana_

Schließlich schickte er mich auf die Landstraße -- ich konnte seinem Willen nicht widerstehen. Wenn ich ihn finde, werden die ersten Worte sein, die ich ihm sage: »Ich bin freiwillig gekommen -- ich habe nicht abgewartet, bis du kamst.« Ich werde sagen: »Um deinetwillen bin ich die harten beschwerlichen Straßen gewandert, und bitter und unaufhörlich war auf dem ganzen Weg mein Weinen.« Ich werde wenigstens diesen Stolz in mir haben, wenn ich zu ihm komme.

_Surangama_

Aber selbst dieser Stolz wird nicht dauern. Er kam vor dir -- wer sonst hätte dich auf die Straße schicken können?

_Sudarschana_

Vielleicht ist es so. Solange noch ein Gefühl gekränkten Stolzes in mir war, mußte ich glauben, er hätte mich für immer verlassen; aber als ich meine Würde und meinen Stolz in die Winde schleuderte und auf die gemeinen Straßen hinausging, da schien es mir, als wäre auch er herausgekommen: ich habe angefangen, ihn zu finden, seit ich auf der Straße bin. Ich fürchte nun nichts mehr. All diese Leiden, durch die ich um seinetwillen hindurchgegangen bin, gerade die Bitterkeit all dieser Leiden bringt ihn zu mir. Ach ja, er ist gekommen, er hat mich bei der Hand genommen, gerade wie er es in jener Kammer der Dunkelheit gern tat, wo bei seiner Berührung all mein ganzer Leib in plötzlicher Wonne erbebte: es ist dieselbe, dieselbe Berührung wieder! Wer sagt, er sei nicht hier? -- Surangama, kannst du nicht sehen, daß er gekommen ist, schweigend und insgeheim?... Wer ist jener dort? Sieh, Surangama, dort ist ein dritter Wanderer auf dieser dunklen Straße zu dieser nächtlichen Stunde.

_Surangama_

Ich sehe, es ist der König von Kantschi, meine Königin.

_Sudarschana_

Der König von Kantschi!

_Surangama_

Fürchte dich nicht, meine Königin!

_Sudarschana_

Fürchten! Warum sollte ich mich fürchten? Die Tage der Furcht sind für mich für immer vorbei.

_Kantschi_ (tritt auf)

Mütterchen Königin, ich sehe euch beide auf dieser Straße! Ich bin ein Wanderer auf demselben Weg wie du. Habe keine Furcht vor mir, o Königin!

_Sudarschana_

Es ist gut, König von Kantschi, daß wir zusammen gehen, Seite an Seite -- das ist nur in Ordnung. Ich kam dir in den Weg, als ich zuerst mein Heim verließ, und nun begegne ich dir wieder auf dem Rückweg. Wer hätte sich träumen lassen, daß diese unsre Begegnung voll so guter Verheißung war?

_Kantschi_

Aber, Mütterchen Königin, es gebührt sich nicht, daß du zu Fuß über diese Straße wanderst. Willst du mir gestatten, einen Wagen für dich zu besorgen?

_Sudarschana_

Oh, sage das nicht: ich wäre nie wieder glücklich, wenn ich nicht auf meinem Rückweg nach Hause auf den Staub der Straße treten könnte, die mich von meinem König weggeführt hat. Ich würde mich selbst betrügen, wenn ich jetzt in einem Wagen fahren würde.

_Surangama_

König, auch du wanderst heute im Staub: diese Straße hat niemals einen gekannt, der Pferd oder Wagen über sie gelenkt hätte.

_Sudarschana_

Als ich die Königin war, schritt ich auf Silber und Gold -- ich habe nun für das Unglück meiner königlichen Geburt zu büßen, indem ich auf Staub und nackter Erde wandre. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich heute bei jedem meiner Schritte im gemeinen Staub der Erde meinen König finden würde.

_Surangama_

Sieh, meine Königin, dort im Osten dämmert der Morgen. Wir haben nicht mehr lange zu wandern: ich sehe die Spitzen der goldenen Türme des Königspalastes.

Der Großvater tritt auf.

_Großvater_

Mein Kind, es tagt -- endlich!

_Sudarschana_

Du hast mir deinen Segen zum Geleit gegeben, und hier bin ich nun.

_Großvater_

Aber siehst du, was für schlechte Manieren unser König hat? Er hat keinen Wagen geschickt, keine Musik, nichts von Glanz und Pracht.

_Sudarschana_

Nichts von Pracht, sagst du? Sieh hin, der Himmel ist rosig und purpurn über und über, und die Luft ist voll von dem Willkommgruß der Blumendüfte.

_Großvater_

Ja, aber so grausam unser König sein mag, dürfen wir doch nicht suchen, mit ihm zu wetteifern: ich kann mich des Schmerzes nicht erwehren, wenn ich dich in diesem Zustand sehe, mein Kind. Wie können wir ertragen, dich in dieses arme zerlumpte Gewand gekleidet in den Königspalast eingehn zu sehen? Warte etwas -- ich laufe und hole dir deine Königsgewänder.

_Sudarschana_

O nein, nein, nein! Er hat diese Königskleider für immer von mir genommen -- er hat mich vor den Augen der ganzen Welt in das Kleid einer Magd gekleidet: welche Erlösung ist das für mich gewesen! Ich bin nun seine Magd, nicht länger seine Königin. Heute stehe ich tiefer als alle die, die irgendeine Verwandtschaft mit ihm beanspruchen können.

_Großvater_

Aber deine Feinde werden nun über dich lachen: wie kannst du ihren Spott ertragen?

_Sudarschana_

Laß ihr Gelächter und ihren Spott unauslöschlich sein -- laß sie auf den Straßen Staub nach mir werfen: dieser Staub wird heute der Puder sein, mit dem ich mich schmücken will, ehe ich meinem Herrn entgegentrete.

_Großvater_

Danach habe ich nichts mehr zu sagen. Nun wollen wir das letzte Spiel unsres Frühlingsfestes spielen -- anstatt mit Blütenstaub soll der Südwind alles mit dem Staub der Demut überschütten! Wir werden zum Herrn gehen, gekleidet in das gemeine Grau des Staubes. Und wir werden auch ihn über und über mit Staub bedeckt finden. Denn, meint ihr, die Leute schonen ihn? Selbst er kann ihren schmutzigen und staubigen Händen nicht entgehen, und er denkt nicht einmal daran, den Schmutz von seinen Kleidern zu bürsten.

_Kantschi_

Großvater, vergiß mich nicht in deinem Spiel! Ich will auch dies mein Königsgewand beschmutzen lassen, bis es nicht mehr zu erkennen ist.

_Großvater_

Das wird nicht viel Zeit brauchen, mein Bruder. Nun du so tief heruntergekommen bist, wirst du deine Farbe in kürzester Frist wechseln. Sieh nur unsre Königin an -- sie geriet in Zorn gegen sich selbst und dachte, sie könnte ihre unvergleichliche Schönheit zerstören, indem sie all ihren Schmuck wegwarf: aber diese Beleidigung ihrer Schönheit ließ sie in zehnfachem Glanz erstrahlen, und nun ist sie in dieser Schmucklosigkeit zur Vollendung gelangt. Unser König selbst ist gestaltlos und ohne Schönheit, darum liebt er sie in seinen mannigfachen Erscheinungen als seinen höchsten Schmuck. Und diese Schönheit hat heute den Schleier von Stolz und Eitelkeit abgetan! Was gäbe ich nicht darum, wenn ich die wunderbare Musik und den Gesang hören dürfte, der heute meines Königs Palast erfüllt!

_Surangama_

Seht, dort geht die Sonne auf!

XX.

Die dunkle Kammer.

_Sudarschana_

Herr, gib mir die Ehre nicht zurück, die du mir einmal genommen hast! Ich bin die Magd deiner Füße -- ich suche kein andres Vorrecht, als dir zu dienen.

_König_

Wirst du jetzt imstande sein, mich zu ertragen?

_Sudarschana_

O ja, ja, das werde ich. Dein Anblick stieß mich zurück, weil ich dich im Lustgarten, in meinen fürstlichen Gemächern gesucht hatte: da sieht noch dein geringster Diener gefälliger aus als du. Dieses Fieber des Verlangens hat meine Augen für immer verlassen. Du bist nicht schön, o Herr -- du stehst über allem Vergleich!

_König_

Was mit mir vergleichbar ist, liegt in dir selbst.

_Sudarschana_

Wenn es so ist, dann ist auch das unvergleichlich. Deine Liebe lebt in mir -- du wirst gespiegelt in dieser Liebe, und du siehst dein Antlitz abgebildet in mir: nichts davon mein, es ist alles dein, o Herr!

_König_

Ich öffne heute die Tür dieser dunklen Kammer -- das Spiel hier ist zu Ende! Komm, komm jetzt mit mir, komm hinaus -- _ins Licht_!

_Sudarschana_

Ehe ich gehe, laß mich dir zu Füßen mich beugen, o Herr des Dunkels, du Grausamer, Furchtbarer, Unvergleichlicher!

ENDE

Fußnote:

[A] Während des indischen Frühlingsfestes bewirft man sich gegenseitig mit rotem Puder. In diesem Stück wird der rote Puder als Symbol der Liebesleidenschaft genommen.]

Anmerkung zur Transkription: Auf Seite 19 wurde ein doppeltes 'du' entfernt ('wie erklärst du du das ohne einen König?').