Part 4
Nein, ich kann dich nicht mitnehmen; deine Gegenwart wird mich beständig an meine Schmach erinnern; ich werde das nicht ertragen können.
_Surangama_
O meine Königin, ich habe wie all dein Gutes so auch all dein Böses mir zu eigen gemacht; willst du mich noch als Fremde behandeln? Ich muß mit dir gehn.
IX.
Der König von Kanya Kubja, Vater von Sudarschana, und sein Minister.
_König von Kanya Kubja_
Ich hörte alles vor ihrer Ankunft.
_Minister_
Die Prinzessin wartet allein außerhalb der Stadttore am Ufer des Flusses. Soll ich Leute senden, um sie zu Hause willkommen zu heißen?
_König von Kanya Kubja_
Wie! Für sie, die treulos ihren Gatten verlassen hat -- da willst du ihre Schmach und Schande in aller Welt ausposaunen und ein Schaustück für sie in Szene setzen?
_Minister_
Soll ich dann Anordnungen treffen, um ihr eine Wohnung im Palaste herzurichten?
_König von Kanya Kubja_
Du wirst nichts der Art tun. Sie hat ihren Platz als Königin aus eigenem Entschluß verlassen -- hier wird sie als Magd arbeiten müssen, wenn sie in meinem Hause zu bleiben wünscht.
_Minister_
Es wird schwer und bitter für sie sein, Euer Hoheit.
_König von Kanya Kubja_
Wenn ich versuche, sie vor Leiden zu bewahren, dann bin ich nicht wert, ihr Vater zu sein.
_Minister_
Ich werde alles ordnen, wie Ihr wünscht, Euer Hoheit.
_König von Kanya Kubja_
Es soll verborgen bleiben, daß sie meine Tochter ist, sonst geraten wir alle in ein entsetzliches Unheil.
_Minister_
Warum fürchtet Ihr Unheil davon, Euer Hoheit?
_König von Kanya Kubja_
Wenn das Weib vom rechten Weg abweicht, dann erscheint sie mit dem furchtbaren Unheil beladen. Du weißt nicht, welche tödliche Furcht diese meine Tochter mir eingeflößt hat -- sie ist heimgekommen, beladen mit Schrecknis und Gefahr.
X.
Innere Gemächer des Palastes.
Sudarschana und Surangama.
_Sudarschana_
Geh fort von mir, Surangama! Ein tödlicher Zorn rast in mir -- ich kann niemanden ertragen -- es macht mich wild, dich so geduldig und unterwürfig zu sehn.
_Surangama_
Auf wen bist du zornig?
_Sudarschana_
Ich weiß nicht; aber ich möchte alles vernichtet und unter Trümmern und Elend begraben sehn! In einem Augenblick verließ ich meinen Platz als Königin auf dem Thron. Gab ich alles hin, um mich in dieser düsteren Höhle als Sklavin abzuplagen? Warum flammen für mich nicht die Fackeln der Trauer über die ganze Welt? Warum zittert und bebt nicht die Erde? Ist mein Sturz nicht mehr als das unbemerkte Fallen der armseligen Bohnenblüte? Ist er nicht eher wie der Fall eines glühenden Sternes, dessen flammende Lohe den Himmel in Stücke reißt?
_Surangama_
Ein mächtiger Wald raucht und glimmt innen, ehe er in Flammen ausbricht: die Zeit ist noch nicht gekommen.
_Sudarschana_
Ich habe Ehre und Ruhm einer Königin in Staub und Winde gestreut -- aber gibt es keinen Menschen, der kommen will, um meine trostlose Seele hier zu besuchen? Allein -- oh, ich bin furchtbar, grauenvoll allein!
_Surangama_
Du bist nicht allein.
_Sudarschana_
Surangama, ich will nichts vor dir verbergen. Als er den Palast in Flammen setzte, konnte ich nicht auf ihn böse sein. Eine große innere Freude machte mein Herz erzittern. Was für ein staunenswürdiges Verbrechen! Was für eine glorreiche Kühnheit! Dieser Mut machte mich stark und befeuerte meine Lebensgeister. Diese furchtbare Freude gab mir die Kraft, in einem Nu alles hinter mir zu lassen. Aber ist das alles nur meine Einbildung? Warum ist nirgends ein Zeichen zu sehen, daß er kommt?
_Surangama_
Der, an den du denkst, hat den Palast nicht in Brand gesteckt -- der König von Kantschi tat es.
_Sudarschana_
Der Feigling! Aber ist es möglich? So schön, so bezaubernd, und doch keine Mannheit in ihm! Hab ich mich selbst betrogen um so eines wertlosen Geschöpfes willen? O Schmach! Pfui über mich!... Aber Surangama, meinst du nicht, dein König hätte doch kommen müssen, um mich zurückzuholen!
(Surangama verharrt in Schweigen.)
Du meinst, ich brenne darauf, zurückzukehren? Niemals. Selbst wenn der König in Wirklichkeit käme, ginge ich nicht zurück. Nicht ein einziges Mal verbot er mir fortzugehn, und ich fand alle Tore weit geöffnet, um mich hinauszulassen! Und die steinige, staubige Straße, auf der ich wanderte -- es war ihr nichts, daß eine Königin auf ihr schritt. Sie ist hart und gefühllos, wie dein König; der niedrigste Bettler gilt ihr ebensoviel wie die höchste Königin. Du schweigst! Nun, ich sage dir, deines Königs Benehmen ist -- niedrig, roh, schmählich!
_Surangama_
Jeder weiß, daß mein König hart und unbarmherzig ist -- niemand ist je imstande gewesen, ihn zu rühren.
_Sudarschana_
Warum rufst du dann zu ihm bei Tag und bei Nacht?
_Surangama_
Möge er immer hart und unnachgiebig bleiben wie Stein -- mögen meine Tränen und Bitten ihn nie bewegen! Mögen die Leiden nur immer _mein_ Teil sein und möge Ruhm und Sieg _ihm_ immerdar bleiben!
_Sudarschana_
Surangama, sieh! Eine Staubwolke scheint dort drüben über den Feldern am östlichen Horizont aufzusteigen.
_Surangama_
Ja, ich sehe es.
_Sudarschana_
Ist das nicht wie das Banner eines Streitwagens?
_Surangama_
In der Tat, es ist ein Banner.
_Sudarschana_
Dann kommt er. Er ist endlich gekommen.
_Surangama_
Wer kommt?
_Sudarschana_
Unser König -- wer sonst! Wie könnte er ohne mich leben! Es ist ein Wunder, wie er nur diese Tage her aushalten konnte.
_Surangama_
Nein, nein, das kann nicht der König sein.
_Sudarschana_
»Nein«, in der Tat! Als ob du alles wüßtest! Dein König ist hart, kalt, unbarmherzig, nicht wahr? Wir wollen sehen, wie hart er sein kann. Ich wußte von Anfang an, daß er kommen würde -- daß er hinter mir herlaufen müßte. Aber erinnere dich, Surangama, ich habe ihn nicht ein einziges Mal gebeten, daß er käme. Du wirst sehen, wie ich deinen König dazu bringe, mir seine Niederlage zu bekennen! Geh nur hinaus, Surangama, und laß mich alles wissen.
Surangama geht hinaus.
Aber werde ich gehen, wenn er kommt und mich bittet, mit ihm zurückzukehren? Gewiß nicht! Ich will nicht gehen! Niemals!
Surangama kommt zurück.
_Surangama_
Es ist nicht der König, meine Königin.
_Sudarschana_
Nicht der König? Bist du ganz sicher? Wie! er ist noch nicht gekommen?
_Surangama_
Nein, mein König wirbelt nie soviel Staub auf, wenn er kommt. Niemand kann wissen, wann er überhaupt kommt.
_Sudarschana_
Dann ist es --
_Surangama_
Eben der: er kommt mit dem König von Kantschi.
_Sudarschana_
Weißt du, wie er heißt?
_Surangama_
Er heißt Suvarna.
_Sudarschana_
Er ist es also. Ich dachte: »Ich liege hier gleich weggeworfenen Schlacken und Kehricht, die keiner auch nur anrühren mag.« Aber mein Held kommt nun, mich zu befreien. Hast du Suvarna früher gekannt?
_Surangama_
Als ich bei meinem Vater zu Hause war, in der Spielhölle --
_Sudarschana_
Nein, nein, du sollst mir nichts von ihm sagen, ich will nichts hören. Er ist mein Held, meine einzige Rettung. Ich werde ihn kennenlernen, ohne daß du mir Geschichten von ihm erzählst. Aber sieh nur, ein netter Mann ist dein König! Er ließ sich nicht einfallen, zu kommen, um mich selbst aus dieser Entwürdigung zu retten. Danach kannst du mich nicht tadeln. Sollte ich mein Leben lang hier auf ihn warten und mich schimpflich wie eine Leibeigene abplagen? Nie werde ich Demut und Unterwürfigkeit üben wie du.
XI.
Lager.
_Kantschi_
Zu Kanya Kubja's Boten.
Sage deinem König, daß er uns nicht gerade als seine Gäste zu empfangen braucht. Wir sind auf dem Weg zurück zu unsern Königreichen, aber wir verweilen, um die Königin Sudarschana aus der Knechtschaft und Entwürdigung zu befreien, zu der sie hier verdammt ist.
_Bote_
Euer Hoheit, Ihr werdet Euch erinnern, daß die Prinzessin in ihres Vaters Hause ist.
_Kantschi_
Eine Tochter kann nur solange im Heim ihres Vaters bleiben, als sie unvermählt ist.
_Bote_
Aber ihre Beziehungen zur Familie ihres Vaters bleiben unverändert bestehen.
_Kantschi_
Sie hat jetzt all solchen Verwandtschaftsbanden entsagt.
_Bote_
Solcher Verwandtschaft, Euer Hoheit, kann diesseits des Grabes niemals entsagt werden: sie mag zu Zeiten außer Kraft treten, kann jedoch nie ganz abgebrochen werden.
_Kantschi_
Entschließt sich der König nicht, mir seine Tochter auf friedlichem Wege herauszugeben, so wird mich das Gebot der Ritterpflicht nötigen, Gewalt anzuwenden. Du kannst das für mein letztes Wort nehmen.
_Bote_
Euer Hoheit wollen nicht vergessen, daß auch unser König an die Ritterpflicht gebunden ist. Ihr erwartet umsonst, daß er seine Tochter nur auf eure Drohungen hin ausliefern wird.
_Kantschi_
Sag deinem König, daß ich auf solch eine Antwort gefaßt war, als ich herkam.
Der Bote geht ab.
_Suvarna_
König von Kantschi, es scheint mir, daß wir zu viel wagen.
_Kantschi_
Was für ein Vergnügen böte dieses Abenteuer, wenn es anders wäre?
_Suvarna_
Es braucht nicht viel Mut, Kanya Kubja zum Kampf herauszufordern -- aber...
_Kantschi_
Wenn du erst anfängst, dich vor »Aber« zu fürchten, wirst du in dieser Welt kaum einen Platz finden, der sicher genug für dich ist.
Ein Soldat tritt auf.
_Soldat_
Euer Hoheit! ich habe soeben die Kunde erhalten, daß die Könige von Koschala, Avanti und Kalinga mit ihren Heerscharen des Wegs kommen. (Ab.)
_Kantschi_
Gerade, was ich fürchtete! Die Nachricht von Sudarschanas Flucht hat sich überall verbreitet; jetzt wird man sich von allen Seiten um sie reißen und schließlich wird alles in Rauch aufgehn.
_Suvarna_
Es führt nun zu nichts, Euer Hoheit. Das sind keine guten Nachrichten. Ich bin völlig gewiß, daß unser König selbst insgeheim die Kunde allenthalben verbreitet hat.
_Kantschi_
Nun, was soll ihm das nützen?
_Suvarna_
Die Gierigen werden einander in der allgemeinen Eifersucht in Stücke reißen -- und er wird sich die Lage zunutze machen, die Beute heimzuführen.
_Kantschi_
Nun wird es klar, warum euer König sich nie sehen läßt. Sein Kniff ist, sich auf allen Seiten zu vervielfachen -- die Furcht sieht ihn allenthalben. Aber ich will dabei bleiben, daß euer König von Kopf zu Fuß nichts als eitel Schwindel ist.
_Suvarna_
Aber bitte, Euer Hoheit, wollt Ihr die Güte haben, mich zu entlassen?
_Kantschi_
Ich kann dich nicht gehen lassen -- ich habe noch eine Verwendung für dich in dieser Sache.
Ein Soldat tritt auf.
_Soldat_
Euer Hoheit, Virat, Pantschal und Vidarbha sind auch gekommen. Sie haben auf der andern Seite des Flusses ihr Lager aufgeschlagen. (Ab.)
_Kantschi_
Im Anfang müssen wir alle vereinigt kämpfen. Ist erst die Schlacht mit Kanya Kubja vorbei, so werden wir schon einen Weg aus der Schwierigkeit finden.
_Suvarna_
Bitte, zieht mich nicht mit Gewalt in Eure Pläne -- ich werde glücklich sein, wenn Ihr mich mir selbst überlaßt -- ich bin ein armes, niedriges Geschöpf -- nichts kann --
_Kantschi_
Sieh einmal an, König der Heuchler, Mittel und Wege sind nie von so hohem Range -- Straßen und Stufen und so weiter sind stets dazu da, mit den Füßen getreten zu werden. Der Vorteil, wenn wir Männer deiner Art in unsern Plänen verwenden, ist, daß wir keine Maske oder Täuschung nötig haben. Wenn ich mich aber mit meinem Minister zu beraten hätte, wäre es unsinnig, wollte ich dem Diebstahl einen weniger würdigen Namen geben als Gemeinwohl. Ich will jetzt gehn und die Fürsten in Bewegung setzen wie Bauern auf dem Schachbrett; das Spiel ist nicht möglich, wenn _all_ die Schachfiguren sich wie Könige bewegen wollen!
XII.
Inneres des Palastes.
_Sudarschana_
Geht die Schlacht noch fort?
_Surangama_
So heftig wie je.
_Sudarschana_
Ehe er zur Schlacht aufbrach, kam mein Vater zu mir und sagte: »Du bist von einem König fortgelaufen, aber du hast sieben Könige dir nachgezogen; ich habe Lust, dich in sieben Stücke zu schneiden und sie unter die Fürsten zu verteilen.« Es wäre gut gewesen, wenn er es getan hätte. -- Surangama!
_Surangama_
Ja?
_Sudarschana_
Wenn dein König die Macht hätte, mich zu retten, könnte mein jetziger Zustand ihn ungerührt gelassen haben?
_Surangama_
Meine Königin, warum fragst du mich? Habe ich die Macht, für meinen König zu antworten? Ich weiß, mein Verstand ist nicht hell; darum wage ich nie über ihn zu urteilen.
_Sudarschana_
Wer ist alles an diesem Kampf beteiligt?
_Surangama_
Alle sieben Fürsten.
_Sudarschana_
Sonst keiner?
_Surangama_
Suvarna machte den Versuch zu entfliehen -- insgeheim, ehe der Kampf anfing --, aber Kantschi hat ihn als Gefangenen in seinem Lager verwahrt.
_Sudarschana_
Oh, ich hätte vor langer Zeit sterben sollen! Aber, o König, mein König, wenn du gekommen wärest und hättest meinem Vater geholfen, dein Ruhm wäre darum nicht geringer! Er wäre strahlender und höher geworden. Bist du ganz gewiß, Surangama, daß er nicht gekommen ist?
_Surangama_
Ich weiß nichts sicher.
_Sudarschana_
Aber seit ich hier bin, hatte ich plötzlich manchmal die Empfindung, als ob jemand unter meinem Fenster auf einer Laute spielte.
_Surangama_
Es wäre nicht undenkbar, daß jemand dort seiner Liebe zur Musik frönt.
_Sudarschana_
Es ist dort ein dichtes Gebüsch unter meinem Fenster -- ich versuche jedesmal, wenn ich die Musik höre, herauszubekommen, wer es ist, aber ich kann nichts deutlich unterscheiden.
_Surangama_
Vielleicht ruht ein Wanderer im Schatten und spielt auf dem Instrument.
_Sudarschana_
Es mag sein, aber mein altes Fenster im Palast kommt mir ins Gedächtnis zurück. Ich kam gewöhnlich hin, nachdem ich mich abends umgekleidet hatte, und stand an meinem Fenster, und aus dem blinden Dunkel des lichtlosen Ortes unsrer Begegnungen strömten dann Akkorde und Gesänge und Melodien heraus und tanzten und zitterten in endloser Folge und überfließender Verschwendung, wie die leidenschaftliche Überschwänglichkeit eines unversieglichen Springquells.
_Surangama_
O tiefes, holdes Dunkel! Geheimnisvolles Dunkel, dessen Dienerin ich war!
_Sudarschana_
Warum gingst du mit mir fort aus jenem Gemach?
_Surangama_
Weil ich wußte, er würde uns folgen und uns zurückholen.
_Sudarschana_
Aber nein, er wird nicht kommen -- er hat uns für immer verlassen. Warum sollte er nicht?
_Surangama_
Wenn er uns dergestalt verlassen kann, dann bedürfen wir seiner nicht. Dann ist er für uns nicht da: dann ist jene dunkle Kammer völlig leer und öde -- keine Laute hauchte dort je ihre Musik -- niemand rief dich oder mich in jenem Gemach; dann ist alles ein Trug gewesen und ein eitler Traum.
Der Türhüter tritt auf.
_Sudarschana_
Wer bist du?
_Türhüter_
Ich bin der Pförtner dieses Palastes.
_Sudarschana_
Sag mir rasch, was du zu sagen hast.
_Türhüter_
Unser König ist gefangen genommen worden.
_Sudarschana_
Gefangen? O Mutter Erde!
Sie wird ohnmächtig.
XIII.
König von Kantschi und Suvarna.
_Suvarna_
Ihr sagt also, daß keine Notwendigkeit irgendeines Kampfes unter euch selbst mehr besteht?
_Kantschi_
Nein, du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe alle Fürsten dazu gebracht, sich einverstanden zu erklären, daß der, den die Königin als Gemahl erwählt, sie bekommen soll, und die andern werden auf jeden weiteren Kampf verzichten.
_Suvarna_
Doch dann braucht Ihr mich nicht mehr, Euer Hoheit -- so flehe ich Euch an: entlaßt mich jetzt. Untauglich wie ich zu allem bin, hat die Furcht vor drohender Gefahr mich entnervt und meinen Verstand betäubt. Es wird Euch daher schwer fallen, mich irgendwie zu verwenden.
_Kantschi_
Du wirst dasitzen und mir als Schirmträger dienen.
_Suvarna_
Euer Diener ist zu allem bereit; aber was für einen Nutzen wird Euch das bringen?
_Kantschi_
Mann, ich sehe, daß dein Verstand zu schwach ist, um mit einem hohen Ehrgeiz zusammenzugehen. Du hast noch nicht bemerkt, mit welcher Gunst die Königin auf dich gesehen hat. Schließlich kann sie in einer Gesellschaft von Fürsten einem Schirmträger nicht gut den Brautkranz um den Nacken legen, und doch, ich weiß, sie wird nicht imstande sein, ihren Sinn von dir abzuwenden. So wird auf jeden Fall dieser Kranz unter den Schatten meines königlichen Schirmes fallen.
_Suvarna_
Euer Hoheit, Ihr hegt, was mich angeht, gefährliche Phantasien. Ich bitte Euch inständig, verwickelt mich nicht in die Netze so grundloser Vorstellungen. Ich bitte Euer Hoheit ganz demütig, setzt mich in Freiheit.
_Kantschi_
Sowie mein Ziel erreicht ist, werde ich dir nicht einen Augenblick mehr deine Freiheit vorenthalten. Ist erst der Zweck erreicht, so ist es unnütz, sich mit den Mitteln zu beschweren.
XIV.
Sudarschana und Surangama am Fenster.
_Sudarschana_
Muß ich also in die Versammlung der Fürsten gehn? Gibt es kein anderes Mittel, meines Vaters Leben zu retten?
_Surangama_
Der König von Kantschi hat es gesagt.
_Sudarschana_
Sind das Worte, die eines Königs würdig sind? Sagte er das mit seinem eigenen Munde?
_Surangama_
Nein, sein Bote, Suvarna, brachte die Nachricht.
_Sudarschana_
Weh, weh über mich!
_Surangama_
Und er zog ein paar verwelkte Blumen hervor und sagte: »Sag deiner Königin, daß diese Andenken an das Frühlingsfest, je trockener und verwelkter sie werden, um so frischer und blühender in meinem Herzen wachsen.«
_Sudarschana_
Halt ein! Sag mir nichts mehr. Foltre mich nicht länger.
_Surangama_
Sieh! Da sitzen die Fürsten alle in der großen Versammlung. Der keinen Schmuck an sich hat, außer dem einzigen Blumenkranz um seine Krone -- das ist der König von Kantschi. Und der den Schirm über sein Haupt hält und hinter ihm steht -- das ist Suvarna.
_Sudarschana_
Ist das Suvarna? Bist du ganz sicher?
_Surangama_
Ja, ich kenne ihn gut.
_Sudarschana_
Ist es möglich, daß das der Mann ist, den ich damals sah? Nein, nein -- ich sah etwas, das war gemischt aus Licht und Dunkel, aus Windhauch und Duft -- nein, nein, er kann es nicht sein; das ist er nicht.
_Surangama_
Aber alle geben zu, daß er ausnehmend schön ist.
_Sudarschana_
Wie konnte _diese_ Schönheit mich bezaubern? Oh, was soll ich tun, um meine Augen von der Befleckung zu reinigen?
_Surangama_
Du wirst sie in jenem unergründlichen Dunkel baden müssen.
_Sudarschana_
Aber sage mir, Surangama, warum begeht man solche Fehler?
_Surangama_
Fehler sind nur die Vorspiele zu ihrer eigenen Vernichtung.
_Bote_ (eintretend)
Prinzessin, die Könige warten in der Halle auf Euch.
Ab.
_Sudarschana_
Surangama, bring mir den Schleier. (Surangama geht hinaus.) O König, mein einziger König! Du hast mich allein gelassen, und du hast ganz recht daran getan. Aber willst du nicht die innerste Wahrheit meiner Seele erfahren?
Sie holt einen Dolch aus ihrem Busen hervor.
Dieser mein Leib hat einen Flecken bekommen -- ich werde ihn heute im Staub der Halle, vor all diesen Fürsten, zum Opfer bringen! Aber werde ich dir nie sagen können, daß die geheime Kammer meines Herzens durch keine Treulosigkeit befleckt ist? Die dunkle Kammer, wo du mich zu besuchen pflegtest, liegt heute kalt und leer in meinem Busen -- doch, o mein Herr! keiner hat ihre Tore geöffnet, keiner ist in sie eingegangen als du, o König! Wirst du nie mehr kommen, um diese Tore zu öffnen? Dann laß den Tod kommen, denn er ist dunkel wie du, und seine Züge sind schön wie deine. Er ist du -- du bist es selbst, o König!
XV.
Die Versammlung der Fürsten.
_Vidarbha_
König von Kantschi, wie kommt es, daß du nicht ein einziges Schmuckstück an dir hast?
_Kantschi_
Weil ich gar keine Hoffnungen hege, mein Freund. Schmuckstücke würden die Schmach meiner Niederlage nur verdoppeln.
_Kalinga_
Aber dein Schirmträger scheint sich dafür ausstaffiert zu haben -- er ist über und über mit Gold und Edelsteinen beladen.
_Virat_
Der König von Kantschi will die Nutzlosigkeit und Minderwertigkeit äußerer Schönheit und Pracht dartun. Die Eitelkeit auf seine Mannestugenden hat ihn vermocht, alle äußeren Verschönerungen von seinen Gliedern zu entfernen.
_Koschala_
Ich verstehe seine List schon; er sucht seine eigene Würde zu zeigen, indem er unter den mit Edelsteinen übersäten Fürsten eine strenge Einfachheit betont.
_Pantschala_
Ich kann seine Klugheit in dieser Sache nicht rühmen. Alle Welt weiß, daß die Augen eines Weibes wie eine Motte sind, sie stürzen Hals über Kopf auf das Gefunkel und Geglitzer von Gold und Steinen.
_Kalinga_
Aber wie lange sollen wir noch warten?
_Kantschi_
Werde nicht ungeduldig, König von Kalinga -- je später die Ernte, desto süßer die Frucht.
_Kalinga_
Wäre ich der Frucht sicher, so könnte ich es aushalten. Weil jedoch meine Hoffnung, die Frucht zu schmecken, äußerst zweifelhaft ist, will sich meine Begier, ihren Anblick zu genießen, nicht zügeln lassen.
_Kantschi_
Aber du bist noch jung -- aufgegebene Hoffnung kommt in deinen Jahren wieder und wieder zu dir zurück wie ein schamloses Weib: wir indessen haben diese Stufe lange hinter uns.
_Koschala_
Kantschi, spürtest du nicht jetzt eben etwas, als ob jemand an deinem Sessel rüttelte? Ist es ein Erdbeben?
_Kantschi_
Erdbeben? Ich weiß nichts davon.
_Vidarbha_
Oder vielleicht zieht noch ein Fürst mit seinen Bewaffneten daher.
_Kalinga_
Es spricht nichts gegen deine Vermutung, nur hätten wir dann vorher die Nachricht erst von einem Herold oder Boten vernehmen müssen.
_Vidarbha_
Ich kann dies nicht für ein Zeichen guter Vorbedeutung nehmen.
_Kantschi_
Dem Auge der Furcht sieht alles wie schlechte Vorbedeutung aus.
_Vidarbha_
Ich fürchte keinen außer dem Schicksal, vor dem Tapferkeit oder Heldenmut so unnütz wie sinnlos ist.
_Pantschala_
Vidarbha, wirf mit deinen unangenehmen Voraussagungen nicht einen Schatten auf die glücklichen Geschehnisse dieses Tages!
_Kantschi_
Ich ziehe nie das Unsichtbare in Rechnung, bis es sichtbar geworden ist.
_Vidarbha_
Aber dann könnte es zu spät sein, etwas zu tun.
_Pantschala_
Sind wir nicht alle in einem besonders verheißungsvollen Augenblick ans Werk gegangen!?
_Vidarbha_
Glaubst du dadurch, daß du in verheißungsvollen Augenblicken ans Werk gehst, gegen jede mögliche Gefahr versichert zu sein? Es sieht aus, als ob --
_Kantschi_
Du würdest besser das »Als ob« zu Hause lassen: es ist zwar unsre eigene Schöpfung, erweist sich aber oft als unser Verderben und Untergang.
_Kalinga_
Ist da nicht Musik irgendwo draußen?
_Pantschala_
Ja, es klingt wirklich wie Musik.
_Kantschi_
Dann muß es endlich die Königin Sudarschana sein, die naht. (Beiseite zu Suvarna.) Suvarna, du mußt dich nicht so hinter mir ducken und dich verstecken. Gib acht, der Schirm in deiner Hand zittert ja!
Großvater tritt ein, in kriegerischer Rüstung.
_Kalinga_
Wer ist das? -- Wer bist du?
_Pantschala_
Wer ist es, der wagt, uneingeladen in diese Halle zu treten?
_Virat_
Unerhörte Frechheit! Kalinga, hindre doch den Kerl, näher heranzukommen.
_Kalinga_
Ihr seid alle älter als ich -- ihr seid berufener das zu tun, als ich.
_Vidarbha_
Wir wollen hören, was er zu sagen hat.
_Großvater_
Der _König_ ist gekommen.
_Vidarbha_ (aufspringend)
Der König?
_Pantschala_
Welcher König?
_Kalinga_
Woher kommt er?
_Großvater_
Mein König!
_Virat_
Dein König?
_Kalinga_
Wer ist das?
_Koschala_
Was meinst du?
_Großvater_
Ihr wißt alle, wen ich meine. Er ist gekommen.
_Vidarbha_
Er ist gekommen?
_Koschala_
In welcher Absicht?
_Großvater_
Er ladet euch alle vor sich.
_Kantschi_
Ladet uns vor, wahrhaftig? Und in welcher Form hat es ihm beliebt, uns vorzuladen?
_Großvater_
Ihr könnt seinen Ruf auf jede Art nehmen, ganz nach Belieben -- niemand wird euch hindern -- er ist auf jede Art der Begrüßung gerüstet, um jedem Geschmack zu genügen.
_Virat_
Aber wer bist du?
_Großvater_
Ich bin einer seiner Generale.
_Kantschi_
General! Eine Lüge ist es! Denkst du, uns zu schrecken? Bildest du dir ein, ich könnte nicht durch deine Verkleidung hindurchsehen? Wir kennen dich alle gut -- und du spielst dich vor uns als »General« auf!
_Großvater_
Du hast mich ganz richtig erkannt. Wer ist so unwürdig wie ich, Träger der Befehle meines Königs zu sein? Und doch ist er es, der mich mit dieser Generalsrüstung bekleidet und hierher gesandt hat; er hat mich vor größeren Generalen und mächtigeren Kriegern erwählt.
_Kantschi_